Distri-Bits

Aus LinuxUser 06/2003

Distri-Bits

Die Welt der freien Betriebssysteme ist vielfältig. Das bedeutet laut Wörterbuch: in vielen verschiedenen Arten vorhanden, mannigfaltig. Besser lassen sich die Distributionsnews diesen Monat nicht beschreiben.

Mandrake für Mac

Mandrake Linux 9.1 (Bamboo) gibt es jetzt auch als Power-PC-Version. Außer den von der Intel-PC-Ausgabe bekannten Eckdaten [1] bringt die PPC-Ausgabe eine vereinfachte grafische Installation mit. Unterstützt werden die G3- und G4-Prozessoren im iMac sowie ältere Macintosh-Rechner mit dem 604-Prozessor, sofern diese den PCI-Bus benutzen. Installationssupport und Kernel gibt es auch für IBM RS/6000.

Besonders interessant ist MOL (“Mac On Linux”). Dieses Programm ermöglicht über Menüeinträge den Start von Mac OS classic oder OS/X ohne Geschwindigkeitsverlust im Vollbild-Modus oder als X-Fenster.

Die Web-Seite http://www.mandrakelinux.com/de/91ppc.php3 stellt das Produkt vor, das in Form dreier ISO-Dateien à 700 MB aus dem Netz gefischt werden kann oder im MandrakeStore für 35 Euro zu haben ist.

Klein und cool

Hinter Damn Small Linux (http://www.damnsmalllinux.org/) versteckt sich eine Live-CD-Mini-Distribution, die auf Knoppix basiert und auf eine 50-MB-Business-Card, auch Visitenkarten-CD genannt, passt. Das hört sich schon mal cool an, aber das “verdammt kleine Linux” bringt auch noch eine grafische Oberfläche (Fluxbox) und etliche X-Anwendungen (Abbildung 2) mit. Zwar hält die englische Tastaturbelegung sicher einige Anwender davon ab, sich mit dem Winzling zu befassen, etwas Linux-Erfahrung vorausgesetzt, sorgt er jedoch für eine Menge Spaß.

Anders als bei Knoppix startet der X-Server nicht automatisch. Um ihn zum Laufen zu bekommen, muss ein Shell-Skript bearbeitet werden, das der Editor vi nach dem Booten vorlegt (Listing 1). Vor der Zeile mit der gewünschten Auflösung gilt es, das Kommentarzeichen # durch Betätigen der [x]-Taste zu entfernen und das Skript mit :wq zu speichern. Danach startet X automatisch. Zwar kommt der Standard-Desktop zunächst in schlichten Grautönen daher, kann aber im Menü (das jederzeit mit der rechten Maustaste erreichbar ist) unter FluxBox / Styles mit einer Menge Stilen (in entsprechend vielen Farben) überzogen werden.

Abbildung 1: Der "verdammt kleine" Standard-Desktop

Abbildung 1: Der “verdammt kleine” Standard-Desktop

Listing 1

Auswahl des X-Servers per Shell-Skript

#!/bin/sh
# You are looking at a simple script to set the resolution for
# X via the Vi editor.  Pick the resolution you want by
# uncommenting the '#', or add your own line.
##simple list, choose your resolution
#exec /usr/bin/X11/X -screen 640x480x8 -shadow -2button
#exec /usr/bin/X11/X -screen 800x600x8 -shadow -2button
#exec /usr/bin/X11/X -screen 1024x768x8 -shadow -2button
#exec /usr/bin/X11/X -screen 1280x1024x8 -shadow -2button
#exec /usr/bin/X11/X -screen 1600x1200x8 -shadow -2button
#exec /usr/bin/X11/X -screen 640x480x16 -shadow -2button
#exec /usr/bin/X11/X -screen 800x600x16 -shadow -2button
#exec /usr/bin/X11/X -screen 1024x768x16 -shadow -2button
#exec /usr/bin/X11/X -screen 1280x1024x16 -shadow -2button
#exec /usr/bin/X11/X -screen 1600x1200x16 -shadow -2button
#exec /usr/bin/X11/X -screen 640x480x24 -shadow -3button
#exec /usr/bin/X11/X -screen 1024x768x24 -shadow -3button
#exec /usr/bin/X11/X -screen 800x600x24 -shadow -3button
#exec /usr/bin/X11/X  -screen 1280x1024x24 -shadow -3button
#exec /usr/bin/X11/X -screen 1600x1200x24 -shadow -3button
# Don't know Vi? hehehe…
# Just use your arrow keys to move the cursor to the
# first character '#' if the resolution you want to
# try and the hit 'x'.  That should delete the '#' so
# that X will try to launch with that resolution.
# Then do ':wq', that will save the script.  If all
# goes right X should start with fluxbox.  If not,
# run 'startx' again and chose a different setting.

Abbildung 2: Nicht mehr so langweilig: der "Blue"-Stil mit einigen Anwendungen

Abbildung 2: Nicht mehr so langweilig: der “Blue”-Stil mit einigen Anwendungen

Mit dabei ist der Dateimanager Worker, ein Klon des Programms Directory Opus, das vielen Amiga-Nutzern noch bestens in Erinnerung sein dürfte.

