Es muss nicht immer PowerPoint sein

Aus LinuxUser 05/2003

Es muss nicht immer PowerPoint sein

Professionell präsentieren mit Linux

Ansprechende Präsentationen benötigen kein StarImpress, PowerPoint & Co., denn die Slides lassen sich genauso flexibel mit freier Software erstellen. Dank des Satzsystems TeX/LaTeX und dem PDF-Ausgabeformat muss man dabei nicht auf die Effektvielfalt der Konkurrenz verzichten.

Viele Anwender, egal ob es nun Linux-Anhänger oder Windows-Benutzer sind, erstellen Präsentationen ausschließlich mit der bekannten Software aus Redmond bzw. einer freien Office-Alternative. Das funktioniert im Allgemeinen gut, zumindest solange die Präsentation den eigenen Rechner nicht verlässt. Sind allerdings Erstellungs- und Präsentationssystem verschieden, so treten unter Umständen Probleme auf, für die man sich unter Einsatz von LaTeX [1] gar nicht erst zu interessieren braucht.

Mit dem freien Satzsystem lassen sich Präsentationen à la PowerPoint kreieren, die man anschließend auf jedem modernen Betriebssystem darstellen kann, ohne Versionskonflikte oder Inkompatibilitäten hervorzurufen, wie sie beim Import und Export von Fremdformaten der gängigen Office-Pakete auftreten. An erster Stelle sind hierbei sicherlich die Schriftenprobleme zu nennen, die beim Dateitransfer einen Gliederungspunkt durchaus in das Symbol einer Schere verwandeln können. Bemerkt man dieses Problem erst am Tag der Vorführung, erntet man dafür sicherlich viele erstaunte Zuschauerblicke.

Abhilfe schaffen die flexiblen Ausgabemöglichkeiten von LaTeX. Ohne Probleme lassen sich damit nicht nur PostScript-, sondern auch PDF-Dateien erzeugen, deren konsistente Darstellung unter allen gängigen Betriebssystemen möglich ist. Die dazu benötigte Software ist kostenlos und meist Open-Source (siehe Kasten).

Mit dieser Methode können Sie sogar auf die selben peppigen Überblendeffekte und Animationen zurückgreifen, die auch andere bekannte Programme zur Verfügung stellen. Darüber hinaus bietet sich Ihnen die Möglichkeit, Ihre Präsentation auf einer begleitenden Tagungs-CD oder auch auf Ihrer Web-Seite zum Download anzubieten, und zwar ohne diese vorher mühsam konvertieren zu müssen. Das spart Zeit und schont die Nerven.

Artenvielfalt

Allerdings haben Sie die Qual der Wahl, was die bevorzugte Methode der Folienerstellung angeht: Die meisten LaTeX-Distributionen liefern die Dokumentklassen Slides und Seminar für diesen Zweck aus. Insbesondere mit Slides ist es relativ einfach, mit den gewohnten Mitteln zum Ziel zu kommen, da darin kaum neue Befehle und Möglichkeiten enthalten sind: Lediglich Papierformat und Schriften werden an die besonderen Anforderungen angepasst. Die Seitentrennung erfolgt, wie in allen anderen Präsentationsklassen auch, mit Hilfe einer eigens definierten Slide-Umbgebung, die mit

\begin{slide}
  …
\end{slide}

umschlossen wird. Bis auf ein stellvertretendes Beispiel (Listing 1), welches Sie mit der Befehlsfolge

latex filename.tex
dvips -t landscape filename.dvi -o filename.ps

in ein PostScript-Dokument überführen können, wollen wir an dieser Stelle nicht näher auf diese Klasse eingehen. Das Beispiel-Slide kann entweder mit Ghostview (gv) betrachtet oder zunächst mit ps2pdf oder dvipdfm[5] in eine PDF-Datei konvertiert werden. Das Resultat sehen Sie in Abbildung 1, dargestellt von Ghostview mit dem Befehl

gv filename.ps &

Das Gnu kann man beispielsweise von http://adele.gerwinski.de/~anja/gnuart/aurelio/ herunterladen.

Listing 1

Klasse “slides”

\documentclass[a4,landscape]{slides}
\usepackage{color}
\usepackage{graphicx}
\begin{document}
\begin{slide}
\textcolor{blue}{\Large{Creating a dummy slide using \LaTeX}}
\begin{itemize}
\item A simple function definition:
  \[
  gcd(a,b) =
  \left\{
  \begin{array}{cl}
    a,              &  \textrm{if}\,\,a = b\\
    gcd(a - b, b),  &  \textrm{if}\,\,a > b\\
    gcd(a, b - a),  &  \textrm{if}\,\,a < b
  \end{array}
  \right.
  \]
\item A simple GNU:
  \begin{center}
    \resizebox*{!}{.3\textheight}{\includegraphics{GNU.eps}}
  \end{center}
\end{itemize}
\end{slide}
\end{document}

Abbildung 1: Eine mit Slides erstelltes Folie

Abbildung 1: Eine mit Slides erstelltes Folie

Mehr Möglichkeiten bietet Ihnen die Klasse Seminar, wie Sie in Abbildung 2 erkennen können: Damit sind dank der Erweiterungen semcolor, pst-grad und pstcol Farbverläufe möglich, deren Werte sich in RGB und CMYK definieren lassen (siehe Listing 2). Grafiken und Formeln können genauso problemlos wie mit der Slides-Klasse eingebunden werden.

