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Einfach nur ein Mail-Programm

Mail-User-Agenten: Balsa, KMail, Mulberry, Mutt und Sylpheed

01.03.2003 Eine so lebenswichtige Angelegenheit wie E-Mail mag kaum jemand dem Zufall überlassen. Schließlich gibt es Spezialisten – von denen jeder andere Ansprüche bedient. Bleibt die Frage: Welcher Mail-User-Agent ist der richtige für mich?

Das alte Unix-Paradigma, dass ein Programm schlanker Spezialist für eine Aufgabe sein soll statt als eierlegende Wollmilchsau vor lauter Funktionalität gar nichts richtig ordentlich zu machen, gilt nicht nur für die vielen kleinen Shell-Tools, sondern auch bei der Anwendungssoftware: Stärker als User anderer Betriebssysteme bevorzugen Unixer zum Lesen, Bearbeiten und Verwalten ihrer E-Mails Programme, die sich genau auf diese Aufgaben spezialisieren.

Natürlich ist die Entwicklung auch hier nicht stehengeblieben, und so hat die Benutzerin wie bei kaum einer anderen Anwendungsklasse die Qual der Wahl: Moderne "Mail User Agents" (MUAs) kommen heute auch unter Linux bevorzugt mit grafischer Benutzeroberfläche und Mausbedienung daher. Sie verwalten nicht mehr nur lokale Mailboxen, sondern auch solche auf entfernten POP3- oder IMAP-Servern. Selbst zum Versenden von Mails sind die meisten nicht mehr auf einen lokalen MTA angewiesen, sondern sprechen genug SMTP, um die ausgehenden Mails bei einem Smarthost abzuliefern.

Hinzu kommt jede Menge Zusatzfunktionalität, die das Mail-Schreiben und -Lesen einfacher macht. Spätestens hier scheiden sich dann die Geschmäcker, denn was dem einen User wichtig ist, ist der anderen Benutzerin ein Greuel. Die beliebtesten Standalone-MUAs nehmen wir im folgenden genauer unter die Lupe.

Balsa

Schon bei der Versionswahl stellt balsa den Benutzer vor die Qual der Wahl. Soll man nun die brandneue GTK-2-Version nehmen oder doch lieber auf Bewährtes setzen und Version 1.4.2 wählen? Da beide vom Funktionsumfang her vergleichbar sind, die meisten Distributionen schon auf GNOME 2 setzen und die GTK-2-Version intensiver weiterentwickelt wird, ist Version 2.0.5 Gegenstand des Tests.

Die erste – so überflüssige wie lästige – Hürde erwartet den Anwender bereits bei der Einrichtung, führen doch die Einträge wie smtp.provider.de für den zu nutzenden SMTP-Server nicht zu einem funktionierenden Ergebnis. Unverständlicherweise versucht balsa, ausgehende Mails über Port 587 loszuwerden, ein Versuch, der bei fast keinem Mail-Provider zum Erfolg führt. Zwar empfehlen die einschlägigen RFCs diesen Port explizit für den Zweck der Mail-Weiterleitung, de facto benutzen die Provider jedoch den normalen SMTP-Port 25. Erst ein SMTP-Server-Eintrag der Form smtp.provider.de:smtp führt zu einer funktionierenden Konfiguration.

Störend wirkt auch die in einigen Bereichen unintuitive Bedienung: Sprachenwirrwarr und unübersichtliche Dialoge wie in Abbildung 1 machen nicht nur den Einstieg zur Qual. Zudem ist es nicht möglich, aus balsa heraus ein Adressbuch anzulegen. Um ein solches zu nutzen, muss bereits ein mit gnome-card erstelltes vorhanden sein.

Abbildung 1: Sprachen-Mischmasch in den Konfigurationsmenüs von Balsa

Dabei ist balsa durchaus einen Blick wert, wenn man ein schnelles, sich gut in GNOME 2 integrierendes Mail-Programm haben will und auf Dinge wie GnuPG-Unterstützung und mehrere SMTP-Server verzichten kann. Interessant ist z. B. die Möglichkeit, seine Mail-Ordner nicht in einer Baumstruktur, sondern in Registerkarten anzuordnen: So gewinnt man den Platz zurück, den die Baumansicht verschwendet. Auch bei verschiedenen Encoding-Einstellungen in Body und Betreff einer Mail kommt balsa nicht in's Schleudern (Abbildung 2).

