GNOME 2

Alles neu macht der Mai

01.06.2002
Am 1. Mai soll die lang erwartete Version 2.0 der GNOME-Desktopumgebung erscheinen - wir zeigen Ihnen, was Sie erwartet.

Gleich drei mal wurde der ursprüngliche GNOME-2-Terminplan revidiert und um mehrere Monate verschoben, aber mit der vorliegenden Beta 3 nimmt der neue Desktop langsam Gestalt an. Geplant war von Anfang an, mit GNOME 2 vor allen Dingen eine verbesserte technische Basis zu schaffen und dann in den folgenden Subversionen neue Features und Oberflächenverbesserungen einfließen zu lassen.

Ganz konnten sich die Programmierer und das User-Interface-Team aber doch nicht zurückhalten und verbesserten viele Details in Richtung Benutzer- bzw. Anfängerfreundlichkeit. Nicht zuletzt sind diese Verbesserungen Suns Benutzerfreundlichkeitsstudien und der Beteiligung am GNOME Usability Projekt zu verdanken. Sun unterstützt GNOME natürlich nicht aus reinem Altruismus - GNOME 2 wird sowohl auf Hewlett-Packards HP/UX wie Suns Solaris das angestaubte CDE ersetzen.

Der bequemste Weg, GNOME 2 zu installieren, ist sicherlich Ximians Red Carpet (http://www.ximian.com), aber auch Benutzer, die sich ihren Desktop selbst kompilieren wollen, werden nicht mit den verstrickten Abhängigkeiten unter den GNOME-Bibliotheken allein gelassen. Dank Gar, einem an die BSD Ports angelehnten System, ist es möglich, alle nötigen Pakete mit einem make install zu kompilieren - Genaueres dazu im Kasten "GARNOME installieren".

GTK+ 2

Anders als GNOME hat GTK+, das für die Darstellung der GNOME-Benutzeroberfläche zuständig ist, die Versionsnummer 2.0 schon passiert und bietet einige interessante neue Features.

So soll GTK+ 2 dank doppelter Pufferung im GDK (GIMP Drawing Kit) nicht mehr flickern, und durch die Unterstützung der XRender-Erweiterungen ist es endlich möglich, weichgezeichneten Text darzustellen. Was Text angeht, kann GTK+ aber noch wesentlich mehr: Dank der Bibliothek Pango unterstützt GTK+ das Unicode-Format, in dem Texte praktisch jeder Sprache dargestellt werden können, und stört sich nicht mehr an Schriften, die von rechts nach links laufen. Bei Bedarf können sogar verschieden ausgerichtete und formatierte Sprachen zusammen mit anderen Widgets (grafischen Elementen) in einem Textfeld dargestellt werden. Weiterhin werden Zeilenumbrüche endlich ohne Umbruchspfeil dargestellt, was die Arbeit in gedit wesentlich angenehmer macht. Während das Baumwidget in GTK+ 1.2 so schwach war, dass Evolution und andere Programme ein eigenes Widget namens E-Table benutzten, lässt GTK+ 2 mit Funktionen wie editierbaren Zellen und Checkboxen in der Baumansicht sowie Trennung von Daten und Darstellungen keine Wünsche offen.

Für den Benutzer wesentlich interessanter sind aber wahrscheinlich die neuen Icons, die im Stil von Programmen wie Evolution gehalten sind, und das neue Standard-Theme. Wer seinen Desktop lieber etwas ausgefallener mag, wird sich außerdem darüber freuen, dass Themes in Zukunft nicht nur halbtransparente Buttons sondern auch eigene Icons mitbringen können.

Mit Gdk-pixbuf bietet GTK+ nun eine Bibliothek, die eine große Anzahl von Bildformaten inklusive Alpha-Kanal (Transparenz) und MMX-beschleunigter Skalierung unterstützt. Auch wenn Support für Sprachen wie Chinesisch oder Hebräisch ein wichtiger Schritt ist, um GTK+ sowie GNOME einer möglichst breiten Benutzerbasis zugänglich zu machen, geht GTK+ mit ATK, dem Accessibility ToolKit, noch weiter und versucht, den Desktop behindertengerecht zu gestalten. Wie auch beim Usability-Projekt steht Sun hinter dieser Initiative und arbeitet momentan zusammen mit dem indischen Unternehmen Wipro daran, GNOME 2 im Hinblick auf Accessibility zu verbessern. ATK liest relevante Informationen aus GTK-Interfaces über eine Bibliothek namens GAIL aus und gibt sie an ein Assistive Technologies Service Provider Interface (AT SPI) weiter. Eine Brückenbibliothek wie GAIL könnte dabei auch für jedes andere Toolkit geschrieben werden, was eine konsistente Behindertenunterstützung in verschiedenen Desktops ermöglichen würde. Auch das AT SPI ist von GNOME und GTK unabhängig und bietet eine zentrale Anlaufstelle für Accessebility-Informationen, die zum Beispiel von einem Programm zur Sprachausgabe verwendet werden könnten. Mit dem GNOME Onscreen Keyboard (GOK) und Gnopernicus sind auch schon zwei Programme in Entwicklung, die von den neuen Möglichkeiten Gebrauch machen - Gnopernicus ist dabei das ambitioniertere Projekt, das nicht nur als Bildschirmlupe sondern auch als Screen Reader mit Braille- sowie Sprachausgabe fungieren soll.

