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Demudi

Debian Multimedia Distribution

01.09.2001
Bekannterweise werden Linux und die GNU-Software mit großem Erfolg im Web-Server-Bereich eingesetzt. Mit Gnome und KDE ist es auch gelungen, den Desktop-Bereich mit attraktiver Software zu erobern. Im Bereich Multimedia hingegen, und im besonderen im Bereich der Erzeugung multimedialer Inhalte, gibt es noch viel aufzuhohlen. Verschiedene Faktoren verursachen diese Problematik – Demudi ist ein Versuch, der Situation Herr zu werden.

Entstehunggeschichte von Demudi

Die Computermusik ist traditionellerweise ein Bereich, der auf maximale Rechenleistung und Performance von Computersystemen angewiesen ist. Schon in den frühen Siebziger Jahren wurden Programme zur digitalen Erzeugung von Musik geschrieben. Diese Programme liefen damals auf teuren Mainframes, die in Universitäten und Forschungsinstituten standen. Die Software dafür war meist frei; erst in den späten Achtzigern wurde die Technologie für den normalen Benutzer erschwinglich, im PC-Bereich war diese Entwicklung etwas verzögert, was Apples Macintosh-Plattform zum bevorzugten Werkzeug für Computermusiker und auch im Studiobereich gemacht hat.

Während der letzten Jahre haben sich jedoch viele Computermusiker und Komponisten dem freien Betriebssystem Linux zugewandt, da es nicht zuletzt im Bereich der Kunst von enormer Wichtigkeit ist, die verwendeten Werkzeuge selbst gestalten und selbst verändern zu können.

Ein Computermusiksystem auf Linux basierend aufzubauen, bedarf jedoch einiger Anstrengung, da es in diesem Bereich zwar Software gibt, aber keine Linux-Distribution diese mitliefert. Deshalb muss die Software zuerst gesucht, aussortiert, und schlussendlich kompiliert und getestet werden. Ein Vordenker in diesem Bereich ist Dave Phillips, der die bekannte "Sound und MIDI Software für Linux"-Homepage gestaltet, die "Linux Audio Development"-Mailing-Liste ins Leben gerufen, und das "Linux Music and Sound"-Buch verfasst hat.

Die Idee zu Demudi hatte Marco Trevisiani, Komponist und technischer Koordinator der diesjährigen ICMC(International Computer Music Conference, http://www.icmc2001.org/). Marco konfrontierte Nicola Bernardini, künstlerischer Leiter des Centro Tempo Reale in Florenz, Dave Philips und andere mit dem Vorschlag, speziell für die ICMC 2001, die unter dem Motto "Freie Software" steht, eine Linux-Distribution mit entsprechender Audio-Software zu produzieren. Das Projekt wurde dann ausgeweitet und sollte auch Video-Software beinhalten. Der Name: Debian Multimedia Distribution, kurz Demudi, http://www.demudi.org/

Zur Zeit sind vier Institutionen am Demudi Projekt beteiligt:

Warum Debian?

Die Demudi-Gruppe hat Debian als Basis für ihr Projekt gewählt, weil Debian die einzige Linux-Distribution ist, die von einer Gemeinschaft von freien Entwicklern zusammengestellt und weiter entwickelt wird. Auf diese Art und Weise kann die Arbeit an Demudi zur Verbesserung von Debian im Multimedia Bereich beitragen. Gleichzeitig ist ein Fortbestehen auch ohne finanzielle Unterstützung gewährleistet, was von großer Bedeutung im künstlerischen Bereich ist.

Nicht zu vernachlässigen ist auch die Tatsache, dass Debian schon eine enorme Vielfalt von Software-Paketen liefert, so dass ein Großteil der Software schon vorhanden ist und Pakete übernommen werden können oder nur leicht modifiziert werden müssen.

Dass Debian nicht schwer zu installieren sein muss, haben schon andere Distributionen, die auf Debian basieren (Corel Linux oder kürzlich Progeny Debian), gezeigt. Ein zusätzlicher Punkt, der für Debian spricht, ist die Unterstützung verschiedenster Plattformen, von Alpha-Prozessoren bis hin zu PowerPC.

Das Demudi-Konzept

Demudi versucht, zwei Zielgruppen anzusprechen: Multimedia-Anwender und Entwickler von Multimedia-Software. Das primäre Ziel ist es, dem Anwender unter Linux eine Distribution zu liefern, die es ermöglicht, verschiedene vorinstallierte Software-Pakete zu verwenden. Dabei wird durchaus auch Software, die sich noch im Beta-Stadium befindet, den Weg in die Distribution finden. Die Demudi-Gruppe erhofft sich dadurch einen positiven Impuls für die Entwickler jeweiliger Software-Pakete.

Den Entwicklern von Multimedia-Software soll das Demudi-System eine Referenz bieten. Applikationen sollen mit anderer Software kombiniert werden können. Kompatibilität zwischen verschiedenen Multimedia-Formaten und gemeinsamer Zugriff auf Multimedia-Hardware sind zwei Punkte, für die es Lösungen zu finden gilt.

