Kylix 2 Open Edition

Kylix 2 fällt gleich mehrfach aus dem Rahmen. Zum einen entstammt es der renomierten Compiler-Schmiede Borland. Dieser Hersteller verfügt bereits über eine langjährige Erfahrung mit verschiedenen Entwicklungsumgebungen auf dem Windows-Sektor. Zum anderen handelt es sich um ein kommerzielles Produkt. Im Gegensatz zu KDE Studio Gold gibt Borland eine abgespeckte Fassung als kostenlose Open Edition heraus. Wie der Name bereits andeutet, dürfen mit ihr im Gegenzug nur freie Open-Source-Projekte unter der GNU Lizenz erstellt werden. Wer mehr in Punkto Funktionsumfang oder kommerzieller Software möchte, hat gleich zwei kostspielige Aufstiegschancen. Neben der professionnellen Fassung, die für 325 Euro im Borland eigenen Shop zu erstehen ist, bietet sich für Unternehmen die 2585 Euro teure Enterprise-Variante an. In der Regel genügt für private Anwender bereits die kostenlose Open Editon. Zu beachten ist, dass Programme, die mit dieser Version kompiliert wurden, nach ihrem Start einen entsprechenden Hinweis einblenden (vgl. Abblildung 12).

Die genauen Unterschiede der einzelnen Kylix-Versionen sind auf den Internet-Seiten von Borland zu finden [4]. Bei Kylix ist eine Konvertierung der unter Windows beliebten Entwicklungsumgebung Delphi. Ähnlich wie Microsofts VisualBasic handelt es sich hierbei um eine komplette Eigenentwicklung von Borland. Neben der Umgebung verwenden mit Delphi geschriebene Programme neben einer eigenen Sprache namens Object Pascal die von Borland selbst geschaffenen Programmbibliotheken. Auf diese Weise lassen sich eigene Anwendungen zwar in relativ kurzer Zeit erstellen, bleiben aber vom Hersteller und dessen Bibliotheken abhängig. Mit Kylix verfolgt Borland das Ziel, eine unter Delphi entwickelte Anwendung nach einem erneuten Kompilierungsdurchlauf, unter Linux verfügbar zu machen. Der umgekehrte Weg ist selbstverständlich ebenfalls möglich. Zu diesem Zweck hat Borland nicht nur die Klassenbibliothek CLX auf Linux portiert, sondern den Compiler und die IDE unter Linux verfügbar gemacht. Ein Nachteil gegenüber den anderen Entwicklungsumgebungen ist die Closed Source-Strategie, dass heisst lediglich der Quellcode der CLX Bibliotheken wurde offen gelegt. Nach dem Start der Open Editon ist zunächst die Eingabe eines Registrierungscodes fällig.

Dieser ist zwingend, kann aber kostenlos unter http://register.borland.com bezogen werden. Ist die Eingabe der zwei Schlüssel korrekt abgeschlossen, erwartet den Delphi-erfahrenen Anwender ein vertrautes Bild. Die Oberfläche gleicht der des großen Bruders aus der Windows-Welt nicht nur durch Zufall. Wie schon bei der ersten Kylix-Version wurde die Oberfläche aus Delphi übernommen und dank dem Emulator Wine unter Linux zum Laufen gebracht. Dies führt leider zu dem unangenehmen Nebeneffekt, dass die gesamte Umgebung etwas behäbig reagiert und nicht gerade zur schnellsten ihrer Zunft gehört. Die durch Kylix erstellten Programme sind glücklicherweise nicht auf Wine angewiesen, sondern native Linux-Programme. Aber nicht nur Delphi Anwender werden sich schnell zurecht finden. Man merkt dem Produkt die jahrelange Erfahrung seines Herstellers an. Direkt nach dem Start wird neben dem Hauptfenster ein leeres Projekt geöffnet, das aus einem leeren Dialogfenster besteht. Auf dieser Fläche kann man wie in einem Malprogramm entsprechende Elemente, wie Schalter oder Listen anlegen und arrangieren.

Alle hierbei zur Verfügung stehenden Elemente präsentiert eine Palette am oberen Bildschirmrand. Anpassungen der jeweiligen Eigenschaften erfolgen durch den stets präsenten Objektinspektor, ein Fenster, das sich standardmäßig am linken Bildschirmrand befindet (vgl. Abbildung X).

