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Der bequeme Weg

LyX-Workshop, Teil 1

01.10.2002 LyX verbindet das Schriftsatz-System LaTeX mit den Fähigkeiten einer komfortablen Textverarbeitung. Selbst Einsteiger erstellen auf diese Weise Dokumente von bestechender Qualität.

Philosophie und Kunst

Die Wurzeln von LyX ragen tief in die Computer-Geschichte: Im März des Jahres 1978 schrieb Donald E. Knuth [1] die ersten Zeilen eines Satzprogrammes mit dem Namen TeX. Die Software sollte das Layout seines Werkes "The Art of Programming" verbessern, denn das Ergebnis des Schriftsatzes bereitete dem Ästheten Knuth wenig Freude.

Schon der Name des Satzsystemes sagt, wie sehr Perfektion und Kunst in dem Programm verbunden sein sollen. TeX steht für die griechischen Buchstaben Tau Epsilon Chi, die Aussprache ist deshalb tech und nicht tecks [2].

Die alten Griechen, allen voran Aristoteles, begriffen "Techne" als Kunstfertigkeit und angewandtes Wissen. Und genau diese Punkte schwebten Knuth vor. Dem Verfasser bot das entwickelte Satzpaket die Möglichkeit, den Text durch eingestreute Kommandos in eine kunstvolle Form zu bringen.

Leider sind diese Kommandos unübersichtlich und für den durchschnittlichen Schreiber ein wahres Rätsel [3]. Leslie Lamport entwarf deshalb bereits 1985 die TeX-Erweiterung LaTeX. Wie HTML bilden auch diese Anweisungen eine Markup-Language, sprich eine Beschreibungssprache, die dem Interpreter anzeigt, wie er ein Dokument gestalten muss.

Im Gegensatz zu HTML ist der Interpreter freilich kein Browser sondern das Satzsystem von Donald Knuth, das den Text anhand der LaTeX-Makros formatiert und aus dem Ergebnis eine DVI-Datei erzeugt. Bereits in der letzten Ausgabe des LinuxUser begann ein Workshop, der einen Überblick über die Sprache gibt. Wenn Sie das Paket LaTeX installiert haben, dann liegt eine Einführung zu diesem Thema mit der Datei l2kurz.dvi auf Ihrer Festplatte.

Der von Leslie Lamport entwickelte Aufsatz aus Makro-Kommandos erleichterte zwar die Arbeit am Text, entließ den Anwender jedoch nicht aus der Pflicht, die LaTeX-Syntax zu erlernen. 1995, zehn Jahre nach Lamports Arbeit, gelang Matthias Ettrich ein weiterer Schritt in Richtung Benutzerfreundlichkeit des Satzprogrammes: Das Frontend LyX erblickte das Licht der Welt.

Der Autor entwarf sein Programm ursprünglich im Rahmen eines Studienprojektes. Auf den ersten Blick erscheint LyX mit seiner Menüleiste wie ein Editor unter vielen. Beim näheren Hinsehen erkennt man jedoch, dass Ettrich das Kunststück gelang, die Bequemlichkeit der modernen Textverarbeitung mit der Perfektion des TeX-Layouts zu verbinden. 1997 portierte er sein Programm mit Matthias Kalle Dalheimer [4] auf die KDE-Umgebung und nannte den entstandenen Zweig Klyx. Seit diesem Zeitpunkt liegt die Arbeit am Programmcode von LyX in den Händen von Lars Gullik Bjønnes.

LyX und Klyx unterscheiden sich in erster Linie durch die Oberfläche. Während LyX auf dem GUI-Toolkit Xforms basiert, benutzt Klyx die Qt-Bibliothek. Beide Versionen sind jedoch weitgehend kompatibel zueinander. Weitere Informationen zur Portierungsgeschichte und zum Umgang mit Klyx finden Sie in Heft 10/2000, Seite 85 und auf der Homepage unseres Magazins [5]. Die neueste Version von LyX wartet unter dem URL http://www.lyx.org auf ihren Download.

Der Editor LyX

Alle Optionen, die Ihnen ein herkömmlicher Text-Editor bietet, finden Sie ebenfalls bei LyX. So können Sie Wörter suchen und ersetzen, Tabellen einfügen, eine Rechtschreibprüfung starten oder Textstellen mit der Maus markieren und ausschneiden. Viele Dinge jedoch, die Sie bei Programmen wie Microsoft Word & Co. anwenden, benötigen Sie bei der Arbeit mit dem LaTeX-Frontend nicht.

So kennt das Programm weder Tabulatoren noch zusätzliche Leerzeilen oder Leerzeichen, um den Abstand zwischen Wörtern und Absätzen zu vergrößern. Im Textfeld zeigt der Editor weder den Zeilen- noch den Seitenumbruch an. Mit der Silbentrennung der Wörter belästigt Sie das Frontend ebenfalls nicht.

LyX ist eine visuelle Textverarbeitung, die LaTeX zum Ausdruck verwendet, und sie unterliegt den Beschränkungen des Makro-Paketes. Das ist einer der Gründe, warum Sie das WYSIWYG-Verhalten anderer Editoren hier vergeblich suchen. Wenn Sie wissen möchten, wie Ihr Dokument schlussendlich aussieht, müssen Sie es beispielsweise als DVI-Datei betrachten.

Abbildung 1: Ein Dokument in der DVI-Vorschau

Abbildung 2: Das Dokument aus Abb.1 in der WYSIWYM-Ansicht des Editors

Diese Einschränkungen sind gleichzeitig der größte Vorteil des Programms: Sie können sich beim Schreiben völlig auf den Inhalt Ihres Dokumentes konzentrieren, die typografische Sorgfalt der Absätze, Überschriften oder Fußnoten trägt der Rechner. Sie müssen dem Editor nur sagen, welchen Absatz er eingerückt, als Fußnote oder Liste formatieren soll. Über das Layout brauchen Sie sich nicht den Kopf zu zerbrechen.

Wenn Sie dem Frontend sagen, welche Textstelle eine numerierte Überschrift sein soll, dann wählt es den entsprechenden Zeichensatz samt Schriftbild und korrekter Nummer aus. Umständliche Formatierung der Absätze von Hand, im Stile von "fett, 16-Punkt, zentriert", gehört der Vergangenheit an.

Aus all diesen Gründen nannte Matthias Ettrich sein Programm einen WYSIWYM-Editor. WYSIWYM ist das Akronym für "What you see is what you mean" und bedeutet "Du siehst (im Editor), was Du meinst". Sie sehen also nicht das Abbild des Textes, wie er aus dem Drucker kommt. Die Darstellung beschränkt sich auf die von Ihnen gewollte logische Gliederung des Dokumentes in Hervorhebungen, Überschriften oder Listen.

LyX zeichnet sich noch durch eine Reihe weiterer Features aus. So können Sie ein aktuelles Dokument nicht nur in das DVI-Format überführen, sondern es unter anderem als ASCII- oder HTML-Datei speichern. Ebenfalls unterstützt Sie das Programm bei dem Erstellen eines Inhaltsverzeichnisses oder einer Stichwortliste.

Sofern Sie mit mathematischen Ausdrücken arbeiten, wartet ein Formel-Editor im WYSIWYM-Stil auf seinen Einsatz, den Sie via Tastatur bedienen können. Weitere Vorteile sind das Einbinden und Skalieren von Postscript-Grafiken in Ihr Schriftstück und eine unbegrenzte Undo-/Redo-Funktion.

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