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Rune

Die Linux Games sind da!

01.05.2001 … und wieder landet ein Neuaufguss aus der 3D-First-Person-Fraktion heuer auf meinem Tisch. Diese Variante versucht mit mäßigem Erfolg, sich durch ein neues Thema (die alten Wikinger) und entsprechende Waffen wie Schwert, Axt, Hammer und Keule von der Konkurrenz abzusetzen. Außerdem gibt sich Rune in Teilen den Anstrich eines Adventures, doch fangen wir ruhig von vorne an…

Nach der üblichen Installation per Loki-Installer belegt Rune immerhin volle 656 MB Plattenplatz – das ist gerade noch so auf eine CD auslagerbar, falls der Platz knapp sein sollte. (Alle Platten sind gleich groß: immer 2% frei.) Eine halbwegs aktuelle Grafikkarte ist empfehlenswert; über den Daumen kann man sagen: Wer Unreal Tournament ordentlich laufen hat, sollte mit Rune einigermaßen klar kommen. Die Engine ist dieselbe, die Menüstruktur wurde bis auf optische Modifikationen weitgehend übernommen. Die Grafik ist bei Rune aber etwas aufwendiger. 300MHz sollte die CPU schon haben; hier gilt: Viel hilft viel, vor allem viel Speicher.

Wie schon erwähnt, liegt der Handlungsstrang von Rune in einer weit zurückliegenden Epoche: Der Spieler findet sich in der Rolle des jungen Wikingers Ragnar, der gerade die Mannesriten absolviert hat und sich nun anschickt, einen gebührenden Platz als Krieger neben seinem Vater zu erkämpfen. Da ereilt die tapferen Recken die Kunde von Conrack, einem üblen Schurken, der dem bösen Gott Loki huldigt und einen benachbarten Ort überfällt. Ragnar und seine Freunde eilen zu Hilfe, doch sie haben kein Glück: Alle werden getötet. Natürlich passt dies dem Gott Odin nicht, und so erweckt er den tapferen Helden Ragnar wieder zum Leben und beauftragt ihn, Conrack zu stoppen und den üblen Intrigen von Loki ein Ende zu bereiten.

Abbildung 4: Multiplayer: Durch wabernde Sphären des Cyberspace surft Ragnar einem Deathmatch Server entgegen - und wird binnen Sekunden zerhackt

Wie z. B. aus Soldier Of Fortune bekannt, setzt auch dieses Spiel auf kurze Story-Sequenzen, welche, eingebettet in den Spielverlauf, den Spieler auf den weiteren Fortgang der Handlung einstimmen. So erlebt man anfangs den Untergang der Reckenschar durch ein von Conrack ausgelöstes magisches Feuer, später sendet Odin einen der Gefallenen dann aus, der Unterwelt zu entsteigen und sich Conrack vorzuknöpfen.

Doch allein aus der Unterwelt heraus ist es ein weiter Weg: Eine Höhle reiht sich an die andere, allen gemeinsam ist lediglich ein Haufen kleiner und/oder gemeiner Monster, die es je nach Waffe zu besiegen gilt. Daneben ist zum Weiterkommen noch das eine oder andere Rätsel zu lösen, wobei sich dieser Teil aber viel zu oft auf das Finden und Umlegen des richtigen Hebels reduziert. Von den ursprünglich durch das Entwicklungsteam Human Head versprochenen 30% Rätselanteil im Spiel sind rein subjektiv höchstens 10% in der vorliegenden Fassung angekommen.

Abbildung 4: Multiplayer: Durch wabernde Sphären des Cyberspace surft Ragnar einem Deathmatch Server entgegen - und wird binnen Sekunden zerhackt

Die Entwickler haben sich jedoch im grafischen Teil redlich um Atmosphäre bemüht: Alles ist auf Antik getrimmt. Stahl, Holz und Leder wird von dem inzwischen schon etwas angestaubten Unreal Renderer wacker und recht überzeugend umgesetzt. So wäscht zum Beispiel ein durchschwommener See Blutspuren von Waffen und Schild. Trotz der Tatsache, dass mit der zur Verfügung stehenden Engine Erstaunliches erreicht wurde, ist an vielen Ecken und Kanten nicht zu übersehen, dass die Windows-Version dieses Spiels schon seit geraumer Zeit am Markt und nicht mehr ganz auf dem letzten Stand der Technik ist. Zudem legt das Spiel gegenüber Unreal Tournament einen erstaunlichen Speicherhunger an den Tag: Mindestens 64 MB sind ein absolutes Muss, ordentlich spielen lässt sich ab 128 MB, richtig gut aber nur mit 256.

