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XFce

Jo´s alternativer Desktop

01.08.2001
deskTOPia zeigt Ihnen regelmäßig interessante Alternativen zum Einsatz der beiden Standard-Desktops Gnome und KDE. In dieser Ausgabe stellen wir XFce vor, das alte Unix-Hasen auf den ersten Blick an das Common Desktop Environment (CDE) erinnert.

In der Welt der Unixes hat man bei nahezu jeder Problemstellung die Qual der Wahl: Welches Programm löst meine Aufgabe am Besten? Meist stehen mehrere zur Verfügung. Gleiches gilt für die grafische Oberfläche: Die Distributoren scheinen sich wohl einig zu sein, dass dem Anwender diese Wahl erleichtert werden müsse, und installieren kurzerhand eines der beiden großen Desktop Environments – oft ungefragt, ob sie überhaupt gewünscht sind. In der Regel haben die Distributionen aber noch weitere Perlen im Gepäck, die sich hinter den gewaltigen Oberflächen keineswegs zu verstecken brauchen. Eine davon ist XFce.

echo $HOME

Findet sich XFce nicht auf einer der vorhandenen Silberscheiben des Distributors, helefn wir hier gerne aus: Auf der Heft-CD finden Sie die zum Drucktermin aktuelle Version 3.8.3 – beim Erscheinen könnte diese allerdings bereits veraltet sein, da die Entwicklung von XFce alles andere als ein Schattendasein in der Unix-Welt führt: Alleine in den sechs Wochen, während diese Zeilen vorbereitet und getippt wurden, erschienen vier neue Releases. Während dieser Zeit wurden nicht etwa nur Bugs behoben oder Details verbessert, sondern auch allerhand sinnvolle Neuerungen implementiert. Wer es also gerne aktuell mag, sollte einen Blick auf http://www.xfce.org/ werfen.

Entgegen dem Paket-Dschungel artverwandter Oberflächen schnüren die XFce'ler absolut alles in ein einziges Paket, dass mit 3,4 MB Download (für die Quelltexte) noch nicht zu groß ist, um diese Umgebung einfach mal auszuprobieren. "Kann ja nicht viel beinhalten", vermutet nun sicher der ein oder andere. Nun, der fertig übersetzte Sourcecode schlägt mit 38 Megabyte zu Buche, und wartet mit einer stattlichen Liste an Ausstattungsmerkmalen auf:

  • geringer Hardwareanspruch
  • komfortabler Window Manager "xfwm"
  • Session Management
  • Frontends zu allen Optionen: Kein Editieren von Konfigurationsdateien notwendig (ist aber durch Verwendung eines einfaches Textformates dennoch möglich)
  • Drag & Drop
  • Panel mit Programmstarter und Uhr
  • Einbindung der KDE- und GNOME-Menüs
  • virtuelle Desktops inkl. Pager
  • Theme-fähig inkl. Erstellung von Themes (auch für allgemeine X-Anwendungen, insb. GNOME- bzw. Gtk-Programme)
  • Dateimanager XFTree
  • Systemklänge mit XFSound
  • Manager für Hintergrundbilder
  • GNOME-kompatibel
  • Suchwerkzeug XFGlob
  • Papierkorb
  • Tool zum Mounten von Laufwerken
  • 19 Sprachen inklusive, darunter auch deutsch
  • Unterstützung für Xinerama (Mehrmonitorbetrieb)

Auf die Platte, fertig, los!

Für die Installation genügt es, das RPM-Paket von der Heft-CD mit rpm einzuspielen; möchten Sie lieber die Sourcen verwenden, so benötigen Sie einige (unspektakuläre) Entwicklerpakete, die in der enthaltenen Datei INSTALL aufgelistet werden. Befindet sich XFce erst einmal auf der Festplatte, benötigt jeder User noch eine entsprechende Grundkonfiguration: Auch hier haben die XFce-Entwickler ganze Arbeit geleistet, und ein einfaches xfce_setup (getippt an der Konsole bzw. im XTerm) sorgt dafür, dass künftig sowohl beim grafischen Login, als auch beim X-Start über startx XFce den Monitor füllt. Selbstverständlich können mit einem xfce_remove die eventuell beim Setup verblichenen Einstellungen wiederbelebt werden. Etwas versiertere User mögen ihr Home-Verzeichnis inklusive mühsam erstellten Startdateien nicht unbedingt einem fremden Setup-Tool anvertrauen – jene rufen einfach den Window-Manager xfwm auf, der das ganze Environment automatisch hinzustartet (XFce legt dann ebenso nicht vorhandenen Konfigurationsdateien an; bereits existierende werden allerdings nicht angerührt, sofern sie nicht eindeutig von XFce erstellt wurden – insbesondere die Gtk-Themes funktionieren dann nur eingeschränkt). XFce ist also sehr unproblematisch und gefahrlos einzusetzen – einzig wer von einer Version vor 3.8 updatet, sollte sich zuvor von seinen alten Konfigurationsdateien trennen.

