LyX verbindet das Schriftsatz-System LaTeX mit den Fähigkeiten einer komfortablen Textverarbeitung. Selbst Einsteiger erstellen auf diese Weise Dokumente von bestechender Qualität.
Philosophie und Kunst
Die Wurzeln von LyX ragen tief in die Computer-Geschichte: Im März des Jahres 1978 schrieb Donald E. Knuth [1] die ersten Zeilen eines Satzprogrammes mit dem Namen TeX. Die Software sollte das Layout seines Werkes “The Art of Programming” verbessern, denn das Ergebnis des Schriftsatzes bereitete dem Ästheten Knuth wenig Freude.
Schon der Name des Satzsystemes sagt, wie sehr Perfektion und Kunst in dem Programm verbunden sein sollen. TeX steht für die griechischen Buchstaben Tau Epsilon Chi, die Aussprache ist deshalb tech und nicht tecks[2].
Die alten Griechen, allen voran Aristoteles, begriffen “Techne” als Kunstfertigkeit und angewandtes Wissen. Und genau diese Punkte schwebten Knuth vor. Dem Verfasser bot das entwickelte Satzpaket die Möglichkeit, den Text durch eingestreute Kommandos in eine kunstvolle Form zu bringen.
Leider sind diese Kommandos unübersichtlich und für den durchschnittlichen Schreiber ein wahres Rätsel [3]. Leslie Lamport entwarf deshalb bereits 1985 die TeX-Erweiterung LaTeX. Wie HTML bilden auch diese Anweisungen eine Markup-Language, sprich eine Beschreibungssprache, die dem Interpreter anzeigt, wie er ein Dokument gestalten muss.
Im Gegensatz zu HTML ist der Interpreter freilich kein Browser sondern das Satzsystem von Donald Knuth, das den Text anhand der LaTeX-Makros formatiert und aus dem Ergebnis eine DVI-Datei erzeugt. Bereits in der letzten Ausgabe des LinuxUser begann ein Workshop, der einen Überblick über die Sprache gibt. Wenn Sie das Paket LaTeX installiert haben, dann liegt eine Einführung zu diesem Thema mit der Datei l2kurz.dvi auf Ihrer Festplatte.
Der von Leslie Lamport entwickelte Aufsatz aus Makro-Kommandos erleichterte zwar die Arbeit am Text, entließ den Anwender jedoch nicht aus der Pflicht, die LaTeX-Syntax zu erlernen. 1995, zehn Jahre nach Lamports Arbeit, gelang Matthias Ettrich ein weiterer Schritt in Richtung Benutzerfreundlichkeit des Satzprogrammes: Das Frontend LyX erblickte das Licht der Welt.
Der Autor entwarf sein Programm ursprünglich im Rahmen eines Studienprojektes. Auf den ersten Blick erscheint LyX mit seiner Menüleiste wie ein Editor unter vielen. Beim näheren Hinsehen erkennt man jedoch, dass Ettrich das Kunststück gelang, die Bequemlichkeit der modernen Textverarbeitung mit der Perfektion des TeX-Layouts zu verbinden. 1997 portierte er sein Programm mit Matthias Kalle Dalheimer [4] auf die KDE-Umgebung und nannte den entstandenen Zweig Klyx. Seit diesem Zeitpunkt liegt die Arbeit am Programmcode von LyX in den Händen von Lars Gullik Bjønnes.
LyX und Klyx unterscheiden sich in erster Linie durch die Oberfläche. Während LyX auf dem GUI-Toolkit Xforms basiert, benutzt Klyx die Qt-Bibliothek. Beide Versionen sind jedoch weitgehend kompatibel zueinander. Weitere Informationen zur Portierungsgeschichte und zum Umgang mit Klyx finden Sie in Heft 10/2000, Seite 85 und auf der Homepage unseres Magazins [5]. Die neueste Version von LyX wartet unter dem URL http://www.lyx.org auf ihren Download.