Abbildung 2: Zeichensätze sind für Balsa kein Problem

Der Betrieb mit POP-Postfächern und lokalen Mailboxen gestaltet sich schnell und stabil. Das kann man von der IMAP-Funktionalität leider noch nicht behaupten – was von diesem Standard bereits implementiert ist, erweist sich als recht absturzfreudig. Aktionen wie das Kopieren einzelner Mails oder das Anlegen eines Unterordners führen häufig zum Einfrieren des Programms. Merkwürdig reagiert balsa auch auf's Löschen einer Mail auf dem Server: Selbst nach einem Rescan des Ordner-Baums zeigt es gelöschte Mails bisweilen noch an, und die sporadischen Fehlermeldungen, die Verbindung zum IMAP-Server sei abgebrochen, die öfters auftreten, wenn man den Ordner wechselt, stärken nicht gerade das Vertrauen des Anwenders.

Sylpheed

Aus Japan stammend erfreut sich sylpheed [1] auch hierzulande immer größerer Beliebtheit. Der Grund dafür liegt in der Schnelligkeit und Funktionsvielfalt des Programms, welches neben der Mail-Verwaltung auch als Newsreader verwendet werden kann. Die Dreifenster-Optik und die gute deutsche Lokalisierung führen dazu, dass auch Umsteiger von anderen Mail-Programmen sich schnell mit der Bedienung zurechtfinden (Abbildung 3).

Abbildung 3: Mail- und News-Konten in Sylpheed

Wer keinen lokalen MTA betreibt, trifft mit sylpheed eine gute Wahl, da sich beliebig viele Mail-Konten mit unterschiedlichen SMTP-Servern einrichten lassen.

Neben der soliden und schnellen Mail-Verwaltung sind es die kleinen Dinge, die sylpheed so attraktiv machen. Verfügt man z. B. über mehrere Mail-Adressen, legt man für die einzelnen Ordner einen Standard-Account fest. Einmal eingerichtet achtet sylpheed darauf, dass beispielsweise Post an Mailinglisten nur mit der Absenderadresse verschickt wird, unter welcher Sie die Liste abonniert haben. Über das unter Einstellungen / Aktionen erreichbare Menü kann man zusätzlich die Funktionalität externer Programme in sylpheed einbinden. Wem etwa die Möglichkeit fehlt, rot13-kodierte Mails zu verschicken, erstellt im Aktionsmenü einen entsprechenden Eintrag. Dazu fügt man das Kommando

|tr a-zA-Z n-za-mN-ZA-M|

ins Feld Befehlszeile ein. Unter Menüname erhält das Kind einen Namen, und nach Klick auf Registrieren steht die Aktion unter dem Menüpunkt Werkzeuge / Aktionen zur Verfügung.

Solche netten Features bietet sylpheed einige: Sogar auf die bei Gnus-Nutzern [2] so beliebten XFaces muss man nicht verzichten.

Wo viel Licht ist, gibt es natürlich auch Schatten, und hier stellt der integrierte Editor wohl das dunkelste Plätzchen dar. Von der Editierfunktion her nicht sonderlich komfortabel, verschickt sylpheed oftmals Mails mit überlangen Zeilen, ein Verhalten, das man durch den Einsatz eines externen Editors korrigieren kann. Auch die standardmäßig zweizeilige Einleitungszeile stößt nicht bei jedem Korrespondenzpartner auf Gegenliebe – hier ist eine manuelle Nachbesserung fällig. Ähnlich stört, dass das Verschieben eines zusammengeklappten Threads in einen anderen Ordner nur die erste Mail desselben tatsächlich bewegt.

Bei der aktiven Entwicklung des Programms können jedoch heute vermisste Funktionen bereits morgen zur Verfügung stehen. Wer die neuesten Features nicht schnell genug bekommen kann, schaue sich die Entwicklerversion namens sylpheed-claws an [3], die zu Redaktionsschluss u. a. eine Mail-Abfrage unter Nutzung von SMTP after POP und Scoring bot. Als Bleeding-Edge-Version kann sylpheed-claws allerdings auch schwerwiegende Fehler enthalten, weshalb sich ein zumindest gelegentlicher Blick ins Archiv der entsprechenden Mailingliste [4] empfiehlt.

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LinuxUser 06/2012

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