Abbildung 1: ein erster Blick

NLS …

… ist das "GNU Translation Project", das auch von den XFce-Erschaffern unterstützt wird. Wer seine Oberfläche gerne auf Deutsch antreffen würde, erreicht dies – sofern nicht distributionsseitig bereits voreingestellt – durch das Setzen der Variablen LC_ALL auf "de_DE": Dies geschieht z. B. mit dem Befehl

# export LC_ALL="de_DE"

Wer eine solche Zeile nach jedem Einloggen erneut tippen muss aber eigentlich nicht tippen mag, trägt diese als vorletzte Zeile in seiner von xfce_setup erstellten Datei ~/.xinitrc ein. Und schon mit dem nächsten Start der grafischen Oberfläche wird es ein wenig gemütlicher im neuen Zuhause sein.

Abbildung 2: deutsches Menü im Dateimanager XFTree

Wer nun lieber selber die neu erschaffene Desktop-Welt erkunden möchte und hierbei doch einmal hängen bleibt, dem sei der knappe, aber ausreichende Users' Guide unter /usr/(local/)share/xfce/help/help.html empfohlen. Leider ist er noch auf dem Stand der Version 3.7, aber ebenso gültig. Doch tasten wir uns langsam durch dieses Desktop-Environment:

Auffallend …

… ist wohl das Main Panel am unteren Bildschirmrand. Dieses ist nicht – wie von manch anderer Desktop-Oberfläche gewohnt – fest an seinem Platz verankert, sondern kann an der gestreiften Fläche mit der Maus frei auf dem Desktop plaziert werden. Die kleine Schaltfläche links außen beendet ebenso die X-Session wie der Quit-Button im mittleren Bereich. Beide verrichten ihren Dienst aber niemals ohne vorherige Rücksprache beim Mauseigner. Die rechte kleine Schaltfläche minimiert das Main Panel, als wäre es ein ganz normales Programm (was ein Panel im Grunde auch ist). Ein einfacher Mausklick auf ein Icon startet das zugehörige Programm – und über diesen Icons befinden sich aufklappbare Menüs, aus denen weitere Programme aufgerufen werden können.

Ein nettes Feature ist der untere Balken in diesen aufklappbaren Menüs: Hiermit kann ein Menü dauerhaft abgetrennt und frei auf dem Desktop plaziert werden.

Abbildung 3: Das Main Panel – u. a. mit abgerissenem Menü

Neu am Panel ist die Möglichkeit, die Anzahl der Icons bzw. Menüs zu wählen (maximal zwölf sind vorgesehen, was jedem Anwenderprofil genügen sollte). Ebenso ist nun sowohl die Größe der Icons als auch die Darstellung der Menüs in drei Stufen wählbar, was XFce flexibler denn je macht und einen wichtigen Schritt zum erklärten Ziel bedeutet: it einem modernen Environment auch auf schwächeren Rechnern ungehindert arbeiten zu können.

Setup

Konfiguriert werden kann jeder Starteintrag, indem man (statt mit der linken) mit der rechten Maustaste auf diesen klickt. Soll hingegen das Main Panel selbst konfiguriert werden, hilft das Icon mit der Farbpalette: Dort verbirgt sich das XFce-Setup. Leider wird von hier aus noch nicht der gesamte Desktop konfiguriert, und so finden sich im Menü über dem Icon für die Mauseinstellungen noch ein paar weitere Tools – z. B. für die Systemklänge und Hintergrundgrafiken.