Der Editor LyX
Alle Optionen, die Ihnen ein herkömmlicher Text-Editor bietet, finden Sie ebenfalls bei LyX. So können Sie Wörter suchen und ersetzen, Tabellen einfügen, eine Rechtschreibprüfung starten oder Textstellen mit der Maus markieren und ausschneiden. Viele Dinge jedoch, die Sie bei Programmen wie Microsoft Word & Co. anwenden, benötigen Sie bei der Arbeit mit dem LaTeX-Frontend nicht.
So kennt das Programm weder Tabulatoren noch zusätzliche Leerzeilen oder Leerzeichen, um den Abstand zwischen Wörtern und Absätzen zu vergrößern. Im Textfeld zeigt der Editor weder den Zeilen- noch den Seitenumbruch an. Mit der Silbentrennung der Wörter belästigt Sie das Frontend ebenfalls nicht.
LyX ist eine visuelle Textverarbeitung, die LaTeX zum Ausdruck verwendet, und sie unterliegt den Beschränkungen des Makro-Paketes. Das ist einer der Gründe, warum Sie das WYSIWYG-Verhalten anderer Editoren hier vergeblich suchen. Wenn Sie wissen möchten, wie Ihr Dokument schlussendlich aussieht, müssen Sie es beispielsweise als DVI-Datei betrachten.
Diese Einschränkungen sind gleichzeitig der größte Vorteil des Programms: Sie können sich beim Schreiben völlig auf den Inhalt Ihres Dokumentes konzentrieren, die typografische Sorgfalt der Absätze, Überschriften oder Fußnoten trägt der Rechner. Sie müssen dem Editor nur sagen, welchen Absatz er eingerückt, als Fußnote oder Liste formatieren soll. Über das Layout brauchen Sie sich nicht den Kopf zu zerbrechen.
Wenn Sie dem Frontend sagen, welche Textstelle eine numerierte Überschrift sein soll, dann wählt es den entsprechenden Zeichensatz samt Schriftbild und korrekter Nummer aus. Umständliche Formatierung der Absätze von Hand, im Stile von “fett, 16-Punkt, zentriert”, gehört der Vergangenheit an.
Aus all diesen Gründen nannte Matthias Ettrich sein Programm einen WYSIWYM-Editor. WYSIWYM ist das Akronym für “What you see is what you mean” und bedeutet “Du siehst (im Editor), was Du meinst”. Sie sehen also nicht das Abbild des Textes, wie er aus dem Drucker kommt. Die Darstellung beschränkt sich auf die von Ihnen gewollte logische Gliederung des Dokumentes in Hervorhebungen, Überschriften oder Listen.
LyX zeichnet sich noch durch eine Reihe weiterer Features aus. So können Sie ein aktuelles Dokument nicht nur in das DVI-Format überführen, sondern es unter anderem als ASCII- oder HTML-Datei speichern. Ebenfalls unterstützt Sie das Programm bei dem Erstellen eines Inhaltsverzeichnisses oder einer Stichwortliste.
Sofern Sie mit mathematischen Ausdrücken arbeiten, wartet ein Formel-Editor im WYSIWYM-Stil auf seinen Einsatz, den Sie via Tastatur bedienen können. Weitere Vorteile sind das Einbinden und Skalieren von Postscript-Grafiken in Ihr Schriftstück und eine unbegrenzte Undo-/Redo-Funktion.
Dokumentation und Hilfe
Bevor wir einen ersten Blick auf die Benutzeroberfläche werfen, beschäftigen wir uns mit dem Hilfe-Button am Ende der Menüleiste. Die Option Hilfe öffnet das breit gefächerte Angebot der LyX-Dokumentation. Die Hilfe-Texte reichen von einer Einführung über das Tutorium mit Übungsaufgaben bis zum Referenzhandbuch. Der Menüpunkt Inhaltsverzeichnis erleichtert Ihnen die Suche in der Dokumentation. Wenn Sie sich durch die Anleitungen lesen möchten, empfiehlt sich der Einstieg in die Texte Einführung, Tutorium und FAQ.
