Web-Surfen ohne X

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Ohne X-Server und Maus schnell im Web surfen? Was auf den ersten Blick wie ein frommer Wunsch betagter Rechner wirkt, ist mit Text-Browsern kein Problem und keineswegs nur etwas für Besitzer altersschwacher Hardware.

Wie ihre grafischen Schwestern sind auch die textbasierten Web-Browser den Kinderschuhen längst entwachsen und bieten ihren Anwendern durchaus mehr als "nur" die schnelle Darstellung von Internet-Seiten. Ihre Stärken spielen sie beispielsweise dann aus, wenn es gilt, Fehler in HTML-Dokumenten aufzuspüren. Aber auch zum schnellen Navigieren im eigenen Datei-System, für's Datei-Management und zum Drucken (um)formatierter HTML-Seiten eignen sie sich.

Textbasierte Web-Browser, kurz und missverständlich auch Text-Browser genannt, arbeiten, wie der Name schon erahnen lässt, im Textmodus. Sie benötigen keine grafische Oberfläche und können von jeder Konsole oder von einem xterm aus gestartet werden. So surft man beispielsweise auch auf entfernten Rechnern im Web, auf die man sich per ssh über eine langsame Modem-Leitung eingeloggt hat.

Natürlich stellen Text-Browser die grafischen Elemente einer Web-Seite, zum Beispiel Werbe-Banner, Animationen, Bilder, von sich aus nicht dar, sodass sich zeigt, wie ernst es die jeweiligen Web-Designer mit der Barrierefreiheit meinen. (Nur die Informationen, die textbasierte Browser darstellen können, lassen sich über Sprachausgabe oder Braille-Zeile etwa Blinden zugänglich machen.) Doch ist es genau jenes Verhalten, das diese Programmgattung nicht nur für ältere Rechner interessant macht, sondern auch für die merkbar höhere Surf-Geschwindigkeit gegenüber herkömmlichen Browsern sorgt. Nebenbei gehen Text-Browser schonend mit den Speicherreserven der Rechner um.

Aus all diesen Gründen sind textbasierte Web-Browser recht beliebt, was sich schon darin widerspiegelt, dass es mehrere Programme dieser Kategorie gibt. Alle gängigen Distributionen enthalten mindestens lynx im Lieferumfang, aber auch links, emacs_w3 und w3m, dem sich ein Artikel in einer älteren LinuxUser- Ausgabe [1] eingehend widmete, lohnen einen Blick. Je nach Distribution lassen sich die Programme mit den üblichen Paket-Managern einspielen oder aus dem Quellcode kompilieren.

Hopplahopp ins Web

Einmal installiert, können Sie sich mit all diesen Tools – eine Internet-Verbindung vorausgesetzt – sofort zu Testzwecken ins WWW begeben. Teilen Sie dem Text-Browser Ihrer Wahl einfach mit, welche URL Sie besuchen wollen: Soll lynx die LinuxUser-Homepage anzeigen, so geht das mit dem Aufruf

lynx http://www.linux-user.de/

Statt einer URL können Sie als Argument immer auch Namen und Pfad einer Datei oder eines Verzeichnisses auf Ihrem Rechner angeben; das funktioniert selbstverständlich auch offline. Eine Ausnahme macht emacs_w3: Er wird aus einer laufenden emacs-Sitzung gestartet.

Abbildung 1: Lynx zeigt die LinuxUser-Homepage

Nicht jeder Text-Browser stellt alle textuellen Informationen gleich gut dar. Die Knackpunkte sind Frames und Tabellen. Immer wieder liest man beispielsweise, dass lynx keine HTML-Seiten mit Frames anzeigen könne. Diese Aussage ist so nicht (mehr) ganz korrekt. Die einzelnen Frames einer Seite präsentiert das Programm als kleines Menü. Sie können wie normale Links direkt angewählt werden (Abbildung 2). Die gleiche Seite mit links (Abbildung 3) kommt dem grafischen Original (Abbildung 4) hingegen sehr nahe. Den besten "grafischen" Eindruck macht emacs_w3 (Abbildung 5).

Abbildung 2: Lynx listet Frames als Menü auf
Abbildung 3: Darstellung von Frames mit dem Textbrowser links
Abbildung 4: Die Frame-Testseite (SELFHTML 7.0 [2]) dargestellt mit Netscape
Abbildung 5: Frames in emacs_w3

Auch die Darstellung von Tabellen gelingt dem Altvater lynx nicht optimal – im Gegensatz zu emacs_w3 und links, die hier sehr gute Ergebnisse liefern. Ob die Darstellung dem persönlichen Geschmack entspricht, muss jeder Anwender für sich selbst klären, hier kommt es oft auch auf den Einsatzzweck an.