Farbe bekennen …

… dürfen Sie im ersten Karteireiter des Setup-Dialogs; beschriftet mit dem Titel "Palette" sind hier die Themes gemeint. Der Button Load ... ermöglicht die Wahl zwischen den 73 mitgelieferten Themes, um nach einem weiteren Mausklick (nun aber auf Apply) das gewählte Theme zu aktivieren (ein Preview-Fenster existiert leider noch nicht). Interessant ist bei den Farbeinstellungen zudem der Eintrag Apply colors to all applications – dies nimmt grundlegende Einstellungen über die Xresources vor, die von vielen X-Programmen genutzt werden (nicht aber von KDE- oder GNOME-Programmen, wobei die GNOME'sche Lösung auch bei XFce verwendet wird). Wer die XFce-Themes auch für Gtk-Anwendungen (z. B. GNOME-Software) verwenden mag, sollte unbedingt die User-eigenen Startdateien (wie bereits beschrieben) über xfce_setup erstellt haben, oder aber seine ~/.gtkrc zuvor löschen bzw. umbenennen. Somit bleiben lediglich die KDE-Anwendungen außen vor. Die acht Farbflächen im Setup-Dialog bieten ein ausgeklügeltes System, um selber Geschmack im Umgang mit der Farbpalette zu beweisen – wer einmal versucht hat, auf anderem Wege sein eigenes Gtk-Theme zu basteln, wird diese Farbkleckse sicher zu schätzen wissen.

Abbildung 4: Themes auf Wunsch auch für den Navigator

Der zweite Karteireiter befasst sich mit XFce selber. Wer für jeden Desktop eigene Farb-Settings (und keine Hintergrundgrafiken) verwenden möchte, sollte den ersten Menüpunkt Repaint root Window of Workspace aktivieren; der Regler mit der Aufschrift Panel Layer sorgt auf Wunsch dafür, dass das Main Panel nicht so leicht von anderen Anwendungen übertönt werden kann.

Der Herr der Fenster …

Interessanter wird es erst wieder im dritten Karteireiter, der sich mit dem Verhalten und Aussehen des Window-Managers xfwm beschäftigt. Sowohl Click to focus als auch Auto raise werden geboten – letzteres leider ohne konfigurierbare Zeitverzögerung (womit die Liste der Makel dieses Window Managers auch schon durch wäre). Dafür glänzen aber andere Merkmale: So stehen z. B. drei Fensterdekorationen zur Wahl – XFce, Mofit (kein Tippfehler!) und Trench, und reicht somit vom hauseigenen Look über den klassischen Linux-Desktop bis hin zum Flair eines Apple Macintosh.

Abbildung 5: XFce's Standardfensterrahmen
Abbildung 6: Fenster im Mofit-Design
Abbildung 7: Trench-Look

Die Fenster docken beim Verschieben an anderen Fenstern (sowie am Bildschirmrand) an. Somit lässt sich ein Fenster leichter plazieren, ohne dass es versehentlich den sichtbaren Bereich verlässt. Schön am Window Manager ist auch das Handling der virtuellen Desktops: Um zwischen ihnen zu wechseln, gibt es mehrere Möglichkeiten:

  • über den XFPager (per Default in der linken oberen Ecke),
  • über das Main Panel,
  • mit einem Klick der mittleren Maustaste,
  • oder aber durch konsequentes Schieben der Maus über den Bildschirmrand hinaus. Soll ein Fenster der Mausreise folgen, so kann es einfach mit dem Kreissymbol in der Titelleiste festgepinnt werden. Schön ist auch, dass jedem virtuellen Desktop ein eigener Hintergrund zugewiesen werden kann. Zudem lassen sich die Fenster bei Platzmangel nicht nur auf ein traditionelles Icon minimieren, sondern auch auf ihre Titelleiste reduzieren – wahlweise über einen weiteren Button in der Titelleiste oder per rechte, Mausklick auf die Titelleiste. Wer sein KDE- oder GNOME-Menü sucht, findet dies mit der linken Maustaste auf dem freien Desktop, während die mittlere Maustaste stets die Funktionen der aktiven Titelleiste parat hält. Und wenn trotz all dem eine gestartete Anwendung nicht mehr auf seinem Desktop zu finden ist (bzw. diese durch ein voreiliges Auto raise überdeckt wurde), hilft die rechte Maustaste.