Sie werden vielleicht bemerkt haben, dass der Quelltext etwas unleserlicher ausgefallen ist, und genau hier liegt die Krux von Seminar: Diese Klasse ist unglaublich umfangreich und komplex. Dafür kennt sie aber kaum Grenzen, denn sogar Überblendeffekte sind mit etwas Mehraufwand durchaus möglich.

Abbildung 2: Mit Seminar erstellte Folien sind grafisch anspruchsvoller

Abbildung 2: Mit Seminar erstellte Folien sind grafisch anspruchsvoller

Listing 2

Klasse “seminar”

\documentclass{seminar}
\usepackage{sem-a4}
\usepackage{pstcol}
\usepackage{graphicx}
\usepackage{semcolor}
\usepackage{pst-grad}
\definecolor{Gold}{rgb}{1.,0.84,0.}
\definecolor{NavyBlue}{cmyk}{0.94,0.54,0,0}
\slideframe[\psset{fillstyle=gradient,gradmidpoint=0,
                   gradbegin=white,gradend=NavyBlue}]{scplain}
\begin{document}
\begin{slide}
\textcolor{white}{\Large{Creating a dummy slide using \LaTeX}}
\begin{itemize}
\item A simple function definition:
  \[
  gcd(a,b) =
  \left\{
  \begin{array}{cl}
    a,              &  \textrm{if}\,\,a = b\\
    gcd(a - b, b),  &  \textrm{if}\,\,a > b\\
    gcd(a, b - a),  &  \textrm{if}\,\,a < b
  \end{array}
  \right.
  \]
\item A simple GNU:
  \begin{center}
    \resizebox*{!}{.3\textheight}{\includegraphics{GNU.eps}}
  \end{center}
\end{itemize}
\end{slide}
\end{document}

Mehr Komfort bitte!

Viel leichter in der Handhabung ist ein Zusatzpaket mit dem Namen Prosper[6]. Es handelt sich dabei um eine LaTeX-Erweiterung, die auf der Seminar-Klasse aufbaut, allerdings bei weitem nicht so kompliziert in der Bedienung ist. Sie hat zusätzlich den Vorteil, dass damit fast alle Möglichkeiten von Seminar zur Verfügung stehen und dass das Ergebnis einer PowerPoint-Präsentation zum Verwechseln ähnlich sein kann, wenn Sie dies wünschen. Abbildung 3 zeigt eine mit Prosper erstellte Datei im Acrobat Reader.

Kasten 1: Prosper Installation

LaTeX-Erweiterungen lassen sich entweder systemweit oder nur lokal installieren. Bei Debian reicht z. B. ein einfaches apt-get install prosper, um alle nötigen Dateien an die richtigen Stellen im System zu kopieren. Arbeiten Sie nicht mit Debian und haben außerdem mit LaTeX noch nicht so viel Erfahrung, dann bietet es sich an, das Prosper-Archiv in das Verzeichnis zu entpacken, in welchem sich Ihre lokalen LaTeX-Dateien befinden. Eine dritte Methode besteht darin, den Inhalt des Archivs zentral zu sichern und dann die Umgebungsvariable TEXINPUTS anzupassen. Das geht in der Bash z. B. mit

export TEXINPUTS=~/tex/prosper:$TEXINPUTS

Vielleicht finden Sie aber auch spezielle Pakete für Ihre Linux-Distribution.

Abbildung 3: Prosper-Folien bieten die üblichen grafischen Gimmicks, die man von den sonst üblichen Präsentationsprogrammen kennt

Abbildung 3: Prosper-Folien bieten die üblichen grafischen Gimmicks, die man von den sonst üblichen Präsentationsprogrammen kennt

Listing 3

Klasse “prosper”

