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GNOME-Freund aus Valhalla

Red Hat Linux 7.3

01.08.2002 Red Hat ist der letzte Anbieter, der als Default-Desktop auf GNOME setzt, doch auch KDE 3.0 ist Teil des Valhalla genannten Red Hat Linux 7.3, und mit acht CDs und einer DVD ist dieses Paket das umfangreichste im Test.

Eine der besonderen Stärken von Red Hat war schon immer die automatische Hardware-Erkennung: Während man die korrekte Einrichtung von Grafikkarte und Monitor ohnehin erwartet (diese funktioniert gut und kennt sogar das ältere Monitormodell), ist es nicht selbstverständlich, dass nach Rekonfiguration des Rechners die Änderungen verkraftet werden.

Red Hat meistert das sehr gut: Nach der Installation wurden die Netzwerkkarte gegen ein anderes Modell ausgetauscht und ein zusätzlicher SCSI-Adapter eingebaut - 100% Treffer: Beim nächsten Systemstart entfernt der Hardware-Assistent die alte Netzwerkkarte und richtet die neuen Geräte ein. Die schon vorhandene Netzwerkkonfiguration wurde dabei auf die neue Karte übertragen, im Ergebnis war der Rechner sofort wieder im Netz erreichbar. Eigenartig ist nur: Der SCSI-Controller wurde zwar erkannt und das korrekte Modul in die Datei /etc/modules.conf eingetragen, aktiviert wurde der Treiber aber nicht - dafür ist ein

modprobe scsi_hostadapter

nötig. Doch beginnen wir beim Anfang, der Installation. Red Hat leistet sich den Luxus, bei der Partitionierung auf ein Tool zu verzichten, das Windows-FAT-Partitionen verkleinern kann. Dieses (bei SuSE und Mandrake vorhandene) Feature verliert allerdings mehr und mehr an Bedeutung, seit sich Windows XP als vorinstalliertes System durchsetzt: Die NTFS-Partitionen von XP kann keine der Linux-Distributionen im Test bearbeiten - es gibt schlicht noch kein freies Tool, das dies leistet. Jedoch zwingt Red Hat mit dieser Entscheidung auch Anwender älterer Windows-Versionen (95, 98, Me), zur Verkleinerung der Windows-Partition auf ein kommerzielles Tool wie Partition Magic auszuweichen oder mit dem unkomfortablen Kommandozeilen-Tool FIPS im DOS-Prompt von Windows zu arbeiten.

Ansonsten ist die Partitionierungsroutine flexibel: Red Hat kann einen Vorschlag für die Umgestaltung der Platte machen, den Anwender dies im Disk Druid oder (wichtig für Profis) auch mit fdisk erledigen lassen. Die automatisch vorgeschlagene Aufteilung ist für den Durchschnittsanwender vernünftig (kleine /boot-Partition, 1 GB Swap, Rest für die Root-Partition), die Partitionen werden mit dem Journaling-Dateisystem ext3, dem Nachfolger des alten Standards ext2 formatiert. Für und gegen ext3 und seine einzige echte Alternative ReiserFS gibt es unterschiedliche Argumente, die Entscheidung für ext3 ist nicht zu beanstanden.

An Installationsvarianten kennt Red Hat vordefinierte Paketauswahlen für den Einsatz als Workstation, Server oder Laptop und erlaubt auch, eine eigene Wahl zu treffen, als Boot-Manager stehen Lilo und Grub zur Wahl - im Master Boot Record der Platte oder im Boot-Sektor der Linux-Partition.

Schnell vernetzt

Netzwerk und Firewall werden schon bei der Installation konfiguriert: Für die Einrichtung der Netzwerkkarte kann DHCP verwendet werden, alternativ lassen sich die Daten (IP-Adresse, Netzmaske etc.) per Hand eingeben. Der Schutz durch die Firewall lässt sich in drei Stufen regeln; zusätzlich können verschiedene Servcices (DHCP, SSH, Telnet, WWW, SMTP und FTP) ein- oder ausgeschaltet werden.

