Texte für Nicht-Lateiner
The Answer Girl: Kyrillische u. a. Texte mit GUI-Programmen erstellen
Office-tauglich
Insofern wird, wer ohnehin darauf abzielt, seine Texte zu Papier zu bringen (statt sie zum Beispiel wie in [1] per Mail zu verschicken), sein Heil schnell bei Star- oder OpenOffice versuchen. Da es immerhin eine russische OpenOffice-Ausgabe gibt, erwartet man, hier nicht auf allzu große Schwierigkeiten zu stoßen.
Tatsächlich hat man es bei StarOffice 6.0 mit dem Russischen ganz leicht: Mit Thorndale bringt es von Haus aus eine Schrift mit, die des Kyrillischen mächtig ist (Abbildung 6). Die restlichen Schriften haben allerdings einen beschränkteren Umfang, so dass für avancierte Schriftstücke etwas Nacharbeit in Form von Schriftinstallation nötig ist.
OpenOffice 1.1.0 enttäuscht dagegen erst einmal: Keine der Standardschriften blickt über den deutschen Tellerrand hinaus, und von den in [5] installierten PostScript-Schriften schreibt das Programm nur die lateinischen Lettern.
Am besten kommt daher, wer sich die Microsoft-Truetype-Schriften in ihren .exe-Dateien von [6] herunterlädt und mit dem ebenfalls dort erhältlichen Installer msttcorefonts einspielt (vgl. Kasten 2; eine Anleitung für's Recyclen der Fonts aus einer Windows-Installation bietet [7]). Debianer/innen haben es hier besonders einfach, da sie nach dem "apt-get install msttcorefonts"-Aufruf nach dem Verzeichnis mit den heruntergeladenen .exe-Dateien gefragt werden und die Fonts sofort entpackt in /usr/share/fonts/truetype landen. Diesen Pfad dürfen sie noch in der XF86Config-4 oder der Fontserver-Konfigurationsdatei bekannt machen, aber darauf weist die Installationsroutine hin.
Kasten 2: Truetype-Fonts installieren
Für msttcorefonts gibt es unter [6] lediglich ein RPM-Quellpaket. Mit Hilfe des enthaltenen Python-Skripts sammelt das darin versteckte .spec-File die Fonts aus dem Internet zusammen und baut daraus ein mit rpm -ivh installierbares Binärpaket. Red-Hat-Usern sollte ein
rpm --rebuild msttcorefonts-1.2-3.src.rpm
zum Erstellen des RPM-Pakets reichen, vorausgesetzt, sie haben cabextract-0.6-1.i386.rpm von [6] installiert, das auch SuSE-Nutzer/innen verwenden können.
Bei SuSE liegt das vom Spec-File aufgerufene Programm ttmkfdir nicht im Verzeichnis /usr/bin, sondern in /usr/X11R6/bin/. Man installiert daher das Quellpaket mit rpm -ivh msttcorefonts-1.2-3.src.rpm, wechselt ins Verzeichnis /usr/src/packages/SPECS mit den Spec-Dateien und ändert den Pfad zu ttmkfdir in msttcorefonts.spec zu
%define ttmkfdir /usr/X11R6/bin/ttmkfdir
Da SuSE das Programm chkfontpath nicht kennt, kommentiert man zudem alle Bezüge darauf durch ein # am Zeilenanfang aus. Das betrifft die Prereq:-Zeile sowie die kompletten Abschnitte %post und %preun, also alles von %post bis ausschließlich %files. Jetzt erstellt
rpm -bb msttcorefonts.spec
das RPM-Paket msttcorefonts-1.2-3.noarch.rpmund legt es in /usr/src/packages/RPMS// ab. Es lässt sich wie gewohnt mit rpm -ivh installieren.
Anschließend liegen die Schriften in /usr/X11R6/lib/X11/fonts/msttcorefonts und können Open- und StarOffice mit spadmin (siehe Haupttext) bekannt gemacht werden. Wer will, setzt auch das X-Window-System selbst mit einer neuen FontPath/etc/X11/XF86Config von diesem Schriftenverzeichnis in Kenntnis. (Kommt an dieser Stelle ein Fontserver zum Einsatz, erweitert man dessen catalogue-Abschnitt z. B. in /etc/X11/fs/config um den Schriftenordner.) Nach einem X-Neustart zeigt das Programm xfontsel zum Beispiel auch die Familie (fmly) comic sans ms aus Abbildung 8 an.
Anschließend ruft man das Programm spadmin aus dem Star- bzw. OpenOffice-Ordner program auf, klickt auf den Button Schriften...Hinzufügen...Quellverzeichnis den passenden Ordner (bei Debian usr/share/fonts/truetype) an, wählt Alle markieren und kreuzt Beim Hinzufügen nur Softlinks anlegen an. Ein Mausklick auf OK (Abbildung 7), und beim nächsten Start kennt das Office-Programm auch Schriften, die das kyrillische Alphabet beherrschen (Abbildung 8).
