Datei-Manager de Luxe

Konqueror und Nautilus

01.04.2003 Eine Desktop-Umgebung verdiente den Namen nicht, würde sie dem Benutzer nicht auch einen leistungsfähigen Datei-Manager mitliefern. Grund genug, Konqueror und Nautilus, die Herzstücke von KDE und GNOME, genauer unter die Lupe zu nehmen.

Eigentlich sollte sich die Wahl zwischen nautilus und konqueror nicht stellen, denn ein zufriedener GNOME-Nutzer wird sich kaum mehrere Megabyte KDE-Bibliotheken in den Speicher laden, und auch KDE-Anwender dürften wenig Freude an nautilus haben, da man diesem das Zeichnen das Desktops nur noch mit einer Kommandozeilenoption untersagen kann. Ein unbedachter Start von nautilus ohne die Option --no-desktop reicht aus, und KDE-Benutzer sehen ihre Arbeitsumgebung (zwangsweise) in einem ganz neuen Licht (Abbildung 1).

Abbildung 1: Konsequenz eines Nautilus-Starts under KDE

Inzwischen geht die Fuktionalität beider Programme jedoch weit über die eines klassischen Datei-Managers hinaus. Die Programme bieten dem Benutzer den Ausgangspunkt oder sogar die Lösung für die Erledigung nahezu aller anfallenden Arbeiten an, so dass die Frage, welches der beiden der eigenen Arbeitsweise am ehesten entspricht, sogar entscheidend für die Wahl der Desktop-Umgebung sein kann.

Unterschiedliche Aufgaben

Beiden gemeinsam ist, dass sie zusätzlich noch andere Aufgaben ihrer Desktop-Umgebung erfüllen. So ist nautilus nicht nur für das Zeichnen des Desktops verantwortlich, sondern dient auch als Kontrollzentrum von GNOME 2.2 (Seite 26 ff), konqueror dagegen erfüllt unter KDE zusätzlich die Aufgabe des Standard-Browsers.

Obwohl dieser Artikel sich mit den Datei-Manager-Komponenten der beiden Programme beschäftigt, sollen die Browser-spezifischen Neuerungen von konqueror hier zumindest kurz erwähnt werden: Neu ist das so genannte Tabbed Browsing, mit dem Sie Web-Seiten statt in einem neuen Fenster auf einer Registerkarte des bereits geöffneten Fensters darstellen. Durch Klick auf die Karteikartenreiter (Tabs) springen Sie ohne das sonst übliche Fensterchaos von einer Seite zur anderen. Ebenfalls erwähnenswert ist die Tatsache, dass schon ein Teil der Arbeit der Safari-Entwickler in konqueror eingeflossen ist, was u. a. Verbesserungen in der Darstellung von Web-Seiten, die Java Script verwenden, bedeutet.

Alles Einstellungssache

Die klassischen Aufgaben des Datei-Managements beherrschen beide Programme gleichermaßen gut; Ordner anlegen und Dateien kopieren erledigen Sie schnell und intuitiv entweder über Menüs, mit Shortcut oder per Drag & Drop. Die Fensteransicht der Programme ist konfigurierbar, bei konqueror entweder über das Menü oder die Symbolleiste, nautilus bietet mit der Seitenleiste sogar eine darüber hinausgehende Funktionalität: Nicht nur zwischen Baum- und Informationsansicht kann der Anwender wählen, er hat darüber hinaus noch die Möglichkeit, ein Emblem- oder Notizfenster einzublenden. Aus Ersterem heraus versehen Sie Dateien und Ordner mit aussagekräftigen Symbolen, wobei ein Objekt auch mit mehreren Emblemen verziert werden kann. In Letzterem erstellen Sie kurze Anmerkungen für das gerade aktive Objekt, was übrigens nicht nur über die Seitenleiste, sondern auch über die Registerkarte Notizen des Eigenschaftenmenüs jeder Datei möglich ist. Gespeichert werden sowohl die benutzen Embleme als auch die Notizen in XML-Dateien im Verzeichnis ~/.nautilus/metafiles.

Ein Nachteil von nautilus in Bezug auf die Dateiverwaltung ist die fehlende Suchfunktion: Die Dateisuche wird nach wie vor über den entsprechenden Eintrag im Aktionen-Menü des Panels gestartet. Obwohl es inzwischen möglich ist, die gefundenen Dateien auf ein nautilus-Fenster zu ziehen und auf diese Weise zu kopieren oder zu verschieben, wäre ein in den Datei-Manager integrierter Suchdialog die intuitivere Lösung.

Bei der Gestaltung der Konfigurationsdialoge folgen beide Anwendungen der Philosophie der jeweiligen Desktop-Umgebung. Die Konfiguration von konqueror ist relativ frei anpassbar (Abbildung 2), und wer eine Option vermisst, wird oftmals feststellen, dass sie schon existiert aber in der Fülle der Möglichkeiten übersehen wurde.

