deskTOPia

Wie Ihr Linux-Desktop aussieht, bestimmen allein Sie. Mit deskTOPia nehmen wir Sie regelmäßig mit auf die Reise ins Land der Window Manager und Desktop-Umgebungen, stellen Nützliches und Farbenfrohes, Hingucker und hübsches Spielzeug vor.

Denke ich an meine längst vergangenen Windows-Zeiten zurück, so erinnere ich mich mit Bauchschmerzen an die vielgepriesene Benutzerfreundlichkeit: Installierte ich eine neue Software, so wurden alle möglichen Dateinamenserweiterungen mit dem neuen Programm verknüpft – ungeachtet dessen, was ich zuvor mühsam konfiguriert hatte.

Doch diese Qualen sind dank Linux Geschichte: Nichts geschieht mehr ohne meine klare Anweisung. Der Preis dafür sollte ein einmalig höherer Konfigurationsaufwand sein, doch gibt es auch hier ein paar Lücken – mit dem "einmaligen Aufwand" war es bislang bezüglich der oben beschriebenen Dateitypen nicht weit her: Will man nur fünf Anwendungen mitteilen, was mit welchem Dateityp angestellt werden soll, muss man fast jede einzeln konfigurieren, und das ist schon viermal Arbeit zuviel.

Zudem wollen die meisten Programmen einem Dateitypen nur exakt eine Anwendung zugeteilt sehen. Was aber, wenn ich eine Grafik nur schnell anschauen, nicht aber (wie sonst üblich) bearbeiten möchte? Oder ich zum Öffnen einer HTML-Datei einen anderen Browser als gewohnt verwenden mag? Dann stoßen die anwendungsseitig implementierten Lösungen oft schnell an ihre Grenzen.

Simpel & effektiv

Da es nicht nur mir und Ihnen so ergeht, kam ein schlauer Mensch (namentlich Ethan Gold) auf die Idee, in jedem dieser Programme alle Dateitypen mit ein und derselben Anwendung zu verknüpfen. Dieses eine Werkzeug entscheidet dann, womit eine Datei geöffnet werden soll. So muss nur noch an einer einzigen Stelle etwas sorgfältiger konfiguriert werden. Auch gelingt es auf diese Weise, jene Anwendungen, die bislang lediglich eine Verknüpfung pro Dateityp vorsahen, um Auswahlmöglichkeiten zu bereichern.

Das entsprechende Programmerweiterungskit gibt es sowohl im WWW (unter http://thaumaturgy.net/~etgold/software/launcher/) als auch auf der Heft-CD und nennt sich Launcher. Es verwendet allerdings nicht die von Windows bekannten Dateiendungen, um Dateitypen zu identifizieren, sondern die in Internet- und Unix-Land üblicheren MIME-Typen. Herauszufinden, welchen MIME-Type eine Datei hat, ist Sache der jeweiligen Applikation; sie benutzt dafür eigene Tests oder verlässt sich auf das file-Kommando. Das hat den Vorteil, dass Dateien selbst nach einer Umbenennung weiterhin erkannt werden: Zwar ist es durchaus sinnvoll, eine HTML-Datei auch weiterhin auf .html enden zu lassen; nur nötig ist dies nicht unbedingt.

Aufgespielt

Nur Mut – das launcher-086.tar.gz-Archiv ist frei von Fallen und Problemen. Benötigt werden lediglich der sicherlich vorinstallierte Tcl/Tk-Interpreter wish sowie die Befehle file und make – alle zur Standardausstattung eines Linux-Rechners gehörig. Entpacken Sie zunächst das Archiv mit

tar -xvzf launcher-086.tar.gz

Zur eigentlichen Installation mit make install benötigen Sie kurzfristig root-Rechte, zu erlangen über den Befehl su. Anschließend beenden Sie Ihre root-Existenz mit exit. Von Ihrem User-Account aus sollten Sie sich dann unbedingt noch einen Satz Konfigurationsdateien spendieren:

make installfileslocal

Hierbei werden nötige Dateien in Ihr Home-Verzeichnis kopiert. Es ist auch möglich, eine systemweite Konfiguration zu erstellen (siehe Datei INSTALL im Archiv), doch diese kann nicht von jedem User individuell angepasst werden.

Ist die Installation abgeschlossen, tragen Sie in all Ihren Anwendungen einfach launcher als zu verwendende Programmverknüpfung ein. Am schnellsten geht dies, indem Sie, wenn möglich, sogenannte Wildcards (in der Regel das Joker-Zeichen @L: * für eine beliebige Zeichenfolge) verwenden, um möglichst mit einem einzigen Eintrag alle Dateitypen zu erschlagen.

Allerdings gibt es Programme, die zu diesem Zweck eine individuelle Syntax verlangen. So deckt ein Eintrag mit fehlendem Datei-Typ beim Datei-Manager des XFce-Desktops, XFTree, alle ab: ein () (launcher) () als einzige Zeile in der Datei ~/.xfce/xtree.reg reicht, um Launcher die Verantwortung für alle Dateitypen zu übertragen.

Nachgefragt

Klicken Sie in einem so konfigurierten Datei-Manager eine beliebige Datei an, so wird Launcher aufgerufen, der wiederum anhand des MIME-Types der Datei die passende Anwendung startet bzw. bei mehreren zugeordneten Anwendungen zunächst nachfragt, welche Anwendung es denn dieses Mal sein darf (Abbildung 1).

