Bonzai Linux

Aus LinuxUser 07/2003

Bonzai Linux

Miniatur-Debian

Debian hat den Ruf, schwierig zu installieren zu sein. Bonzai Linux will das Gegenteil beweisen und zudem zeigen, dass ein vollständiges Desktop-Linux auf einen Mini-CD-Rohling passt.

Die einen gehen nie ohne Zahnbürste aus dem Haus, die anderen tragen auf einer scheckkartengroßen CD immer eine Linux-Distribution im Portemonnaie bei sich. Wenn Ihnen derzeit ein Exemplar der zweiten Spezies begegnet, stehen die Chancen gut, dass die CD Bonzai Linux[1] (vormals “Miniwoody”) enthält, eine stark geschrumpfte Version der aktuellen stabilen Ausgabe der Debian-Distribution namens Woody.

Im Gegensatz zu Knoppix [2], einem Debian-Abkömmling, der vollständig von CD-ROM läuft, muss Bonzai Linux auf Festplatte installiert werden. Im Gegenzug schleppt man jedoch keine normalgroße CD mit sich herum: Die 180 MB passen vollständig auf einen 8cm-CD-Rohling. Wir testeten Version 1.5, die Sie unter [1] oder bei Versendern wie LinISO [3] bekommen.

Auf die Platte!

Sofern Ihr PC von CD bootet, legen Sie die Bonzai-Linux-CD einfach ins Laufwerk und starten Ihren Rechner neu. Für ältere Rechner, die diese Möglichkeit nicht bieten, müssen Sie zunächst Start-Disketten erstellen. Im Verzeichnis dists/woody/main/disks-i386/current/images-1.44/bf2.4/ auf der Installations-CD finden Sie die Datei rescue.bin, die der Befehl

dd if=/rescue.bin of=/dev/fd0u440

auf eine leere Diskette kopiert. Zusätzlich benötigen Sie noch eine Root-Diskette, deren Image der Debian-FTP-Server unter [4] bereitstellt. Dieses bannen Sie mit

dd if=/root.bin of=/dev/fd0u440

auf eine zweite Floppy. Starten Sie den Rechner von der Rescue-Diskette, fordert er sie nach kurzer Zeit auf, diese Root-Diskette einzulegen. Kurz darauf begrüßt Sie das textbasierte Debian-Installationsprogramm.

Dieses spricht auf Wunsch im ersten Teil deutsch; nach dem Neustart des Systems geht es allerdings in englischer Sprache weiter. Zur Partitionierung der Festplatte kommt das nicht sehr komfortable Kommandozeilenprogramm cfdisk zur Anwendung. Lassen Sie sich von dessen spartanischer Oberfläche nicht abschrecken – das Debian GNU/Linux Anwenderhandbuch[5] hilft mit Screenshots und Erklärungen weiter. Auch ein Blick in die Bonzai-Linux-Installationshilfe [6] oder ins Web-Forum [7] lohnt sich. Im Zweifel übernehmen Sie die vom Installationsprogramm vorgeschlagenen Werte.

Je nach Hardware warten allerdings weitere Stolperstellen auf Sie, z. B. bei der Konfiguration des X-Servers. Auf unserem Test-System gab es beispielsweise Probleme mit älteren Monitoren und NVIDIA-Grafikkarten. Wenn Sie vom Installationsprogramm zur Auswahl eines Monitors aufgefordert werden, sollten Sie die Option Medium wählen und die gewünschte Auflösung und Bildwiederholfrequenz manuell einstellen. Die automatische Hardware-Erkennung arbeitet hingegen sehr gut: So funktionierten Radmäuse beispielsweise auf Anhieb.

Für eine Distribution, die als anfängertauglich angepriesen wird, bleiben allerdings zu viele Fragen bei der Installation offen – zu groß ist die Gefahr, etwas falsch zu machen. Schön wäre daher eine Art “Express-Einrichtung”, die sichere Standardwerte übernimmt und nur an wenigen Stellen Eingriffe des Benutzers nötig macht.

Es ist angerichtet

Einmal installiert begrüßt ein grafischer Login-Bildschirm den Anwender. Nach der Anmeldung startet KDE in der aktuellen Version 3.1.2 (Abbildung 1).

Abbildung 1: Der KDE-Desktop von Bonzai Linux

Abbildung 1: Der KDE-Desktop von Bonzai Linux

Ein Blick ins K-Menü zeigt schnell, wie wenig Platz eine Mini-CD bietet: Bis auf den Editor Kate, das Multitalent Konqueror und einige Konfigurationswerkzeuge glänzen Anwendungsprogramme durch Abwesenheit – nicht einmal eine einfache Textverarbeitung (z. B. Abiword oder gar KOffice) ist dabei. Auch ein E-Mail-Programm sucht der Benutzer vergeblich. Somit taugt das System in der Grundausstattung für die tägliche Arbeit erstmal nicht. Doch Abhilfe naht: Über das Internet installieren Sie mit Hilfe der Debian-Paketverwaltung Programme für alle nur denkbaren Aufgaben.

