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Neue Desktops braucht das Land

GNOME und KDE

01.04.2003 In regelmäßigen Abständen erscheinen neue Releases der großen Desktop-Umgebungen KDE und GNOME und lassen den Benutzer mit vielen Fragen allein: Was hat sich geändert, lohnt ein Update und wie machen sich die Kontrahenten im direkten Vergleich?

Obwohl die Anfeindungen zwischen den KDE- und GNOME-Lagern im letzten Jahr deutlich nachgelassen haben, besteht immer noch eine direkte Konkurrenzsituation um die Gunst der Benutzer. Da trifft sich das beinahe zeitgleiche Erscheinen der neuen Versionen von KDE (3.1) und GNOME (2.2) ausgesprochen gut, bietet sich doch so die Möglichkeit des direkten Vergleichs. In der Numerierung gehen die Desktops mit den Versionsnummern der verwendeten GUI-Toolkits konform: So setzt KDE 3.1 auf Qt in Version 3.1 auf, und GNOME 2.2 bedient sich der Gtk-Version 2.2.

Beinahe wäre es gar nicht zu dem fast gleichzeitigen Erscheinen gekommen, da KDE 3.1 eigentlich schon Ende letzten Jahres zum Download bereitstehen sollte. Einige Sicherheitslücken und gravierende Bugs haben die Entwickler dann doch bewogen, mit der Herausgabe der fertigen Version bis zur Beseitigung dieser Fehler zu warten. Auch im GNOME-Team ist man ähnlich erwachsen geworden; der in den Beta-Versionen von GNOME 2.2 praktisch unbenutzbare Theme Manager wurde vor der Fertigstellung von Version 2.2 noch einmal gründlich überarbeitet und leistet nun gute Dienste.

Des Kaisers neue Kleider

Schon der erste Start des neuen KDE macht den Versionssprung deutlich, haben doch die Entwickler der Desktop-Umgebung einen neuen Default-Stil namens Keramik und das dazu passende Icon-Theme Crystal (Abbildung 1) verpasst.

Abbildung 1

Abbildung 1: KDE 3.1 mit neuer Optik

Freunde des alten Stils können diesen nach wie vor im Kontrollzentrum einstellen, und wer einen ganz anderen Geschmack hat, wird mit Sicherheit im prall gefüllten kdeartworks-Paket etwas passendes finden. Wer jetzt befürchtet, er müsse sich auch in anderen Bereichen umstellen, hat sich glücklicherweise getäuscht: Die Bedienung und die dafür vorgesehenen Einstellungsmöglichkeiten wahren die Konsistenz zu früheren KDE-Versionen, so dass der Benutzer keine Mühe hat, die gewünschten Optionen zu finden. Die einzige Gefahr besteht darin, dass aufgrund der sich sofort einstellenden Vertrautheit die eher im Detail liegenden Neuerungen gar nicht auffallen.

Volle Kontrolle

Das Kontrollzentrum wurde im Hinblick auf Struktur und Übersichtlichkeit überarbeitet: Dank der gut gelungenen Gliederung finden sich so auch Benutzer, die KDE noch nicht kennen, gut zurecht. In der gewohnten baumartigen Struktur konfiguriert man so alle Aspekte der täglichen Arbeit und des Systems. Die Einstellungsmöglichkeiten beschränken sich dabei nicht nur auf das Desktop-Layout, sondern umfassen auch persönliche Angaben (Name und E-Mail-Adresse), bevorzugte Anwendungen und administrative Aufgaben wie die Konfiguration des Login-Managers oder auch die neu hinzugekommene Möglichkeit, direkt im Kontrollzentrum die Auflösung des X-Servers zu ändern.

Komplett überarbeitet wurde das Font-Modul: Die erfreulichste Änderung besteht darin, dass man nun einzelne Schriftgrößen vom Antialiasing ausschließen kann. In früheren KDE-Versionen hatte Antialiasing den unschönen Effekt, dass kleine Schriften kaum noch lesbar waren; durch die neue Option im Kontrollzentrum ist es nun nicht mehr nötig, komplett auf die Kantenglättung zu verzichten.

Ebenso hat der Font-Installer unter dem Unterpunkt System neue Optionen erhalten: Neben einer Thumbnail-Ansicht für die ausgewählte Schrift (Abbildung 2) existiert auch die Möglichkeit, einzelne Schriftarten nur zu deaktivieren, statt sie komplett aus der Liste zu entfernen.

Abbildung 2

Abbildung 2: Font-Installation mit Vorschaufenster

Panel-Features

Auch im KDE-Panel kicker hat sich einiges getan. Neben der Möglichkeit, das KDE-Menü durch ein eigenes zu ersetzen, wurden auch die Versteck-Modi des Panels überarbeitet. So kann man nun einstellen, dass Fenster das Panel überlagern können, dieses aber automatisch wieder in den Vordergrund geholt wird, sobald man die Maus in eine Desktop-Ecke bewegt. Einstellen kann man dieses Feature im Kontrollzentrum unter dem Menüpunkt Desktop / Panels auf der Registerkarte Hiding.

