Die Versionsnummer deutet es an – Rosegarden 4 hat bereits eine lange Entwicklungszeit hinter sich: Rosegarden 2.1 erschien schon 1997; seitdem explodierte der Funktionsumfang geradezu.
Ein vielseitiger Notensatzeditor ist die Grundlage für die Arbeit mit Musik am Computer. Wer ein digitales Tonbandgerät gleich dazu möchte, für den bietet Rosegarden[1] die Lösung. Damit nehmen Sie MIDI-Daten auf, spielen sie ab und erstellen daraus Partituren.
Die Installation
Da Rosegarden eine anspruchsvolle Echtzeitverarbeitung enthält, stellt es recht hohe Anforderungen: Ein Prozessor mit mindestens 1 GHz und nicht weniger als 256 MB Arbeitsspeicher sollten es schon sein, sonst trüben lange Wartezeiten bis hin zur Unbenutzbarkeit die Freude an Rosegarden.
Rosegarden ist ein KDE3-Programm; Sie benötigen deshalb die KDE-Bibliotheken (kdelibs3), die zur Standardinstallation jeder großen Distribution gehören. Rosegarden für SuSE 8.2, Mandrake 9.0 und Red Hat 9 finden Sie auf der Heft-CD oder unter [2]. Debian stuft die 4er-Serie noch als unstable ein, Benutzer dieser Distribution finden ein Paket unter [3].
Zudem ist dieALSA-Soundarchitektur ([4], Seite 29) notwendig. Bei SuSE ist sie Standard, bei anderen Distributionen müssen Sie sie gegebenenfalls nachinstallieren. Um die Soundkarte als MIDI-Gerät zu benutzen, verwenden Sie das Programm FluidSynth, dessen Installation Seite 41 beschreibt.
Nach dem Entpacken des Soundfonts Unison.sf2 von der Heft-CD (LinuxUser/soundfonts/) mit dem Befehl gzip -d Unison.sf2.gz starten Sie den Synthesizer:
fluidsynth Unison.sf2
Der Befehl gain 5 an der FluidSynth-Eingabeaufforderung erhöht die Lautstärke des Geräts, die Voreinstellung ist vielen zu leise.
Beim Start öffnet Rosegarden seinen Sequenzer. Zu Analysezwecken starten Sie ihn mit rosegardensequencer auch einzeln. Listing 1 zeigt die Ausgabe unseres Testrechners.
Listing 1
rosegardensequencer
rosegardensequencer: Registering with DCOP server
rosegardensequencer: created plugin manager
MappedAudioPluginManager::discoverPlugins - discovering plugins
Rosegarden 0.9.1 - AlsaDriver - alsa-lib version 0.9.3
cannot connect to jack server
cannot connect to default JACK server
ALSA Client information:
72,0 - (Rawmidi 1 - MPU-401 (UART) 1-0, MPU-401 (UART) 1-0)
(DUPLEX) [ctype 2, ptype 2, cap 127] 129,0 - (FLUID Synth (18285), Synth
input port (18285)) (WRITE ONLY) [ctype 1, ptype 1048576, cap 66]
Creating device 0 in Play mode for connection 72:0 MPU-401 (UART) 1-0 (duplex)
Default device name for this device is MIDI external device
Creating device 1 in Record mode for connection 72:0 MPU-401 (UART) 1-0 (duplex)
Default device name for this device is MIDI hardware input device
Creating device 2 in Play mode for connection 129:0 Synth input port (18285)
(write)Default device name for this device is MIDI soft synth
Record client set to (72, 0)
AlsaDriver::initialiseMidi - initialised MIDI subsystem
rosegardensequencer: RosegardenSequencer - started OK
Unter ALSA Client information stehen die MIDI-Geräte, die der Sequenzer gefunden hat, darunter die Namen, unter denen er sie für Rosegarden bereitstellt:
- device 0 ist die Ausgabe-Schnittstelle für ein externes MIDI-Gerät.
- device 1 bezeichnet die Aufnahme-Schnittstelle für ein externes MIDI-Gerät.
