Seien wir ehrlich: Wann schreiben wir persönliche Briefe außerhalb der elektronischen Mail? Zumeist nur noch bei besonderen Anlässen. Die sind so selten, dass das Briefeschreiben oft zu einem Kampf mit den entsprechenden Textverarbeitungsprogrammen mutiert. Dem gestressten Verfasser empfehlen wir deshalb tk-brief, um die Arbeit schnell und elegant zu erledigen.
Die Buchstaben tk im Namen unserer Schreibhilfe lassen bereits ahnen, woraus dieses Werkzeug besteht: Unter der klickbaren Oberfläche steckt Tcl/Tk, eine Verbindung aus der Skriptsprache Tcl und dem GUI-Toolkit Tk. Da Skripte im Gegensatz zu Binärprogrammen interpretiert werden, müssen Sie den benötigten Interpreter wish zuvor installieren. Sie finden ihn für gewöhnlich in den Tcl/Tk-Paketen Ihrer Distribution. tk-brief ist ein Frontend des Schriftsatzsystems LaTeX. Um es zu nutzen, benötigen Sie nicht nur dessen Basisprogramme, sondern auch das Zusatzpaket g-brief. Zu guter Letzt fehlt Ihnen das Frontend selbst. Als Debian-Benutzer installieren Sie es mit apt-get install tk-brief; Anwender anderer Distributionen greifen hier zu ihren hauseigenen Installationsprogrammen wie etwa dem SuSE-Tool YaST. Ist tk-brief nicht im Lieferumfang Ihrer Distribution enthalten, finden Sie das Skript auf verschiedenen Servern im Netz [1] und über einschlägige Suchmaschinen [2]. Nach dem Verschieben der Datei in ein Verzeichnis, das in der Shell-Variable $PATH aufgelistet ist, (z. B. /usr/local/bin) und einer Änderung der Zugriffsrechte sollte die Schreibhilfe einsatzbereit sein:
mv tk-brief /usr/local/bin/tk-brief chmod 755 /usr/local/bin/tk-brief
Allerdings wurde tk-brief vom Autor Ralf Müller auf einem Debian-System entworfen – beim Eigenbau mit SuSE, Red Hat oder Mandrake können die Pfade unter Umständen anders lauten
Die Oberfläche
Nach dem Start über den Befehl tk-brief auf der Kommandozeile erscheint der Teil der Benutzeroberfläche, den Sie hauptsächlich nutzen werden (Abbildung 1). Der erste Schritt besteht im Anklicken des Buttons Configuration. Sie finden ihn in der rechten Schalterleiste. Daraufhin öffnen sich die Konfigurationseinstellungen, die Sie in Abbildung 2 sehen.
Der erste Knopf mit der Aufschrift English im rechten Einstellungsfenster bietet Ihnen eine Leiste mit verschiedenen Sprachumgebungen an. Wählen Sie hier Deutsch und drücken Sie auf die Schalter Save und End.
Zurück im Hauptmenü müssen Sie das Programm beenden (End) und erneut starten, damit die Sprachvorgabe greift. Nun können wir uns die unterschiedlichen Einstellungen ohne Verständnisschwierigkeiten ansehen. Gehen wir sie von oben nach unten durch.
Das Feld Dateiname bezeichnet das Präfix der Dateien, die beim Erstellen von Briefen durch LaTeX und sein Frontend erzeugt werden. Zu nennen wären da tk-brief.aux, tk-brief.dvi, tk-brief.log oder tk-brief.tex und noch einige andere mehr. In der Regel brauchen Sie sich um diese Dateien nicht zu kümmern.
Mit den Feldern An, Name, Straße, Ort und Faxnummer definieren Sie die Anschrift des Empfängers. Die Knöpfe Postvermerk, Verteiler, Ihr Schreiben, Betreff und die Leiste hinter Ihr Zeichen ermöglichen Ihnen die im Geschäftsverkehr üblichen Anmerkungen. Anrede und Gruß legen Sie in den darunter liegenden Feldern fest.
Wenden wir uns nun der rechten Seite des Tools zu: Der Ende-Knopf lässt das Frontend von Ihrem Bildschirm verschwinden. Auf die Konfiguration haben wir bereits einen Blick riskiert. Editiere Text öffnet den von Ihnen gewünschten Editor, um den Brieftext zu verfassen.
Der Button Rechtschreibung prüft Ihren fertigen Text. In der Voreinstellung wird dafür das Programm ispell verwendet. Durch den Schalter LaTeX-Datei wird eine Datei mit der Endung .tex und dem Inhalt des Dateiname-Felds erstellt und in einer Extra-Ansicht gezeigt. Mit LaTeX erstellt das Tool (genauer: das Programm LaTeX) die Dateien mit der Endung .aux, .log etc., von denen wir schon gespochen haben. Als Nicht-LaTeXer brauchen Sie sich hierfür nicht weiter zu interessieren.
