deskTOPia

Wie Ihr Linux-Desktop aussieht, bestimmen allein Sie. Mit deskTOPia nehmen wir Sie regelmäßig mit auf die Reise ins Land der Window Manager und Desktop-Umgebungen, stellen Nützliches und Farbenfrohes, Hingucker und hübsches Spielzeug vor.

Ich mag Burger. Richtige Burger, nicht Pommesbuden-Burger. Jene, die inklusive Messer und Gabel serviert werden. Denn ohne sind solche trotz üppig dimensionierter Hände und exzellenter Beißer eher ein Fall für ein Rittermahl, nicht aber für Frischgeduschte. Aber: Sich tagein tagaus von Burgern ernähren? Abwechslung ist, was in den Speiseplan gehört.

Aperitif

Nicht anders beim Blick auf den Bildschirm: Am einst perfekten Desktop hat man sich irgendwann satt gesehen, und ein Tapetenwechsel steht an. Doch was diesmal nehmen? Wieder die Omi durch die Liebste ersetzen? Oder doch lieber durch den Farbverlauf von Gelb nach Lila? Drücken Sie sich einfach um diese Entscheidung, und ernennen Sie ChBg zum künftigen Küchenchef – denn dieses Wunder-Tool bringt Abwechslung auf Ihren Desktop.

Es gestaltet anhand Ihrer Vorgaben eine Szenerie auf dem Desktop-Hintergrund. Diese kann aus Grafiken, Farben und sogenannten Gradienten (wie vom Bildbearbeitungsprogramm Gimp bekannt) bestehen, fein abgeschmeckt mit einer Prise Zufall. Auf Wunsch gibt es alle paar Minuten einen neuen Gang. Haben Sie nun Appetit bekommen, so greifen Sie zur beiliegenden Heft-CD oder besuchen die Web-Seite http://www.idata.sk/~ondrej/chbg/.

Abbildung 1: Farbauswahl für Effekte – Ausgabe in einem Fenster

Kücheneinrichtung

Leider ist ChBg nicht gerade auf schlichte, kleine Systeme zugeschnitten: Die Installation setzt Einiges voraus, so z. B. die GTK+-Library ab Version 1.2, welche u. a. auch von Gimp oder GNOME eingesetzt wird. Zudem müssen libpng, libz (oft auch zlib genannt) und imlib (alternativ gdk-pixbuf) mit von der Partie sein. Dies sind Bibliotheken, die diversen Anwendungen (und so auch ChBg) zentral ihre Funktionen zur Verfügung stellen. Fertige RPM-Pakete können nun über die distributionseigene Paketverwaltung oder aber mit dem Befehl rpm -i chbg-1.5-*.rpm installiert werden.

Greifen Sie hingegen zum ChBg-Paket mit dem unkompilierten Sourcecode, muss Ihre Festplatte nicht nur die normalen Pakete der nötigen Bibliotheken vorrätig halten, sondern jeweils auch die zugehörigen Devel-Pakete (Entwicklerpakete). Nur mit diesen lassen sich Programme, die eine entsprechende Bibliothek verwenden, aus dem Sourcecode übersetzen; mit den "normalen" Paketen können lediglich fertige Binaries ausgeführt werden.

Sind alle Voraussetzungen erfüllt, entpacken Sie das Archiv durch Eingabe von tar -xvzf chbg-1.5.tgz und wechseln mit cd chbg-1.5 ins neu angelegte Quellen-Verzeichnis. Um den dortigen Sourcecode zu kompilieren und zu installieren, reicht auch bei ChBg die weitverbreitete Befehlsfolge ./configure, make und make install. Die Installation ist in der beiliegenden Datei INSTALL erklärt.

ChBg spricht ein wenig Deutsch (genau genommen sind derzeitig 212 der insgesamt 463 Meldungen übersetzt), und so bekommt man auf Wunsch einen netten Stilmix serviert. Wem das schmeckt, der bestellt ihn über die Umgebungsvariable LC_MESSAGES. In der Eingabeaufforderung lässt sich diese mit dem Befehl

LC_MESSAGES="de_DE"; export LC_MESSAGES

auf Deutsch setzen. Sollte Sie die Langeweile besuchen, kontaktieren Sie den Programmautor und helfen ihm beim weiteren Übersetzen – andere User werden es danken. Deutlich konsistenter ist die Bedienung derzeit allerdings noch, wenn statt de_DE der Default en_US für englische Settings verwendet wird.

Abschmecken

Frisch installiert darf gekostet werden: Das Programm startet nach Eingabe von chbg aus einem X-Terminal (z. B. dem xterm). So aufgerufen präsentiert es uns zunächst den Konfigurationsschirm, der bei Bedarf auch manuell mit dem Kommandozeilenparameter -setup herbeigerufen werden kann. Mit diesem Konfigurationsfenster sollten Sie nun fleißig experimentieren: Es bedarf einiger Übung, bis das Zusammenwirken der Optionen klar wird. Nicht etwa, weil der Autor eine unzulängliche Oberfläche gekocht hätte; vielmehr führen die unzähligen Hebel, Schalter und Rezepte zu noch mehr unterschiedlichen Ergebnissen.

