deskTOPia

Wie Ihr Linux-Desktop aussieht, bestimmen allein Sie. Mit deskTOPia nehmen wir Sie regelmäßig mit auf die Reise ins Land der Window Manager und Desktop-Umgebungen, stellen Nützliches und Farbenfrohes, Hingucker und hübsches Spielzeug vor.

Sein Window Manager sei "sicher nicht der einsteigerfreundlichste – aber das sind wohl die wenigsten richtig guten Dinge", erklärt der PWM-Programmautor Tuomo Valkonen (frei übersetzt) auf seiner Web-Seite http://www.students.tut.fi/~tuomov/pwm/. In der Tat könnte die Liste der nicht vorhandenen Features manchen LinuxUser-Leser schnell überzeugen, doch besser weiterzublättern, aber ebenso sicher wird dieser Makel durch ungewöhnliche Funktionen schnell und großzügig egalisiert.

Mangelware

Doch zunächst der Schrecken mit versprochenem Ende: Der wohl gravierendste Unterschied zwischen den verfügbaren Window Managern liegt sicher im Fokus-Verhalten und der damit einhergehenden Programm-spezifischen Handhabung. PWM stellt lediglich den sogenannten sloppy focus zur Verfügung: Dabei reagiert das Fenster, über dem Sie Ihre Maus plazieren, auf Tastatureingaben. Jedoch bleibt es weiterhin so lange von anderen Fenstern verdeckt, bis Sie es manuell in den Vordergrund holen. Dies bewerkstelligen Sie entweder über Mausklick oder auch per Tastaturbefehl.

Ein solches Verhalten muss man mögen – genau wie PWMs Optik. Dessen Fensterdekorationen erstrahlen lediglich in einfachen, flächigen Farben. Wer lieber Farbverläufe oder gar Grafiken einsetzen mag, wird mit diesem Fensterverwalter nicht glücklich. Auch die Abwesenheit jeglicher Fensterbuttons, mit denen Fenster z. B. geschlossen oder maximiert werden können, trägt zur schlichten Optik bei. Stattdessen klappt beim rechten Mausklick auf die Titelleiste ein Fenstermenü mit eben jenen Funktionen herunter. Sollten Sie dort nun den Menüpunkt iconify vermuten, so werden Sie abermals enttäuscht: Diese Funktion ist schlicht nicht vorhanden. Um das Leid zu komplettieren, bringt PWM kein eigenes Konfigurationstool mit, sondern überlässt diese Aufgabe Ihrem Lieblingstexteditor.

Entschädigung

Das mag mancher auch positiv sehen: Immerhin ist es doch schön, den gewohnten Editor verwenden zu dürfen, anstatt sich durch eine neue GUI wühlen zu müssen. Noch mehr Freude kommt auf, wenn man merkt, dass die Fenster sich zwar nicht auf ein Icon, dafür aber auf ihre kleine Titelleiste reduzieren lassen. Ein Doppelklick der linken Maustaste auf eben diese Leiste "rollt" die Applikation praktisch zusammen.

Eines der herausragendsten Merkmale dieses Desktop-Herrschers verbirgt sich allerdings nicht hinter der linken, sondern der mittleren Maustaste: Damit können Sie eine Titelleiste abreißen (Abbildung 1) und auf eine andere Fensterleiste ziehen. Nach dieser Aktion stellt PWM die betroffenen Anwendungen in ein und demselben Fenster dar. Die Titelleiste mutiert dabei – wie in Abbildung 2 ersichtlich – zu Karteikartenreitern (oft auch Tabs genannt). Ebenfalls mit der mittleren Maustaste darf nun die gewünschte Anwendung gewählt werden. Ein neu hinzugefügtes Programm wird dabei an die Größe des bestehenden Fensters angepasst. Es ist geradezu erstaunlich, wie komfortabel sich hiermit eine Unzahl an Applikationen übersichtlich auf dem Desktop platzieren und bedienen lassen.

Abbildung 1: Titelleiste auf Abwegen
Abbildung 2: Dreimal Konqueror und einmal ATerm in einem einzigen PWM-Fenster

Scheibenkleister

PWM kennt zudem mehrere virtuelle Desktops: Widmet man einen der eigentlichen Arbeit, dient ein weiterer dem Browsen im Web und der nächste der Bildbearbeitung. Geht einmal der Platz auf dem Desktop aus, so nimmt man sich eben einen leeren neuen.

Sollen bereits geöffnete Fenster beim Umschalten dorthin mit umziehen, so pinnt man sie auf der Bildschirmoberfläche einfach fest: Ein Mausklick mit der rechten Maustaste auf der Titelleiste klappt das Fenstermenü auf, das auch den Eintrag Tg stick beinhaltet. Hat ein Fenster diese Option aktiviert, so weist eine Markierung in der rechten oberen Ecke der Titelleiste darauf hin. Eine so gekennzeichnete Anwendung ist omnipräsent auf allen virtuellen Desktops. Die erneute Auswahl des entsprechenden Menüpunkts entfernt den Sticker wieder und lässt die Anwendung im aktuellen Workspace zurück.

