Windows unter Linux ausführen

was lange währt, wird endlich gut

Emulationen bieten eine Möglichkeit, um schnell auf Windows-Anwendungen zuzugreifen. Wir haben uns die neue Version Win4Lin 3.0 angeschaut.

Die erste Auseinandersetzung mit NeTraverses (ehemals Trelos) Win32-Emulator Win4Lin 1.0 im Oktober letzten Jahres war ernüchternd. Ein zweiter Test der seit Anfang des Jahres vorliegenden Version 2.0 im Linux-Magazin 04/2001 löste ebenfalls keine Begeisterungstürme aus.

Deshalb nahmen wir die von vielversprechenden Ankündigungen begleitete Markteinführung der Win4Lin-Version 3.0 zum Anlass und den VMware-Herausforderer erneut unter die Lupe. So viel vorneweg: Win4Lin 3.0 hat durchaus das Zeug dazu, letzterem das Fürchten zu lehren.

Abb.1: Windows 98 läuft unter Win4Lin ohne Einschränkungen in einem eigenen Fenster

Die Tatsache ist nicht von der Hand zu weisen, dass neben Win4Lin mit VMware Express oder Wine zahlreiche Hersteller offensichtlich einen enormen Bedarf in der Verwendbarkeit nativer Windows-Anwendungen unter Linux prognostizieren. Dazu nehmen sie teilweise recht erhebliche technologische Aufwendungen inkauf. Die schwerpunktmäßigen Einsatzgebiete der genannten Emulations-Konzepte sind zwar im Detail verschieden gelagert, allerdings herrscht offenbar Einigkeit darüber, dass es nicht wenige Linux-Anwender gibt, die gelegentlich Windows-Anwendungen ausführen wollen oder gar müssen.

Dabei ist der Ansatz einer praxistauglichen Emulation angesichts der heute am Heimarbeitsplatz verfügbaren Leistungsreserven gegenüber einer simplen Dual-Boot-Installation nicht nur komfortabel. Sie stellt den Windows-Programmen innerhalb der virtuellen Maschine eine sichere und stabile Laufzeit-Umgebung zur Verfügung. Beim kaum zu vermeidenden Absturz eines Windows-Programms brauchen Sie in Zukunft bestenfalls lediglich die Emulation neu zu starten.

Neu bei Win4Lin 3.0

Abbildung 2: Eine der wesentlichen Neuerungen ist der grafische Installer

Die im LinuxUser 10/2000 getestete Version 1.0 und die Version 2.0 krankten an einer unzumutbar komplizierten Installation sowie Instabilitäten. Daher war ein praktikabler Alltagseinsatz der Software praktisch nur mit Einschränkungen möglich. Die neue Version bringt oberflächlich betrachtet zunächst ein grafisches Installationsprogramm und eine Reihe von Detailverbesserungen bezüglich der Hardware-Unterstützung des Wirtsystems (unter anderem SMP).

Beeindruckend ist die Stabilität der neuen Version. Hässliche Begleiterscheinungen der Vorgängerversionen, wie etwa ein fehlerhafter Bild-Aufbau im Fenster des Gastsystems, gehören der Vergangenheit an. Im Gegensatz zu VMware verhält sich Win4Lin völlig transparent bezüglich des Datenaustausches und der Kommunikation zwischen Wirt- und Gastsystem.

Es erfordert vom Anwender keinerlei nachträglichen Konfigurationsaufwand etwa zur Installation eines virtuellen Grafiktreibers im Gastsystem. Win4Lin unterstützt im Gastbetrieb direkt die meisten Leistungsmerkmale der Wirts-Hardware, wie etwa eine praxisgerechte 2D-Grafikleistung mit einer Auflösung, die sich direkt an den Fähigkeiten der physischen Grafikkarte orientiert. VMware-Kenner wissen, dass hierzu beim Konkurrenz-Produkt erst eine Toolbox zu installieren ist.

Abbildung 3: Bei Win4Lin gibt es im Gegensatz zu Konkurrent VMware keinerlei Abstriche bei der Ansteuerung der Grafikkarte

Das FAT32-Dateisystem des Gast-Systems wird transparent im Wirts-Dateisystem widergespiegelt, beziehungsweise relativ zu einer beliebigen Verzeichnisposition im Dateisystem abgebildet. Eine weitere Neuerung von Win4Lin 3.0 ist außerdem eine vollständige Überarbeitung der Netzwerk-Modi, so dass neben der vollen Funktionalität eines echten Winsock-Netzwerkes zwischen Wirt und Gast auch die Realisierung eines virtuellen privaten Netzwerks (VPN) zwischen dem Windows-System im Fenster und der Linux-Umgebung möglich ist.

Konzept

Für Anwender, die Win4Lin nicht kennen, ist es vor der Installation nützlich und empfehlenswert, sich mit der Funktionsweise beziehungsweise Konzeption der Software ein wenig auseinander zu setzen. Aus Anwendersicht ist Win4Lin 3.0 prinzipiell ein Windows-Emulator, der unter Linux läuft, denn Win4Lin ermöglicht letztlich das Ausführen von Windows-Anwendungen auf dem Linux-Desktop.

Die Bezeichnung Emulator trifft es nicht ganz, da wie beim direkten Konkurrenten VMware nicht das Betriebssystem Windows 9x selbst emuliert wird. Vielmehr stellt Win4Lin innerhalb eines X11-Fensters eine Umgebung zur Verfügung, die die Installation von Windows in einem X11- oder KDE-Fenster möglich und notwendig macht. Das Windows-Betriebssystem selbst wird nicht nur nicht mitgeliefert, sondern muss nach der Installation der Win4Lin-Umgebung explizit installiert werden. Dies erfordert darüber hinaus neben dem Vorhandensein einer Windows-CD natürlich die zugehörige Lizenz auf Anwenderseite.

Abbildung 4: Die Installation ist nun menügeführt und dadurch wesentlich einfacher als in der Vorgängerversion

Während jedoch etwa VMware ein waschechter Hardware-Emulator ist, könnte man das Konzept von Win4Lin eher als Symbiose zwischen Hardware-Emulation im Stile von VMware, API-Emulation a la Wine und Dateisystem-Konverter bezeichnen. Ungeachtet der Wortwahl ist Win4Lin in der Handhabung flexibler und einfacher als die Konkurrenzprodukte.

Im Anschluss an die Installation des Wirtsystems beziehungsweise der anschließenden Installation des Windows-Gast-Betriebssystems nebst der zugehörigen Windows-Programme laufen diese mit Hilfe von Win4Lin in einem X11/KDE-Fenster direkt auf dem Linux-Desktop mit atemberaubender Geschwindigkeit ab, und (was der eigentliche Knüller ist) sie können ihre Windows-Daten direkt im jeweiligen Home-Verzeichnis des Linux-Dateisystems ablegen, das heißt ihre Benutzerdateien stehen bei Win4Lin parallel sowohl aus einer Win4Lin-Session heraus als unter Linux uneingeschränkt zur Verfügung.

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