Augen und Ohren auf - Linux in neuen Dimensionen!

Video- und Audio-Streaming

Video Streaming war lange Zeit eine der Vorzeige-Anwendungen für hohe Bandbreiten, die immer wieder von allen möglichen Seiten herangezogen wurde, um die schöne neue Welt, die xDSL & Co. uns allen bringen würden, zu beschreiben.

Auch wenn Breitbandanschlüsse keine zwingende Voraussetzung für Videos im Netz sind und schon seit Jahren Video Streaming im Briefmarken-Format aller Orts betrieben wurde, so haben diese Technologien doch dafür gesorgt haben, dass uns im Web mittlerweile an jeder Ecke Multimedia pur in Form von Video und Audio Streams entgegenfließt. Zumindest für Benutzer der bekannten Desktop-Betriebssysteme aus Redmond ist die "schöne neue Welt" also mittlerweile fast zu Wirklichkeit geworden. Dieser Artikel befasst sich damit, wieviel wir Pinguin-Freunde vom großen Streaming-Kuchen abbekommen.

Wer an Multimedia denkt, dem fällt sicher nicht an erster Stelle Linux als ideale Plattform ein. Das liegt vor allem an den Herstellern von Multimedia-Software: Sie scheinen dieses Betriebssystem weitgehend zu meiden. Auch wenn ambitionierte Free-Software-Projekte, allen voran GIMP (im Bereich der Grafikbearbeitung) und verschiedene Ansätze zum Abspielen von DVDs unter Linux zeigen, dass rein technisch nichts gegen Linux und Multimedia spricht, so sind es doch die Marktführer in diesem Sektor mit ihren proprietären Formaten, die letztendlich entscheiden, ob Linux sich auch hier durchsetzen kann. Real Networks hat sich im Gegensatz zu vielen anderen Firmen schon vor längerer Zeit dazu entschieden, den RealPlayer nach Linux zu portieren. Dieser kann mehrere eigene Video- und Audio-Streaming-Formate darstellen - neben Quicktime und dem Microsoft-Format im Web sehr verbreitet. Auch wenn der RealPlayer leider nicht unter einer Free-Software-Lizenz veröffentlicht wurde, so ist er doch kostenlos auf der Homepage von Real Networks zu finden [1]. Dort steht nach dem Ausfüllen eines kleinen Formulars der RealPlayer für diverse Plattformen zur Verfügung. Benutzer RPM-basierter Systeme (z. B. Red Hat, SuSE, Mandrake usw.) entscheiden sich hier bei der Frage nach ihrem Betriebssystem (in dem Select OS-Feld des Formulars) am besten für "Linux 2.x (libc6 i386) RPM". Auf der folgenden Seite können Sie aus der Liste der Server einen geographisch günstig gelegenen auswählen. Die Installation läuft dann wie gewohnt ab:

su (um root zu werden)
 Password: <Ihr root Passwort>
 rpm -ivh rp8_linux20_libc6_i386_cs2_rpm

Benutzer anderer Linux Distributionen wie z. B. Slackware oder Debian sollten sich bei der Frage nach dem Betriebssystem für "Linux 2.x (libc6 i386)" entscheiden. Beim anschließenden Klick auf den Server wird die Datei rp8_linux20_libc6_i386_cs2.bin auf den eigenen Rechner herunter geladen. Die Installation läuft dort wie folgt:

su (um root zu werden)
 Password: <Ihr root Passwort>
 chmod +x rp8_linux20_libc6_i386_cs2.bin
 ./rp8_linux20_libc6_i386_cs2.bin

Dieser Aufruf startet ein interaktives grafisches Setup-Programm, tragen Sie einfach die entsprechenden Daten in die selbsterklärenden Felder. Jetzt kann's losgehen - Zeit für das erste Video. Starten Sie den RealPlayer (in der Annahme, dass Sie den vorgegebenen Pfad bei der Installation beibehalten haben) per

/usr/local/RealPlayer8/realplay &

Das nun erscheinende Fenster sollte in etwa so aussehen wie das in Abbildung 1. Um zu überprüfen, ob auch alles richtig funktioniert (immerhin existiert eine beachtliche Liste bekannter Probleme [2] mit dem RealPlayer), können Sie z. B. probieren, den bekannten Trailer zum Film "Herr der Ringe" [3] anzuschauen. Dazu wählen Sie aus dem Menü den Eintrag File/Open Location aus und geben in das Feld die URL [4] des Trailers ein. Wenn das "Pre Buffering" (auf deutsch: "vorladen") beendet ist, sollte nun der Trailer zum Film "Herr der Ringe" laufen - Video Streaming vom Feinsten!

