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Neue Desktop-Moden

Red Hat Linux 8.0

01.12.2002
Seit Anfang Oktober liefert Red Hat turnusgemäß die neue Version seiner Linux-Distribution aus. Wir haben die runderneuerte Version mit dem umstrittenen Desktop unter die Lupe genommen.

Höchste Priorität hatte der Desktop in den letzten Red-Hat-Linux-Ausgaben nicht gerade. Umso interessanter ist der Versuch, mit der neuen Version 8.0 jene User, insbesondere Linux-Erstanwender, zu adressieren, die in der Vielfalt der Desktop-Umgebungen unter Linux in erster Linie einen Nachteil sehen.

Bluecurve heißt das neue Desktop-Layout, mit dem der amerikanische Distributor die beiden Desktop-Umgebungen KDE und GNOME im Look & Feel so stark aneinander annähert, dass sie sich wie eineiige Zwillinge gleichen (Abbildung 1). KDE- wie GNOME-Puristen verprellt die Verwendung eines eigenen Bluecurve-Iconsets womöglich, aber das ist eben der Preis der Innovation. Ob GNOME oder KDE im Bluecurve-Korsett – Programme startet man nunmehr einheitlich per Doppelklick.

Allerdings lässt sich Aussehen und Funktionalität des Desktops weiterhin nach eigenem Gusto in den Kontrollzentren der Desktop-Umgebungen anpassen.

Positiv fällt auf, dass die meisten X11-Anwendungen bei der Anzeige von Schriften Anti-Aliasing verwenden. Allerdings erfordert der Betrieb der grafischen Oberfläche dadurch mehr Rechen-Power als früher. Für aktuelle Systeme stellt das selbstverständlich kein Hindernis dar. Auf älteren PCs, die zum Beispiel als Heim-Server verwendet werden, empfiehlt sich aber spätestens jetzt der Abschied von den grafischen Benutzeroberflächen.

Abbildung 1: Red Hats blaue Kurve ist ein Desktop

Installation ohne Überraschungen

Bei der Installation hat Red Hat aufgeräumt: Der Installer wirkt grafisch aufgepeppt und stabil. Bessere Paketwahl-Optionen überzeugen sowohl fortgeschrittene Anwender als auch Einsteiger. Erstmals steht die Installationsklasse Personal Desktop mit einem auf Home- und Office-Benutzer zugeschnittenen Paketumfang zur Verfügung.

Nach der Auswahl einer Klasse lassen sich anschließend darüber hinausgehende Pakete hinzufügen und unerwünschte aus der Klasse abwählen. So wird die Software-Ausstattung des Rechners noch vor dem endgültigen Aufspielen individuell verfeinert.

Sowohl bei der Hardware-Erkennung (unter anderem von einer neuen Digitalkamera) als auch bei der Einrichtung von Netzwerk-Anschlüssen war die Distribution den Testsystemen gewachsen.

Ungewöhnlich für den deutschen Markt ist, dass der Benutzer KDE anders als noch in der Vorversion während der Installation nicht mehr als Default-Desktop einstellen kann. Dies lässt sich erst nachträglich durch den Eintrag DESKTOP="KDE" in der Datei /etc/sysconfig/desktop erreichen.

Nach dem Reboot startet der sogenannte Firstboot-Prozess, mit dessen Hilfe der Benutzer Datum, Zeit und verwendete Sound-Karte konfiguriert. Weiterhin besteht hier die Möglichkeit, Software von zusätzlichen CDs einzuspielen oder das System beim Red Hat Network [2] anzumelden.

Letzteres erlaubt es, die Software auf dem Rechner automatisch über das Internet zu aktualisieren, wenn zum Beispiel Bugfixes verfügbar werden. Allerdings ist dieser Spaß nicht ganz billig; die Box-Produkte enthalten jedoch ein 30-Tage- beziehungsweise 60-Tage-Abonnement.

MP3 ausgesperrt

Wer jetzt meint, der Sound-Karte ein paar MP3s entlocken zu können, wird eines Besseren belehrt: Red Hat hat die Unterstützung für dieses Audioformat aus lizenzpolitischen Gründen aus den Quelltexten aller Applikationen entfernt (siehe Kasten 1).

Um mit XMMS dennoch MP3-Dateien anhören zu können, bedient man sich einfach der Programm-Pakete für die letzte Red-Hat-Beta Null, die zum Beispiel unter [1] zum Download bereitstehen. Sie werden installiert, indem man die kastrierten Versionen zunächst entfernt, das XMMS-Paket etwa mit rpm -e --nodeps xmms. Danach spielt man die heruntergeladene Version mittels rpm -ivh xmms-1.2.7-10.i386.rpm ein.

Kasten 1: Warum ohne MP3?

