Entwicklungsumgebungen im Vergleich

Aus LinuxUser 02/2002

Entwicklungsumgebungen im Vergleich

schweizer messer

Entwicklungsumgebungen haben die Aufgabe, die Programmierung von Software zu vereinfachen. Wir geben einen Überblick über die interessantesten Produkte.

Linux gilt seit jeher als ein Schlaraffenland für Programmierer. Es gibt kaum eine Sprache, die nicht unter dem freien Betriebssystem zur Verfügung steht. Allen Sprachen gemein ist ihr Manko der etwas kryptischen Bedienung. Gerade Umsteigern, die bisher mit VisualBasic eine grafische und bei der Programmierung unterstützende Oberfläche gewohnt sind, bereiten die Kommandozeilen-Compiler Kopfzerbrechen. In der letzten Zeit hat sich die Situation glücklicherweise gebessert. Immer mehr grafische Umgebungen machen die Entwicklung von Software zu einem Kinderspiel. Im Folgenden möchten wir Ihnen eine kleine Auswahl dieser integrierten Entwicklungsumgebungen (Integrated Development Enviroment, kurz IDE) vorstellen.

Einmarsch

Angetreten sind Anjuta in der aktuellen Beta-Version 0.1.8, KDevelop 2.0.2, KDE Studio Gold 3.0, sowie Kylix 2. Im Gegensatz zu Anjuta und KDevelop handelt es sich bei den zwei zuletzt genannten Umgebungen um kommerzielle Software. Das KDE Studio der Firma theKompany ist in einer abgespeckten, freien OpenSource-Version erhältlich, wohingegen Kylix der Firma Borland nur für nicht-kommerzielle Projekte frei genutzt werden darf. Alle im Folgenden vorgestellten Programme lehnen sich in ihrer Bedienung sehr stark an ihre Windows-Vorbilder an. Als Arbeitsgrundlage dient bei allen Kandidaten das Konzept des Projekts. In der Regel ist dies nichts anderes als eine Sammlung aller Dateien, die für das zu erstellende Programm benötigt werden. Hierzu zählen neben dem Quellcode die verwendeten Bibliotheken und die Dokumentation. Einige IDEs lassen es sogar zu, mehrere Programme sowie Bibliotheken innerhalb eines Projektes zu verwalten. Mit Ausnahme von Kylix bringen die Umgebungen keinen eigenen Compiler und die dazugehörigen Hilfsprogramme mit. Stattdessen greifen sie ausnahmslos auf die entsprechenden GNU Kommandozeilen-Werkzeuge zurück. Sie sind daher mehr ein zentraler, grafischer Aufsatz denn ein eigenständiges Produkt. Wer von Windows und den dortigen Entwicklungsumgebungen der Hersteller Microsoft und Borland kommt, wird zudem die eingebauten Dialog-Editoren vermissen. Mit ihrer Hilfe lassen sich Fenster, Dialogboxen und deren Inhalte ähnlich wie in einem Malprogramm erstellen. Wenn überhaupt, greifen die aktuellen IDEs hierfür auf externe Software zurück. Ist diese auf Ihrem Rechner nicht installiert, muss der benötigte Quellcode vom Programmierer selbst zeitraubend per Hand eingegeben werden. Lobenswert ist hingegen, dass alle Entwicklungsumgebungen mit Ausnahme von Kylix die direkte Erstellung von distributionsfähigen Paketen, wie beispielsweise im RPM-Format ermöglichen. Trotz der genannten Gemeinsamkeiten unterscheiden sich die vier Anwendungen stark von einander. Worin diese Unterschiede im Detail liegen, soll im Folgenden gezeigt werden. Gleichzeitig stellen wir die einzelnen IDEs etwas näher vor.