Auch die Menüs kann man anpinnen – nicht, um sie mit auf Reisen durch diverse Workspaces zu nehmen, sondern um sie immer aufgeklappt im Sichtfeld zu behalten: Ein Mausklick auf eine Menü-Titelleiste verhilft zur bleibenden Darstellung, und ein Doppelklick (bzw. die [Esc]-Taste) setzt dem Spuk wieder ein Ende. PWM kennt zwei Menüs: das auf der mittleren Maustaste befindliche "Go to window"-Menü (Task-Liste), das zwischen den verfügbaren Fenstern umherschaltet, und ein Startmenü, das die rechte Maustaste beherbergt.

Dreingabe

Wem diese Features noch nicht genügen, kann aufatmen: PWM besitzt ein Dock für Window Maker Dockapps. Dies sind spezielle, auf 64x64 Pixel reduzierte, als Icon ablaufende und für den Window Manager Window Waker konzipierte Programme, die in der dortigen Oberfläche angeklipst (gedockt) werden können. PWM-Benutzer brauchen sie nicht einmal mehr anzwicken: Dessen Dock saugt Dockapps selbstständig auf den rechten Fleck, und das zuverlässig, wie Abbildung 3 zeigt.

Das Dock bleibt immer im Vordergrund – ein überlappendes aktives Fenster schiebt sich darunter. Wem es einmal wirklich im Weg ist, blendet es einfach mit der Tastenkombination [Mod1-t] aus. [Mod1] entspricht bei den meisten Tastaturen und System-Konfigurationen der [Alt]-Taste.

Abbildung 3: Dockapps im Dock

Überflüssig zu erwähnen, dass PWM sich auch vollständig und sinnvoll über die Tastatur bedienen lässt. Die Standardbelegung gibt Tabelle 1 wieder.

Tabelle 1: Tastaturbelegung

Kommando Funktion
[Mod1-Tab] aktives Fenster inklusive Raising wechseln
[Mod1-(1-9,0)] Workspace wechseln ("0" ist Workspace Nr. 10)
[Mod1-m] Startmenü öffnen
[Mod1-g] "Go to window"-Menü – die Task-Liste
[Mod1-d] "Detach"-Menü – verbundene Fenster lösen
[Mod1-t] Dock ein- oder ausblenden
[Mod1-e] neues xterm herbeirufen
[Mod1-Return] das aktive Fenster ist anschließend über Pfeiltasten verschiebbar
[Shift-Strg-w] Anwendung beenden und Fenster schließen
[Shift-Strg-x] Fenster schließen, ohne Anwendung zu beenden (Anwendung stürzt ab!)
[Shift-Strg-s] Fenster auf Titelleiste reduzieren
[Shift-Strg-z] Fenster anpinnen
[Shift-Strg-v] Fenster vertikal maximieren
[Shift-Strg-h] Fenster horizontal maximieren
[Shift-Strg-m] Fenster maximieren
[Shift-Strg-(r/l)] Raising
[Shift-Strg-a] Fenster an anderes anheften
[Shift-Strg-o] Fenstermenü

Auf die Platte

Installiert haben Sie diesen Window Manager schnell: Entweder spielen Sie ein fertiges RPM-Paket mit der Distributionspaketverwaltung ein, oder aber Sie greifen zum Source. Im letzten Fall sind die Anforderungen an Ihren Rechner erfreulich gering – lediglich das XFree86-Entwicklerpaket (meist xdevel o. ä. genannt) und das Tool make nebst Compiler müssen vorhanden sein. Danach lässt sich der Sourcecode wie folgt installieren:

tar xvfz pwm-1.0.tar.gz
cd pwm-1.0
make depend && make
su -
cd pwm-1.0
make install

Etwas verzwickter als die Installation ist allerdings der Start. Neben einigen distributionsabhängigen Varianten sollte nachfolgender Weg jedoch in jedem Fall zum Ziel führen: Dreh- und Angelpunkt ist hierbei die Datei ~/.xinitrc (bzw. beim grafischen Login ~/.xsession). Sollte dieses File bei Ihnen nicht existieren, darf es einfach neu angelegt werden. Sein Inhalt könnte nun wie folgt aussehen:

#!/bin/sh
exec pwm

Die ganze Datei noch ausführbar machen, und schon sollte Sie beim nächsten Aufruf von startx (bzw. beim nächsten grafischen Login) PWM begrüßen – wenngleich dies recht unauffällig geschieht.

Es wird gemütlich

Sofern der geneigte PWM-User keine eigene Konfigurationsdatei anlegt, verwendet der Window Manager die systemweite unter /etc/pwm/pwm.conf (bzw. /usr/local/etc/pwm/pwm.conf). User-eigene Wünsche lassen sich in der (bei Bedarf) neu anzulegenden Datei ~/.pwm/pwm.conf verwirklichen. Zwar können Sie die gesamte Konfiguration in eine einzige ~/.pwm/pwm.conf verfrachten, doch ebenso ist es möglich, den Inhalt auf mehrere Konfigurationsdateien zu verteilen. Diese müssen dann aus der pwm.conf aufgerufen werden.

