Exotische Postler

E-Mail-Programme jenseits des Mainstreams

01.03.2003
Unsere MUA-Testkandidaten waren nur die Spitze des Eisbergs: Unzählige weitere buhlen weitaus weniger beachtet um die Gunst der Anwender. Bleibt die Frage: Was können die (nicht)?

Wussten Sie, dass die Rubrik "E-Mail-Clients" auf Freshmeat [1] 169 Einträge umfasst? Darunter finden sich zwar auch Web-Mail-Frontends, Auto-Responder, Mail-Monitore und andere, nicht ganz der Definition eines MUAs entsprechende Tools, doch gibt es mehr als eine Handvoll passender Programme, die dieses Verzeichnis nicht listet.

Aus dieser Vielfalt haben wir neun Mail-Clients herausgesucht, die abseits des Mainstreams interessant sind. Darunter finden Sie sowohl Programme für die Konsole als auch solche für X; einige sind in Java geschrieben und somit nicht an Linux als Betriebssystem gebunden. Ein Programm dient zugleich als Offline-Newsreader. Die Groupware-Lösung Aethera stellen wir in Kasten 1 vor.

Der Exotenstatus dieser Programme kommt jedoch nicht immer von ungefähr: Einige werden seit geraumer Zeit nicht mehr oder lediglich in sehr großen Abständen gepflegt. Teilweise benötigen sie Bibliotheken, die sich auf modernen Distributionen nur unter Schwierigkeiten übersetzen oder installieren lassen. Ein wenig Toleranz und Lust an Detektivarbeit sollten potentielle User daher besser mitbringen.

Kasten 1: Aethera

Aethera, ein Open-Source-Projekt der Firma TheKompany [2], soll einmal wie Outlook Express unter Windows ein Tool zur Verwaltung von E-Mail, Kontakten, Notizen und Terminen werden (Abbildung 1).

Das Programm selbst bildet nur den Rahmen, in den Plugins für die eigentliche Funktionalität eingehängt werden. So findet zum Beispiel KOrganizer als Terminkalender Verwendung.

Beim Test des Release Candidates 1 stellte sich jedoch recht schnell heraus, dass Aethera derzeit für die tägliche Arbeit noch nicht zu gebrauchen ist: Alle naselang stürzte das Programm ab, sämtliche nicht gesicherten Daten und Konfigurationseinstellungen gingen dabei verloren.

Abbildung 1: Aethera

Columba

Wie soviele moderne Mail-Clients kommt Columba ([3], Abbildung 2) in der beliebten Dreiteilung daher: links eine Baumansicht der Mail-Ordner, rechts die Liste der Nachrichten und darunter der Nachrichtentext. Das Java-Programm benötigt ein JRE ab Version 1.3. Im Test verwendeten wir das von Blackdown [4].

Die Installation beschränkt sich auf's Entpacken des Archivs mit den Programmdateien in ein beliebiges Verzeichnis. Zum Programmstart rufen Sie das Shell-Skript run.sh im Programmverzeichnis auf.

Abbildung 2: Columba

Beim ersten Mal meldet sich ein Assistent, der die zum Einrichten eines E-Mail-Kontos nötigen Daten abfragt und eine Mailbox im Verzeichnis ./columba anlegt. Columba unterstützt POP3 und IMAP, mehrere Accounts sind möglich.

Ältere Mails gehen beim Umstieg nicht verloren: Das Programm importiert Mailboxen im Mozilla-Mail-, Unix-MBox-, Pegasus-Mail- und Evolution-Format. Zwar dauerte der Import einer 12 MByte großen Mozilla-Mailbox etliche Minuten, funktionierte aber problemlos.

Als große Baustelle präsentiert sich das Adressbuch. Zur Zeit lassen sich zu einem Eintrag lediglich mehrere E-Mail-Adressen, aber keine Postanschriften oder Telefonnummern ablegen. Adressdaten aus Mozilla- und Netscape-Adressbüchern importiert Columba ebenso wie Mailboxen mit Hilfe von Assistenten (Abbildung 3).

Abbildung 3: Beim Mailbox-Import in Columba hilft ein Assistent

Cronos II

Für das GNOME-E-Mail-Programm Cronos steht ein rpm-Paket zur Verfügung; wer lieber selbst übersetzt, findet auf [5] die Quelltexte.

Beim ersten Start fragt ein Konfigurationsdialog die Angaben zur Einrichtung eines E-Mail-Kontos ab. Offiziell unterstützt Cronos POP3 und IMAP, wobei letztere Angabe eher als Willenserklärung zu verstehen ist: Im Test stürzte das Programm beim Versuch, einen solchen Account einzurichten, stets ab. Immerhin verwaltet Cronos II mehrere Mail-Konten. Die Übernahme von Mailboxen aus anderen Programmen ist jedoch nicht vorgesehen.

Abbildung 4: Cronos II

Auch dieser MUA hält sich an die Dreiteilung der Oberfläche (Abbildung 4). Praktischerweise färbt er Zitate beim Lesen und Schreiben von Mails ein, so dass auch bei umfangreichen Mail-Wechseln der Überblick gewahrt bleibt.

Plugins erweitern das Programm um zusätzliche Funktionalität. Die Entwickler liefern ein fortune-Plugin zur Erzeugung von Signaturen mit coolen Sprüchen und ein Filter-Plugin mit, mit dessen Hilfe sich Filter zur Abwehr unerwünschter Mail erstellen lassen.

Nutzer von Internet-Zugängen mit Volumentarif schätzen die Möglichkeit, eine Maximalgröße für ankommende Nachrichten festzulegen. Ist eine Mail größer, fragt Cronos vor dem Download nach, ob es sie wirklich vom Server holen soll. Diesem positiven Aspekt folgt dann allerdings gleich ein saurer Apfel: Weder Adressbuch noch Online-Hilfe bringt das Programm mit.

LinuxCommunity kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 

Ähnliche Artikel

  • Internetprogramme im Überblick
    Der Kontakt zum Internet ist da – jetzt müsste man die vielen Angebote nur noch nutzen können. Dass die Auswahl der passenden Programme nicht leicht wird, liegt nahe, zumal man mit einem Spezialisten, der auf einen Internetdienst zugeschnitten ist, oft weiter kommt als mit Multitalenten, die alles können wollen.
  • Software
  • muttprint
    Manche Mails möchte man schwarz auf weiß haben – und dazu druckt man sie eben aus. Das Problem: Sie sehen dabei nicht sehr schön aus, da die Ausgabe nicht formatiert ist. Hier hilft muttprint – und das nicht nur mit mutt.
  • Gnomogramm
  • Unreifes Früchtchen?
    Die Software Mulberry verspricht den Zugriff auf E-Mails von Linux, Windows und Mac OS aus. Unser Test zeigt, wie gut die aktuelle Linux-Variante funktioniert.
Kommentare

Infos zur Publikation

LU 12/2014: ANONYM & SICHER

Digitale Ausgabe: Preis € 4,95
(inkl. 19% MwSt.)

Mit der Zeitschrift LinuxUser sind Sie als Power-User, Shell-Guru oder Administrator im kleinen Unternehmen monatlich auf dem aktuelle Stand in Sachen Linux und Open Source.

Sie sind sich nicht sicher, ob die Themen Ihnen liegen? Im Probeabo erhalten Sie drei Ausgaben zum reduzierten Preis. Einzelhefte, Abonnements sowie digitale Ausgaben erwerben Sie ganz einfach in unserem Online-Shop.

NEU: DIGITALE AUSGABEN FÜR TABLET & SMARTPHONE

HINWEIS ZU PAYPAL: Die Zahlung ist auch ohne eigenes Paypal-Konto ganz einfach per Kreditkarte oder Lastschrift möglich!       

Tipp der Woche

Ubuntu 14.10 und VirtualBox
Ubuntu 14.10 und VirtualBox
Tim Schürmann, 08.11.2014 18:45, 0 Kommentare

Wer Ubuntu 14.10 in einer virtuellen Maschine unter VirtualBox startet, der landet unter Umständen in einem Fenster mit Grafikmüll. Zu einem korrekt ...

Aktuelle Fragen

Nach Ubdates alles weg ...
Maria Hänel, 15.11.2014 17:23, 4 Antworten
Ich brauche dringen eure Hilfe . Ich habe am wochenende ein paar Ubdates durch mein Notebook von...
Brother Drucker MFC-7420
helmut berger, 11.11.2014 12:40, 1 Antworten
Hallo, ich habe einen Drucker, brother MFC-7420. Bin erst seit einigen Tagen ubuntu 14.04-Nutzer...
Treiber für Drucker brother MFC-7420
helmut berger, 10.11.2014 16:05, 1 Antworten
Hallo, ich habe einen Drucker, brother MFC-7420. Bin erst seit einigen Tagen ubuntu12.14-Nutzer u...
Can't find X includes.
Roland Welcker, 05.11.2014 14:39, 1 Antworten
Diese Meldung erhalte ich beim Versuch, kdar zu installieren. OpenSuse 12.3. Gruß an alle Linuxf...
DVDs über einen geeigneten DLNA-Server schauen
GoaSkin , 03.11.2014 17:19, 0 Antworten
Mein DVD-Player wird fast nie genutzt. Darum möchte ich ihn eigentlich gerne abbauen. Dennoch wür...