Anjuta 0.1.8

Die unter der GPL stehende Entwicklungsumgebung Anjuta ist in der aktuellen Version der Beta-Phase noch nicht ganz entwachsen und somit das jüngste der hier vorgestellten Projekte. Trotzdem macht es bereits einen vielversprechenden Eindruck. Anjuta zielt in seiner jetzigen Version auf die Entwicklung von Gtk, beziehungsweise GNOME-basierten Anwendungen. Daher verwundert es nicht, dass es selbst auf dieser Basis erstellt wurde. Anwendungen, die Qt oder KDE verwenden, unterstützt Anjuta nicht direkt. Zwar sind alle Assistenten und Hilfeeinträge vollständig auf Gtk und GNOME ausgerichtet, wer diese jedoch gewissenhaft ignoriert, kann problemlos Qt basierende Programme erstellen. Da dies ein ziemlich steiniger Weg ist, sollten Qt-, beziehungsweise KDE-Entwickler lieber zu KDevelop oder KDE Studio greifen.

An Programmiersprachen versteht Anjuta C und C++. Die Anbindung an weitere Sprachen, wie zum Beispiel Java, sind in Planung oder werden bereits teilweise unterstützt. Bei der Erstellung eines neuen Projekts geleitet ein Assistent den Benutzer in wenigen Schritten zum gewünschten Ziel.

Sechs Mausklicks später steht in unserem Test bereits ein Skelett der zu erstellenden Anwendung. Alle Projekte legt Anjuta automatisch im Verzeichnis Projects ab. Diese Pfadangabe lässt sich zwar in den Einstellungen ändern, eine Nachfrage, ob und wo Verzeichnisse erstellt werden sollen, wäre nicht nur an dieser Stelle wünschenswert. Bei der Anzahl der erzeugten Dateien wird nicht gekleckert: Ohne die sonst übliche Dokumentation in Form der obligatorischen README und INSTALL Dateien werden für ein simples Hello-World-Programm in C minimal eine, in der Regel aber zwei Dateien benötigt (ein Makefile für den Kompilierungsvorgang und eine zweite Datei mit dem eigentlichen Quellcode).

Anjuta legt in den Standardeinstellungen drei Verzeichnisse mit insgesamt 64 Dateien an. Darüber hinaus empfehlen wir, das Hauptfenster von Anjuta nicht auf den gesamten Bildschirm zu vergrößern, da die Software Meldungs- und weitere wichtige Dialogfenster gerne im Hintergrund versteckt.

Sehr komfortabel ist der Editor zum Bearbeiten des Quellcodes. Per [Strg+Eingabe] lässt sich sogar eine Autovervollständigung einschalten. Sie blendet an der aktuellen Cursor-Position eine Liste aller, an dieser Stelle zur Verfügung stehenden Funktionen ein (vgl. Abbildung 3).

Des weiteren lassen sich mit Anjuta fremde Textdateien der verschiedensten Formate, wie Java-Quellcode oder LaTeX-Dateien, laden und bearbeiten. Für eine Vielzahl von Textformaten bringt die Entwicklungsumgebung entsprechende Vorlagen für farbliche Hervorhebungen mit.

Sehr gut gefiel uns auch die Möglichkeit, Funktionen und Klassen über ein Plus- und Minussymbol links neben dem eingegebenen Code schnell ein- und ausblenden zu können. Dies fördert die Übersichtlichkeit nicht nur bei großen Projekten. Bei den angebotenen Funktionen ist an dieser Stelle leider schon Schluss <\#208> Gruppenarbeit und Datenaustausch unterstützt Anjuta nicht. Es existiert lediglich ein komfortabler Zugriff auf den Debugger Gdb, ein Standardprogramm zur Fehlersuche. Die grafische Erstellung einer auf Gtk basierenden Anwendungsoberfläche erfolgt über das externe Programm Glade (vgl. Seite 26). Die angebotene Hilfe ist gerade ausreichend und beschränkt sich im wesentlichen auf eine knappe Beschreibung der wichtigsten Menüpunkte. Für eine Dokumentation der Bibliotheksfunktionen greift Anjuta auf externe Quellen zurück.

