Fünfter Zeh

GNOME Fifth-Toe 1.4

01.05.2001
Das GNOME-Panel mag noch so schön sein, ohne Software wird man nicht viel Freude daran haben. Deshalb wurde unter dem Namen "Fifth Toe" GNOME-Software zusammengestellt, durch die der Desktop erst richtig alltagstauglich wird. Über das inzwischen recht umfangreiche Software-Sortiment wollen wir im Folgenden einen Überblick geben.

Internet

Fifth Toe bringt den Browser Galeon mit, der genau wie Nautilus auf Mozillas Render Engine Gecko zurückgreift. Im Gegensatz zu Nautilus und Mozilla ist Galeon aber relativ kompakt, obwohl das Programm alle wichtigen Funktionen eines Web Browsers mitbringt. Interessant ist besonders die Möglichkeit, mittels Reitern (oder neudeutsch Tabs) mehrere Web-Seiten in einem Fenster darzustellen. Das ist auch im Vollbildmodus möglich, in dem sich, da man die Lesezeichen über die mittlere Maustaste starten kann, erstaunlich gut arbeiten lässt. Außerdem gibt es die Möglichkeit, Cookies bzw. Bilder von bestimmten Servern zu sperren und sich so vor ungewollter Werbung zu schützen. Für Downloads greift Galeon auf den GNOME Transfer Manager zurück, der ebenfalls in Fifth Toe enthalten ist.

Für Instant Messaging gibt es gleich zwei Programme, GnomeICU und Gabber. GnomeICU ist ein recht ausgereifter ICQ-Client, der die wichtigsten Features mitbringt und sich als Applet auf dem Panel plaziert. Wer etwas experimentierfreudiger ist, sollte auch Gabber ausprobieren. Gabber benutzt das auf XML basierende Jabber-Protokoll, um mit dem Server bzw. anderen Jabber-Clients zu kommunizieren. Auf dem Server können Jabber-Nachrichten über sogenannte Transports aber auch in andere IM-Netze (IM: Instant Messenger), zu einem IRC-Server, oder theoretisch sogar als SMS auf das Handy weitergeleitet werden. Wer in Zeiten von Echelon Wert auf Sicherheit legt, wird sich außerdem darüber freuen, dass Gabber Nachrichten mit GPG verschlüsseln kann.

Ebenfalls zwei Programme gibt es zur Firewall-Einrichtung. Sowohl Gnome-lokkit als auch Firestarter vereinfachen die grundlegende Konfiguration durch einen Assistenten. Firestarter bietet die Möglichkeit, diese groben Einstellungen zu verfeinern, indem man bestimmten Adressen weitergehende Rechte gibt bzw. nimmt. Da Firestarter anzeigt, was ausgefiltert wird, kann man diese Regeln auch dynamisch verändern und z. B. alle Zugriffe vom einer Adresse sperren, die einen Portscan durchführt. Firestarter hat außerdem den Vorteil, dass es sowohl mit Ipchains (Kernel 2.2) als auch mit Netfilter (2.4) zusammenarbeitet.

Der wohl beste News Client für GNOME ist Pan, der Pimp Ass Newsreader. Pan ermöglicht mehrere Verbindungen gleichzeitig, so dass Artikel und Binaries gleichzeitig geladen werden können. Alle Aufträge können aber auch in einer Übersicht sortiert werden, um wichtige Artikel zuerst zu laden. Zur Darstellung von HTML greift Pan auf das in Fifth Toe enthaltene Gtkhtml zurück.

Gtkhtml wird auch vom Mail Client Balsa verwendet, der an Eudora angelehnt ist und neben POP auch IMAP unterstützt. Drucken lassen sich Nachrichten in Balsa bequem über Gnome-print, und auch Rechtschreibkontrolle ist mit Pspell möglich.

Das kleinste Programm in Fifth Toe ist Googlizer. Bevor man Googlizer startet, muss man in irgendeinem Programm eine Textpassage auswählen, die dann von Googlizer als Google-Anfrage an den Standard-Browser weitergegeben wird.

Office

Als Tabellenkalkulation enthält Fifth Toe das stark an Excel erinnernde Gnumeric. Neben dem eigenen XML-Format ist Gnumeric in der Lage, Tabellen in den meisten Formaten (Excel eingeschlossen) über Plugins zu importieren und zu bearbeiten. Dank des noch sehr jungen GNOME-Basics bleiben dabei sogar Makros erhalten. Wer sich traut, Gnumeric mit Bonobo-Support zu kompilieren, wird außerdem mit zahlreichen Modulen belohnt, die in Dokumente eingebettet werden können. Zum Zeichnen von Graphen greift Gnumeric via Bonobo auf Guppi zurück, das man ebenfalls in Fifth Toe finden kann. Mit einer ganzen Reihe von Werkzeugen zur Analyse kann Gnumeric auch statistische Berechnungen, z. B. Regressionen, durchführen und ist dadurch mathematisch sehr mächtig.

