Bring mich zum Licht!

Volkers alternatives Editorial

01.08.2001

Beginnen wir zuerst mit einem Rückblick – was bisher geschah: Millionen von Fernsehzuschauern von Pro7 wurden Opfer eines kleinen, zierlichen, roten, hamstergroßen Weltraumbewohners, der während der Werbung plötzlich mit süßestem Dackelblick in die Augen eines kleinen Mädchens schaut, das ihn von einer nicht ganz unbelebten Einkaufsstraße aufgehoben und so vor dem sicheren Zertrettod gerettet hat.

Nicht nur, dass er lieb dreinschaut, er sagt auch noch mit sirenenhafter Stimme: "Bring mich zum Licht!" Dabei müsste der kleine Kerl eigentlich mehr Sterne sehen, als ihm lieb ist: Denn bei der Einkaufsstraße handelt es sich um eine Galeria, durch deren Dach der Junge bei seinem Anflug aus dem All ziemlich derbe reingeknallt sein muss; aber bis auf ein wenig Schattenüberfluss scheint er keine Mangelerscheinungen zu zeigen.

So präsentierte es die Werbung, und ich war schon sehr enttäuscht, als mich beim Auspacken meines DotWins nur eine Bild-Werbung statt eines niedlichen kleinen Aufdrucks anstarrte. Nun, um den Dotwin von seinem Leiden zu befreien, musste das Ding erstmal auf dem Bildschirm plaziert werden. Dabei kann es sich je nach Sendung als recht schwierig erweisen, den roten Punkt zu treffen. Versucht es mal bei Kampfstern Galacticas "Angriff der Zylonen" oder Knight Rider <\#208> dauernd fährt die Karre woanders durchs Bild…

Wer es bis dahin geschafft hat, die Sicherheitsfolie von der Pappscheibe zu entfernen und den DotWin irgendwo auf der Mattscheibe festzukleben, dem ist auch sicherlich die eigenartige Kombination von Löchern aufgefallen, die in die Pappe gestanzt wurde: Zwölf Stück sind es, und sie waren in der vergangenen Zeit die Quelle einiger wahnwitziger Nachrichten in den verschiedenen Medien. Da sollen ganze Mikrochips in dem Ding versteckt gewesen sein. Nun ja, dies ist angesicht des Pappanteils von wahrscheinlich über 99% kaum zu glauben. Einer berichtete sogar von AD-Wandlern in der Silberfolie (guter Versuch, Kollege), die in der Lage gewesen sein sollen, Geräusche aufzunehmen. Den größten Blödsinn hat mir aber eine Bekannte abgenommen, die reif für den goldenen Raab der Woche ist: Ich erzählte ihr, die zwölf Löcher gehören zu den Tierkreiszeichen, und man will mit den DotWins untersuchen, ob Horoskope stimmen oder nicht, indem man aus den Namen und Adressen der eingesandten DotWins die Geburtsdaten der Leute herausfindet und diese mit den Astralablagerungen in den zwölf Löchern vergleicht; ich hätte auch schon rausgefunden, dass das Loch ganz oben in der Mitte für Zwillinge steht. Ich weiß, ich weiß: Schande über mich, der die Leichtgläubigkeit anderer Leute ausnutzt. Doch der Aberglaube einiger Menschen scheint keine Grenzen zu kennen, und ich glaube, das einzige Mittel diesen auszurotten ist das, es so wie die christlichen Kirchen zu machen und eine Kirchensteuer darauf zu erheben. Das beste, was man bei einer DotWin-Sendung wirklich machen konnte, war wahrscheinlich erst mit Konturfarbe anzusetzen und das Ding schließlich mit Window Colors auszumalen.

Die echte Intention der DotWins ist jedoch genauso subtil wie versteckt und eine ganz andere: In Wahrheit handelt es sich nämlich um eine Werbemaßnahme des Windows-Konzerns. Denn es sind schließlich DotWINs, die dort verteilt wurden und durch ihren Namensteil "Win" das Unterbewusstsein der Menschen zu manipulieren hatten. Ich rufe daher zum Gegenangriff auf und möchte jeden bitten, der – so wie ich – auch schonmal gezwungen ist, mit einem Windows-Betriebssystem zu arbeiten, sich noch einen DotWin zu besorgen und ihn in einen DotLIN umzubauen. Das ist furchtbar einfach: Klebt einfach einen kleinen Linux-Pinguin drauf und pappt Euch das Ding dann links oben in die Ecke Eures Windows-Bildschirms.

Linux selbst bietet schon längst eine ähnliche und viel amüsantere DotLin-Unterhaltung. Dazu tippt doch mal einfach

xeyes -geometry 100x100+0+0

in die Kommandozeile (nur unter X Window). Ach ja, ehe ich es vergesse, jetzt sagt noch einmal schön mit der sirenenhaften DotLin-Stimme "Bring mich zum Linux!" :-) Na, klingt das nicht gut?

xeyes ("X"-Oberflächen-Augen)

Dies ist ein kleines Demoprogramm, das bei Aufruf auf dem X-Bildschirm erscheint und dann lustig mit den Pupillen dem Mauszeiger folgt. Das klappt sogar, wenn man mit dem Mauszeiger in die Augen selbst fährt. Das Programm xeyes kennt selbst einige Parameter. Um den Augen die richtigen Proportionen zu geben, kann man xeyes mit der Option "-geometry [x-Ausdehnung]x[y-Ausdehnung]+[x-Offset]+[y-Offset]" aufrufen. Die weiteren Parameter erfährt man mit "man xeyes".

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