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Die Freiheit, Akzente zu setzen

The Answer Girl: Das Geheimnis der Compose-Taste

01.10.2003 Tote Tasten, die einen Akzent über den nachfolgend eingetippten Buchstaben setzen, nerven beim Programmieren, so dass man sie besser abschaltet. Doch manchmal soll's dann doch ein á sein – das geht tatsächlich, und eine Menge anderer lustiger Zeichen gewinnt man gleich dazu.

The Answer Girl

Dass der Computeralltag auch unter Linux des Öfteren Überraschungen bereit hält, ist eher eine Binsenweisheit: Immer wieder funktionieren Dinge nicht oder nicht so, wie eigentlich angenommen. Das Answer-Girl im LinuxUser zeigt, wie man mit solchen Problemchen elegant fertig wird.

Wer häufig mit der Shell arbeitet, den oder die stört es schnell, wenn gedrückte Akzenttasten zunächst keine Ausgabe auf dem Bildschirm nach sich ziehen und diese erst nachliefern, sobald man ein weiteres Zeichen eingibt: Der Akzent sitzt anschließend über dem als zweites eingegebenen Buchstaben. So ergibt die Tastenfolge [´] und [e] ein é. Doch auch um ein einzelnes Hochkomma zu erzeugen, bleibt nichts anderes übrig, als der "toten" Akzenttaste ein Leerzeichen hinterherzuschieben – sehr ärgerlich für alle, die des Öfteren programmieren.

Weg mit den toten Tasten!

Zum Glück braucht es lediglich root-Rechte, um diese Tastenbelegung mit toten Tasten auf die Variante nodeadkeys umzustellen: Für die grafische Oberfläche wählt man in XF86Config, der Konfigurationsdatei des X-Window-Systems, bei den Tastatur-Einstellungen die "X-Keyboard-Variante" nodeadkeys hinzu: Kommt XFree86 in der alten 3er Version zum Einsatz, lautet die entsprechende Zeile in der Section "Keyboard"

XkbVariant "nodeadkeys"

Bei einem X-Server der 4er Generation heißt sie

Option "XkbVariant" "nodeadkeys"

(Listing 1 zeigt zwei Beispiele im Zusammenhang.) Nach einem Neustart des X-Servers funktionieren die Akzenttasten auf der grafischen Oberfläche beim ersten Drücken, so dass die Tastenfolge [´][e] die Ausgabe ´e nach sich zieht.

Wunderbar für die Shell-Programmiererin, aber schlecht für die Texteschreiberin: Sobald sie nämlich ein französisches â oder ein tschechisches é braucht, bleibt bestenfalls der Weg über Copy&Paste, am schnellsten aus einem Web-Dokument. Doch wenn der Web-Browser neueren Datums Netscape oder Mozilla heißt, geht oft sogar das schief: Das mühsam markierte é kommt als e' im Textprogramm an.

Listing 1

XF86Config(4)-Eintrag

Section "InputDevice"                                 Section "Keyboard"
  Driver       "Keyboard"                               Protocol      "Standard"
  Identifier   "Keyboard[0]"                            XkbRules      "xfree86"
  Option       "MapName" "Standard Keyboard [ pc104 ]"  XkbKeycodes   "xfree86"
  Option       "Protocol" "Standard"                    XkbModel      "pc104"
  Option       "XkbLayout" "de"                         XkbLayout     "de"
  Option       "XkbModel" "pc104"                       XkbVariant    "nodeadkeys"
  Option       "XkbRules" "xfree86"                   EndSection
  Option       "XkbVariant" "nodeadkeys"
EndSection

Da muss es doch eine Möglichkeit geben, der nodeadkeys-Einstellung ein Schnippchen zu schlagen. Eine Umfrage unter Gurus fördert recht schnell das Stichwort "Compose-Taste" zutage. Hört sich gut an: to compose bedeutet "zusammensetzen", und genau das soll diese Taste tun: Man sagt per Druck auf [Compose]: "Kombiniere die nächsten zwei Zeichen!" – ganz so, wie es geschieht, wenn man eine tote Akzenttaste und anschließend einen Buchstaben antippt.