Auch Gnucash ist an ein Windows-Programm, nämlich Quicken, angelehnt und beherrscht dementsprechend den Import von QIF-Dateien. Wie bei Quicken macht Gnucash die doppelte Buchführung möglich und erstellt auf Wunsch auch Berichte aus den Daten. Praktisch ist auch, dass Aktienkurse über Onlinedienste wie Yahoo immer auf dem neuesten Stand gehalten werden können, und dass Gnucash problemlos mit verschiedenen Währungen umgeht.

Abiword, die Textverarbeitung im Paket, fällt besonders dadurch auf, dass sie viele Textformate von Word bis zum Palm-Format Pdb beherrscht. Ansonsten beinhaltet Abiword alle Features, die man zum Erstellen mittellanger Texte benötigt – an den Funktionsumfang von Word reicht es noch nicht heran, aber zum Glück klappt der Import von Word-Dateien ja recht ordentlich.

Abbildung 1: Mit Hilfe von Guppi kann Gnumeric auch Graphen darstellen

Bildverabeitung

Bei der Bildverarbeitung darf natürlich Gimp nicht fehlen. Da aber viele den Photoshop-Clon schon kennen und in diesem Heft der zweite Teil unseres Gimp-Workshops zu finden ist, wollen wir hier nicht weiter darauf eingehen. Während in Gimp Grafiken pixelweise gespeichert und editiert werden, benutzt Sodipodi ein Vektorformat, es wird also mit Formen gearbeitet. Das hat den Vorteil, dass die Grafiken auch bei starker Vergrößerung nicht pixelig wirken. Sodipodi setzt dabei das Format SVG ein. Dieses bietet weitreichende Möglichkeiten, da es auf XML basiert. In Web-Seiten eingebettet kann man Grafiken z. B. dynamisch verändern bzw. generieren. Da sich nicht alle Bilder gleichermaßen mit Vektoren darstellen lassen, bietet Sodipodi auch den Import von pixelbasierten Bildern in eine Vektorgrafik an.

Der Diagrammeditor Dia benutzt ebenfalls ein eigenes Format, um seine Diagramme platzsparend zu speichern, obwohl auch der Export als PNG möglich ist. Wie Sodipodi beherrscht Dia neben zahlreichen Symbolen zum Erstellen von Diagrammen das Einfügen von Bildern, die wie alle anderen Elemente beliebig skaliert werden können. Das letzte Programm im Bund, Eye of GNOME, ist ein einfacher Bildbetrachter, der aber über Bonobo auch in andere Programme integriert werden kann und einfache Features, wie z. B. Vergrößerung, unterstützt.

Abbildung 2: Diagramme lassen sich einfach mit Dia erstellen

Spiele

Den ganzen Tag mit Textverarbeitung zu verbringen, wird schnell etwas eintönig, deshalb sind auch Spiele in Fifth Toe enthalten. Gnomoku ist eine Umsetzung von Gomoku, was sich wie eine Mischung aus Go und Tic Tac Toe spielt. Ziel des Spiels ist eine Reihe von genau fünf Steinen, wobei man entweder gegen den Computer oder via Internet mit einem menschlichen Gegner spielen kann. Auch bei Bombermaze, einem Bomberman-Clon, kann man mit bis zu vier Spielern spielen, die sich allerdings alle um eine Tastatur versammeln müssen. Falls das Spiel einmal langweilig werden sollte, hat man außerdem noch die Möglichkeit, das Spielfeld mittels Themes umzugestalten. Im dritten Spiel, Atomix, geht es darum, organische Moleküle aus Atomen zusammenzusetzen, was dadurch erschwert wird, dass sich die Atome nicht beliebig bewegen lassen. Auch Atomix beherrscht Themes, die man aber direkt im Level-Editor festlegen muss.

Abbildung 3: Bei Bombermaze erinnert nicht nur der Name an Bomberman

Entwicklung

Zum Editieren von Sourcecode jeglicher Art bringt Fifth Toe Glimmer mit. Glimmer erkennt die meisten Programmiersprachen und kann deren Syntax farblich hervorheben. Natürlich ist es möglich, direkt aus dem Programm zu kompilieren und zu debuggen, wozu Glimmer jeweils ein Xterm öffnet. Um bestimmte Stellen im Sourcecode wiederzufinden, können außerdem Bookmarks angelegt werden. Wirklich interessant wird Glimmer aber erst durch die Möglichkeit, das Programm mit Skripten in Python zu erweitern. So ist es möglich, viele wiederkehrende Aufgaben zu automatisieren.

