Höchste Priorität hatte der Desktop in den letzten Red-Hat-Linux-Ausgaben nicht gerade. Umso interessanter ist der Versuch, mit der neuen Version 8.0 jene User, insbesondere Linux-Erstanwender, zu adressieren, die in der Vielfalt der Desktop-Umgebungen unter Linux in erster Linie einen Nachteil sehen.
Bluecurve heißt das neue Desktop-Layout, mit dem der amerikanische Distributor die beiden Desktop-Umgebungen KDE und GNOME im Look & Feel so stark aneinander annähert, dass sie sich wie eineiige Zwillinge gleichen (Abbildung 1). KDE- wie GNOME-Puristen verprellt die Verwendung eines eigenen Bluecurve-Iconsets womöglich, aber das ist eben der Preis der Innovation. Ob GNOME oder KDE im Bluecurve-Korsett – Programme startet man nunmehr einheitlich per Doppelklick.
Allerdings lässt sich Aussehen und Funktionalität des Desktops weiterhin nach eigenem Gusto in den Kontrollzentren der Desktop-Umgebungen anpassen.
Positiv fällt auf, dass die meisten X11-Anwendungen bei der Anzeige von Schriften Anti-Aliasing verwenden. Allerdings erfordert der Betrieb der grafischen Oberfläche dadurch mehr Rechen-Power als früher. Für aktuelle Systeme stellt das selbstverständlich kein Hindernis dar. Auf älteren PCs, die zum Beispiel als Heim-Server verwendet werden, empfiehlt sich aber spätestens jetzt der Abschied von den grafischen Benutzeroberflächen.
Installation ohne Überraschungen
Bei der Installation hat Red Hat aufgeräumt: Der Installer wirkt grafisch aufgepeppt und stabil. Bessere Paketwahl-Optionen überzeugen sowohl fortgeschrittene Anwender als auch Einsteiger. Erstmals steht die Installationsklasse Personal Desktop mit einem auf Home- und Office-Benutzer zugeschnittenen Paketumfang zur Verfügung.
Nach der Auswahl einer Klasse lassen sich anschließend darüber hinausgehende Pakete hinzufügen und unerwünschte aus der Klasse abwählen. So wird die Software-Ausstattung des Rechners noch vor dem endgültigen Aufspielen individuell verfeinert.
Sowohl bei der Hardware-Erkennung (unter anderem von einer neuen Digitalkamera) als auch bei der Einrichtung von Netzwerk-Anschlüssen war die Distribution den Testsystemen gewachsen.
Ungewöhnlich für den deutschen Markt ist, dass der Benutzer KDE anders als noch in der Vorversion während der Installation nicht mehr als Default-Desktop einstellen kann. Dies lässt sich erst nachträglich durch den Eintrag DESKTOP="KDE" in der Datei /etc/sysconfig/desktop erreichen.
Nach dem Reboot startet der sogenannte Firstboot-Prozess, mit dessen Hilfe der Benutzer Datum, Zeit und verwendete Sound-Karte konfiguriert. Weiterhin besteht hier die Möglichkeit, Software von zusätzlichen CDs einzuspielen oder das System beim Red Hat Network [2] anzumelden.
Letzteres erlaubt es, die Software auf dem Rechner automatisch über das Internet zu aktualisieren, wenn zum Beispiel Bugfixes verfügbar werden. Allerdings ist dieser Spaß nicht ganz billig; die Box-Produkte enthalten jedoch ein 30-Tage- beziehungsweise 60-Tage-Abonnement.
MP3 ausgesperrt
Wer jetzt meint, der Sound-Karte ein paar MP3s entlocken zu können, wird eines Besseren belehrt: Red Hat hat die Unterstützung für dieses Audioformat aus lizenzpolitischen Gründen aus den Quelltexten aller Applikationen entfernt (siehe Kasten 1).
Um mit XMMS dennoch MP3-Dateien anhören zu können, bedient man sich einfach der Programm-Pakete für die letzte Red-Hat-Beta Null, die zum Beispiel unter [1] zum Download bereitstehen. Sie werden installiert, indem man die kastrierten Versionen zunächst entfernt, das XMMS-Paket etwa mit rpm -e --nodeps xmms. Danach spielt man die heruntergeladene Version mittels rpm -ivh xmms-1.2.7-10.i386.rpm ein.
Kasten 1: Warum ohne MP3?
LinuxUser bat Dirk Haaga, den Geschäftsführer von Red Hat Deutschland, um einen Stellungnahme zum fehlenden MP3-Support in Red Hat Linux. Hier seine Antwort:



