deskTOPia

Wie Ihr Linux-Desktop aussieht, bestimmen allein Sie. Mit deskTOPia nehmen wir Sie regelmäßig mit auf die Reise ins Land der Window Manager und Desktop-Umgebungen, stellen Nützliches und Farbenfrohes, Hingucker und hübsches Spielzeug vor.

Sicher muss eine Wohnung vorrangig ihren Sinn und Zweck erfüllen: Ein Dach über dem Kopf, Windstille und ein warmer Platz zum Schlafen. Doch damit allein ist es kaum getan: Ebenso groß wird Komfort und Gemütlichkeit geschrieben. Bilder zieren Wände, Pflanzen Fensterbänke, und trotz hinreichender Sitzgelegenheit am Esstisch gibt es noch ein Sofa, das nicht gerade wenig Wohnfläche kostet. Zum Wohlbefinden gehört eben mehr als reine Zweckerfüllung.

Irrational

Nicht anders am Computer: Briefe wollen geschrieben, E-Mails beantwortet und Informationen im WWW recherchiert werden. Dazu benötigen Sie kaum mehr als eine Handvoll Anwendungen; als Linuxer nicht einmal eine grafische Oberfläche – die Textkonsole reicht vollkommen aus. Da eine grafische Oberfläche wertvolle Systemressourcen kostet, könnten Sie ohne mit einem sehr viel billigeren Rechner alle Aufgaben zuverlässig erledigen. Dennoch: Grafisch ist meist ein Muss, denn erst dann bietet das Ganze auch etwas für's Auge.

Nach Klärung dieser Sinnfrage stellen wir konsequenterweise ein vollkommen überflüssiges Programm für Ihre grafische Oberfläche vor. xeyes ist ein Klassiker unter den irrationalen Applikationen, den Ihnen wohl jede Distribution mit in die Schachtel packt. Einmal über xeyes aufgerufen, lässt er Ihre Maus nicht mehr aus den Augen.

Abbildung 1: Big brother is watching you

xeyes versteht auch allerhand Optionen, die Sie beim Start anhängen können. Beispielsweise passen Sie so sämtliche Farben an und bestimmen sowohl Postion als auch Größe. Details hierzu verrät die Anleitung, einsehbar über den Befehl man xeyes. Eine Kurzübersicht erhalten Sie bei jedem fehlerhaften Aufruf, der Traditionen folgend auch xeyes --help lauten kann.

Mondblick

Ein etwas aufwändigerer, bewegter Desktop-Klassiker ist xearth [1]. Dahinter verbirgt sich eine als Hintergrundgrafik rotierende Erdkugel, die Ihnen per Default stets mit der Sonnenseite entgegenscheint. Auch xearth hört in der Shell auf den Eigennamen, bietet selbstverständlich sowohl die lange (man xearth) als auch kurze Anleitung (xearth --help) und versteht ebenfalls zahlreiche Optionen. Interessant ist z. B. die Möglichkeit, gottgleich seine Heimatstadt über Längen- und Breitengrad als der Erdenkugel Zentrum zu definieren. Des Autors Zuhause:

xearth -pos "fixed 48.42 9.00"

Fortan wird die Kugel nicht mehr sonnenseitig verdreht, sondern Tag und Nacht wandern über das Computer-Heim. Vermissen Sie hingegen den Mond am Firmament, drehen Sie den Spieß mit dem Parameter -pos moon um und betrachten die Erde vom Trabanten aus. Aus diesem Blickwinkel erschließt sich, welcher Teil des blauen Planeten von Wolken verdeckt oder wo der Mond im Tageslicht erloschen ist. Mit dem Parameter -noroot ist dies auch in einem eigenständigen Fenster (und somit unabhängig vom Desktop-Hintergrund) möglich.

Abbildung 2: xearth -pos "fixed -90.00 0.00" – 24 Stunden Sonnenbaden am Südpol

Mars attacks!

Faszinierender als Mond und Erde sind für viele aber ferner gelegene Gesteinskugeln. So z. B. der Mars, der zur Zeit sehr im Trend liegt. Kurzerhand kartographierte jemand den roten Planeten, implementierte seine Arbeit in xearth und nannte die Kreuzung xmars [2]. Doch wer nun diesen marsianischen Sourcecode übersetzt, erhält noch immer eine irdische Programmdatei: Heraus kommt nicht etwa ein ausführbares xmars, sondern eine Datei mit dem Namen des Urahn – xearth. Händisches Umbenennen beim Installieren bietet sich an. Auch ist xmars nicht auf dem aktuellen Stand der zahllosen xearth-Optionen, allerdings gibt es davon immer noch genug.

