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Software, die einfach funktioniert

Das Debian-Desktop-Projekt

01.04.2003 Debian Linux gilt als ausgezeichnete Linux-Distribution für Server, schreckt Endanwender aber wegen der scheinbar großen Komplexität und den fehlenden grafischen Konfigurationsprogrammen ab. Das Debian-Desktop-Projekt möchte Debian Linux nun auch auf dem Desktop etablieren.

Die Umfragen verschiedener Zeitschriften und Online-Magazine konnten in letzter Zeit nur das bestätigen, was auf diversen Foren im Internet bereits seit Langem zu lesen ist: Debian Linux – da sind sich Experten und Benutzer gleichermaßen einig – sei für den Einsatz auf Servern zwar gut geeignet, kann auf Desktop-System aber nur bedingt begeistern. Als Grund hierfür geben die meisten Foren-Teilnehmer den Mangel an grafischen Konfigurationsprogrammen an, die es ermöglichen, den Computer seinen persönlichen Bedürfnissen entsprechend anzupassen.

Der Grund hierfür ist bei den Wurzeln Debians zu suchen: Seit es Debian gibt, liegt das Hauptaugenmerk der Entwickler darauf, eine Distribution zu erstellen, die die täglichen Aufgaben eines Servers bewältigen kann. Dass man für Server, die in aller Regel nicht einmal über einen Bildschirm verfügen, keine grafischen Konfigurationsprogramme benötigt, ist einleuchtend.

Abhilfe in Sicht

Dass Debian Linux keinen Schwerpunkt auf Benutzerfreundlichkeit bei Desktop-Systemen hat, fiel auch Colin Walters auf, und er beschloss, diese Tatsache zu ändern. So schickte er am 22. Oktober 2002 eine E-Mail an die debian-devel-Mailingliste [1], in der er die Gründung des Debian-Desktop-Projektes bekannt gab.

Das erklärte Ziel von Debian Desktop ist es, die Installation und Konfiguration von Debian Linux auch für komplette Neueinsteiger in die Linux-Welt unkompliziert zu gestalten. Dazu gehören verschiedene Teilaufgaben.

Für die meisten Linux-Neulinge dürfte ein Hauptgrund dafür, einen großen Bogen um Debian Linux zu machen, die monotone Installationsroutine sein. Während andere Distributionen bereits seit Langem über grafische Konfigurationsprogramme verfügen, die die Installation von Linux teilweise schon nach drei Mausklicks erlauben, muss man sich bei Debian immer noch durch ein konsolenbasiertes Text-Menü arbeiten. Wer anfangs davon ausgeht, man könne die Maus zum Navigieren durch die Menüs gebrauchen, wird ebenfalls enttäuscht: Beim Debian-Installationsprozess ist man auf die Pfeiltasten der Tastatur zwingend angewiesen.

Der Debian Installer [2], der mit der Release von Debian Linux 3.1 (Codename "Sarge") Einzug in die Debian-Welt halten wird, versucht, die oben genannten Probleme zu beheben. Und genau hier sieht Debian Desktop seine erste Aufgabe: Es will bei der Entwicklung vom Debian Installer mithelfen und eigene Ideen einbringen. Dazu gehört beispielsweise der Versuch, die Texte der Menüs während der Installation so einfach wie möglich zu halten. Genauso gehört der Versuch dazu, die für KDE und GNOME wichtigen Pakete herauszusuchen und auf die erste CD zu packen, damit Benutzer beim Installieren eines Desktop-Systems nicht mit sieben verschiedenen CDs jonglieren müssen.

Wo ist das Kontrollzentrum?

Ein weiteres Problem ist die Tatsache, dass es keinen einheitlichen Anlaufpunkt gibt, wenn es um Fragen der Systemkonfiguration geht. Es gibt zwar für viele Programme Konfigurations-Tools, doch ist hier im Laufe der Jahre ein großer Haufen von durcheinander gewürfelten Konsolen- und X11-Programmen entstanden, über den niemand mehr den Überblick hat.

