Das Distributionskarussell drehte sich in letzter Zeit besonders verrückt und macht allen, die sich nicht aus ideologischen Gründen auf eine Distribution festgelegt haben, die Entscheidung schwer: Lohnt es sich, etwas Neues auszuprobieren oder bleibt man besser bei den gewohnten Leisten?
Red Hat verkauft keine Boxen an Privatkunden mehr, SuSE schlüpft unter das Dach von Novell, und bei Mandrake weiß auch nie so richtig jemand, wann eine einmal angekündigte neue Version tatsächlich als kauffertiges Produkt erscheint. Die Profis schwören auf Debian, Einsteigern drücken wohlmeinende Freunde und Bekannte eine Knoppix-CD in die Hand – es bewegt sich vieles in der Distributionswelt, und wo auf der einen Seite aufgrund verschwindender Alternativen die Qual der Wahl leichter wird, sagen auf der anderen neue Kandidaten den Platzhirschen den Kampf an.
Mit dem Distributionstest auf den folgenden Seiten versuchen wir, Hilfen zu geben bei der Entscheidung für oder gegen eine Linux-Distribution für den Desktop. Konkrete Empfehlungen sprechen wir bewusst nicht aus, denn welche Distribution jemand vorzieht, hat nicht nur mit der Qualität des Produkts zu tun, sondern auch mit persönlichen Vorlieben und Gewohnheiten, dem Einsatzzweck, der individuellen Herangehensweise, dem Zeit- und Geld-Budget.
Selbst gebrannt oder selbst gekauft?
Angesichts der Tatsache, dass das Herunterladen selbstzubrennender CD-Images aus dem Internet für viele immer stärker eine Alternative zum traditionellen Kauf einer Distribution in der Schachtel wird, haben wir das Testfeld diesmal in zwei Gruppen geteilt: Klassische Box-Produkte einerseits (Seite 26 ff.) und die “Silberscheibenfraktion” (Seite 35 ff.), zu der wir Distributionen zählen, die es entweder nur per Download oder aber auch in Form fertig gepresster Datenträger zu kaufen gibt.
In der ersten Kategorie treten SuSE, Mandrake, Red Hat und Xandros an: Xandros 1.0 beeindruckte im Frühjahr 2003 durch geradezu schmerzfreie Benutzbarkeit auch durch Linux-Novizen – jetzt erhielten wir den kurz vor Druckunterlagenschluss erschienenen Nachfolger 2.0 zum Vorabtest. Bei Mandrake 9.2 wollten wir wissen, was den Unterschied zwischen der ProSuite und dem PowerPack ausmacht; die arg abgespeckte Discovery-Ausgabe vernachlässigen wir ebenso wie SuSEs Personal Edition, denn LinuxUser-Leser/innen wollen unserer Erfahrung nach den einen oder anderen Sourcecode selbst kompilieren und auch mal einen Server im kleineren Stil aufsetzen. Bei SuSE heißt der passende Kandidat demnach SuSE Linux 9.0 Professional. Auch Red Hat spielt trotz anderslautender Ankündigungen noch mit – mit der Red Hat Professional Workstation, die es allerdings nur im Versandhandel und im Laden gibt, nicht bei Red Hat selbst.
Verzichtet haben wir auf Kandidaten wie Lycoris [1,2] und Lindows 4.0 [3], deren aktuell vertriebene Version entweder zu alt ist oder von der wir derzeit grundsätzlich abraten [3].
Zu alt ist auch Debians aktuelle Ausgabe Woody. Dass sie dennoch in der zweiten Kategorie “Distributionen auf Datenträgern und zum Selberbrennen” mit auftaucht, liegt daran, dass externe Dienstleister für inoffiziell herausgegebene, aufgefrischte Ausgaben sorgen. Antreten muss Debian GNU/Linux 3.0 Release 1a von Lehmanns Fachbuchhandlung gegen die erste Ausgabe von Fedora Core, dem von Red Hat initiierten Community-Projekt, und SOT Linux 2003, das es anders als seinen Vorgänger [4] nicht mehr als Boxprodukt gibt. Da Knoppix in der Diskussion immer öfter als Desktop-Alternative gehandelt wird, darf auch sie sich in dieser Kategorie messen – auch wenn sie in erster Linie als Live-CD gedacht ist und die Installation auf Festplatte offiziell nur eine Zugabe für Fans ist.
Stichproben oder Rundumschlag?
