Nachdem die erste, zusammen mit KDE 2.0 veröffentlichte Version noch starken Beta-Charakter aufwies und insbesondere die Textverarbeitungskomponente durch regelmäßige Abstürze glänzte, soll dies mit der gerade neu erschienenen Version 1.1 endlich anders sein.
Seit unserem letzten Test in Ausgabe 12/2000 ist ein Jahr vergangen, in dem das KOffice-Entwickler-Team nicht geschlafen hat. Das Ergebnis wurde Ende August unter www.koffice.org in Form einer explizit als stabil gekennzeichneten Version 1.1 zum Download frei gegeben. Ob dieses Versprechen auch in der Praxis zutrifft und welche neuen Funktionen in das Office-Paket Einzug gehalten haben, testeten wir auf einem Rechner mit SuSE Linux 7.2 mit dem enthaltenen KDE 2.1.2 und zusätzlich mit den KDE-2.2-Paketen von der LinuxUser-CD 10/2001.
KOffice ist eine Sammlung verschiedener Büroprogramme. Neben den obligatorischen Textverarbeitungs- und Tabellenkalkulationskomponenten bietet das Paket weitere interessante Zusätze, wie z. B. ein Zeichen- und Präsentationsprogramm. Ziel der Programmierer war und ist es, ein freies Office-Paket zu entwickeln, das sich nahtlos in den KDE-Desktop integriert und mit seinem Funktionsumfang den großen kommerziellen Vorbildern wie StarOffice oder Microsoft Office in nichts nachsteht.
Zu finden ist das Paket für die verschiedensten, aktuellen Distributionen unter www.koffice.org oder auf der LinuxUser-CD 11/2001. Als Systemvoraussetzung wird KDE 2.1.2 (oder höher) genannt. Wer eine andere Desktop-Umgebung wie z. B. GNOME einsetzt, benötigt die zu KDE 2.1.2 oder höher gehörenden Bibliotheken. Alle aktuellen Distributionen sollten diese standardmäßig mitbringen.
Nach der Installation des rund 9 MB großen Paketes erleben wir unsere erste Überraschung: Neben dem auf der Web-Seite angekündigten Bildbearbeitungsprogramm Krayon fehlt auch die komplette Hilfe. Erst das FAQ-Dokument auf der KOffice-Homepage klärt darüber auf, dass Krayon noch nicht Teil der stabilen KOffice-Pakete ist. Einen Hinweis auf die fehlenden Hilfetexte findet nur, wer in den Tiefen der KDE-Verzeichnisse auf die Suche geht: Dort wird in einer Textdatei darauf hingewiesen, dass diese noch nicht rechtzeitig fertig gestellt worden sind und erst zu einem späteren Zeitpunkt von der Homepage des Projektes herunter geladen werden können. Für den Benutzer, der zum ersten Mal mit dem Paket in Berührung kommt, sicherlich nur ein schwacher Trost. Hierzu ein Tipp: Die vorherigen Beta-Versionen brachten noch eine Dokumentation mit. Unter SuSE Linux 7.2 finden Sie eine solche Version in der Serie KDE2 im Paket koffice.
Ein Blick auf die neuen Einträge im Startmenü stimmt da schon etwas versöhnlicher: Neben den bereits bekannten Komponenten KWord (Textverarbeitung), KSpread (Tabellenkalkulation), KPresenter (Präsentationsprogramm), Kontour (Zeichenprogramm), KFormula (Formel-Editor) und KChart (Diagramm-Editor) tummeln sich dort mit Kivio (Flussdiagramme) und Kugar (erstellt Geschäftsreports) zwei neue Programme. Der ebenfalls über das Startmenü erreichbare KOffice-Arbeitsplatz wurde fast unverändert aus der alten Version übernommen: Er dient auch weiterhin als Anwendungs-Launcher, der in einer Leiste die Applikationen und alle geöffneten KOffice-Dokumente auf einen Blick zur Verfügung stellt.
Am ehesten ist dieses Programm mit einem sehr stark abgespeckten StarOffice-Desktop zu vergleichen.
Ein Blick auf die Liste der Veränderungen bestätigt das, was der kleine Versionssprung hinter dem Punkt bereits andeutet: Die Verbesserungen beschränken sich hauptsächlich auf den Unterbau und die Stabilität. Neue Funktionen spiegeln sich nur in ein paar Detailverbesserungen wieder, die sich größtenteils als Hilfen bei der praktischen Arbeit entpuppen.
