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Tribes 2

Die Linux Games sind da!

01.05.2001
Inzwischen bin ich fast geneigt zu behaupten, dass das Genre der Ego-Shooter im Linux-Spielesektor weitgehend abgelutscht ist. Man findet fast für jeden Geschmack etwas. Trotzdem ist nicht zu übersehen, dass es immer mal wieder einer Neuerscheinung gelingt, kräftig einen draufzusetzen. So geschehen mit dem neuen Titel von Dynamix, der wieder einmal von Loki für Linux umgesetzt wird und praktisch simultan zu der technisch kompatiblen Windows-Version erscheinen soll.

Nach der inzwischen praktisch idiotensicheren Installation per Loki Installer macht sich das Spiel auf fast 600MB Plattenplatz ganz ordentlich breit. Erforderlich ist neben einer aktuellen Grafikkarte, möglichst mit GLX (also XFree86 4.x), ein Rechner mit 300MHz oder besser mehr. XFree86 3.3.5 mit passenden Mesa-Treibern soll es laut Spezifikation aber ebenfalls tun. Auf einem 350er mit GeForce 2MX läuft das Spiel unter Linux sehr zufriedenstellend, in der derzeitigen Version sogar um fast 20% schneller als die Windows-Version!

Tribes 2 ist, einfach ausgedrückt, die konsequente Fortführung der Evolution auf dem Sektor der Clan-orientierten Netzwerkspiele à la Unreal, Quake 3 usw. Dabei fand nicht nur eine rein größenmäßige Erweiterung statt, sondern die Komplexität des Spielablaufs und damit einhergehend die Notwendigkeit für gutes Teamwork zur Erreichung des Spielziels haben sich gleichfalls enorm erhöht. Einzelgänger und "Helden" verglühen meist ruckzuck im Kreuzfeuer der gegnerischen Verteidigung.

Nach dem Spielstart erwartet den Spieler ein Auswahlfenster, in welchem er sich entscheiden muss, ob er das Spiel online oder offline (im LAN oder lokal) betreiben will. Zur Eingewöhnung empfiehlt es sich, zunächst im Offline-Modus die angebotenen Trainings-Missionen durchzuspielen. Deren Schwierigkeitsgrad stellt schon in der leichtesten der drei angebotenen Stufen durchaus eine Herausforderung dar und führt unter Umständen in den höheren Stufen leicht zu Frustrationsanfällen. Dabei wird einem im Verlauf der Missionen per Ansage Stück für Stück die Benutzung der Bedienelemente des Spiels erklärt, in der uns vorliegenden Version allerdings nur in Englisch.

Schon beim Üben fällt einem die wirklich enorme Größe des Spiel-Terrains auf, das durchaus mehrere "virtuelle" Quadratkilometer mit Dutzenden von Gebäuden umfassen kann. Eine ziemlich realistische Darstellung der Umwelt mit Felsen, Bäumen, Wolken und bisweilen sogar Regen, sowie je nach Spielwelt zusätzlichen Gefahren durch Blitze, kleine Meteoriten und ähnliches drückt bei schnellen Szenen mit vielen Details die Frame-Raten erstaunlich moderat und bei höheren Auflösungen nur sehr selten in den für Multiplayer-Spiele kritischen Bereich unterhalb 25 Bilder pro Sekunde.

In Tribes 2 stellt sich das typische Szenario eines Capture-The-Flag Spiels so dar, dass jede Mannschaft einen oder mehrere Gebäudekomplexe besetzt und verteidigt, wovon eines eben die Flagge enthält. Die Gebäude können mit Radar- und Sensorsystemen bestückt sein, deren Daten jeder Spieler der eigenen Mannschaft auf einer taktischen Übersicht abfragen und auswerten kann. Desweiteren sind meist mittelschwere und schwere Geschütztürme vorhanden, die durchaus mit einem einzigen Schuss einen Gegner erledigen können. Die Art der Geschütze lässt sich im Spielverlauf durch Spieler variieren, die andere Geschützaufsätze wie z. B. AA-Raketen auf dem S-Geschützsockel montieren.

Überhaupt sind die Möglichkeiten zur Variation der Verteidigungsmöglichkeiten im Spiel enorm – verschiedenste tragbare, automatische Verteidigungs- und Spionsysteme warten darauf, von den Spielern an taktisch geeigneten Stellen angebracht zu werden, mobile Ausrüststationen sorgen weitab der eigenen Anlagen für die Möglichkeit, die angeschlagene Rüstung wieder in Schuss zu bringen. Zudem gibt ein in die Rüstung jedes Spielers integriertes Düsensystem einen Mobilitätsschub, der je nach Gewicht und Ausrüstung von weiten Sprüngen bis hin zu längeren Flugphasen reicht, und kompensiert so etwas die Problematik der großen Gelände.