Auch die in der Werbung oft versprochene starke Orientierung der Handlung an echten Sagen, Mythen und Gebräuchen der damaligen Zeit blieb leider für meinen Geschmack viel zu sehr auf der Strecke. Hier wäre Spielraum für viele kleine aber feine Details geblieben, die dieses Spiel wirklich einzigartig hätten machen können.

Die Anzahl möglicher Spielzüge und Schlagvarianten unseres Recken bewegt sich im akzeptablen Bereich, bricht aber keine Rekorde. Wer Schwertkämpfe aus manchen Konsolenspielen mit ihrer Vielfalt an Kombinationen kennt, könnte hier doch etwas enttäuscht sein. Immerhin jedoch gelingt das Schlagen aus dem Sprung heraus und auch die Waffenauswahl ist okay – leider fand eine ursprünglich angedachte Armbrust ihren Weg nicht in die Endfassung von Rune, so dass dieses Spiel ein reiner "Kontaktsport" bleibt.

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Zusätzlich lassen sich alle Waffen über (leider nur sehr spärlich auftretende) Zauberrunen magisch aufladen und verstärken. Sie unterliegen zudem einem allzu natürlichen Verschleiß, vor allem das oft bitter benötigte Schild. Gottseidank findet man in regelmäßigen Abständen die Skelette verendeter Kollegen, die ihre Ausrüstung freundlicherweise kostenlos in 1a-Zustand unserem Helden zur weiteren Verwendung überlassen.

Abbildung 4: Multiplayer: Durch wabernde Sphären des Cyberspace surft Ragnar einem Deathmatch Server entgegen - und wird binnen Sekunden zerhackt

Als Ergänzung zu den Abenteuern Ragnars bietet auch dieses Spiel einen Online-Multiplayer-Modus mit den üblichen Spielvarianten. Hier lernt man schnell, was mit Schwert und Beil so alles geht – und zwar am eigenen Leibe. Anfänger sind zunächst mal bessere Schlachtopfer, denen die Profis im allerwahrsten Sinne des Wortes beibringen, "wo der (Kriegs-) Hammer hängt".

Trotzdem es in Rune möglich ist, den Gegner ordentlich zu filetieren und alles vom Rumpf abzutrennen, was man sich so denken kann, zeigt interessanterweise die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften bisher keinerlei Interesse an dem Spiel: Es ist weder eingestuft noch indiziert. Es drängt sich der Verdacht auf, dass Spiele einschlägiger Hersteller dort bis hin zur Lächerlichkeit kategorisch indiziert werden, die Produkte eher unbekannter Software-Schmieden jedoch leicht unter den Tisch fallen.

Ordentlich gelungen ist die Sound-Untermalung, die mit passenden Geräuschen die gruftige Atmosphäre stützt. Auch die Spielperspektive, die den Blick über die Schulter des Helden zeigt und sich in der Entfernung variieren lässt, ist gelungen: Nur selten verirrt sich die Kamera in irgendwelche Wände oder Gegenstände hinein oder zeigt Ragnar halbtransparent, weil er zu großformatig Teile des Sichtbereiches zu verdecken droht.

Abbildung 4: Multiplayer: Durch wabernde Sphären des Cyberspace surft Ragnar einem Deathmatch Server entgegen - und wird binnen Sekunden zerhackt

Fazit: Tomb Raider 2 goes Vikinger. Solide Arbeit, atmosphärisch gelungen und technisch brillant von Loki Games umgesetzt, leider aber mit vielen Längen und vielen vergebenen Chancen. Wem es nicht langweilig wird, sich seinen Weg durch endlose Höhlen und Labyrinthe durch Berge immer wiederkehrender und immer neuer Gegner zu schlagen, der wird besonders im späteren Spielverlauf für seine Ausdauer mit so manch gelungenem grafischen Einfall, Mumien, Monstren und Mutationen in dutzenden Variationen und natürlich Odins Dank in Form eines furiosen Finales belohnt.

Bewertung:Rune

Langzeitspielspaß *):  60%
Grafik: 70%
Sound:  75%
Steuerung:  70%
Multiplayer: 70%
Gesamtwertung: 70%
*): Anfangs weniger, gegen Ende mehr

Von diesem Spiel kann zum Erscheinungszeitpunkt dieses Artikels höchstwahrscheinlich schon bei Loki eine kostenlose Demo-Version aus dem Internet geladen werden. Mehr Infos (zur Windows-Version) finden sich unter http://www.runegame.com/.

Der Autor

Fionn Behrens ist Student der technischen Informatik. Aber man kann ja nicht immer nur studieren… Im Netz erreichbar ist er als Fionn im IRCnet.

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