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Mausefalle

Jo´s alternativer Desktop

01.09.2001
Ein Desktop ohne Verwendung für die Maus, ohne Klicken und Schieben? evilwm ist der Feind aller Nager.

deskTOPia

Wie Ihr Linux-Desktop aussieht, bestimmen allein Sie. Mit deskTOPia nehmen wir Sie regelmäßig mit auf die Reise ins Land der Window Manager und Desktop-Umgebungen, stellen Nützliches und Farbenfrohes, Hingucker und hübsches Spielzeug vor.

Gehören auch Sie zu den Leuten, denen ihre Handgelenke zu schade sind, um durch gleichzeitiges Klicken und Ziehen mit der Maus der Bildschirmarbeiterkrankheit RSI ("Repetitive Strain Injury") Vorschub zu leisten? Zum Glück lässt sich unter Linux immer noch (fast) ein jedes nützliches Programm vorrangig mit der Tastatur – und nicht mit der Maus – bedienen. Sei es nun die Textverarbeitung, das Tippen von E-Mails, die Kommandoeingabe in der Bash oder das Bearbeiten von Dateien im Midnight Commander – das Eingabegerät der Wahl ist meist die Tastatur. Höchste Zeit, der Maus den Kampf anzusagen.

Schädlingsbekämpfung

Nein, die Maus soll nicht gleich abgeschafft werden. Aber wenn die Finger eh an der Tastatur verweilen, warum sollte man sie wegbewegen, nur um Fenster zu verschieben, zu schließen oder zu wechseln? Wünschenswert wäre ein Desktop, der ohne Maus auskommt.

Wer seinen Lieblingseditor oft genug aufgerufen hat, wird kaum mehr die Maus verwenden, um Text auszuschneiden bzw. einzufügen. Das geht mit einem Tastaturkommando viel effektiver. Wer insgesamt mehr an der Tastatur arbeitet, für den kann es sinnvoll sein, auch den Desktop auf Tastaturbetrieb umzustellen, anstatt permanent zwischen Tastatur und Nager hin- und herwechseln zu müssen. Genau das bietet der Window Manager evilwm.

Wirkungsweise

Zu finden ist diese Wunderwaffe selbstverständlich auf der beiliegenden CD sowie im WWW unter http://evilwm.sourceforge.net/. evilwm ist ein Window Manager der ganz spartanischen Sorte. Mit einem Ein-Pixel-Rahmen ohne Fensterdekoration ist er auf die reine Tastaturbedienung ausgerichtet. Dieser hauchdünne Rahmen dient lediglich dem Zweck, den Fokus zu signalisieren (obgleich Feinmotoriker ihn bestimmt mit der Maus zu treffen vermögen und somit das ganze Konzept unterwandern …).

Dieses Plus hinsichtlich Raumökonomie macht sich besonders bei niedrigeren Auflösungen positiv bemerkbar – was zuvor aus dem sichtbaren Bereich kippte, wird nun hoffentlich sichtbar (und falls noch immer nicht, stellt sich jedenfalls nicht mehr die Frage, wie man denn das nun per Maus verschieben soll, um an den OK-Button zu gelangen).

Doch evilwm hält außer fehlenden Fensterleisten noch weitere Gemeinheiten bereit – genauer gesagt: Er hat einfach nichts im Gepäck. Weder einen Desktop-Hintergrund vermag er zu setzen, noch wird der Mauszeiger vom Standard-X-Fadenkreuz in etwas Sinnvolleres (wie einen Pfeil) geändert. Auch ein Startmenü, eine Uhr, Taskliste oder Konfigurationsdatei sucht man vergeblich. Praktisch nichts deutet darauf hin, dass überhaupt ein Window Manager den Desktop beherrscht.

Andere Window Manager bringen meist allerhand eingebaute Funktionen und kleine, ergänzende Tools mit. Wer evilwm verwendet, muss sich diese Werkzeuge selbst zusammensuchen (und hat dafür aber auch die Chance, seinem Ideal-Desktop näher zu kommen). Tabelle 1 kann die Suche etwas erleichtern.

Tabelle 1: Juwelen für "arme" Window Manager

Programm Funktion beschrieben in deskTOPia
xsetroot X-Window-Standard-Tool zum Setzen einer Desktop-Hintergrundfarbe – ebenso kann eine XPM-Grafik anstatt einer Farbe angezeigt werden. Taugt auch zum Ändern des Cursors. LinuxUser 07/2000, LinuxUser 07/2001
display Tool aus dem Paket ImageMagick, mit dem Grafiken auf dem Bildschirm platziert werden können LinuxUser 07/2000
qiv Hintergrundgrafiken inkl. schnellem Bildbetrachter LinuxUser 07/2000
oclock, buici-clock u. a. Uhren LinuxUser 06/2001
tkgoodstuff Programmstarter/Startleiste – kann auch kleine Anwendungen "schlucken" (swallow) LinuxUser 07/2000
panel universell einsetzbare GNOME-Startleiste Linux-Magazin 04/2000
xosview Systemmonitor LinuxUser 01/2001
gkrellm erweiterter Systemmonitor Linux-Magazin 04/2000
root-tail Logfiles auf dem Desktop-Hintergrund LinuxUser 04/2001
xnodecor schmuggelt Programme am Window Manager vorbei LinuxUser 01/2001