Abbildung 1: Der RealPlayer direkt nach dem Start

Alternativen

Real Networks ist bei weitem nicht der einzige Anbieter von Video Streaming Software. Auch Apple und Microsoft sind nicht gerade untätig, wenn es darum geht, Anteile am Streaming-Markt zu ergattern. Nur befinden sich diese beiden Firmen im Gegensatz zu Real Networks in einer anderen Position. Während Real Networks vor allem daran interessiert ist, die eigenen Streaming Server teuer zu verkaufen und somit auch ein Interesse daran hat, dass ihr Format auf möglichst vielen Systemen benutzbar ist, haben Hersteller wie Apple und Microsoft sicher zur Zeit keinen Grund, Software nach Linux zu portieren. Sie verhindern sogar weitgehend, dass Entwickler freier Software selbst zu Quicktime [6] oder dem Windows Media Player [7] kompatible Player schreiben - Benutzer werden an Systeme gebunden. Dank WINE ist es möglich, für den Media Player erstellte Videos unter Linux zu betrachten [8].

Abbildung 3: Ein "Stone Temple Pilots" Video: gestreamt von www.windowsmedia.com im "Media Player" unter WINE

Auch wenn ein Kommentar in der "WINE Application Database" behauptet, man könne mit dem Media Player lediglich Audio-Dateien und keine Videos abspielen, so ist meine persönliche Erfahrung doch, dass der Media Player in der Version 6.4 auch problemlos unterschiedliche Video Formate verdaut. So gelingt es, wie in Abbildung 3 zu sehen, ohne weiteres unter Verwendung der original Windows-Bibliotheken in WINE, WMF Streams anzuschauen. Eine Beschreibung der WINE-Installation würde den Umfang dieses Artikels sprengen, schauen Sie dazu bitte in LinuxUser 10/2000 [9]. Leider scheint die Installationsroutine des Players unter WINE nicht zu funktionieren, so dass die Installation unter einem "echten" Windows erfolgen muss. Im Nachhinein ist der Player dann aber problemlos benutzbar. Leider scheint die "WINE Application Database" richtig zu liegen, was Quicktime unter WINE angeht: Auch mir gelang es leider nicht, die beiden Programme zur Zusammenarbeit zu bewegen. Es existieren zwar einige Programme für Linux, die von sich behaupten, Quicktime abspielen zu können. Schaut man sich diese aber etwas genauer an, bemerkt man, dass sie nicht mit den im Netz verbreiteten von Quicktime 5 verwendeten Codecs kompatibel sind. Das bedeutet, dass alle Quicktime Streams im Internet dem Linux-Anwender (bisher) verwehrt bleiben. Bei der Geschwindigkeit, mit der sich WINE weiterentwickelt, kann man aber hoffen, dass sich die Situation bald ändern wird und wir demnächst auch Quicktime-Filme unter Linux genießen können.

Abbildung 2: "Herr der Ringe" Trailer im RealPlayer

Was es sonst noch so gibt…

Jenseits von Real Networks, Microsoft und Apple existieren noch viele andere Projekte rund um das Streaming unter Linux. Dem bekannten DivX;) Codec, der ursprünglich auf "gestohlenem" Code der Microsoft-MPEG4-Implementierung vom Media Player beruhte, sind mittlerweile mehrere Ableger gefolgt. So arbeitet zum Beispiel das Project Mayo [10] am so genannten OpenDivX Codec. Ein Teilprojekt beschäftigt sich mit der Entwicklung von freiem Video Streaming auf Basis dieses Codecs. Noch steckt das Projekt in den Kinderschuhen und sucht nach Freiwilligen, die helfen wollen. Wenn die ersten Hürden erst mal überwunden sind, könnte daraus eine interessante Alternative zu den kommerziellen Systemen werden. Die Frage ist nur, ob sich genug Anbieter von Streaming-Inhalten finden, die OpenDivX annehmen und verwenden werden.

Eine weitere interessante Entwicklung stellt die OpenQuicktime-Bibliothek dar, die zwar grundsätzlich auch nicht in der Lage ist, selbständig die üblichen Quicktime Streams abzuspielen, aber andererseits Plugins für die verbreiteten Codecs unterstützt [11].

Sie sehen: Linux ist von anderen Plattformen im Bereich Multimedia nicht mehr so weit entfernt. Auch wenn es mitunter etwas Bastelei erfordert, laufen die hier vorgestellten Programme anständig. Sollten Sie Lust auf noch mehr Streams bekommen haben, werfen Sie einen Blick auf den "Real Guide" [5] oder auf Tabelle 1 - neue multimediale Dimensionen erwarten Sie.

Tabelle 1: Video Streaming Sites

http://channelnet.tv Streams von diversen Events etc.
http://www.theforce.net Star Wars Fan Filme u.v.m
http://technetcast.ddj.com Doc Dobbs Journal Streams zu technischen Themen
http://www.n24.de Nachrichten Streams und Video on demand vom Sender N24
http://www.bullet-tv.de Alternative Musik Videos (Metal, Hardcore), Streams von Festivals etc.
http://www.viva.tv Video Streams mit aktueller Charts-Musik
http://news.bbc.co.uk Nachrichten Streams des BBC

Der Autor

Frederik Harwath ist überzeugter Pinguin-Fan, und als solcher entwickelt er nach der Schule freie Software. Seine Zeit ohne Computer verbringt er diskutierend in Cafés oder mit der Gitarre. Zu erreichen ist er unter mailto:fnord@binarydigit.de oder im IRC im OpenProjects-Netzwerk auf dem Channel #slashdot als fnord.

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