Abbildung 3: Worker, der Dateimanager von Damn Small Linux

Abbildung 3: Worker, der Dateimanager von Damn Small Linux

Während der Produktion dieses Hefts wurde Damn Small Linux von Version 0.3.3 zu Version 0.3.6 weiterentwickelt. Dort erleichtern Setup-Skripte für PPP und WvDial die Modem-Konfiguration und die Einwahl ins Internet. Interessierte können die laufende Entwicklung der Scheckkarten-Distribution unter http://www.damnsmalllinux.org/notes.html verfolgen.

SuSE live

Von SuSEs neuester Version 8.2 (siehe Seite 63) gibt es nun auch eine Live-CD-Ausgabe, SuSE Linux 8.2 LiveEval genannt. Sie ist als ISO-Datei unter ftp://ftp.suse.com/pub/suse/i386/live-eval-8.2/ oder alternativ auf den unter http://www.suse.com/us/private/download/ftp/germ_mirrors.html gelisteten Mirror-Servern erhältlich.

Anders als Knoppix kann sie nicht auf Festplatte installiert werden, und damit gibt es natürlich auch keine Möglichkeit zur Aktualisierung des Systems oder einzelner Pakete. So bleibt unter anderem die Beschleunigung für 3D-Grafikkarten von NVidia außen vor. (Hierzu müsste ein Update von der Nvidia-Web-Seite eingespielt werden.)

Nützlich erweist sich die CD für alle, die speziell in SuSE-Linux reinschnuppern oder wissen wollen, ob der Nürnberger Distributor die Hardware des eigenen Systems unterstützt. Ob man die Kaufentscheidung für einen neuen Rechner davon abhängig macht, ob Knoppix oder die SuSE-Live-CD davon bootet, dürfte eher von den eigenen Distributionsvorlieben (und vom guten Willen des PC-Händlers) bestimmt werden.

Happy Birthday, BSD!

Dieses Jahr purzeln die Jubiläen bei den freien Unix-Betriebssystemen nur so: Ende März feierte NetBSD seinen zehnten Geburtstag, und im November begeht FreeBSD [2,3] dasselbe Wiegenfest. Beider Wurzeln (wie auch die der dritten Schwester OpenBSD) gehen sogar noch weiter zurück, bis auf das Jahr 1969. Der Namensbestandteil BSD steht nämlich für die “Berkeley Software Distribution” der University of California, Berkeley. Wer es nicht glaubt, kann sich den Stammbaum auf ftp://ftp.leo.org/pub/FreeBSD/branches/-current/src/share/misc/bsd-family-tree ansehen.

Doch auch solche ehrwürdigen Wurzeln schützen nicht davor, zum Spielball der Politik zu werden, wie das OpenBSD-Projekt (http://www.openbsd.org/) Ende April erfahren musste: Die U.S. Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) stornierte kurzentschlossen geplante Fördermittel im Rahmen des 2,3 Millionen USD schweren “Portable Open-Source Security Enhancements project” (POSSE) der University of Pennsylvania, an dem das OpenBSD-Team maßgeblich beteiligt war, nachdem der kanadische Projektleiter Theo de Raadt der Torontoer Zeitung “The Globe and Mail” gegenüber seine Bedenken gegen den Iraq-Krieg und gegen die Förderung aus militärischen Mitteln geäußert hatte. Offiziell begründete DARPA-Sprecherin Jan Walker den Rückzug mit “Ereignissen der Weltpolitik und der entstehenden Bedrohung durch (militärisch, Anm. d. R.) zunehmend potente Nationalstaaten”.

Der ausbleibende Geldsegen trifft das OpenBSD-Projekt insofern, als dass davon die Hotelkosten für das für Mai geplante “Hackathlon”-Entwicklertreffen von 60 OpenBSDlern in Calgary bestritten werden sollten: Obwohl die Flugtickets bereits privat gebucht waren, stornierte die University of Pennsylvania das Hotel kurzerhand, ohne den Entwicklern eine Übernahme des Vertrags anzubieten. Den durch die UPenn gezahlten Vorschuss von etwa 80 Prozent der Gesamtkosten (etwa 15300 USD) streicht das Hotel laut Vertrag ohne Gegenleistung ein.

In diesem Theater beinahe unter ging die Tatsache, dass das Schwesterprojekt FreeBSD (http://www.de.freebsd.org/) eine neue Produktionsversion 4.8 fertig gestellt hat, die einige Sicherheitslücken behebt und in der Portskollektion die Versionsnummern für GNOME auf 2.2, für KDE auf 3.1 und für XFree86 auf 4.3.0 herauf setzt. Im Gegensatz zum (im Januar veröffentlichten) 5.0er Entwicklungszweig ist die 4.x-Reihe für den Einsatz auf Produktionsmaschinen vorgesehen.

Infos

[1] Hans-Georg Eßer: “Alle Neune”, LinuxUser 05/2003, S. 54 f., http://www.linux-user.de/ausgabe/2003/05/054-alleneune/

[2] Patricia Jung: “Dämonische Installation”, LinuxUser 08/2002, S. 68 ff.

[3] Patricia Jung: “Software im Hafen”, LinuxUser 02/2003, S. 75 ff.

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