Kdevelop 2.0.2

Beim Versuch das RPM-Archiv von KDevelop auf unserem Testrechner mit SuSE-Linux einzuspielen, erlebten wir unser blaues Wunder: Satte 20 nicht installierte Pakete bemängelte unser Paketmanager. Die meisten Archive bezogen sich dabei auf das Dokumentationssystem Docbook, mit dessen Hilfe KDevelop sämtliche Dokumentationsaufgaben ausführt. Weigert man sich die Pakete zu installieren, so erdreistet sich die Entwicklungsumgebung bei seinem ersten Start vollautomatisch Yast2 und damit das Einspielen der fehlenden Pakete selbst vorzunehmen. Wehe dem, der hierbei als Root eingeloggt ist: Ein Warnhinweis oder Bestätigung durch den Benutzers existiert schlichtweg nicht. Bei eingelegter Installations-CD ist so ein paar Sekunden später, die Festplatte um einige MB ärmer. Der bei der Installation entstandene Eindruck bestätigt sich direkt nach dem Start: KDevelop vereint eine große Anzahl externer Programme unter einer Oberfläche. In den Menüs tauchen immer wieder alt bekannte, externe Programme auf. So wird für den grafischen Entwurf der Dialogfenster der Qt-Designer gestartet. Eine Software, die direkt aus der Feder von Trolltech, dem Hersteller von Qt, stammt. Die Oberfläche selbst erinnert im Gegensatz zu Anjuta weitaus stärker an die Vorbilder aus dem Windows-Lager, wirkt aber etwas überladen und chaotisch. Das standardmäßig dreigeteilte Hauptfenster enthält am linken Rand eine Ansicht, die je nach dort aktiviertem Registerblatt, verschiedene Sichtweisen auf das aktuelle Projekt erlaubt. Dort erreicht man ebenfalls die sehr ausführliche Hilfe, die sogar mit einer kompletten Sprachreferenz für C++ aufwartet.

Für die Dokumentation der Qt- und KDE-Klassen wird jedoch auf externe Quellen zurückgegriffen. Auf der rechten Seite befindet sich ein Editor-Fenster, das neben der Bearbeitung des Quellcodes auch die Anzeige von anderen Dokumenten, wie den Hilfedateien übernimmt. Wie so viele andere Elemente der Oberfläche, kann das Verhalten dieses Fensters frei konfiguriert werden. Am unteren Bildschirmrand befindet sich ein Statusfenster. Dort lassen sich über verschiedene Registerblätter unterschiedliche Meldungstypen begutachten. Insgesamt schreibt KDevelop Integration groß. Dies ist kein Zufall <\#208> schließlich entstammt die Entwicklungsumgebung dem KDE-Projekt, dessen KDE-Desktop das selbe Ziel verfolgt. Die Einrichtung eines neuen Projektes übernimmt der Anwendungsassistent.

Hier erkennt man wieder, das die Wurzeln von KDevelop im KDE-Projekt liegen. Neben vielen KDE- und Qt-Programmvarianten, bietet die Entwicklungsumgebung leider nur einen Anwendungstyp, der auf den konkurrierenden GNOME-Bibliotheken basiert. Im Gegensatz zu Anjuta ist KDevelop somit ein idealer Kandidat, wenn es um die Erstellung von KDE- oder Qt basierten C bzw. C++ Programmen geht. Weitere Sprachdialekte beherrscht KDevelop übrigens nicht. Erfreulicherweise bietet der Assistent vielfältige Möglichkeiten bei der Grundeinstellung, wie die Konfiguration des Versionsmangement-Tools CVS. Hierdurch wird die reibungslose, gleichzeitige Arbeit mehrerer Personen an ein und demselben Projekt ermöglicht. KDevelop ist neben Kylix das einzige hier vorgestellte Programm, das auf diese Weise Teamarbeit an einem Projekt ermöglicht. Über die reinen Quelldateien hinaus erstellt der Assistent auf Wunsch sogar die zum Programm gehörige Dokumentation. Dies gilt für eine Funktions- und Klassendokumentation des eigenen Quellcodes und für das Benutzerhandbuch. Für letzteres ist allerdings etwas Kenntnis über das eigens zu diesem Zweck von KDevelop verwendete Dokumentationssystem notwendig. Die eingangs erwähnten Pakete vorausgesetzt, lässt sich so das gesamte Software-Projekt innerhalb einer Oberfläche erstellen und verwalten. Ebenso wie Anjuta, knausert KDevelop standardmäßig nicht mit der Anzahl der neu angelegten Dateien. Dafür bleibt mit den verschiedenen Baumansichten auf das Projekt im linken Fensterabschnitt stets die Übersicht gewahrt.

