Gut ein dreiviertel Jahr Zeit haben sich die Lindows-Entwickler genommen, um an der vor kurzem erschienenen Version 4.0 von LindowsOS zu arbeiten. Was dabei herausgekommen ist und ob sich das Warten gelohnt hat, zeigt dieser Artikel.
Die Version 3.0 von LindowsOS hatte noch viele Schwächen [1]. Ob die Entwickler mit Version 4.0 all diese Mängel beseitigen konnten, haben wir untersucht.
Das Testsystem bestand aus einem AMD Duron mit 600 MHz und 128 MB RAM. Als Grafikkarte diente eine ATI Rage 128 Pro. Für die Distribution bot eine Festplatte mit 60 GB genügend Platz. Die Installations-CD nahm ein ATAPI-DVD-Laufwerk auf.
LindowsOS 4.0 ist als Box für 49,95 US-Dollar erhältlich. Sie enthält neben der Installations-CD noch eine bootfähige Live-CD und ein 30-seitiges Handbuch. Diese Distribution richtet sich vor allem an Windows-Umsteiger, was bei Installation und Benutzung stark auffällt.
Installation im Eiltempo
Nach dem Booten des Computers mit eingelegter Installations-CD und Auswahl von Install im Begrüßungsbildschirm bietet sich dem Anwender eine grafische Oberfläche. Im ersten Schritt wählt er die Installationmethode aus. Zur Auswahl stehen Take over an entire disk und Advanced install. Bei der ersten schnappt sich LindowsOS die komplette erste Festplatte und formatiert sie. Die Option Advanced install bietet dem Linuxer in spe eine Liste aller vorhandenen Festplatten und Partitionen, auf denen LindowsOS installiert werden kann. Das Installationsprogramm bietet keinerlei Optionen, vorhandene Festplatten zu partitionieren. Erfahrene Linux-Anwender müssen notfalls auf eine Konsole wechseln und die Platte mit fdisk einrichten.
Auf dem Testsystem hat LindowsOS nach Auswahl der ersten Option die Festplatte in drei Partitionen geteilt: eine 31 MByte große /boot-Partition, eine 256 MByte große Partition für Swap und den Rest für /.
Der zweite Schritt ist die Auswahl eines Rechnernamens und eines “Security Passwords”, von dem, wie bei früheren Versionen auch, erst später ersichtlich wird, dass es sich dabei um das Root-Passwort handelt. Dass man auch ohne Eingabe eines Passwortes fortfahren kann, ist eine Eigenheit, die sich leider auch in dieser Version erhalten hat. Danach beginnt bereits die Installation. Eine Auswahl der zu installierenden Pakete gibt es nicht. Auch ein deutsches Tastatur-Layout kann der Anwender nicht einstellen. Im Test machte das Installationsprogramm anfangs Probleme und endete mit einem FATAL ERROR. Nach einem Reboot und Neustart der Installation tauchte dieser Fehler dann nicht mehr auf. Nach ungefähr fünf Minuten ist die Installation abgeschlossen, und das System wird neu gestartet.
Der erste Start
Die vorhandene Hardware inklusive Grafikkarte wurde im Test korrekt erkannt. Den Anwender begrüßt nach der Installation ein kleines KDM-Fenster, welches zur Eingabe eines Passwortes auffordert. Hierbei handelt es sich um das Security-Passwort, welches der Anwender bei der Installation festgelegt hat. Nach Eingabe des selbigen startet ein relativ ungewohntes KDE-System. Die Entwickler haben sich nicht gescheut, große Teile von KDE ihren Wünschen anzupassen. Wer vorher mit KDE gearbeitet hat, muss sich hier umstellen, um sich zurecht zu finden. Lindows hat nicht nur das Aussehen des Desktops stark verändert, sondern auch die Programmnamen teilweise so sehr modifiziert, dass man kaum noch seine gewohnten Programme wieder findet. Auch hier scheint Lindows nicht aus Version 3.0 gelernt zu haben.
Wenn KDE komplett gestartet ist, fordert LindowsOS den Anwender auf, ein “End User License Agreement” zu akzeptieren. Dabei unterscheidet Lindows zwischen einer Familien-Lizenz und einer Business-Lizenz. Familien und Einzelpersonen dürfen das System auf beliebig vielen Computern installieren, solange lediglich die Familie Zugriff auf diese hat. Ein Kopieren der Medien ist ausschließlich zu Sicherungszwecken erlaubt.
Im gleichen Dialogfenster wie die Lizenz befinden sich auch Buttons zum Setzen der Uhrzeit und für erweiterte Einstellungen. Hinter letzteren verbergen sich wichtige Funktionen zum Ändern des Administrator-Passworts, zum Anpassen der Bildschirmauflösung sowie zum Hinzufügen neuer Benutzer. Nachdem die Lizenz akzeptiert ist, startet automatisch eine interaktive Einführung in die Benutzung des Desktops. Da der Anwender während der Installation keine Möglichkeit hat, Software auszuwählen, sieht der Desktop beim ersten Start immer gleich aus. Die Einführung ist eine Flash-Animation und erklärt lediglich, was die Symbole auf dem Desktop bedeuten.