Auf ins Netz

Beim Aufbau einer Online-Verbindung greift Ihnen Bonzai Linux mit grafischen Helferlein für Modem-Verbindungen und DSL-Zugänge unter die Arme. ISDN-Benutzer müssen den Zugang leider mühsam von Hand mit den isdnutils konfigurieren [8].

Die Einwahl per Modem erleichtert das Programm KPPP, das Sie im K-Menü unter Internet / KPPP finden. Unter Einstellungen… will der Knopf Neu… im Reiter Zugänge gedrückt werden. Anschließend wählen Sie die Dialogbasierte Einrichtung aus, um Zugangsname, Telefonnummer oder Authentifizierungsmethode einzugeben (Abbildung 2).

Abbildung 2: Internet-Zugang über KPPP

Abbildung 2: Internet-Zugang über KPPP

Alle anderen Einträge lassen Sie unverändert. Ein Klick auf OK speichert die Provider-Daten und befördert Sie wieder in den KPPP-Einrichtungsdialog. Auf dem Reiter Gerät geben Sie die Schnittstelle an, hinter der das Modem wartet: /dev/ttyS0 für die erste serielle Schnittstelle, /dev/ttyS1 für die zweite. Damit ist der Zugang fertig konfiguriert – ein Klick auf OK schließt den Dialog und bringt Sie zurück ins KPPP-Hauptfenster. Nach Eingabe von Benutzername und Passwort startet der Button Verbinden den Einwahlvorgang.

DSL-Benutzer richten ihren Internet-Zugang als root mit dem Programm pppoeconf ein. Falls dieses behauptet, es sei keine Netzwerkkarte konfiguriert, ersuchen sie zunächst das Werkzeug modconf um Hilfe. Hat dieses seine Arbeit beendet, sollte pppoeconf das DSL-Modem finden. Bestätigen Sie die vorgeschlagenen Optionen, und geben Sie den User-Namen und das Passwort für die Netzwerkanmeldung ein. pppoeconf legt die Zugangsdaten in /etc/ppp/pap-secrets und /etc/ppp/peers/dsl-provider ab.

Im nächsten Schritt bestimmen Sie, ob der DNS-Server automatisch zugewiesen wird. Auf Wunsch baut das System die DSL-Verbindung beim Booten auf. Alternativ lassen sich mit pppoeconf konfigurierte Verbindungen mit dem Aufruf pon dsl-provider starten und mit poff beenden.

Ran an die Pakete!

Zur Verwaltung der auf dem System installierten Programme und deren Abhängigkeiten verwendet Bonzai Linux die Kommandozeilen-Programme dpkg und das APT-System. Als grafisches Frontend zur Paketverwaltung ist KPackage mit an Bord.

Ein Debian-System bezieht seine Programmpakete von verschiedenen Internet-Servern und/oder CDs. Informationen zu den Installationsmedien legt APT in der Datei /etc/apt/sources.list ab. Damit es in Zukunft weiß, woher es Software beziehen soll, ergänzen Sie diese Liste als Super-User root, indem Sie bei bestehender Internet-Verbindung den Befehl apt-setup in einem Kommandozeilenfenster absetzen.

Um aktuelle KDE-Software einzuspielen, benötigen Sie zudem eine Quelle, welche die neuesten KDE-Programme bereit hält. Dazu hängen Sie die Zeile

deb http://download.kde.org/stable/3.1.2/Debian stable main

als root ans Ende von /etc/apt/sources.list an. Der Befehl apt-get update liest nun die Paketlisten der ergänzten Quellen ein.

Neue Programme spielen Sie bequem mit KPackage (Abbildung 3) ein. Dessen Reiter im linken Teil listen Installierte, Aktualisierte, Neue bzw. Alle zur Verfügung stehenden Pakete auf. Installierte Pakete kennzeichnet ein grünes D, nicht installierte ein N. Zum Nachinstallieren eines solchen Pakets starten Sie eine Internet-Verbindung, wählen es aus der KPackage-Liste aus und klicken im unteren Teil des Programmfensters auf Installieren.

Abbildung 3: Paketverwaltung mit KPackage

Abbildung 3: Paketverwaltung mit KPackage

Nach Eingabe des root-Passworts zeigt KPackage links im Fenster all die Pakete auf, die das APT-System nun einspielen wird. Ein Klick auf Installieren kümmert sich nun um deren Einrichtung. Dabei hält Sie der rechte Teil des Fensters über den Fortgang der Installation auf dem Laufenden.

All dieser Nacharbeiten wegen wird Bonzai Linux seinem Anspruch, ein Desktop-Betriebssystem zu sein, nicht gerecht. Wer hingegen eine kompakte Basis für eine Linux-Installation (nicht nur fern des heimischen Rechners) sucht und über Grundkenntnisse verfügt, ist mit dem Scheckkarten-großen System gut bedient.

LinuxUser 07/2003 KAUFEN
EINZELNE AUSGABE
ABONNEMENTS
TABLET & SMARTPHONE APPS
E-Mail Benachrichtigung
Benachrichtige mich zu:

Hinweis: Dieser Artikel ist älter als ein Jahr, enthaltene Informationen sind möglicherweise veraltet.

0 Kommentare
Älteste
Neuste Beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Nach oben