Alle Anwendungen wurden an die neuen KDE-Bibliotheken angepasst, so dass KDE-2.2-Benutzer in den Genuss der erweiterten Druckfunktionen gelangen. Auf unserem Testrechner gehen wir unter der älteren KDE-Version allerdings leer aus; erst KDE 2.2 zusammen mit dem entsprechend angepassten KOffice-Paket öffnet uns den Zugang zu allen Funktionen.
In diesem Zusammenhang ist auch die neue Druckvorschau zu erwähnen, die unter allen Desktop-Versionen zur Verfügung steht. Mit ihrer Hilfe lässt sich ein Dokument bereits vor seinem Ausdruck begutachten. Leider schlug die Vorschau auf unserem Testrechner in vielen Fällen fehl. So präsentierte das für die Vorschau verwendete Programm KGhostview (auch PS-/PDF-Betrachter) oft nur eine leere Seite.
Ein weiterer Vorteil des neuen Unterbaus ist auch optischer Natur: Alle Komponenten des Office-Paketes wirken nun viel besser aufeinander abgestimmt und erwecken nicht mehr den Eindruck eines Haufen bunt zusammengewürfelter Programme.
Des weiteren wurden dem Office-Paket neue Datei-Im- und Exportfilter spendiert (vgl. Kasten 1, "Datei-Formate"). Leider ist die Entwicklung der Filter noch nicht so weit vorangeschritten, dass diese in die Kategorie "brauchbar" eingestuft werden könnten. Dies gilt sogar für den Datenaustausch der einzelnen KOffice-Komponenten untereinander: So wurden beim Versuch, ein KPresenter-Dokument unter KWord zu öffnen, Layout und Schriftarten zerwürfelt.
Im besten Fall bleibt der Anwender beim Import von einem Absturz verschont, und die Werte bzw. der Text werden korrekt in die entsprechende Anwendung übernommen. Gleiches gilt übrigens auch für den Export.
Kasten 1: Datei-Formate
Neben den eigenen Formaten (mit tar und gzip gepackte XML-Dateien) bieten die Programme aus KOffice folgende Im- und Exportmöglichkeiten:
Anwendung
Importfilter
Exportfilter
KWord
ApplixWare, Abiword, HTML und einfache Textdateien
Abiword, HTML, Richtext (RTF), einfacher Text (TXT) und LaTeX
KSpread
Microsoft Excel, ApplixWare, GNUmeric, Corel QuattroPro (WordPerfect Office 2000 für Linux), Textdateien im CSV-Format (durch Komma getrennte Werte)
HTML, GNUmeric und CSV-Format
KPresenter
Microsoft PowerPoint
HTML-Präsentation
Kontour
Skalierbare Vektorgrafiken (SVG), Microsoft Office Zeichnung (msod), Xfig, ApplixWare Grafik, Windows Metafile (wmf)
Skalierbare Vektorgrafiken (SVG), xpm, eps und ppm
Alle hier nicht aufgeführten Programme kennen nur ihr eigenes Speicherformat.
Die bereits am Anfang angesprochene Integrationsfähigkeit der einzelnen KOffice-Programme geht sogar soweit, dass sich die einzelnen Office-Komponenten fast beliebig miteinander kombinieren lassen. So können Sie z. B. ein Dokument der Tabellenkalkulation in ein Dokument der Textverarbeitung einbetten.
Sobald Sie die Tabellendaten innerhalb des Textdokumentes bearbeiten möchten, wird im Hintergrund die Tabellenkalkulation geladen, und deren Funktionen werden innerhalb von KWord zur Verfügung gestellt. Während dies in den vorherigen Versionen aufgrund der wildesten Ergebnisse bis hin zu häufigen Abstürzen nur teilweise möglich war, traten bei unseren Tests mit der neuen Version nur noch selten Probleme auf. Wie auch in allen einzelnen Applikationen des Paketes scheinen die Entwickler die Stabilitäts- und Absturzprobleme einigermaßen in den Griff bekommen zu haben. Im Gegensatz zu früher sind die nur noch vereinzelt auftretenden Abstürze allerdings in ihren Auswirkungen verhängnisvoller: So schließt sich die Anwendung nach einer Fehlermeldung nicht mehr selbst, sondern muss oft über einen entsprechenden kill-Befehl radikal beendet werden.