Auch die Fenstergruppierung im Panel hat eine Erweiterung erfahren: Lässt man sich Tasks in gruppierter Form, also mit nur einer Schaltfläche für alle geöffneten Konsolen, anzeigen, so zeigt der kicker nun auch die Anzahl der dort gruppierten Programme an. International tätige Benutzer werden sich vor allem über die Möglichkeit freuen, gleich mehrere Uhren mit Darstellung verschiedener Zeitzonen immer im Blick zu haben (Abbildung 3). Im Sinne der Übersichtlichkeit ist auch die Gestaltung der einzelnen Uhren voneinander unabhängig.

Abbildung 3

Abbildung 3: Darstellung mehrerer Uhren im Panel

Desktop-übergreifend fällt bei KDE vor allem der spürbar beschleunigte Anwendungsstart aller KDE-Anwendungen auf. Das liegt hauptsächlich an den KDE-Bibliotheken, welche nun das Laden von Icons auf Anforderung unterstützen. Wird eine Anwendung gestartet, werden zunächst nur die Icons geladen, die auch sichtbar sein müssen – nicht aber die Icons, die der Benutzer erst später zu Gesicht bekommt, wenn er einen Konfigurationsdialog oder ein Menü öffnet. Die immer noch etwas zähe Startzeit des Desktops ist zu verschmerzen, da die Entwickler auch an der Stabilitätsfront gute Arbeit geleistet haben – mehr als ein KDE-Start pro Tag sollte also nicht nötig sein.

Innere Werte

Bei GNOME 2.2 hat sich optisch nur wenig verändert (Abbildung 4).

Benutzer die schon mit GNOME 2.0 gearbeitet haben, erhalten nur durch den neuen Splash Screen und den Show Desktop-Schalter unten links im Panel einen Hinweis darauf, dass hier eine neue Version startet. Mit letzterem minimiert man alle Fenster auf einmal und schafft so freie Sicht auf den Desktop.

Abbildung 4

Abbildung 4: Vertraute Optik unter GNOME 2.2

Umorganisiert

Richtig daheim fühlt man sich jedoch nur so lange, bis es gilt, die ersten Einstellungen zu tätigen. Einige Optionen wurden an einen anderen Platz verschoben, andere dagegen existieren gar nicht mehr. So konnten Benutzer, die einen Desktop ganz ohne Icons bevorzugen, dies in früheren GNOME-Versionen dadurch erreichen, dass sie Nautilus verboten, den Desktop zu zeichnen; diese Option existiert nicht mehr in den Menüs, was vor allem ärgerlich ist, wenn man Nautilus unter einem anderen Fenster-Manager betreibt. In diesem Fall muss man darauf achten, Nautilus immer mit der Option --no-desktop aufzurufen, da die Option in Form dieses Kommandozeilenparameters überlebt hat. Das selbe Verhalten dauerhaft unter GNOME zu erreichen, ist jedoch mit einigen Verrenkungen verbunden.

Auch die Icon-Verwaltung hat sich grundlegend geändert – offensichtlich wird dies, wenn man wie gewohnt in Nautilus ein anderes Theme einstellen will, die betreffende Option jedoch nicht auffindbar ist. Die verwendeten Icon-Themes gelten seit GNOME 2.2 Desktop-weit und können so auch von anderen Anwendungen wie z. B. dem Panel oder dem Archiv-Programm fileroller genutzt werden.

Die Auswahl des Icon-Themes erfolgt über den Theme Manager, ebenso wie die Wahl der Fensterdekoration und der Kontroll-Elemente. Als bockig erweist sich der Theme Manager, wenn man z. B. unter ~/.themes noch ein altes Theme gespeichert hat, mit dem der neue Manager nichts anfangen kann – die Anwendung verweigert dann kommentarlos den Start. Erst ein Aufruf von

strace gnome-theme-manager

zeigte hier das verantwortliche Theme, und ein Löschen des entsprechenden Unterordners hat das Problem behoben – eine aktive Mitarbeit des Theme Managers in Form einer Fehlermeldung wäre jedoch wünschenswert.

Konsistenz und Intuitivität…

Von dieser Kinderkrankheit abgesehen, sind die Änderungen positiv. Gerade neue Benutzer waren leicht mit der Konfiguration früherer GNOME-Versionen überfordert, da die notwendigen Optionen nicht in gebündelter Form erreichbar waren. Inzwischen muss der Benutzer keinen Gedanken mehr daran verschwenden, ob sich die gesuchte Option nun im Datei-Manager, bei den Einstellungen des Fenster-Managers oder bei den Gtk-Themes versteckt.

Dieser Vereinfachung der Konfiguration begegnet man überall. Obwohl immer noch alle Module der GNOME-Konfiguration über das Menü aufrufbar sind, stehen sie in kompakter Form in Nautilus zur Verfügung, wenn man in der Adresszeile preferences:/// eingibt (Abbildung 5).