Abbildung 1: Nachgefragt – Launcher zwischen Gimp und QIV

Nun treffen die werksseitig voreingestellten Anwendungen nicht immer den eigenen Geschmack. Somit existiert eine recht umfangreiche Konfigurationsoberfläche, die Sie über das Kommando launcherconfig zu Gesicht bekommen. Sie können jedoch ebenso einfach mit der rechten Maustaste in jene Dialogbox klicken, die Sie zwischen mehreren zugeordneten Anwendungen wählen lässt. Sind Sie mit der gebotenen Auswahl einmal nicht einverstanden, klicken Sie also rechts.

Abbildung 2: Optionen in launcherconfig

Verhaltensregeln

Die Konfigurationsoberfläche empfängt Sie mit den allgemeinen Optionen (Abbildung 2 zeigt diese Launcher Options). Drei Buttons buhlen hier um Ihre Gunst: all hat Auswirkung auf die Übergabe bei mehrfacher Dateiauswahl; ist dieser Punkt aktiviert, wird die gesamte Dateiliste Ihrem Programm in einem Schub übergeben. Ist all hingegen deaktiviert, startet Launcher für jede markierte Datei einzeln die verknüpfte Anwendung.

Mit dem Button default unterdrücken Sie die Nachfrage nach eventuell zur Verfügung stehenden Alternativen; Launcher startet dann immer die zugeordnete Default-Anwendung.

Der letzte Knopf im Bunde – nowait – zeigt seine Auswirkung vor allen Dingen bei deaktivierter all-Option: Launcher wartet dann mit der Übergabe der nächsten gewählten Datei nicht, bis ein laufender Prozess erledigt ist, sondern fährt sofort mit der nächsten Datei und dem nächsten Programmstart fort.

Bekanntmachung

Springen Sie nun von den Launcher Options zu den Handler Definitions, so gelangen Sie in die Konfigurationsmaske, mittels derer Sie Ihre Handler bearbeiten. Diese zeigt eine Liste aller Applikationen, die Sie für die jeweiligen Dateitypen vorsehen (Abbildung 3).

Abbildung 3: Konfiguration der Handler

Der Umgang mit diesem Dialog ist etwas gewöhnungsbedürftig. Möchten Sie eine neue Anwendung hinzufügen, so klicken Sie zunächst auf Set und tragen Ihre Anwendung mit einem Rufnamen (XEmacs), dem echten Programmnamen (xemacs) und dem Aufruf (xemacs %s) ein. Wichtig ist das %s anstelle eines Dateinamens; als Stellvertreter für ein Verzeichnis wirkt ein %d. Erst ein Klick auf Add fügt den neuen Eintrag der Liste hinzu.

Verbunden

Bleibt noch der Eintrag Type/Handler Mappings (Abbildung 4), in dem Sie nach Herzenslust die eben eingetragenen Anwendungen ihrer Bestimmung zuordnen. Wählen Sie für einen MIME-Typen mehrere Applikationen aus Ihrer Liste, sollten Sie sich darüber informieren, welcher als Default eingestellt ist, und gegebenenfalls nachbessern. Das heißt aber nicht, dass der Default im künftigen Betrieb zuerst aufgelistet würde – er kommt lediglich bei aktiviertem default in den allgemeinen Optionen zum Tragen.

Abbildung 4: Wer mit wem?

Bei der Definition neuer MIME-Typen gibt es allerdings auch Stolpersteine: Nehmen wir an, Sie besitzen eine PNG-Grafikdatei namens grafik.png. Analog zu den voreingestellten Einträgen in der Launcher-Konfiguration (z. B. image/gif) sollte der MIME-Typ nun image/png lauten. Doch Launcher präsentiert Ihnen statt Ihrer Wahl die gesamte Handler-Liste – der neu eingetragene MIME-Typ scheint wirkungslos zu sein. Licht ins Dunkel bringt folgender Befehl:

jo@planet ~> launcher --showtypes grafik.png
grafik.png: image/x-png

Damit wissen Sie, dass Sie für eine PNG-Grafik den MIME-Type image/x-png definieren sollten.

Einen Makel hat das überaus praktische Tool dennoch: Es kann (noch) keine MIME-Typenbezeichnungen mit Wildcards verarbeiten. Und so lassen sich nicht alle Grafiken einfach mit dem MIME-Typen image/@L: * konfigurieren, auch wenn die mitgelieferte Konfigurationsdatei etwas anderes suggeriert.

Glossar

MIME

Die Abkürzung steht für "Multipurpose Internet Mail Extensions". Wird ein Attachment per E-Mail verschickt, gibt das Mail-Programm mit an, um welchen Typ Datei es sich handelt. Wertet die Empfänger-Mail-Anwendung diesen "MIME-Header" aus, muss sie keine Inhaltsanalyse mehr durchführen, um zu wissen, ob ein Textdokument, eine Sound-Datei, ein Archiv oder etwas völlig anderes auf sie zukommt. MIME-Typen werden außerdem bei der Kommunikation zwischen Web-Server und Web-Browser mitgeschickt und finden oft auch dort Verwendung, wo Unix-Anwendungssoftware sich auf Dritt-Programme verlässt.

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