Hier möchte Debian Desktop ansetzen: Eines der vorhandenen distributionsunabhängigen Konfigurationspakete (zur Auswahl stehen beispielsweise Webmin, die GNOME System Tools oder auch MagiConf) soll auf Debian zugeschnitten und als Standardpaket bei Desktop-Installationen mit auf das System gelangen. Denkbar ist hier auch ein Modul für XFree86, das die Konfiguration von X für Neulinge im Vergleich zur momentanen Situation sicher drastisch vereinfachen würde.

Alles in Allem bietet Debian Desktop sehr interessante Ansätze. Und obwohl nach vier Monaten Entwicklungsarbeit, die hauptsächlich von Colin Walters selbst durchgeführt wurde, noch keine allzu großen Ergebnisse verkündet werden können, könnte Debian Desktop letztendlich doch den Anreiz für viele Linux Neulinge bieten, der freien Distribution den Vortritt vor SuSE, RedHat & Co. zu lassen.

Interview mit Colin Walters

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LinuxUser: Wieviele Leute arbeiten momentan an Debian Desktop?

Colin Walters: Das ist schwierig zu sagen, weil Debian Desktop eher ein Debian-internes Projekt ist. Ich würde sagen, dass jeder Entwickler auf eine gewisse Art und Weise involviert ist. Wenn es aber um Entwickler geht, die durchweg aktiv an der Benutzbarkeit arbeiten, sind es momentan eher wenige. Aber: Eine große Menge von Entwicklern hat zumindest gemerkt, dass es ein Problem gibt, und daraufhin die Paketbeschreibungen und Konfigurationsabfragen verbessert.

LinuxUser: Welche Ziele konntest du seit Oktober 2002 bereits erreichen?

Colin: Einige, wie das Verbessern der Beschreibungen, sind sehr weit fortgeschritten. An anderen Ziele, wie der Unterstützung für eine grafische Installation, wird immer noch gearbeitet. Insgesamt bin ich enttäuscht. Viele Patches, die ich bereits an die Paketbetreuer geschickt habe, wurden immer noch nicht eingepflegt. Einer ist zum Beispiel für das passwd-Paket und gibt dem ersten Benutzer auf dem System die nötigen Berechtigungen, um auf die Sound-Karte und das CD-ROM-Laufwerk zuzugreifen. Manchmal denkt man, man müsse einen Berg verschieben, wenn man versucht, große Änderungen in Debian durchzusetzen.

LinuxUser: Würdest du sagen, dass die Konfigurations- und Installations-Tools von SuSE oder Red Hat Vorbildcharakter für Debian Desktop haben? Versucht Ihr, etwas Ähnliches für Debian Desktop zu erstellen?

Colin: Das ist auf der Debian-Entwickler-Mailingliste bereits groß und breit diskutiert worden. Wir haben viele verschiedene Möglichkeiten, die der "Systemsteuerung" ähneln, einschließlich Webmin, den GNOME-Setup-Programmen, MagiConf und anderen. Ich denke, dass wir eine Entscheidung für eines dieser Tools fällen können, wenn die Sarge-Release näher rückt. Ich persönlich bin aber von den GNOME-Setup-Tools sehr beeindruckt. Um die Erstkonfiguration kümmert sich bereits fast ausschließlich Debconf.

LinuxUser: Auf der Debian-Desktop-Projektseite beschreibst du, dass es nicht Dein Ziel ist, eine eigene Distribution zu erstellen, sondern vielmehr existierende Pakete anzupassen, damit sie für Neulinge besser benutzbar werden. Du beschreibst zum Beispiel, dass die Netzwerkeinstellungen von einem grafischen Installationsprogramm gemacht werden könnten. Doch was wird mit den Leuten passieren, die lediglich einen Server ohne X11 aufsetzen wollen und keine GUI-Programme benötigen? Wird es Nachteile für sie geben? Baut Ihr vielleicht einen "Schalter" ein, der den Benutzer bei der Installation fragt, ob er ein Server- oder ein Desktop-System installieren will?

