Ein Präsentationsprogramm ohne grafische Oberfläche? MagicPoint braucht eine solche nur zur Anzeige, nicht aber zum Erstellen von Präsentationen. Stattdessen legen ASCII-Textdateien fest, wie die Präsentation am Ende aussieht. MagicPoint bietet verschiedene Schriften und Farben, kann Texte einrücken, variabel ausrichten und Grafiken einbinden. Es zeigt das Ergebnis am Bildschirm an oder wandelt die Präsentation in HTML-, LaTeX- oder PostScript-Dateien um.
MagicPoint benötigt zahlreiche Bibliotheken, wie z.B. libpng2, libttf2 und vor allem die freie Bibliothek FreeType [2], die bei aktuellen Distributionen oft schon installiert sind. Perl, Ghostscript und LaTeX werden für das Umwandeln in andere Formate benötigt.
Debian-Benutzer installieren das Paket mit dem Befehl apt-get install mgp. SuSE- und Red Hat Benutzer erledigen das bequem mit ihren grafischen Paket-Managern. Bei Red Hat Linux ist das Programm der Gruppe Office/Produktivität zugeordnet und findet sich auf den Installations-CD bzw. -DVD.
Im Zauberkasten
Bevor Sie Ihre erste Präsentation zaubern, legen Sie in der Konfigurationsdatei~/.mgprc (Listing 1) die Standardschrift und den Pfad zu den TrueType-Fonts (Kasten 1) fest.
Listing 1
# Einstellung des Font-Pfades: tfdir "/home/user/.mgp_fonts" # Standard-Font: tfont0 "/home/user/.mgp_fonts/arial.ttf"
Kasten 1: TrueType-Schriften für MagicPoint
Wer eine Windows-Installation besitzt, kann die dort mitgelieferten Fonts ( Dateiendung .ttf) unter Linux nutzen [3]. Sonst gibt es im Internet auch freie TrueType-Schriften zum Download [4]. Um auf dem Dateisystem versteckte TrueType-Fonts zu finden und für MagicPoint nutzbar zu machen, gehen Sie folgendermaßen vor:
mkdir .mgp_fonts cd .mgp_fonts locate *.ttf | while read file; do if [ ! -h `basename $file` ]; then ln -s $file .; fi; done
Der locate-Aufruf durchsucht Ihr Linux-Dateisystem nach Files, die auf .ttf enden. Die Ausgabe des Befehls wird durch eine Pipe (|) an eine while-Schleife übergeben, die folgendes tut: Jede ausgegebene Zeile entspricht dem vollständigen Pfadnamen zur .ttf-Datei; dieser wird in die Variable file gelesen (read). Dann überprüft -h ( siehe man bash), ob bereits ein Link dieses Namens existiert; andernfalls setzt ln -s einen symbolischer Link auf die Datei. Anschließend fügen Sie Ihr neues Font-Verzeichnis in die MagicPoint-Konfigurationsdatei ein (Listing 1).
In der Datei default.mgp (Listing 2) bestimmen Sie das allen Folien gemeinsame Aussehen. Anweisungen, die Sie sonst im Vorspann einer Präsentation definieren, lassen sich dorthin ausgelagern und können dann für die einzelnen Folien verwendet werden. Kopieren Sie die Datei in ein verstecktes Verzeichnis in Ihr Home und passen Sie sie den eigenen Wünschen an:
mkdir .mgp; cp /pfad/zur/datei /default.mgp .mgp
Definieren Sie dort zunächst einige symbolische Namen für die Schriften, die sich in Ihrem ~/.mgp_fonts befinden. Danach folgt das Layout der einzelnen Zeilen auf der Folie: Zeile 1 (%default 1) erscheint linksbündig mit sauberem Zeilenumbruch (leftfill) mit Schriftgröße 2 (size 2) in weißer Farbe (fore "white") auf schwarzem Hintergrund (back "black"). Als Schrift wird die als "fett" definierte arialbd.ttf verwendet.
Die zweite Zeile hat eine größere Schrift (size 7) und beginnt mit zwei Leerzeichen am Anfang der Zeile (prefix " "). Zeile 3 enthält eine rote Trennlinie (bar "red") in der Stärke 3 (size 3) und einen vertikalen Abstand (vgap 10). Ab der vierten Zeile erscheint weiß in der "standard"-Schrift (arial.ttf) – dabei stehen jeweils zwei Leerzeichen (prefix " ") am Zeilenanfang.
Zum Schluss definieren Sie das Erscheinungsbild von Aufzählungen: Jeder Ebene (festgelegt durch tab 1 bis 3) wird eine passende Anzahl Leerzeichen für den Zeilenanfang und ein eigenes Aufzählungszeichen (box, arc, delta3) zugewiesen (vgl. Abb. 1). Auf den einzelnen Folien rücken Sie später die jeweilige Zeile einfach mit der Tabulator-Taste ein bis drei Tabs ein. Ein Eintrag für tab 0 beschreibt somit das Aussehen von Zeilen ohne Tab-Zeichen.