Vorbereitung

Glücklich darf sein, wer ein Debian-basiertes Linux auf seine Festplatte gebannt hat: Ein einfaches dpkg -i evilwm_0.3.11-1_i386.deb installiert das fertige Paket. Alle anderen müssen zum Source greifen und diesen übersetzen. Wie immer wird dies auf der Heft-CD allgemein erklärt – und das Kompilieren in diesem Falle schon fast zu unspektakulär ist (lediglich das Devel-Paket zu X wird neben dem Compiler gcc und seinem Helfer make benötigt), steht nach dieser Prozedur noch etwas Handarbeit an:

Ebenso wie alle anderen Window Manager will evilwm zu einem bereits aktiven X-Server hinzugestartet werden. Hierfür kann jeder User in seinem Home-Verzeichnis eine X-Startdatei anlegen: Meist wird ~/.xinitrc für den Start aus der Konsole über startx und ~/.xsession beim grafischen Login verwendet. Existiert eine solche Datei nicht, kann sie einfach angelegt werden; ist sie bereits vorhanden, empfiehlt es sich, diese vor den folgenden Bastelarbeiten zu sichern. Eine solche Startdatei könnte nun folgenden Inhalt bekommen:

xsetroot -solid darkslategrey
 xsetroot -cursor_name top_left_arrow
 xclock -digital -fg lightyellow -bg darkslategrey -geometry -0-0 &
 evilwm

In diesem Beispiel wird zunächst über xsetroot eine Hintergrundfarbe gesetzt und anschließend der Mauszeiger zu einem gewöhnlichen Pfeil geändert, worauf eine Uhr in der rechten, unteren Ecke ihren Platz auf dem Desktop findet. Zu guter Letzt startet der Window Manager.

evilwm versteht auch ein paar Optionen. Wer z. B. lieber in einem aterm als in einem xterm seine Befehle erteilt, erklärt das mit dem Anhängsel -term aterm. Allerdings benötigt das aterm (ebenso wie seine artverwandten X-Terminalprogramme wterm und rxvt) die Unterstützung des Window Managers, um Transparenz vorzugaukeln. evilwm unterstützt diese hierbei nicht – das Feature "Transparenz" steht im aterm also nicht zur Verfügung.

Der Ein-Pixel-Rahmen ist vollständig über den Aufruf konfigurierbar. Wer das aktive Fenster künftig rot statt golden mag, erreicht dies mit -fg red. Ebenso wechseln inaktive Fenster mit -bg black von Grau zu Schwarz. Und wem ein armseliges Pixel zu wenig ist, verzehnfacht die Rahmendicke mit -bg 10.

Abbildung 1: Nichts für Mäuse

Anwendung

In Tabelle 2 findet sich die evilwm-Tastaturbelegung. Elementar wichtig ist [Strg-Alt-Enter] – damit wird ein Terminal herbeigerufen, aus dem heraus gewünschte Programme gestartet werden können. Wichtig ist hierbei, daran zu denken, einem Programmaufruf immer ein & mitzugeben. Ansonsten bleibt das Terminal bis zum Beenden des Programmes blockiert. Ein & schickt ein Programm in den Hintergrund.

Haben Sie es dann geschafft, mit diesem & einen wahren Fensterdschungel auf den Desktop zu zaubern, so verlassen Sie das Chaos über die Tastenkombination [Strg-Alt-Rechts] und gelangen zum nächsten, noch leeren Desktop. Soll ein Fenster dorthin mitgenommen werden, markieren Sie es einfach mit [Strg-Alt-f]. Zurück zum vorherigen virtuellen Desktop mitsamt aller darauf befindlichen Anwendungen geht es mit [Strg-Alt-Links].

Sollten Sie einmal nicht mehr weiter wissen, kann Ihre Maus auch künftig noch zu Hilfe eilen: Drücken Sie zunächst die [Alt]-Taste. Nun kann mit der linken Maustaste das Fenster verschoben, mit der mittleren dessen Größe geändert und mit der rechten ein anderes Fenster fokussiert werden.

Eine weitere Spezialität evilwms ist das Beenden. Hierfür ist (wen wundert es noch) schlicht nichts vorgesehen. Der ganze X-Server muss abgeschossen werden. Dies erreichen Sie mit der Tastenkombination [Strg-Alt-Backspace], die sich wunderbar zu den übrigen aus Tabelle 2 gesellt.

Tabelle 2: Befehlsreferenz

Kommando Funktion
[Strg-Alt-Enter] neues Terminal öffnen
[Strg-Alt-h] nach links verschieben
[Strg-Alt-j] nach unten verschieben
[Strg-Alt-k] nach oben verschieben
[Strg-Alt-l] nach rechts verschieben
[Strg-Alt-y] in die Ecke oben links verschieben
[Strg-Alt-u] in die Ecke oben rechts verschieben
[Strg-Alt-b] in die Ecke unten links verschieben
[Strg-Alt-n] in die Ecke unten rechts verschieben
[Strg-Alt-x] maximieren/normal
[Alt-Tabulator] aktives Fenster wechseln
[Strg-Alt-Einfg] in Fenster-Fokus-Liste zurückspringen
[Strg-Alt-Esc] Fenster schließen
[Strg-Alt-i] Fensterinformationen
[Strg-Alt-f] Fenster anheften (mitnehmen auf anderen virtuellen Desktop)
[Strg-Alt-1 bis 8] umschalten auf virtuellen Desktop 1 bis 8
[Strg-Alt-Links] wechseln zum vorherigen virtuellen Desktop
[Strg-Alt-Rechts] wechseln zum nächsten virtuellen Desktop
[Strg-Alt-Backspace] Session beenden

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