- device 2 steht für die MIDI-Schnittstelle für die Wiedergabe durch den Software-Synthesizer.
Das Studio
Starten Sie Rosegarden nun über das KDE-Menü oder mit dem Befehl rosegarden. Zunächst erscheint ein “Tipp des Tages”, er enthält gerade für Einsteiger oft wertvolle Informationen. Da Rosegarden nicht immer mit einer intuitiven Oberfläche glänzt, bildet er neben dem Handbuch und dem Tutorial eine wichtige Orientierungshilfe.
Ein Rosegarden-Studio beschreibt die Geräte, die für die Ein- und Ausgabe zur Verfügung stehen. Als Beispiel für ein Eingabegerät wäre das Keyboard zu nennen, das Sie über MIDI an den PC angeschlossen haben. In der Regel erkennt Rosegarden MIDI-Schnittstellen und Software-Synthesizer selbst; falls das Programm ein Gerät nicht automatisch findet, tragen Sie es im Dialogfenster Studio / MIDI-Geräte verwalten… mit Wiedergabegerät hinzufügen manuell ein.
Für jedes Ausgabegerät teilen Sie Rosegarden vor der Benutzung die verfügbaren Sounds mit. Bei Software-Synthesizern importieren Sie dazu mit Studio / MIDI-Bänke und Programme verwalten… die verwendete Soundfont-Datei (z. B. Unison.sf2) und Rosegarden extrahiert daraus die Instrumentennamen (Abbildung 1).
Für einige externe Synthesizer gibt es im Unterverzeichnis library des Rosegarden-Verzeichnisses – bei SuSE /usr/share/apps/rosegarden/ – fertige Definitionsdateien. Existiert für Ihr Gerät noch keine Sound-Datei, müssen Sie die Instrumente leider per Hand eintragen.
Rosegarden unterteilt Musikstücke in Spuren und Segmente. Eine solche Spur ist einem Instrument zugeordnet, ähnlich wie die Zeilen einer Partitur. Jede Spur besteht aus einem oder mehreren Segmenten. Dank dieser Struktur verschieben und kopieren Sie Segmente innerhalb einer oder zwischen verschiedenen Spuren problemlos. Den Kopien ordnen Sie dann eigene Parameter z. B. zur Transposition zu.
Den Inhalt eines Segments bearbeiten Sie mit drei verschiedenen Editoren, Sie erreichen sie über das Segmente-Menü: Im Notationseditor haben Sie die Wahl zwischen verschiedenen Notenschriften: Neben den heute üblichen Notensymbolen gibt es die Mensuralnotation, die etwa bis zur Renaissance gebräuchlich war, sowie Dreiecke und Kreuze für Schlagzeugstimmen.
Der Matrixeditor zeigt einen Lochstreifen, wie man ihn früher für mechanische Instrumente verwendete. Jedem Ton ist eine Zeile zugeordnet, und Sie tragen die Töne durch Markierungen auf der Zeitskala ein. Diese Ansicht eignet sich vor allem zum Programmieren von Drumsets.
Im Eventlisteneditor sehen Sie alle Ereignisse aus technischer Sicht. Sie können hier keine Noten hinzufügen oder löschen; diese Ansicht ist nur für’s Finetuning einzelner Töne gedacht.
Geräte, Kanäle, Bänke, Programme
Je Schnittstelle akzeptiert Rosegarden leider nur ein Gerät; haben Sie beispielsweise an ein elektronisches Klavier zusätzlich ein Expander-Modul angeschlossen, umgehen Sie diese Beschränkung mit Hilfe der MIDI-Kanäle. Stellen Sie das Klavier so ein, dass es nur auf Kanal 1 reagiert, und weisen Sie den Klavier-Spuren in Rosegarden ebenfalls diesen Kanal zu. Die anderen Kanäle nutzen Sie für den Expander.
Damit das funktioniert, müssen beide Geräte dieselbe Instrumentendatenbank benutzen. Zu diesem Zweck gibt es den Standard General MIDI, an dem sich die meisten MIDI-Geräte und Soundfonts orientieren.