Alles automatisch
Beim Erkunden des Systems fällt als erstes auf, dass alle Programme mit Root-Rechten gestartet sind. An keiner Stelle weist die Installationsroutine darauf hin, dass weitere Benutzer angelegt werden können, geschweige denn sollten. Gerade unerfahrene Benutzer, die die Zielgruppe von LindowsOS darstellen, werden also ihr System immer als Root benutzen. Warum LindowsOS die offensichtlichen Stärken eines Multi-Benutzer-Betriebssystems nicht nutzt, ist nicht nachzuvollziehen. Positiv fällt auf, dass keine unnötigen Netzwerk-Dienste gestartet werden. In der Testkonfiguration wurden lediglich der CUPS- sowie der Lisa-Daemon gestartet. Auch die Netzwerkkarte war dank DHCP sofort startklar. Leider wurde aber bei einer statischen Einrichtung des Netzwerks der DHCP-Client nicht beendet, so dass die gerade eingegebene Konfiguration nach kurzer Zeit wieder verschwand. Erst ein manuelles Beenden des DHCP-Clients behob dieses Problem. Eine ISDN-Karte einzurichten, ist immer noch nicht möglich. Lindows bietet lediglich die Möglichkeit, ein Modem oder eine DSL-Verbindung zu konfigurieren.
Den über das Netzwerk angeschlossenen Drucker hat LindowsOS zwar korrekt erkannt, jedoch reagierte der Konfigurationsdialog sofort nach dem Start auf keine Eingaben mehr. Auch KGhostview stürzte beim Drucken von Dokumenten ab. Über lpr zu drucken, hat sich als unproblematisch erwiesen.
Software kostenpflichtig
Wie schon in früheren Versionen bietet Lindows ein für Linux sehr ungewöhnliches System zum Installieren weiterer Software-Pakete an. Es nennt sich “Click-n-Run” (Abbildung 2). Im so genannten “Warehouse” hat der Anwender eine Auswahl von über 1500 Paketen, die er über einen einzigen Klick installiert. Voraussetzung zur Nutzung des Warehouse ist eine Mitgliedschaft. Sie kostet 4,95 US-Dollar im Monat oder 49,95 US-Dollar im Jahr. Da die Auswahl an Software auf der Installations-CD sehr spärlich ist, ist eine Mitgliedschaft zwingend nötig, um LindowsOS ernsthaft einzusetzen. Die Auswahl an vorinstallierter Software beschränkt sich, wie bei Version 3.0 auch, auf die Mozilla-Suite, ein paar Multimedia-Programme, einen Text-Editor und eine Hand voll kleinerer Werkzeuge.
Wer sich zusätzlich zu seiner Mitgliedschaft noch bei http://my.lindows.com/ kostenlos anmeldet, erhält die Möglichkeit, alle Software-Pakete, die er über das Warehouse installiert hat, in einer Liste zu speichern und diese bei der Neuinstallation von LindowsOS auf einem anderen Computer abzurufen. So wird gewährleistet, dass Click-n-Run immer alle nötigen Pakete direkt installiert.
Als Extras bietet Lindows die Pakete Lindows Office für 39,95 US-Dollar und Virus Safe sowie Surf Safe für jeweils 29,95 US-Dollar für Mitglieder an. Lindows Office soll die Migration von Windows nach Linux erleichtern. Es enthält Office-Programme, die kompatibel zu denen von Microsoft Office sein sollen. Virus Safe ist ein Viren-Scanner, und Surf Safe hilft, bestimmte Web-Seiten zu blocken. Vor allem als Kindersicherung ist das durchaus nützlich.

Abbildung 2: Mit Click-n-Run installiert der Anwender weitere Software über das Internet. Dazu bietet LindowsOS eine grafische Oberfläche
Da LindowsOS auf Debian basiert und auch alle Debian-Werkzeuge wie Apt mitbringt, ist es möglich, Debian-Pakete per apt-get install zu installieren. Lindows hat die Datei /etc/apt/sources.list bereits entsprechend vorbereitet, so dass der Anwender sie nicht mehr bearbeiten muss. Diese Methode, Pakete zu installieren, bietet sich an, wenn Anwender die Mitgliedschaft bei Lindows vermeiden wollen.
Standardmäßig hat LindowsOS die Mozilla-Suite für WWW und Mail eingestellt. Das Layout des Desktops ist nicht optimal. Dem Benutzer bietet sich von Anfang an lediglich ein Desktop; wenn er weitere hinzufügt, steht er erst einmal im Regen: Der Pager, mit dem er zwischen den Desktops wechselt, wird nicht gestartet. Er muss von Hand in das Panel integriert werden. Da sich LindowsOS an absolute Anfänger richtet, ist diese Herangehensweise nicht akzeptabel.
Fazit
Lindows hat im Vergleich zur Version 3.0 nicht viel geändert. Die meisten Mängel finden sich in Version 4.0 wieder. Das Ziel dieser Distribution, Windows-Anwendern den Umstieg zu erleichtern, hat Lindows verfehlt. Für fast alle Einsatzzwecke bieten sich andere, ausgereiftere Distributionen eher an. Die Software-Auswahl auf der CD ist minimal, und der Preis für die Mitgliedschaft bei Click-n-Run ist relativ hoch. Es bietet sich natürlich an, Debian-Pakete einzuspielen, aber in dem Fall sollte der Anwender gleich auf Debian setzen. Distributoren wie SuSE oder Mandrake Soft bieten obendrein mit ihren Produkten ein Vielfaches an Software sowie sehr gute Handbücher, mit denen auch Windows-Umsteiger besser zurecht kommen werden als mit Lindows. Das Konzept, ein Linux-System Windows anzugleichen, ist fragwürdig.