Sehr gut gelungen ist der hier ebenfalls integrierte Klassenbrowser. Dort lassen sich alle im Projekt verwendeten Klassen mitsamt ihren Attributen und Methoden komfortabel einsehen und manipulieren. Ein Assistent übernimmt sogar die Erstellung neuer Klassen, indem er den Code-Rahmen und die zugehörigen Dateien generiert. Anschließend können Methoden und Attribute über ein entsprechendes Dialogfenster hinzugefügt oder gelöscht werden. Die rechte Maustaste entpuppte sich in diesem Zusammenhang als wahrer Tausendsassa. In den Code per Hand eingefügte Methoden oder Attribute werden nach einem Übersetzungsvorgang automatisch in die angesprochenen Ansichten übernommen. Ebenfalls sehr hilfreich ist die grafische Klassenansicht. Hierbei handelt es sich um ein Fenster, in dem die Klassenhierarchien übersichtlich in Form einer Grafik dargestellt werden.

Wünschenswert wäre allerdings die Darstellung in der weit verbreiteten UML-Notation. Insgesamt weist KDevelop viele nützliche Detailfunktionen auf, die sich allerdings erst auf den zweiten Blick dem Benutzer erschließen. Etwas gewöhnungsbedürftig ist die Umleitung der Konsolenmeldungen in verschiedene Register des Statusfensters. So wurde die Ausgabe unseres Testprogramms gleich in mehrere Register umgeleitet. Dieses Vorgehen hat jedoch den Vorteil, dass die Meldungen übersichtlich und nach Typ sortiert ausgegeben werden. Der Text-Editor kommt zwar nicht an den Komfort von Anjuta heran, ein reibungsloses Arbeiten ist aber uneingeschränkt gewährleistet.

KDE Studio Gold Version 3.0

Die Software KDE Studio wurde von der Firma theKompany [2] entwickelt und liegt in zwei Versionen vor. KDE Studio ist die freie, unter der GPL veröffentlichte Open-Source-Variante des kommerziellen KDE Studio Gold. Die Unterschiede zwischen beiden Versionen liegt im Funktionsumfang.

Darüber hinaus wird ab sofort nur noch die kommerzielle Variante von theKompany weiterentwickelt und unterstützt. Im Folgenden verwenden wir die Testversion des KDE Studio Gold, die kostenlos von der Homepage des Herstellers [2] herunter geladen werden kann. Sie bietet den vollen Funktionsumfang und ist nur in ihrer zeitlichen Nutzungsdauer auf 15 Minuten begrenzt. Die Vollversion ist für rund 25 US-Dollar erhältlich.

Direkt nach dem Start wird man von einem Assistenten begrüßt, der unteranderem die Erstellung eines neuen Workspace ermöglicht.

