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Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

"500 Vollversionen auf der Heft-DVD" - der Traum aller Windows-Anwender wird von einigen Windows-lastigen Fachzeitschriften sicher bald erfüllt werden. Phantastisch: Ein Programm, das Word-Dokumente in PDF-Dokumente konvertiert - im Handel würde es 50 Euro kosten, doch auf der neuen PC-Pronto-Heft-CD ist die OEM-Version vom letzten Jahr mit Freischalt-Code! Da leuchten die Augen, und der Linux-Anwender fragt sich: "Warum gibt's das nicht auch für uns?"

Der Windows-Anwendungsmarkt ist überschwemmt mit kleinen aber teuren Utilities, die die eine oder andere Aufgabe erfüllen. Wer Zip-Archive bequem öffnen will, kann WinZip kaufen (55,70 Euro für die Einzelplatzversion mit Handbuch, 35,30 Euro ohne). Wer Druckertinte sparen will, greift vielleicht zu FinePrint (53 Euro für den Einzelplatz), denn damit lassen sich zwei oder vier Seiten verkleinert auf eine drucken. Soll eine CD ständig verfügbar sein, kann man VirtualCD installieren und ISO-Images auf die Platte kopieren - das Programm kostet als Einzelplatzlizenz nur 44,95 Euro. Visitenkarten und Aufkleber drucken? Kein Problem, hier gibt es gleich mehrere Anbieter, die entsprechende Software entwickeln und für ein paar Euro unters Volk bringen. Gegen Viren helfen Antivirus-Programme, die im ersten Monat sogar kostenlos eingesetzt werden dürfen. Das Preisniveau liegt bei den genannten Tools um die 50 Euro (die man gerne noch in 100 Mark umrechnet), und die PC-Fachzeitschriften überbieten sich in der Schlacht um die meisten Gratis-Vollversionen (die dann meist doch nicht ganz so "voll" sind, weil sie entweder veraltet sind oder durch die Bezeichnung "OEM" oder "personal" schon darauf hinweisen, dass hier irgend etwas fehlt).

Ach ja, was war jetzt mit Linux? Word-Dateien nach PDF konvertieren geht mit StarOffice und ps2pdf, ZIP-Archive werden mit zip und unzip oder einem der zahlreichen GUI-Tools für Archive bearbeitet, mehrere Seiten auf eine druckt man mit dem PostScript-Filter psnup (bei KDEs KUPS ist dieses Tool in das GUI integriert), ISO-Images werden einfach mit dd von einer eingelegten CD kopiert und ganz normal mit mount gemountet. Visitenkarten erstellen Sie zum Beispiel mit gLabels (siehe Gnomogram in dieser Ausgabe). Beim letzten Punkt muss ich passen: Linux-Viren gibt es "leider" nicht, weshalb ich Ihnen hier kein Helferlein gegen eine Linux-Virenplage empfehlen kann.

Die genannten Tools sind übrigens kostenlos und typischerweise Bestandteil Ihrer Linux-Distribution. Natürlich sind diese Programme weder "Crippleware" (in der Funktion gegenüber einer Kaufversion eingeschränkt) noch nerven sie mit eingeblendeten Werbe-Bannern.

Einen einzigen Nachteil haben all die freien Linux-Tools gegenüber ihren kostenpflichtigen Windows-Pendants: Die Sammelleidenschaft in Form einer Excel-Tabelle, die Programmversionen und (legal erworbene!) Seriennummern aufnimmt, können Sie mit den Linux-Programmen nicht befriedigen. Dennoch kann mein Linux-System alles, was ich im Büro oder zu Hause brauche - Null Vollversionen and counting…

Hans-Georg EßerChefredakteur

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