Die Office-Distribution

Mandrake Linux 8.2

01.08.2002

Mandrakes neue Version 8.2 bietet eine umfangreiche Ausstattung, so etwa StarOffice 6. Wir haben untersucht, ob sich der Umstieg auf die neue Release lohnt.

Das beste Verkaufsargument für die neuen Schachteln aus Frankreich ist zweifellos die brandneue Version 6 des Office-Paketes aus dem Hause Sun: StarOffice. Eine normale Lizenz von StarOffice ist teurer als Mandrakes Paket, so dass sich der Kauf schon finanziell lohnt. In der Schachtel findet der Käufer zwei aufgeräumte Bücher, die weder mit enormer Fülle überfordern noch in karger Schlichtheit für die Online-Hilfe werben. Mandrake-typisch finden die Texte einen guten Mittelweg zwischen Verständlichkeit für Anfänger und Information für den Fortgeschrittenen. Leider besteht auch das ebenso Mandrake-typische Übersetzungsproblem weiterhin: Der Hinweis, dass das Handbuch im Original zum Teil von Leuten in Englisch verfasst wurde, deren Muttersprache eben nicht Englisch ist, was zu "sehr schwer zu übersetzenden" Teilen führt, wirkt ebenso erheiternd wie die Bitte, Verbesserungsvorschläge für "merkwürdige Satzkonstruktionen" einzuschicken.

Abbildung 1: Ein vollständiges StarOffice 6 ist mit im Paket

Der Test

Auch in der Distribution finden sich immer wieder solche Stellen. So kann man - wie bei jedem Linux - auswählen, ob man die Akzent-Tasten braucht oder nicht. Mandrake nennt sie "Tod-Tasten". Prozesse werden nicht gekillt, sondern "getötet". Das ist noch lustig, nicht jedoch die Lizenzvereinbarung, deren deutscher Text unverbindlich sein soll, rechtsgültig bestätigen soll man das französische Original - das ist nach deutschem Recht nicht drin. Wir installierten Mandrake 8.2 auf einem Rechner mit Celeron 366, 128 MB Hauptspeicher, SCSI-Festplatten (via Adaptec 29160) und einer Matrox Millennium G450 - als Ersatz für eine Elsa Terminator III (Nvidia TNT 2), die nicht zum Laufen zu bringen war. Ein HP Laserjet 4P war angeschlossen, und das Internet war über eine 3Com 905 CTX-Netzwerkkarte und ADSL erreichbar. Wie gewohnt ist Mandrakes Installationsprogramm ganz besonders benutzerfreundlich. Inzwischen übertreiben es die Franzosen aber leider: Wer nicht in den Expertenmodus schaltet, wird so gut wie gar nichts mehr gefragt - und kann nicht eingreifen, wenn etwas schiefläuft. So erkennt Mandrake den Speicher einer Nvidia-TNT2-Grafikkarte falsch. Ein eventuell vorhandener Boot-Manager, mit dem andere Betriebssysteme gestartet werden, wird ohne Nachfragen gnadenlos gelöscht. Wählt man den Expertenmodus, dann fällt das Programm ins andere Extrem: Nun wird keine Hardware mehr erkannt, jedes kleinste Detail sollte man parat haben.

Massive Probleme

Ein massives Problem hat das Installationsprogramm mit TNT2-Grafikkarten. Selbst bei korrekter manueller Auswahl der Karte installiert Mandrake ein völlig zerschossenes X. Falsche Rechte, Symlinks, die ins Leere zeigen, und nicht installierte Teile von X sorgen dafür, dass man - ohne Fehlermeldung, wohlgemerkt - nach dem Booten auf einer Textkonsole landet, von der aus sich X erst nach umfangreichen Reparaturarbeiten starten lässt. Dreimaliges Neuinstallieren (bei formatierter Platte) lieferte drei andere Zustände von X, aber keiner davon war von sich aus lauffähig. Mit einer Matrox-Grafikkarte hatten wir dagegen überhaupt keine Probleme: Alles wurde richtig erkannt und eingerichtet - so sollte das eigentlich auch für Nvidia-Besitzer sein, TNT2-Karten sind ja nicht gerade Exoten. Gleich bei der Installation kann ein ADSL-Internetzugang eingerichtet werden, leider gibt es hier jedoch keinen Assistenten für T-Online-Benutzer. Die Art und Weise, wie T-Online den Usernamen zusammensetzt, ist kryptisch - hier sollten Anwender unterstützt werden. Mandrake installiert außerdem kein Tool in die KDE-Systemleiste, mit dem man on- und offline gehen kann, der entsprechende Aufruf in dem (hervorragend strukturierten) KDE-Menü ist nur für Modem-Besitzer geeignet. Nicht eingerichtet werden beim Installieren ISA-Sound-Karten, selbst bei manueller Anwahl nicht, man wird nur aufgefordert, nach dem nächsten Booten sndconfig zu starten. Auch der Drucker HP Laserjet 4P wird im Test nicht erkannt und eingerichtet, der entsprechende Klick sorgt nur für die Installation von Cups. Dass man auf den alten lpr verzichtet hat, ist löblich, aber es dürfte Anfänger verwirren, dass nach dem Anklicken der Druckerkonfiguration eine Netzwerkverbindung aufgebaut wird und dann statt einem Drucker "CUPS-Server auf der Gegenseite" im Fenster erscheint. Wenn man nach dem Booten endlich den Drucker selbst einrichten will, stellt man fest, dass der Dialog noch auf lpr steht und nach Korrektur Cups ein Root-Login braucht, im Fenster aber ein User-Login anfordert… Die Standardeinstellungen für einen Laserjet sind US-Letter und magere 300 dpi.