Paketwahl

Den Installationsumfang bestimmen Sie zeitsparend durch eine Auswahl von vier Paketgruppen (GNOME, KDE, Software-Entwicklung, Spiele/Unterhaltung), können aber auch einzelne Pakete an- oder abwählen, falls Sie sich die Zeit nehmen wollen.

Sind alle Einstellungen getätigt, geht es nach Bestätigung der Vorgaben los - bis zu diesem Zeitpunkt wurde noch nichts am System verändert, was einen spät entschiedenen Ausstieg aus der Installation erlaubt.

Bei der Paketübertragung amüsiert Red Hat mit einigen Anekdoten über die Firma, etwa: "Aus Student trug Marc Ewing auf dem Campus immer eine rote Baseballmütze. Da er fast alle Computer-Probleme lösen konnte, begannen die Leute, den Typ mit dem roten Hut um Hilfe zu fragen - das blieb hängen."

Der andere Desktop

Red Hat ist der einzige Distributor, der beim Desktop in erster Linie auf GNOME setzt. Zwar ist KDE 3 Teil des Pakets, doch wer alle Vorgaben übernimmt, landet schließlich auf einem GNOME-Desktop. Außerdem sind im KDE-Startmenü nicht alle Anwendungen eingetragen, so war etwa der Video- und DVD-Player Xine nur unter GNOME zu finden. GNOME als Standard einzusetzen, ist ansonsten prinzipiell kein Nachteil, zumal sich bei jedem Anmeldevorgang neu entscheiden lässt, welcher Desktop gestartet werden soll. Das Desktop-Icon, über das ein "Kontrollzentrum" mit Tools für die wichtigsten Konfigurationsaufgaben erreichbar ist, steht unter beiden Desktops gut sichtbar auf der ansonsten sehr aufgeräumten Oberfläche bereit.

Abbildung 1

Abbildung 1: Der Standard-Desktop unter Red Hat Linux ist GNOME

Freie Wahl beim Internet-Zugang

Das Programm zur Internet-Konfiguration unterstützt DSL, ISDN und Modems und bietet für die beiden letzteren eine Provider-Datenbank, die neben den großen bundesweiten Providern auch zahlreiche lokale kennt - selbst die Einwahlnummern der Hochschulrechenzentren für ihre Studenten sind hier gespeichert. Merkwürdigerweise stehen die lokalen Daten aber nur bei der ISDN-Konfiguration zur Verfügung: Bei der Modem-Einrichtung werden nur die bundesweiten angezeigt. Interessant ist darüber hinaus, für welche Länder diese Datenbanken existieren: Neben Deutschland gibt es Daten für Tschechien, Norwegen, Slovenien und England - Österreich und die Schweiz tauchen hingegen im deutschsprachigen Produkt nicht auf.

Abbildung 2

Abbildung 2: Ein Internet-Zugang über Modem, ISDN oder DSL ist schnell konfiguriert

Ausstattung

Red Hat hat gegenüber früheren Versionen mit der 7.3 deutlich aufgerüstet: Acht CDs und eine DVD schlagen (was die Anzahl der Datenträger angeht) sogar die SuSE 8.0 Professional, die mit sieben CDs und einer DVD geliefert wird. Darunter ist allerdings eine CD, die ausschließlich StarOffice 5.2 in fünf lokalisierten Versionen (auch Deutsch) enthält. Auf der DVD, die das Gesamtsystem enthält, finden sich ca. 4 GB an Daten, nach der ca. eine halbe Stunde dauernden Installation des Standard-Workstation-Systems inklusive KDE, Entwicklungsumgebung und Spielen werden auf der Festplatte 2,8 GB belegt, eine Vollinstallation benötigt laut Handbuch 3,7 GB.

