Lichtung im GTK-Wald

GUI-Programme erstellen mit Glade

01.02.2002
Die Entwicklung auf GTK+ basierender, grafischer Benutzeroberflächen – ein schwieriges, umständliches Unterfangen? Der GUI-Builder Glade widerlegt solche Behauptungen.

Kaum hat man seine erste Programmierstunde absolviert und in der Welt der Schleifen und Funktionen Fuß gefasst, beginnen einen neue Fragen zu quälen: "Wie werden beispielsweise diese schönen, bunten Applikationen entwickelt?" Sogleich erfährt man, dass Ansätze wie OO-Entwicklung zur Tagesordnung in diesem Gebiet gehören. Beängstigt betritt man das neue Terrain und vernimmt zunächst, was ein API ("Application Programmers' Interface") ist: Eine Sammlung von Klassen in Form von Bibliotheken, mit denen man endlich anfangen kann, grafische Bedieneroberfläche zu entwickeln… Muss dies alles so kompliziert sein?

Wichtige Konzepte

Nicht unbedingt. Vor allem aber muss man nicht alles auf einmal lernen, um die ersten Schritte bei der Programmierung grafischer Benutzerschnittstellen zu gehen. Manche Kenntnisse sind allerdings unerlässlich zum richtigen Programmentwickeln, zum Beispiel das Verständnis von Konzepten wie Objekt, Klasse, Signal, Ereignis etc. Anderes – etwa die Kenntnisse der API-Funktionen – kann man sich aber anhand von Beispielen im Verlauf der Entwicklung aneignen.

Die Strukturen in einer Bedienoberfläche werden als Objekte behandelt, also als Gruppierung von Daten und speziellen Funktionen (in der Welt der objektorientierten Programmierung Methoden genannt) zu einer individuellen, identifizierbaren, logischen Einheit. Solche Einheiten (etwa die Knöpfe eines Fensters) können wiederholt verwendet werden, und obwohl sie normalerweise über die gleichen Methoden verfügen, wirken sie auf unterschiedliche Datenbestände. Das erklärt zum Beispiel, warum beim Anklicken (Methode) eines Knopfes verschiedene Aufgaben (Datenverkehr) erledigt werden können.

Der Aufbau eines Objekts wird in einer Klasse beschrieben. Deswegen kann man sagen, dass Klassen als Schablonen für Objekte dienen. Neue Klassen können auf bereits vorhandenen aufbauen und so erweitert werden, dass sie neue Aufgaben bewältigen.

Um ein Programm zu befähigen, auf vom Benutzer hervorgerufene Ereignisse entsprechend zu reagieren, werden in der GUI-Programmierung Signale verwendet. Sie kommen zum Zuge, wenn ein Mausknopf gedrückt, ein Fenster zugemacht oder Text getippt wird. Bei jedem Ereignis sendet das entsprechende Objekt je nach Typ und Klasse ein unverwechselbares Signal (das heißt, eine seiner Methoden wird aufgerufen). Es lässt sich von einem Signal-Handler regelrecht aufnehmen, wobei eine bestimmte Aufgabe erfüllt wird.

Das Gimp-Toolkit

Eine der bekanntesten Linux-APIs zur GUI-Entwicklung ist das Gimp-Toolkit GTK+. Es bildet eine Hierarchie von Objekten (hier Widgets genannt), die über die verschiedensten Signale verfügen. Es gibt Signale, die alle Widgets von ihren "Ausgangsklassen" erben (zum Beispiel destroy) und andere, Widget-spezifische (etwa das Signal toggled von den "Ein-/Aus-Schaltern"). Programme mit GTK+ zu entwickeln ist nicht schwierig, verlangt aber, dass man mit dessen Widgets und Methoden vertraut ist.

GTK+ benutzt eine sehr flexible Methode zur Positionierung der Widgets auf der Bedieneroberfläche: das Verpacken einzelner Widgets in Containern. Mit ihnen informiert man GTK+, an welcher Position ein Widget zu erscheinen hat, und bereitet Zellen vor, in denen andere Widgets platziert werden. Die wichtigsten Container sind Boxen und Tabellen.

Den Aufbau eines GUIs aus diesen Widgets und Containern in einem Text-Editor zu kodieren, erfordert tatsächlich einige Erfahrung. Einfacher geht es durch "visuelle Programmierung", bei der man das Interface einer Applikation nach dem WYSIWYG-Paradigma mit einem Minimum an Aufwand gestalten kann. Das entlastet den Programmierer, sodass sich dieser vornehmlich auf die Programmierung der Funktionalität konzentrieren kann.

Ein Tool, das GTK-Programmierer mit diesem "Rapid Application Development"-(RAD-)Ansatz unterstützt, ist Glade, zu Deutsch "Lichtung". Dieses Programm ist in der Lage, GUI-Code in verschiedenen Programmiersprachen zu erstellen (C, C++, Ada95, Eiffel, Perl und Python) und steht unter [1] zum Download bereit, sofern es nicht ohnehin mit der Distribution mitgeliefert wird. Ein Kompilat für Windows kann unter [2] bezogen werden.

Vorausgesetzt, dass GTK+ in der Version 1.2.0 (oder höher), autoconf in der Version 2.13 und automake in der Version 1.4 vorhanden sind, erfolgt die Installation von Glade aus dem Quellcode heraus ganz einfach mit den üblichen Kommandos: ./configure =Applikationsverzeichnis, make und make install. autoconf und automake sind auch notwendig, um mit Glade erstellte Projekte erfolgreich zu übersetzen. Falls GNOME-Unterstützung gewünscht wird, ist zudem eine aktuelle Version (höher als 1.0.50) der GNOME-Bibliotheken erforderlich.

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