Finden Sie Gefallen an der Schnelligkeit und der einfachen Bedienbarkeit eines Text-Browsers, sollten Sie seiner Konfiguration in jedem Fall einige Aufmerksamkeit widmen.

Konfigurieren von lynx

lynx, ohne weitere Optionen aufgerufen, präsentiert Ihnen (je nach Vorkonfiguration durch den Distributor) oft schon auf der Hauptseite eine äußerst umfangreiche Dokumentation, die zum Teil aber nur online abzurufen und außerdem englischsprachig ist. Bekommen Sie stattdessen die Testseite eines lokal laufenden Web-Servers o. ä. angezeigt, führt die Betätigung der [h]-Taste zu dieser Lynx Help Page.

Deutschsprachig wird lynx auf Wunsch bei der Ausgabe der Hilfezeilen und im Konfigurationsmenü; auch die Datei .lynxrc, die die im Optionsmenü gesetzten persönlichen Einstellungen speichert, kann auf Deutsch erstellt werden, so dass auch des Englischen nicht besonders mächtige Benutzer darin Einzelheiten zur Nutzung der Optionen nachlesen können.

Zeigt Ihnen Ihr lynx ausschließlich englischsprachige Hilfezeilen, schauen Sie sich bei Bedarf an deutschsprachiger Unterstützung die Umgebungsvariable LANG mit dem Befehl echo $LANG an: Erst wenn die Ausgabe z. B. de_DE oder de_DE.ISO-8859-1 lautet, schalten viele Programme, nicht nur lynx, auf die deutsche Sprache um. Voraussetzung dafür ist aber, dass Ihre Linux-Distribution für das jeweilige Programm Mehrsprachigkeit bietet, und das ist nicht immer der Fall.

Temporär können Sie die Variable mit

export LANG=de_DE.ISO-8859-1

ändern. Für dauerhafte Speicherung ist ein Eintrag in Ihrer /.bashrc oder ~/.profile nötig. Mindestens eine dieser versteckten Dateien befindet sich vermutlich schon in Ihrem Home-Verzeichnis.

Welche Variablen lynx noch nutzt, können Sie in der Lynx Help Page nachlesen: Dort finden Sie einen Link auf den Lynx Users Guide, den Sie mit [Return] anwählen. In dessen Inhaltsverzeichnis (Table of Contents) gehen Sie mit der Pfeiltaste nach unten auf den Link Environment variables used by Lynx, dem Sie mit einem erneuten [Return] nachfolgen.

Zum Konfigurieren Ihrer persönlichen Einstellungen geben Sie im Anschluss an den lynx-Aufruf auf der Tastatur ein o (für "Optionen") ein. Die Hoch/Runter-Pfeiltasten dienen auch im Konfigurationsmenü der Navigation; zum Markieren der Auswahlmöglichkeiten benutzen Sie den Pfeil nach rechts oder [Return].

Das Menü enthält zwar einen Link zu ausführlicher Hilfe (HELP!), trotzdem ein paar Worte dazu: Erst ein Kreuzchen neben Save options to disk bzw. Optionen permanent speichern (Abbildung 6), zu setzen mit der [Return]-Taste, und die nachfolgende Bestätigung des Links Änderungen akzeptieren (Accept Changes) erzeugt die persönliche Konfigurationsdatei ~/.lynxrc. Sie ist solange gültig, bis Sie das Optionsmenü wiederum speichern. "Von Hand" eingetragene Optionen werden dabei überschrieben.

Innerhalb des Optionsmenüs haben Sie unter anderem die Möglichkeit, mit dem User mode Einfluss auf die von lynx unten eingeblendeten Hilfezeilen zu nehmen. Sie haben die Wahl zwischen Novice, Intermediate und Advanced; für neue Anwender ist ersteres ein Muss.

Die farbige Darstellung, die die Orientierung durchaus erleichtern kann, schalten Sie, sofern Ihre Konsole bzw. Ihr Terminal dies unterstützt, am Menüpunkt Farbe zeigen (Show color) ein, indem Sie always wählen.

Die Option HTML-Fehlerbehandlung (HTML error recovery) bietet strict (SortaSGML mode) und relaxed (TagSoup mode) zur Auswahl an. Der strikte Modus sorgt dafür, dass Sie gar nichts sehen, wenn Sie eine Seite aufrufen, die für lynx missverständlich kodierte SGML-Zeichen enthält; diese wird schlicht nicht angezeigt.

Abbildung 6: Das Konfigurationsmenü zu Lynx

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