Nach einer solch magischen Taste allerdings sucht man auf der Keyboard-Beschriftung lange: Die gibt es auf PC-Tastaturen schlicht und ergreifend nicht. Wohl aber lassen sich alle Tasten unter Linux ganz nach Belieben belegen [1]: Niemand zwingt die Benutzerin zu einer Tastenbelegung, bei der die [Y]-Taste ein y ausspuckt.

Tatsächlich nutzt eine nicht zu vernachlässigende Anzahl Programmierer/innen die Möglichkeit, ein Keyboard "in der Landessprache" über den XkbLayout-Eintrag in der XF86Config mit amerikanischer Belegung auszustatten, lassen sich doch damit eckige und geschweifte Klammern ohne Fingerakrobatik tippen. Aber auch sie brauchen irgendwann einmal Umlaute, akzentuierte Buchstaben und damit den ominösen [Compose]-Key.

Tastenbelegung unter X

Wenn aber die Belegung individuell einstellbar ist, sollte es nicht schwerfallen, die Aufgabe dieser nicht vorhandenen Taste einer anderen zu übertragen. Vielleicht gibt es bereits eine Tastenkombination, die die Compose-Funktion übernimmt – nur weiß die Benutzerin (noch) nichts davon.

Das sollte herauszufinden sein – indem sie sich die gerade aktuelle Zuordnung der Tasten zu Zeichen, auf englisch das "Keymapping", ausgeben lässt. Diese Aufgabe übernimmt das Kommando xmodmap. Aus dessen Manpage erfährt die geneigte Leserin, dass die Option -pk ("print keymap") die derzeit geladene Tasten-Zuordnungstabelle (englisch: "keymap table") auf der Standardausgabe ausspuckt (Listing 2).

Listing 2

Ausschnitt aus der Ausgabe von

xmodmap -pk
There are 4 KeySyms per KeyCode; KeyCodes range from 8 to 134.
    KeyCode     Keysym (Keysym) …
    Value       Value   (Name)  …
[…]
     10         0x0031 (1)      0x0021 (exclam) 0x00b9 (onesuperior)    0x00a1
(exclamdown)
[…]
     24         0x0071 (q)      0x0051 (Q)      0x0040 (at)     0x07d9 (Greek_OMEGA)
[…]
     50         0xffe1 (Shift_L)
[…]
    113         0xff7e (Mode_switch)    0xff20 (Multi_key)
[…]
    116         0xff20 (Multi_key)

Diese zeigt in den Spalten zwei bis fünf jeweils in Klammern, welche Bedeutung die Taste mit dem Keycode aus der ersten Spalte hat, und zwar abhängig davon, ob sie allein (zweite Spalte) oder in Verbindung mit Modifikationstasten ("modifiers") gedrückt wird: Die dritte Spalte listet die Bedeutung der Kombination mit der Umschalttaste (Shift), die vierte die mit der Modifikationstaste und die letzte den Wert für die Dreierkombination mit [Shift-Mod], wobei letztere in der Praxis leider nicht wie gewünscht funktioniert.

Listing 2 zeigt damit, dass die [Q]-Taste alleine gedrückt ein kleines q, zusammen mit [Shift] ein großes Q, zusammen mit [Mod] ein @ (englisch: "at") und in der Kombination [Shift-Mod-Q] ein großes Omega ausspucken sollte; die [1]-Taste kombiniert mit der Umschalttaste ergibt ein Ausrufezeichen (englisch: exclamation mark), [Mod-1] eine hochgestellte (superior) Eins (one) ¹ und [Shift-Mod-1] theoretisch ein umgekehrtes Ausrufezeichen, wie es im Spanischen vorkommt.

Ein Analogieschluss aus der täglichen Praxis liegt spätestens beim Blick auf die [Q]-Taste nahe: Zwar fehlt dem PC-Keyboard ein Key mit der Beschriftung [Mod], doch übernimmt [AltGr] diese Funktion.

Der Befehl xmodmap -pk | Mod erlaubt den Rückschluss, dass es sich dabei um die Taste mit dem Code 113 (vgl. Listing 2) handelt: Mode_switch kann gar nichts anderes als "den Modus einer anderen Taste wechseln" bedeuten.

Abbildung 1: Der X-Event-Tester registriert den Druck der [AltGr]-Taste

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LinuxUser 03/2012

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