Die Oberfläche
Beim ersten Aufruf des Programmes zeigt sich die obere Menüleiste mit den Punkten Datei, Bearbeiten und Hilfe noch recht spärlich bestückt. Nachdem Sie jedoch im Menü Datei/Neu ein Dokument angelegt haben, vervollständigt sich die Liste um die Optionen Einfügen, Layout, Anzeigen, Navigieren und Dokumente.
Der Punkt Datei liefert Ihnen das gewohnte Bild. Verschiedene Optionen ermöglichen das Erstellen, Öffnen und Speichern einer Datei. Neu ist der Abschnitt Versionskontrolle, mit dem Sie verschiedene Versionen des selben Textes identifizieren und markieren. Die Punkte Importieren und Exportieren konvertieren ASCII-, LaTeX- oder PDF-Dokumente vom und in das LyX-Format. Dateien dieses Types erkennen Sie an der Endung .lyx. Der Editor übernimmt die Konvertierung allerdings nicht selbst, sondern lässt sie durch externe Programme erledigen.
Auch der Menüpunkt Bearbeiten unterscheidet sich nur in wenigen Einstellungen von gewöhnlichen Editoren. So öffnet der Abschnitt Tabular ein Untermenü, um Tabellen zu bearbeiten. Im Fenster, das der Punkt Mathematische Symbole erzeugt, warten viele Sonderzeichen. Von griechischen Lettern bis zum Wurzel-Zeichen fügen sich die Symbole via Mausklick in das Dokument ein.
Mit Rechtschreibprüfung setzten Sie das Programm Ispell auf Ihren Text an. Durch Floats und Einfügungen öffnen und schließen Sie Fußnoten, Randnotizen und Tabellen. Die letzten zwei Punkte im Menüs, mit den Namen Einstellungen und Neu konfigurieren legen die Einstellungen in der Konfigurationsdatei des Editors fest. Zumeist liegt diese Datei auf dem Pfad ~/.lyx/lyxrc.
Hinter dem Button Einfügen verbirgt sich eine Liste von Textmarken, die Sie in das Dokument einbinden können. Auf diese Weise fügen Sie Randnotizen, Abbildungen und ganze Dateien ein.
Etwas umfangreicher ist der Punkt Layout. In der Sektion Zeichensätze bestimmen Sie beispielsweise die Schriftfamilie und die Schriftform des mit der Maus markierten Textes. Das Absatzformat legt unter anderem die Ausrichtung des Textes oder den Seitenumbruch fest. Die Option Dokument nutzen Sie, um das Aussehen des gesamten Dokumentes zu verändern. Fünf Karteikarten stehen in dieser Option zur Wahl. Hier bestimmen Sie die Klasse des Dokumentes, die von Brief bis Buch reicht, die Sprache für die automatische Silbentrennung des Programms oder das DIN-Format des Papiers.
Unter Anzeigen gelangen Sie in ein Menü, mit dem Sie ihren Text als PDF-Dokument, als Postscript oder in HTML betrachten können. In diesem Menü starten Sie ebenfalls den DVI-Betrachter, mit dem Sie prüfen können, wie Ihr Dokument im Druck erscheint. Der Schalter Aktualisieren funktioniert in der gewohnten Weise, die Sie von Ihrem WWW-Browser kennen. Nach einer Veränderung im Dokument lädt er es erneut in den Betrachter. Ein weiter Aufruf, der sich als nützlich erweist, steckt im Menü Inhaltsverzeichnis. Dieses Fenster fasst wahlweise die Abbildungen, den Inhalt, die Algorithmen oder die Tabellen Ihres Textes in einer Übersicht zusammen.
Um in Ihrem Dokument zu navigieren steht Ihnen die nächste Option der Menüleiste zur Seite. Sie können in der Navigation die Abschnitte Ihres Textes, die Notizen darin oder die Fehler abfahren. Da wir der Hilfe des LyX schon einen Besuch abgestattet haben, bleibt als Letztes der Punkt Dokumente. Alle Texte, die Sie zur Zeit geöffnet haben, erscheinen in dieser Umschalt-Funktion zum schnellen Wechsel.