Die Sounds eines MIDI-Gerätes sind in Bänken zu jeweils 128 Programmen organisiert. Sie verfügen also mit einem MIDI-Gerät über mehrere hundert unterschiedliche Instrumente mit jeweils eigenen Sounds. Aber das Prinzip ist bei allen das Gleiche: Jedem Sound, den Sie nutzen wollen, weisen Sie einen MIDI-Kanal zu.
Nehmen wir als Beispiel ein Arrangement mit Saxofon, Klavier und Schlagzeug. Dazu brauchen Sie drei MIDI-Kanäle, jedem ordnen Sie in Rosegarden den benötigten Sound zu:
- Kanal 1: Tenor-Saxofon (Bank 0, Sound 67),
- Kanal 2: Klavier (Bank 0, Sound 1),
- Kanal 10: Schlagzeug (Bank 1, Sound 1) (Kanal 10 ist gewöhnlich das Drumset).
Bevor Rosegarden Ihr Arrangement abspielt, teilt es dem Synthesizer über das MIDI-Protokoll mit sogenannten Program-Change-Nachrichten mit, dass es auf MIDI-Kanal 1 den Sound 67, auf Kanal 2 den Sound 1 und auf Kanal 10 das Standard-Drumset benutzen will.
Instrumente
Wenn Sie das Feld Instrumentparameter anzeigen im Menü Einstellungen aktivieren, sehen Sie im Hauptfenster im Feld Instrumentenparameter, welche Sounds die Töne der aktiven Spur ansprechen. Der obere Teil der Maske zeigt, welches Gerät einen Sound zur Verfügung stellt (Abbildung 2).
Ein langer Linksklick auf die Bezeichnung einer Spur öffnet ein Kontextmenü, in dem Sie ein Gerät – beim Software-Synthesizer FluidSynth MIDI soft synth – und einen Kanal wählen. Nun entscheiden Sie sich im Fenster Instrumentenparameter unter Bank und Programm für den gewünschten Sound (Abbildung 2).
Möchten Sie beispielsweise alleine eine vierhändige Partitur aufnehmen, spielen Sie nach einem Klick auf den roten Aufnahme-Button zunächst die untere Stimme auf Spur 1 ein. Dann markieren Sie Spur 2 – der R-Button neben jeder Spur wählt diesen zur Aufnahme – und spielen Sie die obere Stimme ein, während gleichzeitig die auf Spur 1 aufgezeichnete untere Stimme erklingt. Rosegarden funktioniert damit wie ein elektronisches Mehrspur-Tonbandgerät.
Notenvergabe
Im nächsten Beispiel geben Sie einen zweistimmigen Chorsatz ein. Dazu erzeugen Sie mit einem Linksklick in Spur 1 ein Segment und öffnen es über Segmente / Im Notationseditor öffnen. Geben Sie über Bearbeiten / Schlüsselveränderung hinzufügen… und Bearbeiten / Tonartveränderung hinzufügen… einen Schlüssel und eine Tonart ein.
Die Noteneingabe ist bei Rosegarden gewöhnungsbedürftig: Das Programm füllt zu Beginn alle Takte mit Pausen, und Sie befinden sich grundsätzlich im Überschreiben-Modus; eine eingegebene Note verkürzt die Pause um die Länge der Note.
Leider stürzt der Notationseditor ab, wenn Sie zwischen bestehenden Pausen und Noten etwas einfügen. Zwar speichert Rosegarden in der Voreinstellung die Änderungen alle 60 Sekunden, trotzdem werden Sie diese Abstürze möglichst vermeiden wollen.
Mit gehaltener [Umschalt]-Taste und der Maus markieren Sie vorhandene Noten, um Sie mit [Strg-C] zu kopieren. Im lila Balken über der Notenzeile markieren Sie dann die Stelle, an der Sie den Zwischenspeicher einfügen möchten. [Strg-Umschalt-V] öffnet das Dialogfenster Einfügen, in dem Sie zwischen verschiedenen Einfügemodi wählen: Einfügen, Überschreiben oder Überlagern. Den gewählten Standardmodus verwenden Sie mit [Strg-V] auch ohne Dialogfenster.