Abbildung 3

Abbildung 3: Alternativ zu GNOME steht auch die aktuelle KDE-Version 3 zur Verfügung

Die Aktualität der enthaltenen Komponenten ist erwartungsgemäß hoch, ist der Red Hat 7.3 erst kürzlich erschienen: Kernel 2.4.18, XFree86 4.2.0, KDE 3, GNOME 1.4, Mozilla 0.9.9 und Evolution 1.0.3 erlauben dem Käufer, noch einige Zeit mit dem System zu arbeiten, bevor sich erste Aktualisierungen aufdrängen.

Mager ist die gedruckte Dokumentation: Ein Handbuch mit 146 System beschreibt detailliert die Installation (dank sehr kleiner Schriftart ist es ausführlich aber auch an der Grenze zu schlechter Lesbarkeit), wer mehr nachlesen will, muss dazu die Dokumentations-CD (oder die DVD) bemühen: Hier finden sich dann sechs Handbücher (wahlweise im HTML- oder druckerfreundlichen PDF-Format und in fünf Sprachen) - diese Bücher können von der CD gelesen oder auch als RPM-Pakete ins System installiert werden. Eine durchsuchbare Datenbank erhält man damit allerdings nicht. Übrigens fehlt nach einer Standardinstallation der Acrobat Reader - da sich die Dokumentation in xpdf nicht ganz so gut liest, sollte er von der CD Productivity Applications nachinstalliert werden.

StarOffice wird übrigens ebenfalls nicht mitinstalliert, OpenOffice fehlt ganz. Bei fehlender Software zahlt es sich aus, dass Red Hat Erfinder des RPM-Paketformats (Red Hat Package Manager) ist: Während die Internet-Suche nach einem SuSE-RPM-Paket oft erfolglos bleibt, findet sich für Red Hat fast immer ein geeignetes Paket. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Konkurrenz Mandrake sich weiterhin um Red-Hat-Kompatibilität bemüht, so dass sich auch Mandrake-Pakete ohne größeren Aufwand installieren lassen.

Wer schon früher mit Red Hat gearbeitet hat, dem wird auffallen, dass das zentrale Konfigurations-Tool linuxconf verschwunden ist. Eine integrierte Lösung gibt es damit nicht mehr. Will man als normaler Anwender mehrere Konfigurationsschritte nacheinander durchführen, ist daher jedesmal erneut das Root-Passwort einzugeben. Da empfiehlt sich fast die sonst eher abzulehnende Variante, sich direkt als root anzumelden, wenn mehrere Konfigurationsaufgaben zu erledigen sind.

TrueType und Euro: Kein Problem

TrueType-Fonts werden unterstützt, und einige von ihnen sind sogar schon installiert, so etwa Times New Roman, Arial und Courier New - das hilft beim Import von Microsoft-Office-Dokumenten. Leider wurden die Fonts nicht für den Einsatz unter StarOffice eingerichtet - wer sie benutzen will, muss also auf KDEs KOffice zurückgreifen oder OpenOffice (bzw. das kostenpflichtige StarOffice 6.0) nachinstallieren. Euro-Unterstützung bereitet der amerikanischen Distribution keine Probleme, weder in der Konsole noch in GNOME- oder KDE-Anwendungen; so soll es auch sein.

Fazit

Red Hats aktuelle Distribution gefällt. Dass das KDE-Startmenü nicht komplett ist und StarOffice 5.2 keine TrueType-Fonts verwendet, lässt sich verkraften (und auch beheben). Da ist schon eher das fehlende Tool zur Verkleinerung einer Windows-Partition zu bemängeln. Nicht mit dem deutschen, sondern mit dem amerikanischen Marktführer zu arbeiten, hat Vor- und Nachteile. Preislich liegt das Paket mit ca. 65 Euro im oberen Segment der Testteilnehmer, ähnelt in der Ausstattung aber eher der SuSE Professional, die in einer höheren Liga spielt.

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