Weitaus interessanter sind die Menüpunkte Vorschau und Drucken. Ersterer ruft per Default das Programm xdvi auf, mit dem Sie Ihren Brief vor dem Ausdruck prüfen können (Abbildung 3). Ausdrucken können Sie den Brief über den Button Drucken. Mit Ihren gespeicherten Adressdaten drucken Sie zudem Couverts (Umschlag drucken) und Massensendungen (Serienbrief). Wenn Sie ein Programm wie Efax oder Hylafax besitzen, steht mit dem Schalter Sende Fax auch einer elektronischen Nachrichtenübermittung nichts im Weg.
Die Option Aufräumen entfernt schließlich die meisten Dateien, die sich durch die Arbeit mit dem Tool in Ihrem Home-Verzeichnis angesammelt haben. Lediglich die Dateien tk-brief.cfg, tk-brief.tex und tk-brief.text bleiben dabei erhalten.
Konfiguration
Zurück zu den Basiseinstellungen mit dem Schalter Konfiguration. Beginnen wir mit den Einstellungen in der linken Spalte. Der erste Punkt bietet Ihnen eine Auswahlliste verschiedener Brieftypen an, von g-brief über letter bis zu din-brief. Darunter entdecken Sie drei Buttons, mit denen sich die Standardschriftgröße anpassen lässt. Die Optionen Paket und Klassenoptionen sind eher für erfahrene LaTeX-Anwender gedacht, und wir überspringen sie hier. Um einen neuen Absender anzulegen, drücken Sie den gleichnamigen Knopf. Im unteren Bereich der linken Spalte tippen Sie die neuen Angaben in die Adressfelder. In Zukunft wählen Sie je nach Bedarf eine Adresse aus der Liste, in der zuvor nur der Name "Fred" vermerkt war. Natürlich könnte Sie nicht benötigte Absenderadressen im Feld darunter löschen.
Die rechte Spalte der Konfigurationstafel beschäftigt sich im Wesentlichen mit den Einstellungen zum Programm selbst. Gleich zu Anfang haben wir hier die Sprache von Englisch auf Deutsch gewechselt. Mit der Farb-Palette passen Sie die Farbe des tk-brief-GUI Ihrem Geschmack an. Mit dem Knopf Text-Farbe verfahren Sie ebenso, wenn Ihnen die Farbe der Schrift auf den Buttons und Menüleisten nicht gefällt.
Weiter zum nächsten Abschnitt. Nicht jeder Brief soll Trenn- oder Lochermarken tragen oder knochentrocken und serifenlos daherkommen. Hier legen Sie das weitere Aussehen fest und können mit den Schaltern klassisch und german-style stilbildend wirken.
Programminterne Definitionen machen den unteren Bereich aus. Das Fenster Verzeichnis bestimmt, wo alle Dateien, die das LaTeX-Frontend erstellt, gespeichert werden. In der Voreinstellung sehen Sie die Pfad-Anweiung ./. Sie bedeutet, dass die Dateien in dem Verzeichnis abgelegt werden, in dem Sie tk-brief aufrufen.
Vielleicht erscheint Ihnen das Verzeichnis /tmp für diesen Zweck sinnvoller. Das Feld Editor bestimmt, mit welchem Programm Sie den Text Ihrer Briefe aufsetzen. Suchen Sie sich Ihren Lieblings-Editor aus. Die Option Drucken sagt dem Brief-Tool, mit welchem Befehl und welcher Option Sie Ihren Drucker ansprechen. Das Kommando, mit dem das Satzsystem LaTeX gestartet wird, sehen Sie im darunter liegenden Fenster. Mit xdvi wird der Betrachter aufgerufen, den Sie zur Vorschau nutzen. Damit der Schalter Drucken funktioniert, brauchen Sie den Eintrag im Feld dvips. Dieser Befehl konvertiert Dateien mit der Endung .dvi in PostScript-Dateien, die der Drucker verarbeiten kann.
Den Punkt ispell, der die Rechtschreibrüfung angibt, haben wir bereits angesprochen, und die letzte Option Fax betrifft Ihr Faxprogramm – so Sie eines verwenden.
Da alle Voreinstellungen sinnvoll und stimmig vorhanden sind, bleibt Ihnen eigentlich nur noch wenig zu tun: Sie suchen sich Ihren Text-Editor aus und stellen Ihre Absendeangaben zusammen. Dann speichern Sie Ihre Einträge. Die Taste Ende bringt Sie zurück in die Arbeitsumgebung. Dort nennen Sie die Anschrift des Empfängers und schreiben Ihren Brief, den Sie via Mausklick samt Umschlag in bestechender LaTeX-Qualität ausdrucken.
Lediglich das Anfeuchten der Briefmarken kann tk-brief nicht für Sie übernehmen.
Infos
[1] Download-Quelle: http://138.245.59.47/~leist/links/projects/tk-brief/tk-brief/tk_Brief
[2] Suchmaschine: http://www.tuxfinder.com/
[3] LaTeX-Workshop: Heike Jurzik, Gutenberg am Rechner, http://www.linux-user.de/ausgabe/2002/09/043-latex/
[4] Tcl/Tk-Workshop: Sibylle Nägle, Ein Kleid für die Kommandozeile, http://www.linux-user.de/ausgabe/2000/06/TclTk1/tcl1.html



