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Zwergen-Desktop

OPIE: Grafische Benutzeroberfläche für Linux-PDAs

01.10.2002 PDAs auf Linux-Basis haben eine wachsende Fan-Gemeinde, doch nach der ersten Euphorie wünschen sich viele Verbesserungen an der grafischen Oberfläche und ihren Applikationen. Da bietet sich ein Blick auf das Open-Source-Projekt OPIE an.

Obwohl fast jeder Hersteller von Linux-PDAs seine Geräte mit einer anderen grafischen Oberfläche ausstattet, katapultierte der Erfolg von Sharps Zaurus [1--3] die Qtopia-Umgebung der norwegischen Firma Trolltech ins Augenmerk der User. Doch dieser Erfolg hatte auch Schattenseiten: Die Firma vernachlässigte andere, vorher unterstützte Plattformen wie Compaqs iPAQ, und manche Qtopia-Applikation ist weder so stabil noch so funktionsfähig, wie man es von einem PDA erwartet.

In der Open-Source-Welt hat eine solche Politik oft zur Folge, dass ein freies Projekt in die Bresche springt, und so gibt es seit gut einem halben Jahr OPIE, das "Open Palm Integrated Environment" [4,5], welches eine freie Alternative zu Qtopia darstellt. Die OPIE-Entwickler versuchen, so viele Endgeräte wie möglich zu unterstützen. Obwohl das Projekt noch nicht einmal ein Jahr alt ist, läuft die Software bereits auf dem Zaurus, dem iPAQ, den PDAs von Psion, dem Yopy und dem Tuxscreen-Telefon (http://tuxscreen.net/).

Was ist OPIE?

OPIE bedient hierbei sowohl den "Normal-User" durch Bereitstellung nützlicher Produktivitätsanwendungen als auch den ambitionierten Linux-Anwender, der seinen PDA unter Verwendung eines OPIE-Terminalprogramms Linux-typisch auf der Kommandozeile steuert.

Das funktioniert unter anderem deshalb schon nach so kurzer Entwicklungszeit, weil Embedded Linux als einziges PDA-Betriebssystem 100 Prozent kompatibel mit dem Desktop-OS ist – ein Ziel, das selbst Microsofts WindowsCE nicht erreicht. Dadurch lassen sich bereits vorhandene Anwendungen recht einfach auf den PDA portieren. Aber auch bei Geräte-Treibern greift der Synergieeffekt: Existiert ein Treiber einmal unter Linux, kann er mit großer Wahrscheinlichkeit auch auf einem Linux-PDA eingesetzt werden – zusätzlicher Herstellersupport ist nicht notwendig.

Von diesen Vorteilen profitieren sowohl Qtopia als auch OPIE. Da beide PDA-Umgebungen genau wie KDE auf Qt basieren, ist eine Portierung von KDE-Programmen sehr einfach: Mit wenigen Modifikationen kann man solche Programme für OPIE einrichten. Als Beispiele seien KStars [12] und Konqueror genannt.

Dennoch hat OPIE Qtopia gegenüber einen gewichtigen Vorteil, der auch die Hauptmotivation war, das Projekt ins Leben zu rufen: Die Entwicklung neuer Software und die Weiterentwicklung bestehender geht schneller, wenn sie der Kontrolle einer Gemeinschaft von Entwicklern unterliegt und nicht von einer einzigen Firma abhängt. Zwar ist Qtopia sowohl unter einer kommerziellen Lizenz, als auch unter der GPL zu haben, doch die Entwicklungen, die in die mit dem Zaurus vertriebene Version flossen, macht Trolltech bislang nicht unter der GPL zugänglich. So entschlossen sich Benjamin Long und andere Anfang 2002, eine unter der GPL stehende, eigene Version von Qtopia zu erstellen. Im Gegensatz zu Qtopia sollte OPIE nach dem Vorbild von KDE vollkommen offen entwickelt werden. Inzwischen gibt es so gut wie kein Programm, das in der OPIE-Version nicht entscheidend verbessert wurde.

Hinzu kommen ganz neue Programme wie Heute (Abbildung 5), die es nur für OPIE gibt. Sie laufen aber auch auf Qtopia, da beide Umgebungen auf der Qt/e-Bibliothek basieren. Will man ein OPIE-Programm unter Qtopia verwenden, muss man vor dem Softwarepaket lediglich die Bibliothek libopie zusätzlich installieren.