Colin: OK, das ist eine gute Frage. Und es ist eine, über die ich erst kürzlich nachgedacht habe. Meine ursprüngliche Absicht war definitiv, einfach das zu verbessern, was man bekommt, wenn man "Debian" kaufst. Bis jetzt ist Debian immer nur in einer Form verteilt worden: eine einzelne Kollektion von CDs, die alle Pakete beinhalten. Zuerst dachte ich, dass Debian Desktop diese "Core"-Distribution nur verbessern würde, indem es Pakete zur ersten CD hinzufügt oder vielleicht auch einige entfernt. Doch momentan denke ich eher darüber nach, separate CDs anzubieten; nenn es eine "Debian Desktop" CD. Dies wäre sicher eine sehr radikale Änderung für Debian, und ich weiß nicht, wie sie von der großen Entwicklergemeinde aufgenommen würde. Trotzdem denke ich, dass es auf jeden fall passieren wird. Es gibt einfach keinen Weg, genug Pakete auf die erste CD zu bekommen, um alle zufriedenzustellen – angefangen beim Desktop-Benutzer bis hin zum Server-Administrator. Deswegen sollten wir separate CD-Images machen, anstatt den Benutzer zu fragen, welchen Installationstyp er sich wünscht.

LinuxUser: Du sagst also, dass es auch einen Fork von Debian geben könnte, falls sich Server- und Desktop-Installation nicht ordentlich unter einen Hut bringen lassen?

Colin: Ich würde es sicher nicht "Fork" nennen! Es würde zur selben Zeit veröffentlicht und wäre immer noch Debian. Wir werden vielleicht in der Lage sein, mit einer CD auszukommen. Doch wenn Du davon sprichst, die kompletten GNOME- und KDE-Desktop-Umgebungen und die zugehörigen Applikationen anzubieten, und wenn dann noch die gesamten Server-Programme hinzukommen, wird es schwierig. Ich denke, dass wir darüber entscheiden werden, wenn die Sarge-Release näher rückt.

LinuxUser: Was würdest Du als die wichtigsten Dinge auf der To-Do-Liste von Debian Desktop bezeichnen?

Colin: Eine Sache, die dringend fertig gestellt werden muss, ist das neue Menü-System. Chris Lawrence hat daran für einige Zeit gearbeitet, ich bin mir jedoch nicht sicher, wie weit er damit nun ist. Es gab viele Diskussionen mit den Leuten von freedesktop.org, die das Menü-Format erstellen, das wir benutzen wollen. Chris dachte, ihr Format sei ungeeignet. Ich denke, dass das kürzlich von den Freedesktop-Leuten korrigiert worden ist, so dass wir hoffentlich bald einigen Fortschritt sehen werden. Neben dem Rewrite des Menü-Systems hat der Installer die nächst höhere Priorität. Nach diesem Punkt wird sich die To-Do-Liste vermutlich nicht mehr groß verändern; das Korrigieren von Beschreibungen und von Debconf-Abfragen ist etwa ein kontinuierlich andauernder Prozess.

LinuxUser: Auf der Projektseite schreibst Du, eines der Ziele von Debian Desktop wäre es, zu "erkennen, dass KDE und GNOME existieren". Wird Debian Desktop eine dieser beiden Desktop-Umgebungen favorisieren? Wird es eine "Default"-Desktop-Umgebung geben, so dass also KDE oder GNOME automatisch installiert wird, wenn man eine Debian-Desktop-CD zur Installation verwendet? Vielleicht sogar beide? Und was wird mit anderen Window Managern und Desktop-Umgebungen passieren? Werden sie gegenüber von KDE und GNOME vernachlässigt werden?