Die Software

Demudi wird mit einer Fülle von Software ausgestattet sein. Die Bandbreite reicht dabei von traditioneller Computermusik-Software bis hin zu den neuesten Entwicklungen im digitalen Videobereich. Der mitgelieferte Kernel soll soviel Multimedia-Hardware wie möglich unterstützen, deshalb wird auch hier auf den 2.4.x-Kernel gesetzt, ganz im Gegensatz zur traditionellen Debian-Distribution, welche aufgrund der höheren Stabilität und Sicherheit auf die bewährte 2.2.x-Serie setzt. Zusätzlich wird der mitgelieferte Kernel "Low Latency Scheduling" unterstützen - ein Feature, das im Audio-Bereich Verzögerungen bei Echtzeitverarbeitung minimiert.

Es werden sowohl ALSA-Sound-Treiber wie auch OSSFree-Treiber mitgeliefert; die Installation der Treiber-Software soll über automatische Hardware-Erkennung problemlos durchführbar sein. Andere im Kernel enthaltene Features sind USB, Firewire, Frame Grabber (TV Karten) und OpenGL (Direct Render Interface).

Die Software selbst ist in mehrere Untergruppen aufgeteilt:

  • Sound-Editoren
  • Multitrack
  • Software-Synthese
  • MIDI- und MOD-Tracker
  • Kompression und Internet
  • Notation
  • Visualisation
  • Sprach-Software
  • Video und Grafik
  • Development Tools
  • Andere

Snd, der Emacs der Sound-Editoren, entwickelt von Bill Schottstaedt am CRRMA in Stanford, ist einer der Sound-Editoren, die Teil von Demudi sein werden. Er besitzt ein Guile Interface, Unterstützung für LADSPA-Plugins und kann beliebig viele Audiospuren bearbeiten. Multitrack

In letzter Zeit gibt es viele Multitrackrecording-Projekte, z. B. Adour, dessen Entwickler Paul Davies auch bei Demudi mitarbeitet. Daneben gibt es Glame und Protux. Die Projekte sind in verschiedenen Entwicklungsstadien. Sie werden alle Teil von Demudi sein. Software-Synthese

In diese Sparte fallen viele Programme mit langer Tradition. Zu erwähnen sind PD und jMax, zwei Echtzeit-Software-Synthese-Systeme, RTCmix, sfront, zwei Sound-Design- und Scripting-Sprachen. CSound, das wohl bekannteste "freie" Software-Synthese-System kann aufgrund seiner restriktiven Lizenz nicht verwendet werden. Kompression und Internet

Neben dem bekannten MP3-Format wird Demudi auch das neue Ogg/Vorbis-Format unterstützen. Das geschieht bei beiden Formaten über den Icecast-Streaming-Server. Video und Grafik

In diesem Bereich sollte die Video- und Audio-Software Broadcast2000 erwähnt werden: Dieses Software-Paket verwandelt den Linux-Rechner in ein Multimedia Production Center.

Das sind nur einige der Software-Pakete, die Demudi zur Verfügung stellen wird. Die erste Beta-Version von Demudi wird am 16.09.2001 während des Demudi-Workshops auf der ICMC2001 in Habana, Cuba, vorgestellt werden. Nach diesem "Proof of Concept" Release wird die Distribution regelmäßig erweitert und verbessert werden. Die Arbeit an Demudi soll so gut wie möglich in das Debian-Projekt zurückfließen. Wir hoffen, dass Demudi ein Meilenstein sein wird, um der freien Software im Multimedia-Bereich genau so viel Stellenwert zu verschaffen, wie sie schon im Server- und Internet-Bereich besitzt.

Glossar

ICMC

Die International Computer Music Conference findet jährlich in einem anderen Land statt. Dort treffen sich Komponisten, Forscher und Fans von Computermusik. Nachdem die ICMC letztes Jahr in Berlin zu Gast war, wird sie dieses Jahr in Havanna, Cuba, stattfinden.

MOD-Tracker

… sind Editoren für das vom Amiga stammende "mod"-Audio-Format, das Audio-Samples und Anweisungen, wie sie abgespielt werden sollen, enthält.

Software-Synthese

… wird jener Prozess genannt, bei dem neue Klänge mittels Software generiert werden. Sound-Editoren

Infos

[1] http://www.linuxsound.at/ – Sound- und MIDI-Software für Linux

[2] http://ardour.sourceforge.net/ – Ardour

[3] http://www.pure-data.org/ – PD

[4] http://www.xiph.org/ – Ogg/Vorbis

Der Autor

Günter Geiger beschäftigt sich schon seit Jahren mit Linux-Sound-Software, hat mehrere Treiber für Sound-Karten geschrieben und ist seit 1997 Debian Developer. Er hat verschiedene freie Software-Pakete auf Linux portiert und ist zur Zeit als selbständiger Software-Entwickler für Sound-Installationen tätig.

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