Nicht zuletzt erfährt das Spielkonzept eine Erweiterung durch die Einführung von Fahrzeugen. Eine Art überdimensionaler Replikator steht in den größeren Levels jeder Mannschaft zur Verfügung und ist in der Lage, aus heißer Luft eine Reihe von mehr oder weniger schweren und schnellen Luft- und Bodenfahrzeugen, angefangen bei einer Art fliegendem Scooter über leichte und schwere Bomber (mit bis zu vier Spielern Besatzung, die als Pilot, Bomber, Kanonier etc. kooperieren müssen) bis hin zu schweren Panzern zu produzieren.

Die bilden oft ein geeignetes Gegengewicht zu den "zu Fuß" oft nur schwer zu erreichenden, geschweige denn einzunehmenden Stellungen der gegnerischen Mannschaft.

Auf anderem Wege, z. B. mit einer leicht gepanzerten Rüstung und einem speziellen, zeitlich begrenzt unsichtbar machenden Schild kommt man oft ans Ziel – wenn der Gegner sich nicht die Zeit genommen hat, Spezialsensoren zu installieren …

Das Arsenal an verfügbarer Ausrüstung ist am Anfang verwirrend groß, aber durchaus durchdacht. In den meisten Spielsituationen stehen beiden Mannschaften spezielle Stationen zur Verfügung, die jeden Spieler nach Wunsch während des Spiels mit neuer oder anderer Bewaffnung und Ausrüstung versehen. Natürlich können diese Stationen und deren Stromversorgung sabotiert und wieder repariert werden, gegnerische Fahrzeuge können gekapert und entführt werden, und und und…

Um all das einigermaßen zu koordinieren, beinhaltet das Spiel ein Kommunikationssystem, mit dem ein Satz hierarchisch geordneter, einfacher Anweisungen und Phrasen jederzeit mit höchstens vier Tastendrücken erzeugt werden kann.

Aus Lizenzgründen leider bisher nur in der Windows-Version enthält das Spiel zudem ein System zur Sprachübertragung. Ein solches soll laut Loki aber in einem Patch spätestens nach Verkaufsstart auch noch für die Linux-Version nachgereicht werden – eine interne Version mit einem freien GSM Codec läuft bei Loki jedenfalls schon.

Dass all diese neuen Möglichkeiten den gewohnten Spielablauf etwas umgestalten, kann man sich leicht vorstellen. Spannung und Geschwindigkeit leiden darunter jedoch nicht. Allerdings gewinnt diese neue Form des Spiels enorm durch eine höhere Anzahl an Mitspielern, da es unabdingbar ist, dass sich bei komplexerem Gelände einige Spieler um die Installation, Bedienung und Reparatur mobiler Ausrüstungs- und Verteidigungssysteme kümmern, um den Gegner rechtzeitig zu entdecken und die oft weit verteilten eigenen Kräfte an neuralgischen Punkten durch automatisierte Systeme zu verstärken.

Fazit: Mörderisch schnelle Engine, Grafik auf der Höhe der Technik, clevere Computergegner, extrem fesselnde Multiplayer-Action mit einem gesunden Schuss Taktik, ergänzt durch einen fetzigen Soundtrack – eine Mischung, die nur noch eines braucht, um süchtig zu machen: Eine schnelle Netzwerkanbindung. Ohne die wäre das Spiel denn auch relativ wertlos.

Dieses Spiel ist der Beweis dafür, dass man auch aus alten Konzepten manchmal noch wirklich Brauchbares herausquetschen kann. Für Genre-Fans uneingeschränkt empfehlenswert!

Bewertung: Tribes 2

Langzeitspielspass:  80%
Grafik: 93%
Sound:  80%
Steuerung:  90%
Multiplayer:  95%
Gesamtwertung: 90%

Von diesem Spiel kann zum Erscheinungszeitpunkt dieses Artikels höchstwahrscheinlich schon bei Loki eine kostenlose Demo-Version aus dem Internet geladen werden.

Der Autor

Fionn Behrens ist Student der technischen Informatik. Aber man kann ja nicht immer nur studieren… Im Netz erreichbar ist er als Fionn im IRCnet.

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