… und seine Untertanen

Der letzte Karteireiter des Setup-Dialoges bindet die zusätzlichen Tools des XFce ein - wer z. B. lieber mit den Ressourcen geizt, kann die Systemklänge dort gänzlich deaktivieren (und wer es sich zwischendurch doch noch anders überlegt, startet diese - wie jedes andere Tool des XFce auch - einfach manuell aus dem Menü des "Main Panels").

Abbildung 8: Systemklänge

Kniffeliger gestaltet sich hier der Einsatz des Backdrop Manager, über den Grafiken statt Farben (oder Farbverläufen) als Desktop-Hintergrund eingestellt werden können: Leider kann dieser nicht mit den virtuellen Desktops umgehen, und so kann nur eine Grafik für alle gesetzt werden. Wer nun beim Umschalten auf einen anderen virtuellen Desktop plötzlich wieder eine einfache Farbe antrifft, sollte im Setup-Dialog das Kästchen Repaint root Window of Workspace deaktivieren.

Abbildung 9: Backdrop-Manager

Arbeitstier

Ein weiteres wichtiges Helferlein ist der mitgelieferte Dateimanager XFTree. Wer ihn startet, mag vielleicht zunächst vom mageren Äußeren enttäuscht sein, doch auf den zweiten Blick ist dieser ausgesprochen nützlich: Er versteht Drag & Drop, und somit kann man nicht nur die zwei von zahlreichen Norton-Commander-Clones bekannten Dateilisten hierfür verwenden, sondern auch noch eine dritte Dateiliste in Form eines dritten Fensters öffnen – ideal für Aufräumarbeiten. Auch entspricht das Konzept dem jüngsten Trend: Es wird lediglich ein Verzeichnisbaum dargestellt, in dem die Dateien eingegliedert sind (und nicht nur eine Dateiliste mit den Verzeichnissen des aktuellen Pfades). Drag & Drop funktioniert aber nicht nur zwischen den Fenstern des Dateimanagers – auch kann eine Textdatei z. B. auf das Editor-Icon des Main Panels gezogen werden, um diese zu öffnen. Da XFce gerne gängige Standards verwendet, funktioniert Drag & Drop auch aus einigen anderen Dateimanagern heraus – so zum Beispiel aus dem GNOME Midnight Commander oder KDEs Konqueror.

Noch nicht ganz ausgereift wirkt XFtree beim Öffnen der Dateien über die Dateinamenerweiterungen: Soll hier ein anderes Programm als das vorkonfigurierte verwendet werden, so muss dies noch von Hand in der Konfigurationsdatei ~/.xfce/xtree.reg mitgeteilt werden.

Abbildung 10: Kopieren zwischen zwei XFTree-Fenstern

Spürnase

Dr. Watson werden Sie bei XFce zwar nicht benötigen, doch beginnt einmal die Abenteuerreise durch die Hinterlassenschaften vergangener Computer-Aktivitäten, so steht mit XFGlob ein praktisches Suchwerkzeug zur Verfügung: Die Suche kann nicht nur über den Pfad oder über Dateinamenfilter, sondern auch über den Dateiinhalt oder die Dateiart (Binary oder nicht?) eingegrenzt werden (neben zahlreichen weiteren Optionen).

Abbildung 11: XFGlob bietet umfangreiche Suchfunktionen

Session-Management

XFce soll ein "Environment" sein – bislang kennen wir von den üblichen Features eines Environments das einheitliche Look & Feel (erreicht durch Verwendung von GTK und übergreifenden Themes), Drag & Drop (wofür vor allen Dingen der Dateimanager verantwortlich zeichnet), sowie eine gut aufeinander abgestimmte Tool-Sammlung. Fehlt noch das Session Management, das bei XFce immer und unbemerkt aktiv ist: Wird beim Beenden von XFce z. B. ein XTerm-Fenster hinterlassen, so wird es beim nächsten Start an gleicher Stelle wieder geöffnet. Alles findet sich am alten Platz wieder. Eine Autostart-Funktion ist somit hinfällig (und wer dies dennoch vermisst, orientiert sich einfach an die Beschreibung zum NLS in diesem Artikel).

XFce ist somit eine runde Sache – auf der Höhe der Zeit fehlt es dem Desktop-User hier an nichts: Geschwindigkeit und Stabilität kombiniert mit "sauberen" Problemlösungen und einem ungeheuren Schuss Komfort. Längst ist XFce kein Geheimtip mehr, auch wenn die Installationsroutinen mancher Distribution das vermuten lassen.

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