\documentclass[pdf,final,colorBG,slideColor,nototal,blends]{prosper}
\usepackage{color}
\usepackage{graphicx}
\title{LinuxUser Test-Slide}
\begin{document}
\begin{slide}[Glitter]{Creating a dummy slide using \LaTeX}
\begin{itemize}
\item A simple function def\/inition:
  \[
  gcd(a,b) =
  \left\{
  \begin{array}{cl}
    a,              &  \textrm{if}\,\,a = b\\
    gcd(a - b, b),  &  \textrm{if}\,\,a > b\\
    gcd(a, b - a),  &  \textrm{if}\,\,a < b
  \end{array}
  \right.
  \]
\item A simple GNU:
  \begin{center}
    \resizebox@L: *{!}{.3\textheight}{\includegraphics{GNU.eps}}
  \end{center}
\end{itemize}
\end{slide}
\end{document}

Der zugehörige LaTeX-Quelltext ist in Listing 3 zu sehen. Auffällig daran ist, dass die Dokumentklasse mit vielen zusätzlichen Parametern initialisiert wird. pdf optimiert die Grafiken und Effekte auf das PDF-Ausgabeformat, und final legt die beste Qualität fest, braucht in der Übersetzung allerdings auch länger als die Alternative draft (Entwurfsdruck).

colorBG und slideColor legen fest, dass die Slides Farbe enthalten,n und nototal verhindert, dass die Seitennumerierung als “Seite x/y” dargestellt wird – das ist reine Geschmackssache. Am interessantesten ist wahrscheinlich der Parameter blends, denn damit wird eine Art Stylesheet ausgewählt, das den Folien den PowerPoint-ähnlichen Look beschert. Prosper unterstützt eine Vielzahl solcher Stylesheets, für die es in der Dokumentation Beispiel-Screenshots gibt. Das Angebot erstreckt sich von StarOffice- über PowerPoint-Stil bis hin zu einem sehr schlichten weißen Hintergrund ohne Schnörkel und Bildchen. Jedoch müssen Sie das Paket Blends separat herunterladen [7].

Anders als bei Slides und Seminar erwartet die Slide-Umgebung von Prosper drei an Stelle nur eines Parameters. In eckigen Klammern wird zusätzlich die Art des Überblendeffektes mit angegeben und dahinter in geschweiften Klammern noch die Überschrift der jeweiligen Folie gesetzt. Die Effekte sind vielfältig und lassen kaum Wünsche offen:

  • Split: Der Bildschirm wird langsam zweigeteilt und enthüllt zunehmend eine neue Folie
  • Blinds: Ähnlich einer Jalousie wird ein neues Slide aufgeklappt
  • Box: Ein sich vergrößerndes Viereck zeigt zunehmend mehr von der neuen Folie
  • Wipe: Die alte Folie wird “weg gewischt”
  • Dissolve: Die alte Folie löst sich langsam auf
  • Glitter: Eine Mischung aus Dissolve und Wipe
  • Replace: Die alte Folie wird einfach durch die neue ersetzt

Obwohl es sehr komfortabel scheint, den Effekt für jede Seite eigens festlegen zu können, bietet Prosper Ihnen auch die Möglichkeit einer Default-Einstellung. Damit können Sie den Effekt innerhalb einer Präsentation einheitlich halten:

\DefaultTransition{Glitter}

An dieser Stelle sollte jedoch der Hinweis nicht fehlen, dass optische Extras wie z. B. Glitter nur mit dem PDF-Format möglich sind und auch nicht von allen Anzeigeprogrammen richtig interpretiert werden, d. h., Sie können nicht mehr auf das PostScript-Ausgabeformat zurückgreifen, wenn Sie von diesen Mitteln Gebrauch machen wollen. Der weit verbreitete Acrobat Reader (ab Version 4) rendert komplexe Slides allerdings problemlos, und dieses Programm gibt es auch für Windows und MacOS.

Der Alleskönner

Manchmal bietet es sich an, Folien zu erstellen, auf denen nicht gleich der gesamte Inhalt sichtbar ist. Vorstellbar ist eine Präsentation, die auf Tastendruck jeweils einen weiteren Stichpunkt einblendet. Auch das ist mit Prosper machbar, Listing 4 (eine Modifikation von Listing 3) zeigt ein Beispiel dafür.

Listing 4

Einblendungen

\overlays{3}{
 \begin{slide}[Glitter]{Creating a dummy slide using \LaTeX}
 \begin{itemize}
 \fromSlide{2}{
  \item A simple function def\/inition:
    \[
    gcd(a,b) =
    \left\{
    \begin{array}{cl}
      a,              &  \textrm{if}\,\,a = b\\
      gcd(a - b, b),  &  \textrm{if}\,\,a > b\\
      gcd(a, b - a),  &  \textrm{if}\,\,a < b
    \end{array}
    \right.
    \]
 }
 \fromSlide{3}{
  \item A simple GNU:
    \begin{center}
      \resizebox@L: *{!}{.3\textheight}{\includegraphics{GNU.eps}}
    \end{center}
 }
 \end{itemize}
}

Mit den Anweisungen \overlays{x} und \fromSlide{y} ist es möglich, neue Gliederungspunkte auf einen Layer zu legen, ohne den bestehenden Inhalt zu verwerfen. Die Prosper-Layer sind nämlich, ähnlich wie die in Bildverarbeitungsprogrammen, durchsichtig. In diesem Beispiel würde also zuerst die Überschrift erscheinen, dann die mathematische Formel und zuletzt das Gnu.