Während der Anwender die grafischen Elemente auf den, als Form bezeichneten Fenstern vornimmt, generiert Kylix automatisch im Hintergrund den passende Quellcode. Dieser muss anschließend nur noch vom Benutzer in einem weiteren Editierfenster ausgefüllt werden. Ein oft wünschenswerter Überblick über alle im Projekt verwendenten Klassen und Komponenten, wie dies beisielsweise KDevelop in Form eines Diagramms bietet, fehlt allerdings. Hat man sich einmal mit allen Elementen der Oberfläche und der Sprache Object Pascal vertraut gemacht, geschieht die Erstellung einer kompletten Anwendung äußerst schnell und effektiv. Dies ist nicht zuletzt auch ein Verdienst der komfortablen Oberfläche. Diese lässt sich in fast allen nur erdenklichen Bereichen an die eigenen Bedürfnisse anpassen. Alle Einstellungen lassen sich anschließend speichern und per Knopfdruck wieder einladen. Unterschiedliche Einstellungen für verschiedene Projekte stellen somit kein Problem mehr da. Neben KDevelop ist Kylix das einzige hier vorgestellte Programm, das Teamarbeit unterstützt. Im Gegensatz zum Konkurrenten erfolgt der Datenaustausch nicht über das freie Dokumentenmanagementsystem CVS, sondern über ein eigenes Repository. Die mitgelieferte Hilfe ist die einzige im Test, die wirklich überzeugen konnte.

Ausführliche und fast lückenlose Texte lassen kaum Fragen offen. Das dabei zum Einsatz kommende Hilfesystem ist leider wieder eine Eigenentwicklung und erinnert frappierend an das Windows-Pendant. Ergänzt werden die Hilfedokumente durch beiliegende Demoprogramme, was in unserem Test einzigartig ist.

Fazit

Selten fällt ein Vergleich so eindeutig aus. Jede vorgestellte Entwicklungsumgebung richtet sich an ihre eigene Zielgruppe. Wer vorwiegend Gtk basierende, bzw. für GNOME bestimmte Programme in C oder C++ schreiben möchte, sollte Anjuta im Auge behalten. Für KDE- und Qt-Programmierer ist hingegen KDevelop die erste Wahl. KDE Studio disqualifiziert sich leider selbst. Der funktionsumfang hinkt weit hinter KDevelop und steht einem dafür nicht angemessenen Preis gegenüber. Umsteiger, die von Delphi kommen, sollten sich Kylix näher anschauen. Programmierer, die unter Windows mit VisualBasic erste Programmiererfahrungen gesammelt haben, sind derzeit noch gezwungen sich umzustellen. Wer nicht gleich in die kryptischen Gefilde von C und C++ hinab steigen möchte, sollte sich statt dessen Kylix näher ansehen. Für Einsteiger ist dies die beste aller hier vorgestellten Lösungen. Englischkenntnisse sollten aber in jedem Fall mitgebracht werden. So gibt es kein Produkt, das vollständig ohne diese Sprache auskommt. Wer nur kleine Programme schreibt, sollte sich überlegen, ob sich der Einsatz einer großen Entwicklungsumgebung für ihn lohnt. Oft werden viele, der von den Oberflächen geforderten Pakete für kleine Projekte gar nicht benötigt. In einem solchen Fall schießt man mit Kanonen auf Spatzen. Abschließend lässt sich sagen, dass außer Kylix keine Entwicklungsumgebung den von Windows gewohnten Programmierkomfort erreicht. Umstellungsschwierigkeiten sollten daher eingeplant werden.

Glossar

Gtk

Eine Bibliothek, die Programmierer in eigenen Anwendungen verwenden können. Sie stellt grafische Objekte wie z. B. Menüs oder Dialogfenster bereit. Auf diese Weise wird den Programmierern die Arbeit mit Fenstern erleichtert. Gtk steht unter GPL, und Qt ist ebenfalls unter dieser Lizenz erhältlich; mehr dazu in Kasten 1 des vorangehenden Artikels (über Qt Designer).

Qt

Eine Bibliothek, die Programmierer in eigenen Anwendungen verwenden können. Sie stellt grafische Objekte wie z. B. Menüs oder Dialogfenster bereit. Auf diese Weise wird den Programmierern die Arbeit mit Fenstern erleichtert. Gtk steht unter GPL, und Qt ist ebenfalls unter dieser Lizenz erhältlich; mehr dazu in Kasten 1 des vorangehenden Artikels (über Qt Designer).

Hello-World-Programm

Ein klassisches Programmierbeispiel, das in vielen Büchern über die Einführung in eine Programmiersprache auftaucht. Es handelt sich hierbei um eine Anwendung, die lediglich den Text "Hello World" ausgibt.

Infos

[1] http://anjuta.sourceforge.net: Homepage von Anjuta

[2] http://www.thekompany.com: Homepage der Firma theKompany, sowie KDE Studio Gold

[3] http://www.kdevelop.org: Homepage des KDevelop-Projektes

[4] http://www.borland.de: Homepage der Firma Borland

[5] http://register.borland.com: Zentrale Stelle, unter der ein Schlüssel für die Open Editon von Kylix 2 bezogen werden kann

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