So kann ChBg seine Kreationen selbst in einem rxvt (einer xterm-Alternative) servieren, wie Abbildung 2 zeigt. Wer dies versucht, darf seinem rxvt keine Farb-Optionen beim Start mit auf den Weg geben, und auch die Farbwahl mit ChBg ist hierbei ein aufwändiges Unterfangen: Zu leicht macht ein neu generierter Hintergrund die Schrift unleserlich, und das rxvt-Fenster wird ein Fall für die Müllverwertung.

Abbildung 2: Sogar ein rxvt kann zur Ausgabe verwendet werden

Gedacht war ChBg ursprünglich, um – ähnlich einer Slideshow – sich abwechselnde Grafiken auf dem Desktop-Hintergrund darzustellen. Doch oft haben Bilder ein anderes Format als der Desktop, und so ist ChBg auf Wunsch auch in der Lage, die Szene um einen dekorativen und zufällig generierten Rand zu ergänzen. Mittlerweile kann dieser "Rahmen" auch als eigenständige Hintergrundgrafik eingesetzt werden: Der Menüpunkt Cycle blank screens im Karteireiter Setup erlaubt dies. Die voreingestellten Tool-Tipps erklären, wie es geht (Abbildung 3): so darf die Picture list keinen Eintrag aufweisen, und auch im Karteireiter Effects muss der Background shading effect auf Random stehen. Noch ein Mausklick auf Action/Start, und ein einzigartiger Desktop-Hintergrund wird errechnet und angezeigt.

Abbildung 3: Zusätzliche Effekte finden auch ohne Hintergrundgrafik Anwendung

Fastfood

So sein eigenes Süppchen zu kochen macht mächtig Spaß, aber das erklärte Ziel lautete am Anfang dieses Artikels, sich eben nicht mehr um einen neuen Hintergrund kümmern zu wollen. Also muss das Ganze automatisiert werden. Sind akzeptable Einstellungen gefunden, speichern Sie Ihr Kochrezept einfach ab: Der Menüpunkt File/Save scenario ... erledigt dies im Handumdrehen. Starten Sie nun den Befehl

chbg -scenario kochrezeptdatei

so erscheint kein Konfigurationsfenster mehr, und der Desktop-Hintergrund ändert sich periodisch nach Ihren Vorgaben.

Sollte dennoch die grafische Konfigurationsoberfläche erscheinen, enthält Ihre Szene vermutlich keine einzige Grafik, obwohl ChBg eine erwartet. Abhilfe schafft ein transparentes GIF, wie es die Heft-CD enthält und von dem natürlich nichts zu sehen ist. Soll der Hintergrund allerdings mehrmals während einer X-Session wechseln, benötigen Sie eine entsprechende Anzahl solcher Dummy-Grafiken. Das hängt damit zusammen, dass ChBg den Dienst quittiert, wenn er am Ende der Picture list angelangt ist. Eine repeat-Funktion steht somit ganz oben auf der Wunschliste für künftige Versionen.

Extrawurst

Das KDE-Team hat leider recht eigene Vorstellungen von der korrekten Tafelrunde, und so wird über den üblichen Hintergrund ein rahmenloses Fenster gemalt (welches wiederum KDE2 als Hintergrund dient). Daher ist von der ChBgschen Kochkunst schlicht nichts zu sehen. Allerdings besteht die Möglichkeit, die Ausgabe (anstatt auf den Desktop hinter dem KDE-Desktop) in eine PNG-Datei umzuleiten. Diese kann dann mit KDE2 verwendet werden.

Den selbstständigen Start des Tools bewerkstelligen Sie am einfachsten über die Autostart-Funktion Ihrer grafischen Oberfläche. Diese kann bei Ihnen ein spezieller Ordner, Menüeintrag in der Konfiguration Ihres Window Managers oder aber die Datei .xinitrc bzw. .xsession sein. Wenn Sie kurzfristig auf andere Settings umschalten wollen: Kein Problem, ChBg versteht alle Optionen auch über den Kommandozeilenaufruf. chbg --helpless bzw. die Manpage (man chbg) klären auf.

Geschmacksnote

Zugegeben, das Tool erfordert etwas Übung im Umgang (obgleich man merkt, dass der Autor viele Gedanken und viel Mühe hat einfließen lassen). Auch die halbfertige Übersetzung mag nicht wirklich überzeugen. Aber das Ergebnis auf dem Desktop stimmt allemal. Wer ChBg verwendet, räumt hin und wieder seinen gesamten Desktop leer, nur um zu sehen, was eben wieder auf dem Desktop-Hintergrund neu kreiert wurde. Denn das fasziniert.

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