Abbildung 3: Mars macht mobil – bei Arbeit, Sport und Spiel

Ein weiterer xearth-Abkömmling ist XGlobe [3]. Dieser setzt KDE-gleich auf der Qt-Bibliothek auf und verfügt seinem Ursprung folgend auch über einen adäquaten Aufrufparameter (-kde). Die KDEsche Zusammenarbeit ist somit auf allen virtuellen Desktops gesichert. Zudem bietet XGlobe eine realistischere Erdenkarte als das Original, ist allerdings etwas spärlicher dokumentiert. So hilft nur mühseliges Experimentieren sowie der Befehl xglobe -helpless, will man von den (durchaus gut gewählten) Werkseinstellungen abweichen.

Abbildung 4: Reality-Show XGlobe

Doch ein Parameter -kde ist kein ausreichendes Argument, um KDE zur Zusammenarbeit zu bewegen. KDE will vielmehr ein wenig gebeten werden, was Sie im Hintergrund-Konfigurationsdialog des Kontrollzentrums tun können (Abbildung 5): Wählen Sie anstatt eines Bildes oder einer Farbe Background Program, und vermerken Sie anschließend Ihr favorisiertes Himmelskörper-Tool im Setup...-Dialog.

Abbildung 5: xearth oder xglobe als KDE-Hintergrund?

Drogen

Doch nicht nur hoch am Himmel findet sich sinnvoll Unnützes, auch ein Blick unter Wasser schafft Bewegung auf dem Desktop: Aquarien wird nachgesagt, beruhigend zu wirken, und so ist xfishtank sicher das Valium der Hintergründe. Selbstverständlich können Sie hier die Wasserfarbe bestimmen, ebenso dessen Sauerstoffgehalt und Population. Ein gesundes Mischungsverhältnis braucht man in der Pixelwelt nicht berücksichtigen, dafür aber ästhetische Gesichtspunkte: Mit giftgrünem, sauerstoffbefreitem Wasser und genau einem Fisch dürfte kaum eine beruhigende Wirkung erzielbar sein. Den Weg zum erfolgreichen Aquarianer abseits des Defaults bahnt auch hier ein Manual.

Gelungen ist die Option -d, mit der Sie kein weiteres Wasser hinzugeben brauchen und somit z. B. ein eingescanntes Korallenriff – zuvor beispielsweise mit xsetroot -bitmap korallenriff.xbm als gewöhnliche Hintergrundgrafik gesetzt – als Kulisse für Ihre Schuppentierchen dienen kann. xfishtank lässt seine Fische dann auf dem angetroffenen Desktop-Gemälde umherschwimmen – das Aufmacherbild zeigt die Fische im xglobe-Universum. Ohne die Option -d werden Ihre Fische mit unifarbenem Wasser ohne Dekoration konfrontiert.

Fremde Welten

Auch die im LinuxUser 11/2001 vorgestellten xscreensaver [5] lassen sich als animierte Hintergründe missbrauchen. Hierzu dient der Parameter -root, den Sie dem direkten Aufruf eines Bildschirmschonermodules anhängen sollten. Die Module befinden sich in einem xscreensaver-Verzeichnis, zu finden über den Befehl locate /xscreensaver/. So startet folgender Aufruf den Matrix-Bildschirmschoner als animierten Hintergrund:

/usr/lib/xscreensaver/xmatrix -root

Allerdings sollten Sie auf Ihre CPU-Last achten, denn xmatrix wurde ebensowenig wie alle weiteren xscreensaver im Hinblick auf eine solche Zweckentfremdung entwickelt. Zwar sieht ein

/usr/lib/xscreensaver/xmatrix -root -delay 20000 -small -density 40 -trace

nett aus, kostet aber selbst auf einem üppig dimensionierten Rechner leicht mehr als die Hälfte der verfügbaren CPU-Leistung.

Abbildung 6: Bildschirmschoner xmatrix als animierter Hintergrund

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