Positiv kann hingegen vermerkt werden, dass alle Programme immer noch erfreulich flott arbeiten. Wer sich schon einmal über die langen Ladezeiten von StarOffice oder Corel WordPerfect geärgert hat, wird an KOffice sicherlich seine Freude haben.
Unsere Hauptkritikpunkte an KWord im letzten Test wurden erfreulicherweise beseitigt: Sowohl die regelmäßig auftauchenden Abstürze, als auch das manuelle Umschalten zwischen den zwei Arbeitsmodi (Layout- und Textbearbeitungsmodus) gehören der Vergangenheit an. Möchte man das Layout der Seite ändern, so kann man nun direkt das entsprechende Element anklicken und mit der Maus verändern. Dieses intuitive Vorgehen lehnt sich an das der anderen Textverarbeitungen an und bietet wesentlich mehr Komfort als die Vorgängerlösung. Die Möglichkeiten des Textlayouts gehen dabei auch weiterhin über die Fähigkeiten der anderen Textverarbeitungen hinaus. Da sich unter KWord ein Text immer innerhalb eines Textkastens befindet und man beliebig viele dieser Textkästen in beliebiger Anordnung auf einer Seite unterbringen kann, lassen sich auch komplexere Layoutaufgaben wie etwa eine Zeitungsseite bewältigen.
Die Rechtschreibprüfung setzt immer noch das installierte Programm ispell voraus. Fehlt dieses, bleibt auf unserem Testrechner unter KDE 2.1.2 ein entsprechender Hinweis seitens KWord aus. Der Menüpunkt bleibt zwar aktiviert, reagiert aber nicht - unter der KDE-2.2-Version von KWord erscheint hingegen ein Hinweisfenster.
Alle weiteren Änderungen beschränken sich auf die Verbesserung bereits bestehender Funktionen, wie z. B. den Umgang mit größeren Dokumenten oder eine verbesserte Darstellungsqualität.
Außer ein paar neuen Funktionen halten sich auch hier die Neuerungen in Grenzen. So können nun u. a. Reihen und/oder Spalten versteckt werden. Insgesamt macht KSpread weiterhin den ausgereiftesten Eindruck. Das Einbinden von Diagrammen, die auf markierten Werten einer aktuellen KSpread-Tabelle basieren, klappt allerdings immer noch nicht einwandfrei: Die Werte werden zwar übernommen aber nicht korrekt dargestellt.
Zudem bleibt die Absturzgefahr bei dieser Konstellation immer noch zu hoch - wer ein Diagramm einfügt, sollte vorher unbedingt sein Dokument zwischenspeichern.
Das Präsentationsprogramm ist fast auf dem Stand unseres KOffice-Workshops (LinuxUser 07/2001) stehen geblieben. Zwar wurden die Probleme bei der Eingabe und Anzeige von Gliederungen behoben, die Grafikfehler bei der Präsentationswiedergabe am oberen und unteren Rand blieben aber erhalten. Ebenfalls fehlen immer noch die in professionellen Präsentationsprodukten vorhandenen unterschiedlichen Layoutansichten. Da somit auch sämtliche nützlichen Automatismen wie z. B. die Umsetzung einer Gliederung direkt in ein vorgegebenes Layout oder das Einrichten und Bearbeiten von Folienmastern fehlen, ist KPresenter auch weiterhin nur ein erweitertes Zeichenprogramm. Als Folge muss man jede Folie erneut von Hand anlegen, und so tröstet die neue Seitenkopier-Funktion nur wenig. Aufgrund der im Gegensatz zu anderen Präsentationsprogrammen mageren Anzahl an Blendeffekten und Vorlagen eignet sich KPresenter leider nur für kleinere Präsentationen, die schnell zwischendurch erstellt werden müssen.
Das nach einem Namensstreit in Kontour unbenannte Zeichenprogramm (ehemals KIllustrator) wartet gleich mit zwei nützlichen neuen Funktionen auf: Zum einen kann ein Dokument nun mehrere Seiten enthalten, und zum anderen erleichtert ein andockbares Fenster den Umgang mit den Ebenen. Auf letzteren, bildlich als durchsichtige Folien vorstellbar, können beliebig viele grafische Elemente abgelegt werden.
