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Mobility

Spielen für kleines Geld!

01.06.2001
Diesen Test hatte ich mir schon einige Zeit vorgenommen. Seinerzeit stolperte ich über eine kurze Notiz, dass ein vom Bund und einigen Firmen gesponsortes, Sim-City-ähnliches Spiel kostenlos erhältlich sei und es jetzt auch eine Linux-Version gäbe. Leider ist die Linux-Version nicht ganz kostenlos zu haben ist – aber immerhin für sehr wenig Geld.

Nach der simpel gehaltenen Installation des knapp 28 MB umfassenden Pakets durch einfaches Entpacken mit tar kann man das Spiel direkt starten. Es öffnet sich ein Fenster oder wahlweise eine Vollbilddarstellung, die schon auf den ersten Blick sehr an Sim City erinnert.

Und tatsächlich: In einigen Aspekten ist Mobility Sim City zum Verwechseln ähnlich, auch wenn die Knöpfe sich an anderer Stelle befinden und alles ein kleines Bisschen anders aussieht. Doch schon nach kurzer Zeit merkt man, dass man mit Mobility ein in vielfacher Hinsicht völlig neues Spiel in der Hand hält: Das Spiel wurde unter Federführung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und Daimler Chrysler sowie einiger großer deutscher Verkehrsverbünde entwickelt und finanziert. (Letzteres trifft im Grunde leider nur auf die Windows-Version zu.) Dementsprechend sind manche Abläufe der simulierten Stadt in Mobility unglaublich detailliert abgebildet. Hier haben vor allem die Profis aus der Verkehrs-, Umwelt- und Stadtplanung der beteiligten Konzerne aktuelle und professionelle Modelle aus dem "wirklichen Leben" in das Spiel eingebracht, die neue, faszinierende Aspekte der Simulation eröffnen.

Wie bei einem kostenlos aus dem Internet herunterzuladenden Spiel nicht anders zu erwarten, erhält man auch keine gedruckte Anleitung – immerhin aber ein ganze 39 Seiten langes, ausführlich bebildertes Handbuch im PDF-Format. Laut diesem benötigt das Spiel mindestens einen Pentium 133, 48 MB RAM und ein 16-Bit-Farbdisplay mit mindestens 640 x 480 Auflösung. Die Linux-Version läuft aber auch mit 32 MB einwandfrei.

Wie schon der Name und die Sponsoren von Mobility nahelegen, liegt der Schwerpunkt des Spiels ganz klar bei Verkehr, Transport und Umwelt. Das zeigt schon die modellhafte Aufgliederung der Spielwelt-Akteure in sogenannte "Verkehrsnachfrager" (Stadtbewohner) und Planer und Dienstleister. Dem Spieler kommt dabei hauptsächlich natürlich die Funktion des Planers zu, der Dienstleistungsangebote kostendeckend und für die Bürger attraktiv gestalten und verteilen muss, um das Wachstum der Stadt zu gewährleisten.

Dabei gilt es nicht nur, Straßen und Schienen zu verlegen und Zonen für die Bebauung zu verplanen: Darüber hinaus muss die komplette Struktur des öffentlichen Personen-Nahverkehrs mitgeplant werden – das bedeutet Haltestellen bauen, Busse und eventuell Bahnen kaufen, Fahrer einstellen, den Fuhrpark verwalten, Bus- und Bahnlinien planen und deren Auslastung beobachten. Man erlebt am eigenen Leibe das Dilemma des Stadtplaners, nur entweder tolle Niederflurbusse anschaffen zu können oder niedrige Fahrpreise zu haben – beides gleichzeitig geht nicht. Außerdem wollen eventuell notwendige Werbekampagnen bezahlt werden, irgendein Stadtteil ist immer unterversorgt, irgend eine Buslinie immer überlastet. Und einen Bus mehr gibt das Budget oft genug nicht her.

Abbildung 2: Buslinien wollen sorgfältig durchdacht sein – sonst bringen sie nichts außer Verlusten

Aber auch im automobilen Bereich soll die Stadt in Richtung Zukunft gehen: Da können Stationen für Park & Ride sowie Carsharing oder auch Minicars angeboten werden, die das Autochaos in der Stadt minimieren sollen. Natürlich kann man auch drahtlose Verkehrsleitsysteme installieren, deren Benutzung man dann den Bürgern per Förderung schmackhaft machen muss. Auch Faktoren wie Lärm- und Abgasemissionen werden gemessen und haben Einfluss auf die Wohnqualität. Hier bietet sich das direkte Experimentierfeld um einmal selbst herauszufinden, wie sich die Einrichtung einer Tempo-30 Zone auf ein Wohngebiet oder eine Einkaufsstraße auswirkt – unter Berücksichtigung vielfältigster Faktoren.

Die Möglichkeiten zur Einflussnahme gehen oft so weit, dass es praktisch unmöglich ist, hier alles darzustellen. Selbst die sekundengenaue Einstellung der Ampelphasen an jeder Kreuzung ist möglich – selbstverständlich mit möglicher Bevorzugung der öffentlichen Verkehrsmittel.