Andersherum geht es natürlich auch: Da OPIE vollständig kompatibel zu Qtopia ist, reicht es, das Qtopia-Programm einfach wie unter OPIE gewohnt zu installieren. Es ist nach einen Neustart der PDA-Umgebung, die ca. 10 Sekunden dauert, sofort einsetzbar.

Kasten 1: Die Installation

Wenn Sie bereits Linux auf Ihrem PDA installiert haben [8], geht das Aufspielen von OPIE rasch von der Hand – sofern Sie mit dem PDA direkt oder über einen PC eine Verbindung zum Internet aufbauen können. Dies ist z. B. mit USBnet [10], PPP [11] oder wie in [2] beschrieben möglich.

Sollten Sie Qtopia oder dessen Vorgänger QPE bereits installiert haben, löschen Sie diese Oberfläche zunächst vollständig mit dem Befehl

qpe-remove && opie-qpe-update

Dabei brauchen Sie keine Angst zu haben! Sie können auch OPIE jederzeit entfernen und zum Ausgangszustand zurückkehren. Beim Zaurus geht das, indem Sie das Image von Sharp wieder installieren. Auf dem iPAQ reichen die Befehle

ipkg remove opie && ipkg install qpe

…, um OPIE durch das Trolltech-Produkt zu ersetzen. Sollten Sie auf dem Compaq-PDA zu WindowsCE zurückkehren wollen, finden Sie unter [9] Hilfe.

Egal ob Sie nun OPIE einspielen oder wieder loswerden wollen – in jedem Fall sollten Sie vorher Ihre Daten sichern, damit Sie sie nicht doppelt eingeben müssen. Zudem entfernen Sie vor der OPIE-Installation aus der Datei /etc/ipkg.conf alle Zeilen, die mit src beginnen. Anschließend rufen Sie in einem Terminalprogramm auf dem PDA den Befehl

echo "src opie http://131.152.105.154/feeds/ipaq/unstable/" >> /etc/ipkg.conf

auf. Dabei ist es egal, welches Gerät Sie benutzen, alle greifen auf die selbe Quelle zu. Somit "weiß" Ihr System nun, wo es nach OPIE suchen soll. Lassen Sie sich nicht von dem Wort unstable beunruhigen: Es gibt bisher nur eine OPIE-Version, die trotz ihres Namens schon sehr stabil ist.

Zur Installation von Software benutzt OPIE ipkg, ein Programm, das dem Debian-Paketmanager dpkg sehr ähnlich ist. Zuerst laden Sie sich die Paketdatenbank vom OPIE-Server 131.152.105.154 herunter:

ipkg update

Sobald ipkg damit fertig ist, starten Sie das Kommando

ipkg install task-opie

Es installiert das OPIE-Hauptpaket, erfüllt alle Abhängigkeiten und richtet es ein. Je nach Internet-Anbindung kann dies unterschiedlich lange dauern.

Um OPIE zu starten, tippen Sie

/etc/init.d/opie start

Sollte irgendwann einmal ein Neustart des Systems notwendig sein, wird Ihr PDA OPIE direkt starten.

Ab jetzt geht übrigens auch das Installieren neuer Tools und das Löschen nicht mehr benötigter Software einfacher von der Hand als mit ipkg: Mit dem intuitiv zu bedienenden OPIE-Paketmanager oipkg (Abbildung 1) verschaffen Sie sich leicht einen Überblick über alle Programme.

Abbildung 1

Abbildung 1: Der OPIE-Paketmanager

Kasten 2: Der PDA als Bildbetrachter

Viele Besitzer einer Digitalkamera kennen das Problem: Auf dem winzigen Display lässt sich selten sicher entscheiden, ob ein Bild aufhebenswert ist oder besser nicht länger den knappen Speicherplatz belegen sollte. Da liegt es nahe, die CompactFlash-Karte, auf der die Kamera die Fotos abspeichert, in den entsprechenden Slot des PDAs (beim Autor ein iPAQ) zu stecken. In Sekundenschnelle erkennt Linux das neue Speichermedium und bindet es ins Dateisystem ein. OPIE zeigt dessen Inhalt in allerkürzester Zeit an. Da Fotos mit einem Bildbetrachter verknüpft sind, kann man sofort ein Bild nach dem anderen anschauen und gegebenenfalls löschen.