Diese Bezeichnung für Projekte weicht in KDE Studio von denen der anderen Programme ab. So entspricht ein Workspace (Arbeitsumgebung) in anderen Entwicklungsumgebungen einem Projekt. KDE Studio verwendet die Bezeichnung Projekt für eine weitere Untergruppierung des Workspace. Dort kann ein Projekt eine Bibliothek oder ein zu erstellendes Programm sein. Bei der Einrichtung eines neuen Projektes wird schnell deutlich, dass auch KDE Studio sein Hauptaugenmerk auf die C- und C++ Entwicklung auf Basis von Qt und KDE legt. Eine Möglichkeit GNOME-Anwendungen zu erstellen bietet die IDE erst gar nicht an. Es bleibt aber die Erstellung im Rahmen eines Custom-Projektes per Hand. Bei der Generierung eines kleinen Terminal-Programms legt KDE Studio im Gegensatz zu seiner Konkurrenz gerade einmal die notwendigsten Skripte und Dateien an. Etwas zu sparsam vielleicht: Die Quellcode-Datei mit der stets benötigten main()-Funktion muss selbst angelegt werden. Lediglich Vorlagen für ein KDE- und Qt-Programm existieren. Die Oberfläche des Hauptfensters ähnelt der von KDevelop, wirkt aber etwas aufgeräumter.

KDE Studio bietet in seinem linken oberen Fenster eine Baumdarstellung des Projektes. Hilfedateien lassen sich dort nicht anzeigen. Im unteren Teil befindet sich ein Statusfenster und im rechten oberen Abschnitt erfolgt die Bearbeitung der Quelldateien. Über Register kann man zwischen verschiedenen, gleichzeitig geöffneten Dateien hin- und herspringen. Der Editor selbst bietet Standardkost und verfügt wie Anjuta über die Möglichkeit, Funktionen und Klassen selektiv aus- und einzublenden. Den Funktionsumfang von KDevelop erreicht KDE Studio nicht. So existiert zwar ein Klassenbrowser (hier als Klassenexplorer bezeichnet) und eine grafische Ansicht, diese müssen aber explizit aus dem Menü aufgerufen werden. Des weiteren wirken sie aufgesetzt und unübersichtlich.

Hilfsmechanismen für die Erstellung von Klassen, wie diese in KDevelop integriert sind, fehlen vollständig. Ebenso glänzte in unserer Demoversion die komplette Dokumentation durch ihre Abwesenheit. Und dies obwohl theKompany mit einer vollständigen und guten Dokumentation für den Kauf des KDE Studios wirbt. Weitere interessante Funktionen waren neben den obligatorischen Debug- und Compiler-Optionen in KDE Studio Gold 3.0 nicht auszumachen.

Kylix 2 Open Edition

Kylix 2 fällt gleich mehrfach aus dem Rahmen. Zum einen entstammt es der renomierten Compiler-Schmiede Borland. Dieser Hersteller verfügt bereits über eine langjährige Erfahrung mit verschiedenen Entwicklungsumgebungen auf dem Windows-Sektor. Zum anderen handelt es sich um ein kommerzielles Produkt. Im Gegensatz zu KDE Studio Gold gibt Borland eine abgespeckte Fassung als kostenlose Open Edition heraus. Wie der Name bereits andeutet, dürfen mit ihr im Gegenzug nur freie Open-Source-Projekte unter der GNU Lizenz erstellt werden. Wer mehr in Punkto Funktionsumfang oder kommerzieller Software möchte, hat gleich zwei kostspielige Aufstiegschancen. Neben der professionnellen Fassung, die für 325 Euro im Borland eigenen Shop zu erstehen ist, bietet sich für Unternehmen die 2585 Euro teure Enterprise-Variante an. In der Regel genügt für private Anwender bereits die kostenlose Open Editon. Zu beachten ist, dass Programme, die mit dieser Version kompiliert wurden, nach ihrem Start einen entsprechenden Hinweis einblenden (vgl. Abblildung 12).