Die Hilfslinien funktionieren endlich per Drag & Drop, so dass eine nachträgliche Positionskorrektur nun direkt per Maus erfolgen kann. Insgesamt reicht Kontour mit diesen Änderungen zwar nicht an die großen Programme wie CorelDraw heran, kann es aber durchaus mit den Zeichenkomponenten der anderen Office-Pakete aufnehmen.
Neben dem für Privatanwender eher uninteressanten Kugar wurde mit Kivio eine neue Komponente in das freie Office-Paket integriert. Die beiden Komponenten entstammen aus der Feder der Firma The Kompany (www.thekompany.com) und existieren bereits seit längerem als eigenständige KDE-Programme.
Kivio tritt in direkte Konkurrenz mit dem kommerziellen Windows-Flussdiagrammeditor Visio. Nach seinem Start findet man sich in einer Kontour ähnlichen Oberfläche wieder, deren Funktionsangebot sich bereits sehen lassen kann. Nach der Auswahl einer Flussdiagramm-Kollektion aus der Symbolleiste wird diese in Form einer Art Palette im Hauptfenster angezeigt (Abbildung 7).
Die einzelnen Basiselemente aus der Kollektion lassen sich bequem per Drag & Drop auf die Zeichenfläche ziehen und dort manipulieren. Über spezielle Verknüpfungslinien werden die Elemente miteinander verbunden. Leider wird mit Kivio nur eine einzige Kollektion ausgeliefert, die zudem Elemente enthält, die nicht gerade zu den häufig verwendeten zählen. Obwohl das Programm selbst der GPL unterliegt, also vollständig frei ist, müssen weitere Kollektionen bei The Kompany käuflich erworben werden. Da die einzelnen Elemente auf XML-Dateien basieren, bleibt zu hoffen, dass sich hier die Entwicklergemeinde erbarmt und schnell kostenlosen Ersatz zur Verfügung stellt.
Langsam wird's. Die aktuelle KOffice-Version 1.1 kann zwar keine wesentlichen neuen Funktionen aufweisen, hat aber einen großen Sprung in Richtung Stabilität und Einheitlichkeit in der Bedienung gemacht. Dennoch bleibt der Benutzer von gelegentlichen Abstürzen nicht verschont. Dies betrifft insbesondere die Einbettung der verschiedenen Komponenten ineinander. Im Gegensatz zu seinen kommerziellen Vorbildern ist es kleiner und schneller, kommt aber an deren Funktionsumfang nicht heran.
Insgesamt betrachtet ist KOffice für das Schreiben von kleinen Briefen oder das Abrechnen des Benzinverbrauchs bereits geeignet. Wer einen größeren Funktionsumfang benötigt oder wichtige Dokumente wie eine Diplomarbeit zu verfassen hat, sollte auch weiterhin zu StarOffice, WordPerfect oder ApplixWare greifen.
Glossar
Beta
Ein Computer-Programm, das sich in der Entwicklung befindet und in die Testphase übergegangen ist, wird als Beta-Version bezeichnet. Ein solches Programm weist bereits alle Funktionen des Endproduktes auf, wird aber noch von Fehlern befreit.
FAQ
Frequently Asked Questions - Häufig gestellte Fragen. Hierbei handelt es sich um ein Dokument (meist eine Internetseite), in dem die von Anwendern häufig gestellten Fragen zu einem bestimmten Produkt beantwortet werden.
kill
Reagiert eine Anwendung nicht mehr, so können diese unter Linux mit Hilfe des Kommandozeilenprogramms kill, zwangsweise beendet werden. Einige Distributionen installieren eine grafische Variante, die meistens ein Bomben- oder Totenkopfsymbol trägt und über das Startmenü oder den Desktop erreichbar ist.
Drag & Drop
Aufnehmen und Fallenlassen - beschreibt eine Arbeitstechnik von grafischen Benutzeroberflächen. Dabei können die einzelnen Elemente, wie z.B. ein Rechteck, ein Bild oder eine Datei, per gedrückter Maustaste aufgenommen und an einem neuen Platz "fallengelassen" werden.
Infos
[1] KOffice-Homepage: http://www.koffice.org
[2] Homepage des KDE-Projektes: http://www.kde.org
[3] The Kompany: http://www.thekompany.com
[4] Test von KOffice 1.0 im LinuxUser 12/2000: http://www.linux-user.de/ausgabe/2000/12/020-koffice/koffice.html