Abbildung 2: Konfigurationsoptionen für Konqueror

Langjährigen nautilus-Nutzern steht dagegen eine Umgewöhnung bevor: Auch der Einstellungsdialog des Datei-Managers wurde im Hinblick auf die GNOME-Design-Philosophie überarbeitet. Die Dialoge sind ausgesprochen geradlinig gestaltet und berücksichtigen nur die wichtigsten Optionen, so dass sich hier jeder Anwender schnell zurecht finden sollte (Abbildung 3).

Abbildung 3: Aufgeräumte Menüs unter Nautilus

Multimedial

In der heutigen Zeit, in der Festplatten für Bilder, Filme und Musik gar nicht groß genug sein können, verliert der Anwender schnell den Überblick – vor allem, wenn er es versäumt hat, seinen multimedialen Schätzen aussagekräftige Namen zu geben. Eine Bildvorschau für die gängigen Formate beherrschen konqueror und nautilus schon lange, und auch das Abspielen von Musik direkt aus dem Datei-Manager heraus ist nichts wirklich Neues. Bislang jedoch nicht berücksichtigt wurden die so genannten Meta-Informationen einzelner Dateien, wie z. B. die bei Ogg Vorbis und MP3-Dateien üblichen ID3-Tags.

Wie üblich passt auch hier die Formel "zwei Desktops, zwei Lösungen". Neu bei nautilus ist eine zusätzliche Registerkarte im Eigenschaftendialog, die je nach Typ der markierten Datei entweder Bild, Audio oder Video heißt. Dort finden Sie die bislang vernachlässigten Meta-Informationen wie z. B. die Farbtiefe eines Bildes oder Interpret und Titel einer Audio-Datei. Bilder und neuerdings auch Videos werden statt mit normalen Icons in einer verkleinerten Vorschau angezeigt.

Abbildung 4: Die neue Audio-Ansicht von Nautilus

Ein besonderes Schmankerl ist die neue Audio-Ansicht für Ordner (Abbildung 4). Aktiviert wird sie über Ansicht / Audio-Ansicht. Standardmäßig wird dieser Menüpunkt nicht eingeblendet, so dass Sie ihn erst über Ansicht / Ansicht auswählen / Audio-Ansicht / Ändern in das Menü für ausgewählte Ordner aufnehmen müssen. Belohnt werden Sie durch eine Ansicht, die Ihnen alle relevanten Informationen inklusive einer Abspielleiste zur Verfügung stellt. Möglich wird dies durch die erstmalige Integration des GStreamer Multimedia Framework [1] in GNOME 2.2.

Da darf konqueror natürlich nicht zurückstehen, und so finden sich auch dort eine neue Thumbnail-Vorschau für Videodateien und ein erweiterter Eigenschaftendialog für multimediale Dateien. Auf der Registerkarte Meta-Info stehen die zusätzlichen Informationen zur Verfügung, die man im Fall von Jpeg- und Audio-Dateien sogar direkt dort bearbeiten kann. (Bei Audio-Dateien kann man nur bereits vorhandene Tags bearbeiten. Wenn eine Ogg- oder mp3-Datei ohne Tags vorliegt, fehlen in dem Dialog die Eingabefelder; zum nachträglichen Setzen von ID3-Tags muss man also weiterhin auf externe Programme wie easytag zurückgreifen.)

Audiodateien spielen Sie entweder mit dem eingebetteten Media Player ab, der über das Kontextmenü erreichbar ist, oder Sie hören kurz in ein Musikstück hinein, indem Sie mit der Maus auf der entsprechenden Datei verweilen. Das hat zusätzlich den Vorteil, dass Sie im erscheinenden Tooltip-Fenster auch einen kurzen Blick auf die Meta-Informationen der Datei werfen können. Dieses Tooltip-Fenster steht auch für alle anderen Dateien zur Verfügung und blendet, sofern vorhanden, die zur Datei gehörenden Meta-Informationen ein (Abbildung 5).

Abbildung 5: Kompakte Informationen in Konquerors Tooltip-Fenster

Aktion und Information

Die Meta-Informationen, die konqueror dem Benutzer bietet, beschränken sich dabei nicht allein auf Multimedia-Dateien, sondern es sind noch weit mehr dieser KFile-Plugins hinzugekommen, die mehr oder weniger wichtige Informationen bereit halten. So liefert das Tooltip-Fenster für RPM- und Debian-Pakete interessante Informationen wie z. B. die Version der enthaltenen Software und die Kurzbeschreibung des Pakets. Das funktioniert für Debian-Pakete sogar auf einer RPM-basierten Distribution ohne Debians Paket-Tool dpkg.

Auch der Titel einer HTML-Datei und die Information, ob diese Java-Script-Code enthält, ist Bestandteil der abrufbaren Meta-Informationen. Besonders nützlich ist das ebenfalls neue Feature, direkt in den Meta-Daten der einzelnen Dateien zu suchen. Diese neue Option befindet sich auf der Registerkarte Contents des Suchdialogs.