Die genauen Unterschiede der einzelnen Kylix-Versionen sind auf den Internet-Seiten von Borland zu finden [4]. Bei Kylix ist eine Konvertierung der unter Windows beliebten Entwicklungsumgebung Delphi. Ähnlich wie Microsofts VisualBasic handelt es sich hierbei um eine komplette Eigenentwicklung von Borland. Neben der Umgebung verwenden mit Delphi geschriebene Programme neben einer eigenen Sprache namens Object Pascal die von Borland selbst geschaffenen Programmbibliotheken. Auf diese Weise lassen sich eigene Anwendungen zwar in relativ kurzer Zeit erstellen, bleiben aber vom Hersteller und dessen Bibliotheken abhängig. Mit Kylix verfolgt Borland das Ziel, eine unter Delphi entwickelte Anwendung nach einem erneuten Kompilierungsdurchlauf, unter Linux verfügbar zu machen. Der umgekehrte Weg ist selbstverständlich ebenfalls möglich. Zu diesem Zweck hat Borland nicht nur die Klassenbibliothek CLX auf Linux portiert, sondern den Compiler und die IDE unter Linux verfügbar gemacht. Ein Nachteil gegenüber den anderen Entwicklungsumgebungen ist die Closed Source-Strategie, dass heisst lediglich der Quellcode der CLX Bibliotheken wurde offen gelegt. Nach dem Start der Open Editon ist zunächst die Eingabe eines Registrierungscodes fällig.

Dieser ist zwingend, kann aber kostenlos unter http://register.borland.com bezogen werden. Ist die Eingabe der zwei Schlüssel korrekt abgeschlossen, erwartet den Delphi-erfahrenen Anwender ein vertrautes Bild. Die Oberfläche gleicht der des großen Bruders aus der Windows-Welt nicht nur durch Zufall. Wie schon bei der ersten Kylix-Version wurde die Oberfläche aus Delphi übernommen und dank dem Emulator Wine unter Linux zum Laufen gebracht. Dies führt leider zu dem unangenehmen Nebeneffekt, dass die gesamte Umgebung etwas behäbig reagiert und nicht gerade zur schnellsten ihrer Zunft gehört. Die durch Kylix erstellten Programme sind glücklicherweise nicht auf Wine angewiesen, sondern native Linux-Programme. Aber nicht nur Delphi Anwender werden sich schnell zurecht finden. Man merkt dem Produkt die jahrelange Erfahrung seines Herstellers an. Direkt nach dem Start wird neben dem Hauptfenster ein leeres Projekt geöffnet, das aus einem leeren Dialogfenster besteht. Auf dieser Fläche kann man wie in einem Malprogramm entsprechende Elemente, wie Schalter oder Listen anlegen und arrangieren.

Alle hierbei zur Verfügung stehenden Elemente präsentiert eine Palette am oberen Bildschirmrand. Anpassungen der jeweiligen Eigenschaften erfolgen durch den stets präsenten Objektinspektor, ein Fenster, das sich standardmäßig am linken Bildschirmrand befindet (vgl. Abbildung X).

Während der Anwender die grafischen Elemente auf den, als Form bezeichneten Fenstern vornimmt, generiert Kylix automatisch im Hintergrund den passende Quellcode. Dieser muss anschließend nur noch vom Benutzer in einem weiteren Editierfenster ausgefüllt werden. Ein oft wünschenswerter Überblick über alle im Projekt verwendenten Klassen und Komponenten, wie dies beisielsweise KDevelop in Form eines Diagramms bietet, fehlt allerdings. Hat man sich einmal mit allen Elementen der Oberfläche und der Sprache Object Pascal vertraut gemacht, geschieht die Erstellung einer kompletten Anwendung äußerst schnell und effektiv. Dies ist nicht zuletzt auch ein Verdienst der komfortablen Oberfläche. Diese lässt sich in fast allen nur erdenklichen Bereichen an die eigenen Bedürfnisse anpassen. Alle Einstellungen lassen sich anschließend speichern und per Knopfdruck wieder einladen. Unterschiedliche Einstellungen für verschiedene Projekte stellen somit kein Problem mehr da. Neben KDevelop ist Kylix das einzige hier vorgestellte Programm, das Teamarbeit unterstützt. Im Gegensatz zum Konkurrenten erfolgt der Datenaustausch nicht über das freie Dokumentenmanagementsystem CVS, sondern über ein eigenes Repository. Die mitgelieferte Hilfe ist die einzige im Test, die wirklich überzeugen konnte.