Die Toolbar unterhalb der Menüleiste erlaubt es Ihnen, oft aufgerufene Funktionen mit einem Button auszuwählen. Ein kleines Hilfsfenster zeigt Ihnen den Namen des Knopfes an, wenn Sie ihn mit der Maus berühren. Viele Aktionen wie Drucken, Hervorheben oder der Formel-Editor haben hier ihren Platz gefunden.
Links in der Werkzeugleiste sehen Sie ein Dialogfeld, mit dem Sie den Umgebungstyp einzelner Absätze definieren. Die Liste hängt von der Dokumentenklasse ab, die Sie unter der Option Layout/Dokument bestimmen. Ein Beispiel: Mit der Klasse article stehen dort Absatzformatierungen für Titel, Überschriften und Autor zur Verfügung, die in der Klasse letter fehlen. Dafür finden sich in der Klasse letter Einträge zu Adresse, Telefonnummer und Betreff, die im Umgebungstyp eines Artikel nicht erscheinen. Mit den Angaben zur Absatzformatierung werden wir uns im nächsten Teil unseres Workshops genauer auseinander setzen.
Vorlagen
Im Verzeichnis /usr/share/lyx/templates lagern eine Reihe von LyX-Dateien, die Sie als Schablonen nutzen können. Der kürzeste Weg in dieses Verzeichnis führt über die Option Datei/Neu von Vorlage. Jetzt können Sie testen, was Sie bereits über die Textverarbeitung mit LyX wissen. Wählen Sie aus dem Verzeichnis templates die Datei dinbrief.lyx.
Im Bearbeitungsfeld des Editors sehen Sie den Musterbrief. Mit Ihren Angaben ersetzen Sie den vorgegebenen Text einschließlich der spitzen Klammern, die ihn umgeben. Der rechtwinklige Pfeil am Ende der ersten Zeilen der Umgebungstypen Briefkopf und Adresse deutet auf zwei Absätze hin, die ohne Abstand untereinander stehen. Um diese Formatierung zu verwenden, drücken Sie die Tastenkombination [Strg+Return].
Wenn Ihr Briefkopf mehr als die drei Zeilen der Vorgabe umfassen sollte, dann passen Sie ihn auf diesem Wege Ihren Bedürfnissen an. Nachdem Sie Ihren Brief geschrieben haben, können Sie sich das druckreife Ergebnis anschauen. Hierzu dient die schon beschriebene Menüoption Anzeigen. Vielleicht gefällt Ihnen das Muster mit Ihren Adressdaten, und Sie hätten das Dokument gern als ständige Briefschablone? Der richtige Ort für Ihre eigenen Vorlagen ist das Verzeichnis ~/.lyx/templates. Speichern Sie das Dokument dort unter einem treffenden Namen ab, damit Sie es immer griffbereit haben.
Wie geht’s weiter?
Im zweiten Teil unseres Workshops nehmen wir die Konfigurationsdatei ~/.lyx/lyxrc unter die Lupe, steigen tiefer in die Absatztypen, und Textklassen ein und schauen uns die Shortcuts an. Weiter stellen wir uns die Frage: Wie erstellt man ein Inhaltsverzeichnis, und was sind Randnotizen, Querverweise oder Fußnoten?
Glossar
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DVI
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Device-Independent. Der Inhalt der Datei ist in einer Geräte-unabhängigen Sprache geschrieben. Zum Anzeigen dieser Dateien benötigen Sie Programme wie xdvi und kdvi.
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WYSIWYG
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What You See Is What You Get. Du kriegst (vom Drucker), was Du im Programmfenster siehst.
Infos
[1] http://www-cs-faculty.stanford.edu/~knuth/index.htm
[2] Donald E. Knuth. Tau Epsilon Chi, a system for technical text
[3] http://www.ibiblio.org/pub/packages/TeX/info/german/texbuch/
[4] http://www.linux-magazin.de/ausgabe/1998/06/KLyx/klyx.html
[5] http://www.linux-user.de/ausgabe/2000/10/085-klyx/klyx.html