Deren Auswahl ist ganz einfach: Zeigt das Office-Programm nur "Kästchen", Frage- und andere "komischen" Zeichen oder gar Leerzeichen an, wenn man russische Buchstaben tippt, lässt sich der Font nicht gebrauchen. Aber keine Angst: deswegen ist der Text nicht gleich weg. Man markiert die "beschriebenen Stellen" einfach und wählt eine andere Schrift aus – wenn die die richtigen Zeichen kennt, erscheint, oh Wunder, auch der Text wieder.
Kopieren verboten
Wer jetzt allerdings meint, den russischen Text aus dem Browser per Copy & Paste ins Office-Dokument verfrachten zu können, sieht sich getäuscht: Star- und OpenOffice sorgen sich hier nicht um die richtige Kodierung, weshalb das Ergebnis vollkommen unbrauchbar ist.
KDE-Applikationen nehmen auf diesem Weg sogar aus OpenOffice und Co. dankend kyrillische Texte an. Allerdings schlägt hier das in [5] beschriebene Ausdruckproblem zu. Wer besagte Truetype-Schriften auch dem X-Window-System bekannt gemacht hat, kann dieses Problem umgehen.
Sowohl Kate als auch KWrite haben in ihrem SchriftartenDruckerschriftart. Stellt man hier einen der installierten Truetype-Fonts ein, klappt es auch mit dem Ausdruck. Im Zweifelfall druckt man zunächst in eine Datei und schaut nach, ob der Text da ist.
Der Weg einer mit diesen Editoren geschriebenen Textdatei nach Open- oder StarOffice bleibt derzeit leider versperrt: Anders als die KDE-Programme, bei denen man im "Datei / Öffnen"-Dialog die Kodierung der Textdatei festlegt (weshalb es sich lohnt, diese im Dateinamen zu vermerken), erkennen sie die beiden Office-Programme weder automatisch noch darf man sie einstellen.
Nicht verwirren lassen sollte man sich von der Vorschau der KDE-Editoren: Auch wenn man die korrekte Kodierung wählt, zeigt die weiterhin Zeichensalat an. Auch das schnelle Öffnen von Dateien über den Menüpunkt Datei / Zuletzt geöffnete Dateien gelingt mangels automatischer Erkennung noch nicht. Doch wenn man den Entwicklungsstand mit dem noch vor einem Jahr vergleicht, wurde das Leben für Mehrsprachler/innen mittlerweile sehr viel einfacher.
Glossar
nodeadkeys
Bei dieser Tastenbelegung werden Akzente wie ` oder ' sofort ausgegeben, während eine Belegung mit "toten Tasten" an dieser Stelle darauf wartet, ob noch ein Buchstabe folgt, der akzentuiert werden soll. Im ersten Fall ergibt die Tastenkombination ['][a] die Zeichenfolge 'a, im zweiten á. Wie man akzentuierte Zeichen trotz nodeadkeys erhält, beschreibt [4].
Bitmap-Schriften
Schriftzeichen sind prinzipiell Grafiken, die man Punkt für Punkt (als Bitmap-Grafik) oder durch Ablegen einer Zeichenanweisung (als Vektor-Grafik) abspeichern kann. Für die Bildschirmanzeige unter X11 kommen oft Bitmap-Fonts zum Einsatz. Vergrößert man sie, geht das nur unter Informationsverlust, denn mehr Informationen als die begrenzte Anzahl abgespeicherter Punkte hat man nicht. Beim Ausdruck kommen daher in der Regel Vektorformate (zum Beispiel PostScript) zum Einsatz. PostScript-Schriften lassen sich ohne Informationsverlust beliebig skalieren.
.spec-File
Auch rpm vollbringt beim Installieren und Deinstallieren von Paketen keine Wunder, sondern arbeitet nur das ab, was man ihm beim Erstellen des Pakets in einer Datei mit der Endung .spec mit auf den Weg gibt (siehe auch [8]).
noarch
RPM-Pakete dieser Kategorie enthalten ausschließlich Dateien, die sich auf Rechnersystemen ("Architekturen") mit unterschiedlichen Prozessoren (x86, Alpha, PPC…) nutzen lassen. Dazu gehören reine Textdateien, Bildformate, Schriften, aber keine kompilierten Programme.
Infos
[1] Patricia Jung: "Sprechen Sie Russisch?", LinuxUser 04/2003, S. 66 ff.
[2] "Leserbriefe", LinuxUser 05/2003, S. 8 ff., http://www.linux-user.de/ausgabe/2003/05/008-leser/
[3] http://www.zikurrat.net/Russisch-X/
[4] Patricia Jung: "Die Freiheit, Akzente zu setzen", LinuxUser 10/2003, S. 78 ff., http://www.linux-user.de/ausgabe/2003/10/078-answergirl/
[5] Patricia Jung: "Nichts mit WYSIWYG", LinuxUser 08/2003, S. 76 ff.
[6] MS-Truetype-Schriften: http://unc.dl.sourceforge.net/sourceforge/corefonts/
[7] Tim Schürmann: "Es werde Schrift", LinuxUser 06/2002, S. 73, http://www.linux-user.de/ausgabe/2002/06/073-truetype/truetype.html
[8] Andrea Müller: "Private Paketzentrale", LinuxUser 07/2003, S. 74 ff., http://www.linux-user.de/ausgabe/2003/07/074-rpm/