Es empfiehlt sich ausdrücklich nicht, die systemweiten Konfigurationsdateien (mit Ausnahme des Startmenüs) zu verändern – fehlerhafte Einträge deaktivieren dessen Funktion vollständig: Was nicht gültig konfiguriert ist, ist später erst gar nicht verfügbar. Definieren sie etwa keine Mausbedienung, so können Sie die Maus auch nicht einsetzen. Insofern ist es besser, lediglich die eigenen Wünsche auf User-Ebene umzusetzen und es ansonsten bei den systemweiten Konfigurationen zu belassen.

Ein Beispiel für eine persönliche Konfigurationsdatei findet sich unter /etc/pwm/sample.conf, die Sie einfach nach ~/.pwm/pwm.conf kopieren können. Hierbei handelt es sich um die zentrale Konfigurationsdatei, in der zunächst das Startmenü, die Tastaturbelegung und die Mausbedienung hinzugeladen werden (wobei Sie deren Inhalt auf Wunsch komplett in diese eine Datei tippen dürfen; nur leidet dabei die Übersicht):

include "menus-default.conf"
include "keys-default.conf"
include "buttons-default.conf"

Möchten Sie hier eigene Vorstellungen verwirklichen, so legen Sie einfach eine solche Datei nach den Vorbildern aus /etc/pwm an und tragen die modifizierten Dateien in Ihrer pwm.conf ein. Die hinzuzuladenden Dateien dürfen sich im systemweiten, als auch im User-eigenen Verzeichnis befinden – PWM durchsucht beide, bevorzugt aber das User-Verzeichnis ~/.pwm. Sollen Ihre Änderungen nun auch Wirkung zeigen, so hilft ein Restart des Window Managers: mit der rechten Maustaste auf den freien Desktop klicken, dann Exit und anschließend Restart wählen.

Fürs Auge

Weiter geht es in der Beispiel-Konfigurationsdatei mit der Optik:

screen 0 {
  include "look-brownsteel.conf"
  workspaces 6
  dock "-0-0", 1
}

Neben look-brownsteel.conf wird look-beoslike.conf mitgeliefert (weitere look-*.conf-Dateien finden sich auf der Heft-CD). Ein Blick in eine dieser Dateien verrät, dass eigene Farbsettings leicht erstellt sind.

Sechs virtuelle Desktops (Workspaces) sollten jedem reichen, doch wer mag, darf die Zahl natürlich erhöhen. Zuletzt wird das Dock in der unteren rechten Ecke (Geometriedaten "-0-0") platziert und horizontal ausgerichtet. Wer es lieber vertikal mag, setzt statt der letzten 1 eine 0.

In dieser Sektion können Sie noch weitere Einträge vornehmen: So wird mit der Zeile font "lucida" künftig die Schriftart Lucida verwendet, während ein opaque_move 50 Fenster mit einer Größe oberhalb von 50% der Desktop-Fläche so verschiebt, dass dabei lediglich der Fensterrahmen, nicht aber der Inhalt angezeigt wird (ein Feature, das Eigner altersschwacher Rechner schätzen dürften). Die vollständige Liste möglicher Spielereien für den Abschnitt screen (und weitere Sektionen) findet sich in der Datei /usr/*/doc/pwm/config.txt.

Zauberkiste

Richtig interessant wird es mit folgenden Zeilen:

winprop "Netscape.Navigator" {
  frame 10
}

Hiermit erscheinen aufpoppende (bzw. mutwillig neu geöffnete) Navigator-Fenster automatisch in ein und demselben PWM-Fenster. Operas Eigenheiten sind somit auch mit Netscapes Navigator möglich, obwohl der das eigentlich gar nicht vorsieht.

Doch mit PWM ist es nicht nur möglich, Fenster zu kombinieren – man kann bei Bedarf auch Anwendungen ohne Fensterrahmen darstellen. Um z. B. den Systemmonitor xosview ohne Umrahmung zu starten, hilft folgender Eintrag:

winprop "*.xosview" {
  wildmode yes
}

Umgedreht kann mit no statt yes ein Fensterrahmen erzwungen werden, will eine Anwendung unaufgefordert darauf verzichten.

PWM ist aufgrund seines Docks und seiner einzigartigen Fensterhandling-Optionen zweifelsfrei ein ungewöhnlicher Geselle. Sein grundlegend anderes Konzept sollte als Chance auf eine andere Bedienung und nicht als Mangel betrachtet werden. Wer sich hierauf einlässt, blickt künftig auf die Größen des Genres unter Umständen mit ein wenig Mitleid hinab …

Glossar

virtuelle Desktops

Die meisten Window Manager bieten mehrere "Bildschirme", die sich mit Fenstern bzw. Anwendungen füllen lassen. Zwischen diesen kann gewechselt werden, ohne dass eine Anwendung geschlossen werden muss. Sichtbar sind jedoch nur jene Applikationen, die auf dem aktuellen Desktop gestartet wurden.

Dieses Heft als PDF kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 

Ähnliche Artikel

Kommentare