Bisweilen weist einen das Spiel auch auf sinnvolle Maßnahmen hin, zum Beispiel die Einrichtung verkehrsberuhigter Zonen im Bereich einer Schule. Andere Defizite erkennt man oft erst später und muss dann aufwendige Maßnahmen ergreifen, um zum Beispiel die dringend notwendige Haltestelle noch da zu bauen, wo eigentlich schon ein Haus steht. Das wird teuer, und so gewöhnt man sich schnell an, weitblickend zu planen und immer ein Auge auf die Beratungsfunktionen des Spiels zu haben.

Weitere Möglichkeiten bietet das Spiel im Bereich Forschung, der sich allerdings thematisch bedingt auf die Bereiche Emissionen, Verbrauchsreduktion, Stromantriebe und Wasserstoffantriebe sowie Teleworking beschränkt, und deren Erkenntnisse man bei erfolgreicher Forschung entsprechend zum Einsatz bringen kann. Im Finanzbereich gilt es, über Parkgebühren, Steuern, Geldbußen und Zuschüsse zu entscheiden. Hier zeigt sich oft, wie schwierig es ist, zum Beispiel den Preis für ein Busticket auch nur um einen Groschen zu erhöhen, weil die Kundschaft enorm empfindlich und meist absolut verständnislos reagiert.

Abbildung 3: Ampelverkehr und Tempozonen regeln – bis ins Detail

Mobility bietet zwei Spielmodi: Szenarien und freie Spiele. Bei ersteren geht es darum, in vorgegebenen Szenarien in begrenzter Zeit und mit einem festen Budget ein Problem möglichst gut zu lösen. Nachdem die Zeit abgelaufen ist, bekommt der Spieler eine Bewertung angezeigt, die Auskunft über Erfolg oder Mißerfolg der Mission gibt. Im freien Spiel übernimmt der Spieler die Steuerung der Planung und der Dienstleistungen, entweder ausgehend von einem bestehenden Szenario oder beim Aufbau einer gänzlich neuen Stadt, die im übrigen immerhin bis zu 300.000 Bürgern wachsen kann, was einem Stadtdurchmesser von ca 12 km entspricht. Das klingt in jedem Fall nach einer Menge Arbeit, denn wie in der Realität tendiert das anfangs vorhandene Kapital extrem dazu, sich zu verflüchtigen.

Ein besonderer Modus sei aber noch erwähnt, da er bisweilen auch Spaß machen kann: Eine Art "alles-egal" Modus, bei der man weder finanzielle noch planungstechnische Grenzen auferlegt bekommt. Hat man sein laufendes Spiel jedoch einmal in diesem Modus versetzt, kommt man nicht mehr zurück. Aber es ist zumindest manchmal lustig, z. B. abzuspeichern und zu schauen, welche Auswirkungen es hat, wenn man alle seine Verkehrsmittel und Haltestellen ohne Rücksicht auf Verluste mit dem neuesten technischen Schickschnack wie elektronischen Fahrplananzeigen und Anforderungssteuerung ausstattet, die im normalen Spiel oft aus finanzieller Sicht unmöglich sind. Oder wenn man alle seine Bürger mit einem "PTA" ausstattet, einem Personal Travel Assistant. Das ist eine Art Handy, das einem hilft, in der Stadt stets den kürzesten Weg von A nach B zu finden, egal mit welchem Verkehrsmittel, egal ob irgendwo Staus sind.

Zuletzt sei noch erwähnt, dass die Linux-Version von Mobility bisher keinen Sound hat. Die Portierung nach Linux war eine reine Eigeninitiative der Softwarefirma Glamus, die daher für ihren Aufwand eine wirklich bescheidene Summe von $ 9 verlangt. Im Moment wird Mobility auf SDL2 umgestellt, und später soll auch noch Sound nachgeliefert werden. Man darf also gespannt sein.

Abbildung 4: Diverse vorgegebene Szenarien wollen richtig gelöst werden

Fazit

Es macht einfach Spaß! Das Preis-Leistungsverhältnis macht so schnell kein anderes Simulations-Spiel nach. Alles in Deutsch und mit guter Anleitung; da vermisst man auch nicht wirklich den Sound. Die geringen Harware-Anforderungen, die realistische Abbildung einer deutschen Innenstadt mit all ihren Problemen und die vielen netten Details lassen nur einen Schluss zu: Kaufen. (hge)

Bewertung:Mobility

Langzeitspielspaß: 95%
Grafik: 70%
Sound: (n/a)
Steuerung:  85%
Multiplayer:  (n/a)
Originalität: 60%
Komplexität: 90%
Gesamtwertung: 85%

Auf der Heft-CD dieses Monats findet sich eine Demo-Version von Mobility, die voll funktionsfähig ist – bis auf das Abspeichern von Spielen. Alternativ kann das Spiel auch bei Glamus, http://linux.mobility-online.de/, heruntergeladen oder die Vollversion bestellt werden. Die Anleitung finden Sie ebenfalls auf der Heft-CD.

Der Autor

Fionn Behrens ist Student der technischen Informatik. Aber man kann ja nicht immer nur studieren… Im Netz erreichbar ist er als Fionn im IRCnet.

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