Etwas komfortabler ist das Arbeiten mit Anjuta, da Compiler und Debugger direkt in das Hauptfenster integriert sind und sich vor allem der Debugger so wesentlich leichter bedienen lässt. Anjuta verwaltet nicht nur bestehende Projekte, sondern erstellt mit Hilfe eines Wizards auch alle Dateien, die man für eine neue Applikation benötigt. Dazu gehören unter anderem die Verzeichnisstruktur, READMEs, Unterstützung von autoconf bzw. automake, sowie ein minimales Code-Gerüst. Um sich im Sourcecode zurechtzufinden, ist es sehr nützlich, dass man anhand einer Liste der Funktionen, Variablen usw. direkt an die gewünschte Stelle springen kann.

Abbildung 4: Anjuta macht das Erstellen eigener GNOME-Programme einfach

Der Rest

Figaro's Password Manager oder kurz Fpm legt eine Liste von Passwörtern an, die wiederum durch ein Masterpasswort geschützt ist – im Gegensatz zum eigenen Gedächtnis nicht ausreichend sicher, aber wesentlich besser, als die Zugangsberechtigungen zu notieren bzw. immer dasselbe Passwort zu benutzen. Fpm bietet auch an, die zu den Passwörtern gehörigen Web-Seiten bzw. ssh-Server direkt aus dem Programm heraus zu starten und neue, sichere Passwörter zu generieren.

Das Merlin-Cpufire-Applet fällt dagegen eher in die Sparte "Eye Candy": Das Programm stellt die CPU-Auslastung durch eine lodernde Flamme im Panel dar, die einen mit Sicherheit von ernsthafter Arbeit abhält. Falls das nicht ausreicht, kann man mit Radioactive noch Radio über eine Video4Linux-kompatible Karte hören. Das Programm erlaubt, Radiostationen abzuspeichern, und bietet zusätzlich zu einer an ein reales Radio angelehnten Oberfläche ein Applet, mit dem sich der jeweilige Sender wählen lässt.

Die Produktivität steigern soll dagegen der Projektmanager Toutdoux. Toutdoux kann wahlweise mit einem XML-Format oder über die Datenbank PostgreSQL auf die nötigen Daten zugreifen, wobei die XML-Daten mit Hilfe von Wget auch aus dem Internet kommen können. Durch Plugins ist Toutdoux stark erweiterbar und z. B. in der Lage, Diagramme mit wichtigen Terminen eines Projekts zu erstellen. Für die Entwicklung von Software bietet Toutdoux schon eine Vorlage, aber dank des sehr flexiblen Ansatzes lassen sich auch völlig andere Projekte realisieren.

Gnome-db ist ein Projekt, das GNOME-Programmen den Zugriff auf beliebige Datenbanken möglichst einfach machen soll. Über die Library Libgda, die im Prinzip GNOME-unabhängig ist, kann mit Hilfe von CORBA transparent auf fast jede Datenbank zugegriffen werden. Gnome-db bietet zusätzlich noch Bonobo-Komponenten, um die Datenbank einfacher in GNOME-Programme einzubetten.

Außerdem findet sich noch Gfax in Fifth Toe, mit dem es möglich ist, über Mgetty und Sendfax bzw. Hylafax Faxe zu versenden. Neben dem grafischen Interface bietet Gfax noch eine weitere Möglichkeit, Faxe zu versenden: Über einen Eintrag in der Drucker-Konfigurationsadatei /etc/printcap lässt sich aus jeder Anwendung, die eine Druckerwahl anbietet, ein Fax verschicken.

Drei alte Bekannte in Fifth Toe, die wir hier nur kurz erwähnen wollen, sind der Paket-Manager Gnorpm, der einfache Text-Editor Gedit und der Vorgänger von Nautilus, Gmc. Die neuen Gnome-Tools, so überflüssig wie ein fünftes Rad am Wagen oder der fünfte Zeh am Gnome-Fuß? Sicher nicht, schließlich ist ein Computer ja nicht nur zum Arbeiten da, sondern soll auch Spaß machen.

Abbildung 5: Das Merlin-Cpufire Applet bringt das Panel zum brennen

Der Autor

Björn Ganslandt ist Schüler und leidenschaftlicher Bandbreitenverschwender. Wenn er nicht gerade damit beschäftigt ist, neue Programme auszuprobieren, liest er Bücher oder spielt Saxophon.

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