Durch einen Klick auf den schwarzen Balken unter der Notenzeile positionieren Sie den Wiedergabe-Cursor. Der Wiedergabe-Button spielt dann die Komposition ab dieser Stelle ab.
Mit dem Text-Werkzeug fügen Sie an einer beliebigen Stelle Text hinzu. Ein Linksklick öffnet ein Dialogfenster, in dem Sie den Text eingeben und denStil auswählen (Abbildung 3); der Text wird beispielsweise als Gesang unter den jeweiligen Noten oder als Anmerkungen abgebildet.
Im Beispiel kopierten wir für die zweite Stimme zunächst das Segment der ersten Spur komplett in die zweite. Dann löschten wir dort die Noten und fügten stattdessen die Unterstimme ein. Da es sich um einen Chor handelt, blieb der Text gleich.
Möchten Sie Ihre Partitur im PDF-Format ausdrucken oder weitergeben, müssen Sie den Umweg über das Lilypond-Format gehen. Installieren Sie dazu das Lilypond-Paket von der Heft-CD. Dieses benötigt die guile-Bibliothek: Für Red Hat 9 finden Sie die aktuelle Ausgabe unter [6], bei anderen Distributionen reicht die Version von den mitgelieferten CDs.
Mit Datei / Export / Lilypond-Datei exportieren… speichern Sie die aktuelle Datei im Lilypond-Format.
ly2dvi -p Othmayr.ly
erzeugt daraus anschließend eine PDF-Datei (Abbildung 4).
Leider schleichen sich hier immer wieder Fehler ein: Eigentlich sollte das Ergebnis wie in Abbildung 5 aussehen, ohne die zweite Pause zu Anfang. Für LaTeX-Kundige stellen kleine Korrekturen in der .ly-Datei kein Problem dar, aber für den Alltagsgebrauch ist diese Funktion bisher leider nur bedingt tauglich.
Keine Rosen ohne Dornen
Rosegarden hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck: Die geradezu überwältigende Fülle von Funktionen, die dieser Artikel bei weitem nicht alle beschreibt, lässt kaum Wünsche offen.
Andererseits schränken die gelegentlichen Abstürze, die fehlerhafte Export-Funktion und die gewöhnungsbedürftige Benutzeroberfläche zusammen mit einer lückenhaften Dokumentationden praktischen Nutzen vieler Features deutlich ein.
Doch dank dem aktiven und freundlichen Support durch die Entwickler werden Sie trotz einiger Dornen viel Freude an Rosegarden haben. Für Interessenten bieten die Mailinglisten, die Sie über die Projekt-Homepage [1] finden, weitere Informationen.
Glossar
-
Sequenzer
-
Programm oder Gerät, das MIDI-Daten zur Steuerung von Musikgeräten verarbeitet.
-
Transposition
-
Verschiebt Noten um eine bestimmte Anzahl Halbtonschritte nach oben oder unten – innerhalb einer Tonart oder in eine andere Tonart mit anderen Vorzeichen.
-
Drumsets
-
Eine Zusammenstellung verschiedener Schlaginstrumente, bei der sich die Töne statt durch ihre Höhe durch den Klang unterscheiden.
-
General MIDI
-
Eine Erweiterung des MIDI-Standards, der jedem Instrument einen festen Programmplatz zuweist.
-
LaTeX
-
Ein Textsatzsystem, das unter anderem das Setzen von wissenschaftlichen Zeichen aus Mathematik, Chemie usw. ermöglicht.
Infos
[1] Rosegarden: http://www.all-day-breakfast.com/rosegarden/
[2] Rosegarden-Pakete: http://apps.kde.com/rf/2/info/id/1315
[3] Rosegarden für Debian: http://packages.debian.org/unstable/sound/rosegarden4.html
[4] ALSA: http://www.alsa-project.org/, http://alsa.opensrc.org/
[5] General MIDI: http://www.midi.org/about-midi/gm/gminfo.shtml
[6] ftp://ftp.redhat.com/pub/redhat/linux/rawhide/i386/RedHat/RPMS/