Colin: Ah, ok, die große Frage. Das ist etwas, über das ich auch schon gegrübelt habe. Ich bin mir nicht sicher, was passieren wird. Debian hat diese Frage bei Woody vermieden, indem dort einfach KDE und GNOME installiert werden, wenn man den "Desktop environment task" auswählt. Das wird mit nur einer CD wohl nicht durchführbar sein. Ich würde es wirklich gut finden, die kompletten Desktop-Umgebungen für jedes Einsatzgebiet "out of the box" anzubieten. Das beinhaltet Web Browser, Musik-Player, Office-Umgebungen und mehr. Wenn Debian für Sarge den Weg eines eigenen CD-Images für die Desktop-Installation geht, werden wir vermutlich in der Lage sein, die komplette GNOME- und KDE- Installation auf der ersten CD anzubieten.

Doch das lässt immer noch die Frage offen, was als Standard benutzt werden soll. Man sollte festhalten, dass die letzte Entscheidung darüber, was in Woody Standard wird, bei Branden Robinson lag, der den Code geschrieben hat, um den Benutzer zu fragen, welchen Login Manager er benutzen will. Dieser Code hatte gdm zuerst in der Liste, vielleicht war das so, weil das "g" im Alphabet vor dem "k" kommt?

Letztendlich wird Debian Desktop diese Entscheidung tatsächlich treffen müssen, sobald die Sarge-Release näher kommt, ja. Eine Idee ist es, zwei separate CD-Images zu haben; "Debian Desktop GNOME" und "Debian Desktop KDE". Das würde die beiden Lager vermutlich friedlich stimmen, wäre für die Benutzer aber auch komplizierter und verwirrend. Ich denke, wir werden darüber später noch einige Diskussionen führen. Was andere Desktop-Umgebungen angeht, denke ich, dass sie nicht auf der ersten CD sein sollten.

LinuxUser: Wie wird das Debian Desktop Projekt mit der Tatsache klarkommen, dass es verschiedene Arten von "Desktop-Umgebungen" gibt? Der Benutzer, der Linux beispielsweise auf seinem Computer zu Hause installiert, wird eher Multimedia-Anwendungen wie xmms, xine oder mplayer verwenden wollen, während der Büro-Anwender eher Office Suites oder Programme zur Integration in bestehende Netzwerke braucht. Wie werdet Ihr das handhaben?

Colin: Es gibt eine allgemeinere Frage, die direkt in diese Frage eingebettet ist: Sollten wir für jede Kategorie ein bestimmtes Programm auswählen (beispielweise Evolution oder KOffice) und es unter beiden Umgebungen, KDE und GNOME, verwenden?

Meine Antwort darauf ist: Nein. Die Maintainer von GNOME und KDE sollten ihre besten Programme auswählen und in das Menü-System integrieren. Wenn die KDE-Leute entscheiden, dass sie Evolution benutzen wollen, oder wenn die GNOME-Leute das KDE-CD-Brennprogramm bevorzugen, dann ist das in Ordnung. Doch ich denke, dass es für die Benutzer eher verwirrend ist, wenn Applikationen, die für verschiedene Desktop-Umgebungen geschrieben wurden, vermischt werden.

LinuxUser: Viele Benutzer, die von Windows auf Linux umsteigen, beschweren sich, weil viele Windows-Programme (beispielsweise Word oder der Internet Explorer) für Linux nicht verfügbar sind. Wird Debian Desktop Informationen für solche Fälle bereithalten? Migrations-Tipps? Oder Hinweise darüber, wie man Windows-Programme unter Linux benutzen kann?

Colin: Migration ist eine sehr komplizierte Angelegenheit. Ich denke nicht, dass sie ein Hauptaugenmerk von Debian Desktop sein wird, weil wir einfach nicht viele Programme haben, zu denen die Benutzer migrieren können, was ein größeres Problem ist.

LinuxUser: Vielen Dank für das Interview!

Der Autor

Martin Loschwitz ist Schüler aus Niederkrüchten und beschäftigt sich gerne mit den Geschehnissen rund um Debian GNU/Linux – vor und hinter den Kulissen. Zu erreichen ist er unter mailto: madkiss@madkiss.org.

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