Anwendungen

OPIE kommt mit zahlreichen Anwendungen, so dass Sie von Anfang an einen voll ausgestatteten PDA haben. Natürlich müssen Sie nicht alle installieren; in der Regel hat ein PDA dafür ohnehin nicht genügend Speicher zur Verfügung – und da auch hier der Platz begrenzt ist, seien Sie nicht enttäuscht, wenn dieser Artikel nur eine Auswahl OPIE-Programme vorstellt.

Die Vorzeige-Applikation per se ist sicher der Web-Browser Konqueror, den der KDE-Entwickler Simon Hausmann für Qt/e portiert, so dass er Ihnen auch unterwegs mit allen Funktionen zur Verfügung steht.

Doch was nützt der schönste Browser , wenn man damit nicht ins Netz kommt? [2] beschreibt, wie man den Zaurus-PDA mit dem Internet verbindet. Selbstverständlich gilt der dort beschriebene Weg auch für OPIE, denn die Netzwerkanbindung ist Sache des Betriebssystems. Sie können die in [2] dargestellten Schritte unter OPIE in fast identischer Weise nachvollziehen. Lediglich das Design der Oberfläche unterscheidet sich minimal.

Termine und Adressen

In der Hauptsache dient ein PDA wohl dazu, Kontakte und Termine zu verwalten. Am einfachsten installieren Sie zu diesem Zweck das Paket task-opie-pim. Es enthält die Programme TODO, Today, einen Terminkalender und das Adressbuch.

Letzteres (Abbildung 2) zeigt nach dem Start alle Adressen alphabetisch sortiert an. Jeder Kontakt lässt sich kategorisieren, so dass man später mit einem Handgriff nur auf Geschäftspartner oder lediglich auf die Mitglieder des Tennisvereins blickt.

Wenn Sie Ihre eigenen Daten eingeben, speichert das Adressbuch sie in Form von vCards. Über Infrarot, E-Mail oder eine Netzwerkverbindung schickt man diese an ein externes Empfangsgerät; dies kann zum Beispiel ein Handy oder ein anderer Organizer sein.

Das Programm Termine (Abbildung 3) dient zum Verwalten von Verabredungen und Deadlines. Den je nach Situation besten Überblick verschaffen verschiedene Wochenübersichten, eine Tages- und eine Monatsübersicht. Zudem kann man Termine kategorisieren, ihnen Orte zuweisen, sie mit Notizen versehen usw.

Abbildung 2

Abbildung 2: Adressbuch

Abbildung 3

Abbildung 3: Termine

Studenten, Schüler oder Berufstätige – fast alle haben immer viele Dinge gleichzeitig zu erledigen. Den Überblick behält man mit dem Programm TODO (Abbildung 4). Es ermöglicht es, beliebig viele noch zu erledigende Dinge zu verwalten und diesen Aufgaben Prioritäten oder einen aktuellen Status zuzuweisen. Sie lassen sich in Gruppen sortieren. Der gewiefte Organisierer behält die Übersicht, indem er sich jeweils nur die relevante(n) Gruppe(n) anzeigen lässt.

Abbildung 4

Abbildung 4: Noch zu tun

Abbildung 5

Abbildung 5: Heute

Die OPIE-Eigenentwicklung Heute (Abbildung 5) hingegen vermittelt einen Überblick über das aktuelle Tagesgeschehen. Dabei greift Heute auf die im Terminkalender eingetragenen Termine zurück. Je nach Einstellung zeigt das Programm alle Termine oder nur solche, die in der Zukunft liegen. Darunter finden Sie eine Übersicht über den E-Mail-Ein- und -Ausgang. Der unterste Bereich ist den aktuell anstehenden Aufgaben aus TODO gewidmet – ein weiteres schönes Beispiel dafür, wie OPIE-Programme miteinander kommunizieren.

Die Zukunft

So dynamisch, wie OPIE gestartet ist, will sich das Projekt auch weiterentwickeln. Die Chancen dafür stehen gut – zum einen, weil sich die Anzahl der OPIE-Nutzer und damit auch das Feedback Tag für Tag erhöht, zum anderen aber auch dank der engen Kooperation mit verwandten Projekten wie der Linux-Distribution Familiar für den iPAQ [6]. Sowohl Familiar als auch OPIE werden demnächst auf den GCC 3.3 setzen. Wenn Qtopia und OPIE Anfang 2003 auf Qt/e 3.1 umsteigen, bekommen Internationalisierungsbemühungen Rückenwind, da dann bidirektionale Eingabe möglich wird.