Abbildung 5

Abbildung 5: Kompakte GNOME-Konfiguration über Nautilus

Ein weiteres Feature, das dem Benutzer viel Arbeit erspart, ist das Menü, in dem der Benutzer schon sein komplettes KDE-Menü als Unterpunkt vorfindet (Abbildung 6), sofern er GNOME selbst kompiliert hat oder eine Distribution ohne eignes Menü-System verwendet.

Abbildung 6

Abbildung 6: GNOME integriert ein vorhandenes KDE-Menü

Auch das Panel bietet Neuigkeiten: Über das Aktionsmenü hat man schnellen Zugriff auf die zuletzt geöffneten Dateien, und der Suchdialog erlaubt das direkte Öffnen von Dateien mit der passenden Anwendung. Ein weiterer Neuzugang im Panel ist das Benachrichtigungsfeld, welches z. B. von Messenger-Programmen genutzt werden kann.

…um welchen Preis?

So erfreulich diese Vereinfachungen für Neueinsteiger sind, darf man nicht übersehen, dass dadurch auch ein großer Teil an Flexibilität und Konfigurierbarkeit von GNOME verloren geht – etwas, das gerade langjährige Benutzer geschätzt haben. Ein Paradebeispiel für diesen Umstand ist der von GNOME inzwischen als Standard verwendete Fenster-Manager metacity. Sofern man mit einer Auflösung von 800x600 Punkten arbeitet, gibt es immer einige Anwendungen, deren Fenster höher als der Bildschirm sind. Mit metacity ist es in diesem Fall nicht einmal möglich, das Fenster nach oben über den Bildschirmrand hinaus zu schieben, damit man die Statusleiste sehen kann. Ebenfalls gibt es keinerlei Möglichkeit einzustellen, dass das Panel von Fenstern überlagert werden darf; der Benutzer hat nur die Wahl zwischen einem automatisch ausgeblendeten Panel und einem Panel, das stets im Vordergrund ist.

Leider gibt es zur Zeit keinen anderen Fenster-Manager der ähnlich gut in GNOME integriert ist wie Metacity.

Auf Besserung in diesen Punkten zu hoffen, bedeutet verschwendete Zeit, da es sich nach Ansicht der Entwickler nicht um fehlende Features, sondern um eine bewusste Design-Entscheidung handelt. Frei übersetzt handelt es sich bei GNOME "um eines der wenigen Open-Source-Projekte, welche sich für Benutzerfreundlichkeit einsetzen und ein konsistente Benutzerschnittstelle über die von Geeks bevorzugte Überkonfigurierbarkeit stellen." [1] Die zur Verwirklichung dieser Aussage maßgeblichen Human Interface Guidlines sind unter [2] nachzulesen, so dass sich jeder selbst ein Bild über Sinn oder Unsinn machen kann.

Qual der Wahl

Die Frage, welcher Desktop nun der Bessere ist, kann in pauschaler Form nicht beantwortet werden – zu verschieden sind die individuellen Vorstellungen von Komfort und Benutzerfreundlichkeit. In hohem Maße konfigurierbar erlaubt es KDE, sich eine haargenau auf die eigenen Bedürfnisse abgestimmte Arbeitsumgebung zu schaffen, während GNOME dank der sparsamer dosierten Optionen einen leichteren Einstieg ermöglicht. Die Argumente der GNOME-Entwickler, dass es sich bei vielen möglichen Konfigurationsoptionen oft um überflüssige Spielereien handelt, die nur wenige Benutzer brauchen, dafür aber die Mehrzahl der Anwender verwirren, ist nicht ganz von der Hand zu weisen, selbst wenn die radikale Umsetzung dieses Konzepts keine besonders glückliche Lösung darstellt.

Genau wie die Wahl des bevorzugten Desktops Geschmackssache ist, kann auch die Frage, ob sich ein Update lohnt, nur von Ihnen selbst beantwortet werden. Für ein Update sprechen die vielen beseitigten Fehler in beiden Projekten, und da inzwischen Pakete für die meisten Distributionen zur Verfügung stehen, sollte das Update relativ problemlos ablaufen. Noch schwankende Anwender finden unter [3, 4] weitere Entscheidungshilfen.

Glossar

GUI-Toolkit

Programmbibliothek, die Funktionen zur Programmierung der Elemente einer grafischen Oberfläche bereitstellt, z. B. für die Gestaltung von Dialogen und Menüs.

Login-Manager

Diese auch unter dem Namen "Display Manager" bekannten Programme offerieren dem Benutzer eine grafische Anmeldemaske. Neben der Anmeldung bieten Login Manager oft auch noch weitere Funktionen wie z. B. die Möglichkeit, den Rechner neu zu starten oder herunterzufahren.

strace

Stellt man einem Programmaufruf den Befehl strace voran, protokolliert dieser alle Systemaufrufe und Signale auf die Standardausgabe. Man kann so u. a. die Lese- und Schreibzugriffe eines Programms nachvollziehen.

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