Listing 2
%% Definitionen für Schriften: %deffont "standard" tfont "arial.ttf" %deffont "fett" tfont "arialbd.ttf" %deffont "times" tfont "times.ttf" %% %% Layout für die einzelnen Zeilen: %default 1 leftfill, size 2, fore "white", back "black", font "fett" %default 2 leftfill, size 7, prefix " " %default 3 size 3, bar "red", vgap 10 %default 4 size 5, fore "white", prefix " ", font "standard" %% %% Layout für Aufzählungen: %tab 1 size 5, vgap 40, prefix " ", icon box "green" 50 %tab 2 size 4, vgap 40, prefix " ", icon arc "yellow" 50 %tab 3 size 3, vgap 40, prefix " ", icon delta3 "white" 40
Magische Syntax
An dem einfachen Beispiel (Listing 3) erkennen Sie den Aufbau einer .mgp-Datei: Es gibt einen Vorspann ("Präambel" – alles bis zur ersten %page-Anweisung) und einen Hauptteil, der die einzelnen Folien beschreibt. Im Vorspann definieren Sie für die gesamte Präsentation gültige Eigenschaften, wie die %tab-, %deffont-, %default- und %include-Anweisungen. An dieser Stelle binden Sie die Datei default.mgp ein.
Einige Besonderheiten der MagicPoint-Syntax haben Sie schon in Listing 2 kennengelernt: Eine Anweisung beginnt immer mit einem Prozentzeichen, wobei mehrere Befehle durch Kommata getrennt werden. Kommentare "verstecken" sich hinter zwei %-Zeichen und werden nicht dargestellt. Alles, was kein vorangehendes % hat, erscheint auf den Folien – auch leere Zeilen.
Bei den Aufzählungen kommt die erwähnte Tabulator-Taste ins Spiel: Ein Tab-Zeichen zaubert das in der default.mgp für tab 1 definierte Zeichen (icon box "green") vor die Zeile, zwei Tab-Zeichen das zweite Aufzählungszeichen usw. (vgl. Listing 3).
Die für Präsentationen gerne verwendeten Farbverläufe erstellt man mit dem Befehl %bgrad. Ohne weitere Argumente erzeugt er einen Farbverlauf, der oben hellblau beginnt und unten dunkelblau endet. Um den Verlauf einfach nur umzukehren, sind vier Argumente nötig. Die ersten drei werden zwar dafür nicht benötigt, müssen aber angegeben werden: Die ersten beiden stehen für die prozentuale Ausdehnung des Bildes in X- bzw. Y-Richtung an (0 entspricht dabei der Gesamtgröße der Präsentation), der dritte für die Anzahl der verwendeten Farbstufen.
Erst der vierte Parameter gibt die Ausrichtung des Farbverlaufes an, genauer den Winkel seiner Abweichung vom Standard. Das gewünschte Ergebnis erzielen Sie also mit %bgrad 0 0 256 180. Negative Winkel ergeben kreisförmige Verläufe, unterschiedliche X- und Y-Werte machen daraus Ovale.
Weitere Parameter verändern den Zoomfaktor und die Farben des Verlaufes. Sie können mehrere Farben angeben, die MagicPoint dann über die Folie gleichmäßig verteilt: %bgrad 0 0 256 180 0 "orange" "red" "blue" "black"
Ist Ihnen ein Farbverlauf zu eintönig, bauen Sie doch einfach Bilder in die Präsentation ein. Innerhalb einer Folie macht das der Befehl %image "bild.jpg", während %bimage "hintergrund.jpg" dieses Bild als Hintergrund verwendet. Damit es auf allen Folien auftaucht, schreiben Sie es mit %default in die Präambel: %default 1 bimage "hintergrund.jpg".
Listing 3
Beispielpräsentation
%% Einbinden der eigenen default.mgp:
%include "/home/user/.mgp/default.mgp"
%% Seite 1 beginnt:
%page
%% ein Farbverlauf (x y Farbanzahl Ausrichtung):
%bgrad 0 0 256 180
MagicPoint
%% ab hier zentriert:
%center
%size 10, fore "orange"
schnell
%size 6, fore "red"
einfach
%size 5, fore "yellow"
frei
%% Aufzählung linksbündig:
%leftfill, size 5, fore "yellow"
textbasiert
ASCII
eigene Syntax
%-Zeichen
Befehle mit %
Kommentare mit %%
verschiedene Ausgabeformate
Sie können auch ein Programm mit grafischer Oberfläche aus der Präsentation heraus starten (%system bzw. %xsystem) und Standardausgaben von Unix-Kommandos (%filter und %endfilter) einbinden. Ein paar Beispiele und eine kurze Beschreibung dieser Features finden Sie in der mitgelieferten Beispielpräsentation sample.mgp oder in den Dateien SYNTAX und USAGE. Damit diese Befehle überhaupt funktionieren, muss MagicPoint mit dem Parameter -U gestartet werden, da es sonst aus Sicherheitsgründen keine fremden Programme ausführt.