So sehr wir uns auch bemühen, quantifizierbare Ergebnisse in Form der Tabellen auf Seiten 30/31 und 38 zu liefern – es wäre eine Illusion zu glauben, wir hätten alles getestet. Das schaffen offensichtlich nicht einmal die Qualitätssicherungs- und Testteams der Hersteller, wie die vielen (aus Platzgründen nur beispielhaft genannten) Bugs und Usability-Probleme auch bei den besseren Kandidaten beweisen. Dennoch haben sich nicht nur mehrere Personen eine jede Distribution auf mehreren Rechnern angesehen, sondern – anders als zum Beispiel beim letzten großen Distributionstest in Heft 08/2002 – durfte sich jeder Kandidat noch einmal an ausgewählter Hardware probieren, die jede für sich ein exemplarisches Problemfeld umreißt: * Auf einem Fujitsu-Siemens-Lifebook S6010 testeten wir, ob die Distribution ein gängiges Notebook schlafen legt (und wieder aufwachen lässt) und ob der Soundchip (Intel 82801CA/CAM AC’97) auf dem Board funktioniert. * An einem HP Officejet 7140xi sollten die Kandidaten stellvertretend zeigen, wie sie es mit modernen Multifunktionsgeräten für’s farbige und schwarz-weiße Drucken, Scannen, Faxen und Kopieren halten. * Mit der Canon Powershot A60 überprüften wir, ob sich eine verbreitete USB-Digitalkamera (von der mittlerweile Nachfolgemodelle existieren) ansprechen lässt. * Zudem wollten wir wissen, ob die Distributionen den Zugriff auf USB-Sticks ohne händisches Nachladen des usb-storage-Kernel-Moduls und Mounten ermöglichen.
Ob Notebook, Kamera oder Drucker – bei allen Geräten achteten wir darauf, dass sie zwar modern, aber schon eine Weile auf dem Markt sind, so dass ihre Unterstützung realistisch erscheint.
Bewusst verzichtet haben wir auf die Frage, ob der Distributor NVidia-Grafikkartentreiber mitliefert, denn dass dies nicht der Fall ist, liegt nicht an den Distributoren: NVidias Software-Lizenz [5] verbietet deren Verbreitung explizit in jeglicher veränderter Form, lediglich das Entpacken komprimierter Originale ist erlaubt. Somit dürfen die Distributoren nicht einmal beim besten Willen NVidia-Pakete mitliefern, denn das Erstellen eines RPM- oder Debian-Pakets wäre bereits eine unerlaubte Modifikation.
Geld oder Zeit?
Ansonsten galt grundsätzlich: Wir wollten nicht wissen, was sich eventuell doch noch irgendwie zum Laufen bringen lässt, wenn man nur lange genug Web-Seiten wälzt, Pakete herunterlädt, kompiliert und an Konfigurationen herumschraubt: Gerade bei den kommerziellen Distributionen sollte der Kunde oder die Kundin erwarten können, dass sie nicht allzu exotischen Anforderungen von sich aus entsprechen. Kostenlosen und Open-Source-Angeboten an dieser Stelle einen Bonus nach dem Motto “Ich bezahle zwar nichts, investiere aber statt Geld Zeit” zu geben, ist sicherlich gerechtfertigt, doch hielten wir es für falsch, Fehler und Funktionslücken aus diesem Grund zu verschleiern.
Dass die optimale Lösung wohl in der Mischung liegt, beweist Xandros: Die Distribution baut auf Debians in Entwicklung befindlicher Version Sarge auf und nutzt damit das Qualitätsmanagement des freien Projekts. Das wiederum gibt der Firma die Freiheit, sich nicht so sehr aufs Paketebauen, sondern auf Integration und Usability zu konzentrieren. Ein Ansatz, dessen Potential wohl auch Red Hat bewogen hat, Fedora “in die Freiheit zu entlassen”.
Glossar
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Usability
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Auf Deutsch “Benutzbarkeit”; dem Fachbegriff liegt die Fragestellung zu Grunde, wie gut oder schlecht sich Geräte oder Programme an den Bedürfnissen der Anwender/innen orientieren.
Infos
[1] Rüdiger Berlich: “Fenster-Dekoration”, Linux-Magazin 05/2003, S. 28 ff.
[2] Andreas Grytz: “Schöne neue Welt”, LinuxUser 08/2002, S. 30, http://www.linux-user.de/ausgabe/2002/08/030-lycoris/lycoris.html
[3] Max Werner: “Linux ganz einfach?”, LinuxUser 09/2003, S. 44 f.
[4] Andreas Grytz: “Finnisch by nature”, LinuxUser 08/2002, S. 31
[5] NVidia-Software-Lizenz: http://www.nvidia.com/object/nv_swlicense.html