Ausführliche und fast lückenlose Texte lassen kaum Fragen offen. Das dabei zum Einsatz kommende Hilfesystem ist leider wieder eine Eigenentwicklung und erinnert frappierend an das Windows-Pendant. Ergänzt werden die Hilfedokumente durch beiliegende Demoprogramme, was in unserem Test einzigartig ist.

Fazit

Selten fällt ein Vergleich so eindeutig aus. Jede vorgestellte Entwicklungsumgebung richtet sich an ihre eigene Zielgruppe. Wer vorwiegend Gtk basierende, bzw. für GNOME bestimmte Programme in C oder C++ schreiben möchte, sollte Anjuta im Auge behalten. Für KDE- und Qt-Programmierer ist hingegen KDevelop die erste Wahl. KDE Studio disqualifiziert sich leider selbst. Der funktionsumfang hinkt weit hinter KDevelop und steht einem dafür nicht angemessenen Preis gegenüber. Umsteiger, die von Delphi kommen, sollten sich Kylix näher anschauen. Programmierer, die unter Windows mit VisualBasic erste Programmiererfahrungen gesammelt haben, sind derzeit noch gezwungen sich umzustellen. Wer nicht gleich in die kryptischen Gefilde von C und C++ hinab steigen möchte, sollte sich statt dessen Kylix näher ansehen. Für Einsteiger ist dies die beste aller hier vorgestellten Lösungen. Englischkenntnisse sollten aber in jedem Fall mitgebracht werden. So gibt es kein Produkt, das vollständig ohne diese Sprache auskommt. Wer nur kleine Programme schreibt, sollte sich überlegen, ob sich der Einsatz einer großen Entwicklungsumgebung für ihn lohnt. Oft werden viele, der von den Oberflächen geforderten Pakete für kleine Projekte gar nicht benötigt. In einem solchen Fall schießt man mit Kanonen auf Spatzen. Abschließend lässt sich sagen, dass außer Kylix keine Entwicklungsumgebung den von Windows gewohnten Programmierkomfort erreicht. Umstellungsschwierigkeiten sollten daher eingeplant werden.

Glossar

Gtk

Eine Bibliothek, die Programmierer in eigenen Anwendungen verwenden können. Sie stellt grafische Objekte wie z. B. Menüs oder Dialogfenster bereit. Auf diese Weise wird den Programmierern die Arbeit mit Fenstern erleichtert. Gtk steht unter GPL, und Qt ist ebenfalls unter dieser Lizenz erhältlich; mehr dazu in Kasten 1 des vorangehenden Artikels (über Qt Designer).

Qt

Eine Bibliothek, die Programmierer in eigenen Anwendungen verwenden können. Sie stellt grafische Objekte wie z. B. Menüs oder Dialogfenster bereit. Auf diese Weise wird den Programmierern die Arbeit mit Fenstern erleichtert. Gtk steht unter GPL, und Qt ist ebenfalls unter dieser Lizenz erhältlich; mehr dazu in Kasten 1 des vorangehenden Artikels (über Qt Designer).

Hello-World-Programm

Ein klassisches Programmierbeispiel, das in vielen Büchern über die Einführung in eine Programmiersprache auftaucht. Es handelt sich hierbei um eine Anwendung, die lediglich den Text “Hello World” ausgibt.

Infos

[1] http://anjuta.sourceforge.net: Homepage von Anjuta

[2] http://www.thekompany.com: Homepage der Firma theKompany, sowie KDE Studio Gold

[3] http://www.kdevelop.org: Homepage des KDevelop-Projektes

[4] http://www.borland.de: Homepage der Firma Borland

[5] http://register.borland.com: Zentrale Stelle, unter der ein Schlüssel für die Open Editon von Kylix 2 bezogen werden kann

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