Abbildung 1: Mit GTK+ 2 können Programmierer Widgets wie Buttons in ein Textfeld einbetten
Abbildung 2: Dieser Teil der "gtk-demo" zeigt die neue Baumansicht von GTK
Abbildung 3: Mit der Pipette können Sie einen beliebigen Pixel auf dem Desktop auswählen und seine Farbe anzeigen lassen

Unterbau

Auch wenn GConf schon eine ganze Weile existiert, wird es erst jetzt im ganzen GNOME-Desktop zur Verwaltung von Programmeinstellungen eingesetzt und kann so seine vollen Möglichkeiten ausspielen. GConf ist im weitesten Sinne mit der Windows Registry vergleichbar, beinhaltet aber zahlreiche Verbesserungen. So kann die Bibliothek mit variablen Backends zum Speichern der Daten arbeiten, was es neben der Verwendung des normalen XML-Formats ermöglicht, GConf-Daten in einer Berkley-DB-Datenbank zu sichern. Weiterhin kann ein Administrator systemweite Vorgabewerte setzten - bei Bedarf sogar verbindliche. Zusammen mit einem LDAP-Backend wäre es sogar möglich, mehrere Computer zentral über ein Netzwerk zu administrieren. Ein weiterer Vorteil von Gconf ist, dass sich mehrere Programme, die auf die selben Einstellungen zugreifen, nicht in die Quere kommen, und dass alle Einstellungsänderungen sofort an die betroffenen Programme gemeldet werden - sie treten also ohne Verzögerung in Effekt. Damit die Einstellungen nicht so kryptisch wie in der Registry werden, sind sie außerdem in "Schemas" dokumentiert. Zum Editieren der GConf-Einstellungen enthält GARNOME die frühe Version eines grafischen GConf-Editors; ansonsten gibt es auch ein Kommando-Interface namens gconftool-2.

Eine weitere Bibliothek, die fester Bestandteil von GNOME 2 ist, trägt den Namen GNOME-VFS, wobei VFS für Virtual Filesystem steht. Mit GNOME-VFS können Anwender auf eine FTP-Seite oder ein bzip2-Archiv wie auf ein normales Dateisystem zugreifen - selbst NNTP, das Protokoll für das Newsnet, wird unterstützt. Natürlich ist auch GNOME-VFS modular aufgebaut und kann so nach Belieben erweitert werden. Außerdem arbeitet es asynchron, was bedeutet, dass ein Programm nicht blockiert, während es auf eine Datei wartet. Ähnlich wie das Hilfsprogramm file kann GNOME-VFS weiterhin Dateitypen mittels einer "magischen" Datei (gnome-vfs-mime-magic) am Inhalt erkennen. Während GNOME-VFS schon von Anfang an im Dateimanager Nautilus eingesetzt wurde, kommt es in GNOME 2 auch bei Funktionen wie dem Programmmenü zum Einsatz. Die .desktop-Dateien in /usr/share/applications werden nicht mehr in eine Verzeichnisstruktur sortiert, sondern enthalten Informationen über die Kategorie des Programmes, die dann in ein Menü umgesetzt werden.

Das ebenfalls schon länger in Nautilus eingesetzte Komponetenen-Framework Bonobo wurde für GNOME 2 (wie übrigens einige andere Bibliotheken auch) in zwei Pakete mit den schönen Namen libbonobo und libbonoboui aufgesplittet. Hauptziel dabei war nicht, die Paketabhängigkeiten noch komplizierter zu machen, sondern eine von GTK+ und X unabhängige Version von Bonobo zu produzieren. Bonobo erlaubt es, innerhalb von GNOME unabhängige Programmkomponenten zu programmieren, die bei Bedarf geladen werden. So kann zum Beispiel die Bildbetrachtungskomponente aus Eye of GNOME (EOG) auch in anderen Programmen verwendet werden. Eine Komponente hat sogar die Möglichkeit, bestehende Menüstrukturen eines Programmes zu erweitern und das Programm-Interface somit um eigene Funktionen zu ergänzen. In GNOME 2 sind auch die Panel-Applets via Bonobo realisiert, was alte Applets völlig inkompatibel macht. Außerdem wurde die Bibliothek, die für die Aktivierung von Komponenten zuständig ist, sinnigerweise von OAF in bonobo-activation umgetauft.

Abbildung 4: Noch lässt sich der aktive Windowmanager nur über GConf anzeigen

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