Im Ergebnis sind die Layer eigenständige Slides, jedoch wirkt es auf die Betrachter so, als würde sich durch das Umschalten der Seiten nur eine einzige Folie schrittweise zusammensetzen.

Trotz dieser Funktionsvielfalt gibt es einen Wertmutstropfen: Scheinbar sind einige Versionen der LaTeX-Ausgabe-Tools mit Fehlern behaftet. Würde man im Code für das Slide das etwas seltsam anmutende

\item A simple function def{}inition:

durch

\item A simple function definition:

ersetzen, so würde (abhängig von der Programmversion) ein falscher Buchstabe ausgegeben. LaTeX behandelt nämlich “fi”, “ff”, “ft” usw. als je einen einzelnen Buchstaben, eine so genannte “Ligatur”. Es kann passieren, dass Ligaturen im Übersetzungsvorgang Ihrer Präsentation falsch interpretiert werden. Berücksichtigt man dies, so ist es mit diesem einfachen Trick möglich, das Problem zu umgehen. LaTeX-Insider wissen, dass man mit {} oder \/ Ligaturen unterdrücken kann.

PDF-Erzeugung

Wie schon erwähnt, sollten optisch anspruchsvolle Präsentationen nicht im PostScript-Format verwendet werden, weil dieses keine Effekte unterstützt. Deshalb ist die Übersetzungsfolge, wenn Sie Prosper benutzen, im Allgemeinen leicht anders als die mit Slides oder Seminar:

latex filename.tex
dvips -Ppdf filename.dvi -o filename.ps
ps2pdf -dPDFsettings=/prepress filename.ps

Zusätzliche Parameter sorgen dafür, dass alle Schriften und Grafiken anständig gerendert werden und eine unter Linux erstellte Präsentation auch auf einem Windows-PC ordentlich aussieht. Denn es kommt ja darauf an, dass die Datei portabel ist und z. B. auch gleich ins Netz gestellt werden kann. Dazu ist keine weitere Konvertierung erforderlich.

Präsentieren

Ist es dann endlich so weit und Sie wollen Ihre Präsentation einem breiten Publikum vorstellen, können Sie die PDF-Datei auf CD-R oder Zip-Diskette sichern und auf einen fremden Rechner am Tagungs- oder Konferenzort kopieren. Dieser muss lediglich den Acrobat Reader zur Verfügung stellen.

Der Acrobat Reader unterstützt einen Full-Screen-Modus, so dass die Präsentation ohne störende Programmfensterrahmen abläuft.

Sollten Sie trotzdem zusätzlich eine druckerfreundlichere Variante Ihrer Präsentation benötigen, lassen Sie bei der Intitialisierung der Prosper-Klasse einfach den PDF-Parameter weg und verwenden die PostScript-Datei. Sie wird keinerlei Extras enthalten und ist deshalb ideal für den Ausdruck.

Fazit

Mit LaTeX können Sie nicht nur schöne Diplom- und Doktorarbeiten verfassen, sondern es eignet sich manchmal sogar besser für Präsentationen als die bekannteren Präsentationsprogramme.

PDF und PostScript sind einfach weitaus flexibler als die Ausgabeformate von PowerPoint & Co. und weisen zudem eine hohe Darstellungskonsistenz auf. Ob Sie nun Slides, Seminar oder Prosper einsetzen, spielt dabei fast keine Rolle. Alleine Ihr eigener Geschmack und die Bedürfnisse sind ausschlaggebend.

Glossar

PostScript

Bei PostScript handelt es sich um eine Seitenbeschreibungssprache, die aus der Welt der Laserdrucker stammt. Dank Programmen wie Ghostscript und Ghostview [2] ist es möglich, eine PostScript-Datei auch auf dem Bildschirm in einer Art Druckvorschau darzustellen. Daraus hervorgegangen ist PDF, welches zusätzliche Features wie z. B. eingebettete Hyperlinks unterstützt. PDF kann vom kostenlosen Acrobat Reader [3], Ghostview und xpdf [4] dargestellt werden. Weder PostScript noch PDF sind plattformspezifisch.

PDF

Aus PostScript hervorgegangen ist PDF, welches zusätzliche Features wie z. B. eingebettete Hyperlinks unterstützt. PDF kann vom kostenlosen Acrobat Reader [3], Ghostview und xpdf [4] dargestellt werden. Weder PostScript noch PDF sind plattformspezifisch.

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