Doch auch nautilus kann mit neuen Aktionen aufwarten, etwa den neu hinzu gekommenen Kontextmenü-Plugins. Dabei handelt es sich um Funktionen, die von anderen Programmen zur Verfügung gestellt werden und in kontext-sensitiver Form direkt über nautilus aufgerufen werden. So findet sich im Kontextmenü von gepackten Dateien die Option, sie an Ort und Stelle oder aber in ein frei wählbares Zielverzeichnis auszupacken. Auf ebenso einfache Weise kann man über das Kontextmenü Archive aus den gerade markierten Dateien erstellen. Anbieter dieser Funktionen ist das Archiv-Programm fileroller. Da die Kontextmenü-Plugins erstmals unter GNOME 2.2 zur Verfügung stehen, gibt es noch nicht viele Anwendungen, die hier ihre Dienste anbieten, was sich jedoch bald ändern dürfte.

Erweitert

Sollte es tatsächlich Benutzer geben, denen bei all dieser Funktionalität noch das eine oder andere Feature fehlt, so haben die Programmierer auch für diesen Fall vorgesorgt. Konqueror ist über Plugins erweiterbar, welche Sie normalerweise über den Menüpunkt Tools erreichen. Dort können Sie u. a. die Syntax einer HTML-Datei über http://validator.w3.org/check/ überprüfen oder sich von einem mit Bildern gefüllten Verzeichnis eine Bildergalerie erstellen lassen. Konqueror legt dann ein Verzeichnis für Thumbnails der Bilder an, erstellt diese und erzeugt eine passende HTML-Datei mit korrekten Links. Schon die Voreinstellung sorgt dabei für ansprechende Ergebnisse (Abbildung 6).

Abbildung 6: Von Konqueror erzeugte Image Gallery

Sollte bei Ihnen unter dem Menüpunkt Tools gähnende Leere herrschen, schafft die Installation des kdeaddons-Paketes Abhilfe, da sich dort die Plugins verbergen.

Der Ansatz von nautilus ist ein anderer, da dort eine Erweiterung über Skripte erfolgt, welche im Verzeichnis ~/.gnome2/nautilus-scripts abgelegt werden müssen. Welche Skriptsprache Sie beherrschen, ist dabei egal: Von einfachen Shell-Skripten bis hin zu Perl- oder Python-Programmen mit grafischer Oberfläche lässt sich alles über den Menüpunkt Datei / Skripte in nautilus einbinden. Auch Nicht-Programmierer müssen nicht verzagen, da es im Netz einige Anlaufstellen für nautilus-Skripte gibt. Einen guten Ausgangspunkt für die Suche finden Sie unter [2]: Diese Web-Seite bietet nicht nur eine Skript-Sammlung, sondern darüber hinaus Links zu weiteren Sammlungen und eine kurze Einführung in die Erstellung von Skripts mit Tipps, welche Umgebungsvariablen automatisch von Nautilus gesetzt werden, und wie man in einem Skript auf sie zugreift.

Was für wen?

Einen klaren Sieger gibt es bei diesem Vergleich nicht. Sowohl konqueror als auch nautilus erledigen die Aufgaben eines Datei-Managers stabil und zuverlässig und bieten darüber hinaus viele Komfortfunktionen. konqueror ist sowohl von der Optik als auch von der Funktionalität her detailverliebter und in manchen Punkten auch verspielter als nautilus, was allerdings nur ein nebensächliches Entscheidungskriterium sein kann. Am wichtigsten dürfte die Frage sein, wie gut die beiden Anwendungen den Anwender bei der täglichen Arbeit unterstützen. Am leichtesten finden Sie auch hier die Antwort durch Ausprobieren.

Glossar

Safari

Browser der Firma Apple, die sich entschieden hat, die HTML Render Engine von KDE für Safari zu verwenden. Alle Verbesserungen, die von den Apple-Programmierern entwickelt werden, fließen zum KDE-Team zurück und finden damit auch Einzug in Konqueror. Der große Code Merge ist für KDE 3.2 geplant.

Java Script

Häufig auf Web-Seiten eingesetzte Skriptsprache, die u. a. für Menü-Elemente und Formulare Verwendung findet. Da dieser Code lokal vom eigenen Browser ausgeführt wird, ist es sinnvoll, die Ausführung nur bei ausgewählten, vertrauenswürdigen Seiten zu erlauben, da sonst lokale Sicherheitslücken ausgenutzt werden können.

Ogg Vorbis

Ein freies Kompressionsformat für Audio-Dateien, welches bei gleicher Kompressionsrate eine höhere Qualität als mp3 bietet. Im Gegensatz zum Kompressionsalgorithmus des Frauenhofer-Instituts steht der für Ogg-Dateien verwendete unter der GPL.

ID3-Tags

Komprimierte Audio-Formate bieten die Möglichkeit, neben der Musik auch zusätzliche Informationen am Anfang der Datei zu speichern. Darunter befinden sich u. a. Felder für Interpret und Titel eines Musikstücks. Abspielprogramme wie xmms werten diese Informationen aus und können sie anstelle des Dateinamens der abgespielten Datei anzeigen.

Einem Freund empfehlen    Druckansicht beenden Bookmark and Share
Kommentare