Dass KDE undokumentiert wäre, würde niemand behaupten. Doch selbst im – unwahrscheinlichen – Fall, dass das Handbuch wirklich alle Features (und nicht nur die offensichtlichen) ausreichend beschreibt – liest kaum jemand Manuals wie Romane von Anfang bis Ende. Da mögen KDE-Programmierer und -Programmiererinnen noch so nette Gimmicks einbauen – Features, die man weder intuitiv noch zufällig findet, blähen letztlich nur das Programm unnötig auf. Aber ehe wir – ohnehin vergebens – die Beschränkung des Codes auf's Wesentliche oder einen Entwicklungsstopp bis zur vollkommenen Dokumentation fordern, forschten wir lieber Entwickler und Entwicklerinnen des KDE-Projekts nach deren versteckten Lieblingsfeatures aus.
Clevere Desktop-Nutzung
Ist Ihnen auch schon einmal ein Fenster mit seiner Titelleiste aus dem Desktop gerutscht? Vermutlich folgten dem verzweifelten Versuch, es wieder komplett auf den Bildschirm zu holen, viele Flüche. Dabei ist das Ganze nicht den geringsten Schweißausbruch wert, wie Konqueror- und KWord-Maintainer Daniel Faure verät: "Halten Sie einfach die [Alt]-Taste gedrückt, und klicken Sie mit der linken Maustaste irgendwo ins Fenster. Wenn Sie die Maustaste jetzt nicht loslassen, sondern über den Desktop bewegen, folgt Ihnen das Fenster überall hin. Auf ähnliche Weise lässt es sich übrigens auch vergrößern oder verkleinern – drücken Sie neben [Alt] einfach den rechten Maus-Button!"
Für Wheelmouse-Nutzer hat Sarang Lakare (ihm verdanken wir das KDE-Vergrößerungsglass KMagnifier; derzeit arbeitet er unter anderem am LaTeX-Editor Kile http://kile.sourceforge.net/ mit), einen Tipp parat, der das Arbeiten mit virtuellen Desktops erleichtert: "Dass es nur eines Mausklicks auf das richtige Feld im Pager-Applet des KDE-Panels bedarf, um auf die gewünschte Arbeitsfläche zu wechseln, ist kein Geheimnis. Aber warum nicht einfach den Mauscursor irgendwo über dem Pager platzieren und ganz entspannt mit dem Mausrad zwischen den Desktops wechseln?
Das ist viel einfacher als die Klickerei, denn der Mausfokus muss sich dabei nicht direkt über dem Quadaranten des Ziel-Desktops befinden. Außerdem gewinnt man während des Scrollens mit dem Rad einen Überblick über die Applikationen auf den einzelnen Arbeitsflächen. Der Nachteil: Dieses Feature gibt es erst seit KDE 3.1."
Shortcuts
Wer lieber mit der Tastatur anstelle der Maus unterwegs ist, wünscht sich Tastenkürzel, mit denen sich oft benutzte Kommandos aufrufen lassen. Lubos Lunák, seines Zeichens Maintainer des KDE-Window-Managers KWin, erklärt, wie das geht: "Diese Shortcuts definiert man im Menüeditor KMenuEdit, der sich zum Beispiel per rechtem Mausklick auf den K-Button und Auswahl des Punktes Menü-Editor aufrufen lässt.
Dort wählt man einen schon vorhandenen Eintrag für die per Kurzwahl zu startende Applikation aus oder erzeugt einen neuen mit dem Button Neues Element in der Werkzeugleiste. Ein Klick auf das Tasten-Symbol (rot umrandet in Abbildung 1) ruft einen Dialog auf, in dem man das Tastenkürzel eingibt. Anschließend aktiviert man den Shortcut mit dem Anwenden-Button."
Aaron J. Seigo ist es zu verdanken, dass man auf diese nützliche Funktionalität ab KDE 3.2 auch dort finden wird, wo man am ehesten danach sucht: im Tastenkürzel-Dialog des Kontrollzentrums. Wenn Sie den nicht auf Anhieb finden, geben Sie im kcontrol-Reiter Suchen einfach das Stichwort Tastenkürzel ein.
Eine ganz andere Art von Shortcut hat Eva Brucherseifer im Hinterkopf, wenn sie fragt: "Wussten Sie, dass Sie im KDE-Datei-Dialog, in dem Sie Dateien zum Öffnen oder Abspeichern heraussuchen, Abkürzungen für alle Datenquellen anlegen können, die sich mit Hilfe einer URL ansprechen lassen? Damit bringt Sie ein einfacher Mausklick zum Beispiel in ein oft benutztes Verzeichnis. Und das ist noch nicht alles: Dank der KDE-I/O-Slaves lassen sich solche Shortcuts auch für Windows- und Samba-Freigaben, Audio-CDs oder auch für per ssh erreichbare Verzeichnisse auf anderen Rechnern definieren."
Diese Abkürzungen finden sich in Form einer Icon-Leiste in der linken Seite des Datei-Dialogs. So sorgt ein Klick auf das "Temporary Files"-Icon in Abbildung 2 dafür, dass man ins Verzeichnis /tmp wechselt. "Ein rechter Mausklick in dieser Leiste ruft ein Kontextmenü auf den Plan, in dem Sie durch Auswahl von Eintrag hinzufügen... einen Dialog öffnen, in dem Sie die neue Abkürzung beschreiben. Geben Sie ihr eine Bezeichnung, und tragen Sie die URL der Datenquelle ein. Handelt es sich dabei um ein Verzeichnis, vergessen Sie nicht, das Kreuz im Kästchen Nur für dieses Programm anzeigen zu entfernen – nur dann erscheint dieser Shortcut in den Datei-Dialogen aller KDE-Applikationen."
Sie fragen sich, wie passende URLs von Verzeichnissen auf entfernten Rechnern wohl aussehen? Vorausgesetzt, auf dem Zielrechner läuft ein SSH-Daemon, führt die Erklärung von KWinTV-Maintainer George Staikos zum gewünschten Ergebnis: "Tragen Sie das Zielverzeichnis einfach in der Form
fish://user@entfernter.rechner/pfad/zum/verzeichnis
in die Dateizeile ein. Sie werden ähnlich wie in Abbildung 3 nach einem Passwort gefragt und können sich anschließend im Dateibaum des Zielrechners so bewegen, als wären Sie lokal eingeloggt." Antonio Larrosa Jiménez ergänzt: "Das funktioniert natürlich im Konqueror genauso. Sofern Sie Ihren privaten, lokalen SSH-Schlüssel [1] nachlässigerweise nicht mit einem Passwort schützen und den zugehörigen öffentlichen Key in die Datei ~/.ssh/authorized_keys auf dem Zielrechner packen, fragt Sie Konqueror nicht einmal nach einem Passwort, und das Datei-Management ist vollkommen transparent."