Dass Linux-PDAs sich zwar über die Kommandozeile steuern, auf der anderen Seite aber die Unix-typische Multiuser-Bedienbarkeit vermissen lassen, wird sich mit OPIE ebenfalls in naher Zukunft ändern. Somit können sich mehrere Personen – sei es in der Firma oder der Familie – einen PDA teilen. Dabei unterscheiden sich etwa in einem Privat- und einem Geschäftsmodus die optischen Einstellungen und die Terminliste. Der entsprechende Code ist bereits in aktuellen Beta-Versionen vertreten. Als Standard-User wird dann nicht mehr root, sondern ein unprivilegierter Nutzer fungieren.

Für Umsteiger von Qtopia oder Windows, die sich die Installation nicht selbst zutrauen, sind Pakete in Arbeit, mit denen auch Anfänger in wenigen Minuten von Qtopia oder Windows auf OPIE wechseln können. Mit etwas Glück sind sie bei Erscheinen dieses Artikels bereits zu haben – Anfang September sagt die Planung.

Um all das auf die Beine zu stellen, braucht das OPIE-Projekt neue Entwickler, Tester und Übersetzer. Wenn Sie Interesse haben, daran mitzuwirken, so wenden Sie sich an einen der Entwickler, die in [4] erwähnt sind.

Abbildung 6

Abbildung 6: OPIE im Liquid-Style

Glossar

OS

Abkürzung für den englischen Begriff "Operative System" oder den Anglizismus "Operativ-System", Betriebssystem.

Qt/e

Qt ist eine freie und plattformunabhängige Bibliothek zur Programmierung grafischer Oberflächen, die unter anderem OPIE, Qtopia und KDE nutzen. Die speziell für PDAs (sogenannte "embedded devices") angepasste Version heißt Qt/e.

vCard

Ein in RFC 2426 beschriebener Standard für virtuelle Visitenkarten. Außer den Daten, die üblicherweise auf Visitenkarten zu finden sind, lassen sich in vCard-Dateien zahlreiche weitere Informationen übermitteln.

GCC

Die "GNU Compiler Collection" enthält Programme, die in der Lage sind, verschiedene Programmiersprachen wie z. B. das bei OPIE verwendete C++ in Maschinensprache zu überführen. Die neue und stark verbesserte GCC 3.x ist u. a. schneller als die bisher gebräuchliche Version 2.95.3.

bidirektionale Eingabe

Zahlreiche, hauptsächlich asiatische Sprachen werden von rechts nach links geschrieben. Erst Qt 3 unterstützt diese Eingabe sowie den Wechsel der Schreibrichtung (zum Beispiel für englische Begriffe oder Zahlen).

Infos

[1] Carsten Zerbst: "Zwergpinguin", LinuxUser 02/2002, S. 74 f.

[2] Dirk Materlik: "Saurier in freier Wildbahn", LinuxUser 08/2002, S. 56 ff.

[3] Dirk Materlik: "Saurier im Netz", LinuxUser 09/2002, S. 58 ff.

[4] Die deutsche OPIE-Homepage: http://www.opie.info/

[5] Die englische Web-Präsenz des OPIE-Projekts: http://opie.handhelds.org/

[6] Familiar, eine Distribution für PDAs: http://familiar.handhelds.org/

[7] Linux-auf-iPAQs-FAQ (englisch): http://www.handhelds.org/handhelds-faq/handhelds-faq.html

[8] Installationsanleitung für Familiar auf dem iPAQ (englisch): http://www.cfar.umd.edu/~arvind/linuxonipaq.htm

[9] WindowsCE wieder installieren (englisch): http://www.handhelds.org/handhelds-faq/wincerestoration.html

[10] USBnet einrichten (englisch): http://www.handhelds.org/z/wiki/Setting%20Up%20USB%20Networking%20to%20Survive%20Suspension

[11] PPP einrichten (englisch): http://www.handhelds.org/z/wiki/PPPHowto

[12] Stefanie Teufel: "Sonne, Mond und Sterne", LinuxUser 09/2002, S. 52 f.

Der Autor

Carsten Niehaus zeichnet für die Übersetzung von OPIE verantwortlicht und programmiert für KDE. Außerhalb der Open-Source-Bewegung studiert er in Osnabrück Biologie und Chemie.

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