LinuxUser bat Dirk Haaga, den Geschäftsführer von Red Hat Deutschland, um einen Stellungnahme zum fehlenden MP3-Support in Red Hat Linux. Hier seine Antwort:

Red Hat hat sich dazu entschlossen, alle MP3-Programme mit Erscheinen von Red Hat Linux 8.0 aus der Distribution zu entfernen. Grund ist die ungeklärte Lizenzpolitik, die die Firma Thomson hier betreibt, und das damit verbundene hohe Risiko einer Distribution solcher Programme.

Selbstverständlich können MP3-Programme weiterhin aus dem Netz geholt und installiert werden. Wir glauben, dass die Unsicherheiten bei der Lizenzierung der Verbreitung von MP3 schaden und denken (und hoffen), dass andere, freie Musikformate wie beispielsweise Ogg Vorbis dadurch gewinnen werden. Red Hat Linux 8.0 unterstützt selbstverständlich Ogg Vorbis.

Unter der Haube

Diese Veränderung ist jedoch nicht der Grund für den großen Versionssprung auf die 8 vor dem Dezimalpunkt. Vielmehr folgt er aus der Tatsache, dass Red Hat in dieser Ausgabe auf GCC 3.2 umsteigt. Damit erstellte Kompilate lassen sich nicht auf Vorgängerversionen einsetzen. Andersherum ermöglichen Kompatibilitätspakete den Einsatz von Programmen, die auf älteren Red-Hat-Versionen übersetzt wurden.

Ein weiterer Meilenstein besteht in der konsequenten Verwendung von Unicode- (UTF-8-) Locales. Bisher erforderten Sprachen mit unterschiedlichen Alphabeten verschiedene "Encoding-Systeme", die auch Codepages genannt werden. Unicode bietet hier einen gemeinsamen Industriestandard, der für (fast) jedes auf der Welt existierende Schriftzeichen eine eindeutige Zuordnung bietet. Jedes Unicode-fähige Ausgabegerät zeigt ein so kodiertes Dokument weltweit korrekt an.

Damit man an jedem Ort zu seinen internationalen Freunden Kontakt aufnehmen kann, hat sich Red Hat ein Goodie für die Netzwerkerei einfallen lassen: Die Distribution unterstützt sogenannte Profile, jeweils eigenständige Netzwerkkonfigurationen, zwischen denen man im laufenden Betrieb wechseln kann.

Mit dem Network Configuration Assistant (zu erreichen über Start Here/System Settings/Network) richten Sie durch einen Klick auf New... ein neues Profil ein. So klinken Sie Ihr Notebook morgens ins Firmennetzwerk mit DHCP-Server ein und schalten nach Feierabend zu Hause per Mausklick auf den eigenen DSL-Anschluss um.

Ähnlich einfach zu bedienende, neu entwickelte Tools bietet Red Hat für die Konfiguration von XFree86 (redhat-config-xfree86), zum Paket-Management (redhat-config-packages) und zum mausgesteuerten Einrichten von Server-Diensten (redhat-config-httpd, redhat-config-printer) an.

Diese Tools lassen sich analog zum Netzwerk-Konfigurationsassistenten über den Desktop-Link Start Here/System Settings aufrufen. Allerdings fehlt immer noch eine zentrale Anlaufstelle für alle Systemeinstellungen, wie sie Linux-Neulinge am SuSE-eigenen YaST schätzen.

Woher nehmen?

Wie bei Red Hat üblich, kann die Distribution sowohl gratis aus dem Internet heruntergeladen als auch als Box-Version über den Fachhandel oder einen Internet-Shop bezogen werden. Erhältlich sind eine Personal-Variante für 50 Euro, die sich vor allem an Endbenutzer richtet, und eine Professional-Fassung für den geschäftlichen Einsatz, die mit 200 Euro zu Buche schlägt.

Beide Versionen bringen sieben CDs mit, darunter sind Binär-, Quellcode und Applikations-CDs. Red Hat Linux Personal bietet 30 Tage Installations-Support über das Internet und 30 Tage Zugriff auf das Red Hat Network. An Dokumentation liegen nur das Installationshandbuch und das Red-Hat-Network-Referenzhandbuch in gedruckter Form bei.

Den vierfachen Preis der Professional-Ausgabe rechtfertigt Red Hat in erster Linie mit dem Installations-Support von 60 Tagen. Zudem liegen diesem Produkt ein Konfigurations- und ein Referenzhandbuch, ein Erste-Schritte-Guide, eine boot-bare Systemadministrator-CD mit einem Rettungssystem sowie eine DVD mit dem Inhalt aller CDs bei.

Kasten 2: Versionen auf einen Blick

Kernel 2.4.18

GCC 3.2

XFree86 4.2.0

Glibc 2.2.93

KDE 3.0.3

GNOME 2.0

Open Office 1.0.1

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