Die Ausstattung

Nach dem Abschluss des Installationsvorgangs führt Mandrake lobenswerterweise gleich ein Update über das Internet aus, was jedoch dauern kann. Falls die Internetverbindung nicht zustande kommt, wird keine Fehlermeldung angezeigt. Und noch eine Überraschung, im Linux-Umfeld ein ungewohnter Anblick: Eine Zwangsregistrierung will E-Mail-Adresse und Postanschrift wissen. Wenn man die gelegentlichen Klippen der Installation mal umschifft hat, entschädigt einen der aufgeräumte KDE-Desktop (auch Gnome wird installiert). Übersichtlichkeit von den Icons bis zum Aufbau des KDE-Menüs, das sauber und konsequent strukturiert ist. Sehr gut ist die Idee, vom Problem zum Programm zu führen: "Was will ich machen?". Leider wurde dieser Teil nicht komplett übersetzt, unvermittelt steht man hier englischer Mundart gegenüber. Die Auwahl der Pakete von Mandrake 8.2 ist aktuell, ohne übertrieben up-to-date zu sein. So wurde auf das neue KDE 3 bewusst verzichtet, weil beim Mastern der Mandrake-CDs nur ein KDE-Release-Kandidat verfügbar war, dessen Stabilität fraglich war. Das mitgelieferte KDE 2.2.2 ist solide. Mandrake erlaubt es nicht, auf Partitionen anderer Betriebssysteme per Mausklick zuzugreifen, lediglich für Disketten und ZIP-Medien werden Icons angelegt, Windows-Verzeichnisse muss man zu Fuß mounten. Der Schlager ist natürlich StarOffice 6. Doch wer nicht die "Konfigurations"-Option während der Installation gewählt hat, dem schlägt die Online-Hilfe einen völlig falschen Weg zur Installation vor. Weder sind die dort eingebauten Bilder vorhanden, noch stimmt der Paketname. Hat man das Paket aber gefunden und per kpackage installiert, hat man ein ausgewachsenes Office mit allen Features. Dazu sollte man einen schnellen Rechner haben: Der 366er Celeron war im Test zu langsam, StarOffice reagierte zäh wie Honig. Mit Mozilla 0.9.8 hat Mandrake eine (für den Zeitpunkt der Distributionserstellung) nicht allzu angestaubte Release im Paket, die auch stabil ihren Dienst tut. Dennoch empfiehlt sich das Update auf die Version 1.0 bzw. 1.1. Mit Mandrake 8.2 hält nun erstmals auch Opera Einzug in die Schachteln, die aktuelle Version 6 ist auf der Commercial-CD zu finden. Für Netscape-Fans gibt es die Version 6.2, die aber im Gegensatz zu Mozilla nicht standardmäßig installiert wird - eine weise Entscheidung. Auch Hancom Office, das Backup-Profiprogramm Arkeia (4.2), Win4Lin und VMware finden sich im Lieferumfang - die meisten als Demo, die aber fast immer online aufgewertet werden können. Besonders erfreulich ist die Anwesenheit von TurboPrint - wie der Test im LinuxUser 01/2002 gezeigt hat, können damit besonders unkompliziert Fotos in brillanter Qualität auf Tintenstrahldruckern ausgegeben werden.

Abbildung 2: Mandrake installiert auch einen nicht zu alten Mozilla

Das Letzte

Einen Hammer hält Mandrake aber noch bereit: Wer bei Problemen gern einem Callcenter-Agenten sein Herz ausschütten will, muss dasselbe zuerst mit seiner Brieftasche tun. Laut Dokumentation verlangt Mandrake für telefonische Hilfe bei Installationsproblemen 50 Euro pro Frage, bei Server-Problemen gar 325 Euro. Die Homepage nennt noch heftigere Tarife: 56 bzw. 377 Euro. Gnädigerweise werden 50% Rabatt auf die ersten zwei Fragen innerhalb von zwei Monaten gewährt. Für 377 Euro kann man eigentlich Alan Cox an der Strippe verlangen…

Fazit

Mandrake 8.2 ist eine gute Distribution mit aktuellen Paketen, die Installation ist jedoch buggy. Die StarOffice-6-Lizenz macht das Paket auch für Anhänger anderer Distributionen interessant. Gänzlich ungeeignet ist es jedoch für Einsteiger, wenn Nvidia-Grafikkarten im Rechner stecken.

Abbildung 3: Eine sehr gute Idee ist die Gruppe, die Lösungen statt Programme anbietet, leider teilweise auf Englisch

Mandrake Linux 8.2

Preis: ab 65 Euro

Lieferumfang: 7 CDs, 2 Handbücher, 1 Booklet

Support: 60 Tage, E-Mail-Support und Mandrake-Online, bei garantierter Anwortzeit kostenpflichtig, sonst frei, Telefonsupport sehr teuer

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