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Grafik-Suite Corel DRAW 9

01.04.2001

coreldraw-start.gif

Seit einiger Zeit bietet die kanadische Firma Corel eine Linux-Portierung des Windows-Klassikers CorelDRAW 9 an. LinuxUser hat sich Corels Grafik-Suite mal etwas näher für Sie angeschaut.

Zugegeben: Der Preis ist nicht gerade bescheiden. Knapp 600.- DM verlangt Corel für seine Linux-Variante des bekannten Grafikprogramms CorelDRAW 9 und dem dazugehörenden Programm Corel PHOTO-PAINT 9. Geliefert wird das Bundle in einer gewöhnlichen Papp-Box. Diese enthält neben einem aufblasbaren Tux drei CDs und ebensoviele schmale Handbücher. Zwei davon sind als User-Guides für die genannten Programme konzipiert, das dritte als "Libraries-Catalog" bezeichnete Handbuch enthält eine Übersicht der Zusatzkomponenten wie Fonts und Cliparts. Es entspricht im wesentlichen dem gleichnamigen Buch, das auch der Corel-WordPerfect-Suite beiliegt. Außerdem gehört noch ein 30-tägiger Installations-Support zu dem Paket.

Installation

Corel setzt wie üblich ein binäres Installationsprogramm ein. Dieses versucht zunächst die vorhandene Distribution zu ermitteln, um dann, ohne wesentliche weitere Eingriffsmöglichkeiten für den Anwender, die Programme unter /usr/lib/corel zu installieren. Nach dem

FHS ist dies zwar möglich, aber eigentlich nicht mehr zeitgemäß. Stattdessen sollte die Installation unter /opt/ erfolgen. Leider erweist sich die Installationsroutine nicht nur als unflexibel, sie ist auch nicht immer in der Lage, die Software auf jeder Distribution korrekt zu installieren.

Beim Test auf einem SuSE-System hat sich negativ bemerkbar gemacht, dass der Debian-Paketmanager "deb" aus der "Serie ap" installiert war. Dieser hat die Installationsautomatik von CorelDRAW vollkommen durcheinandergebracht. Darüber hinaus stellen auch die X-Server und die damit erzielbare höchste Farbtiefe unter Umständen ein Problem da. Insbesondere auf einem Laptop könnte Ihnen womöglich einige Kraftanstrengungen bevorstehen, bis CorelDRAW läuft.

Installation von CorelDRAW: Böse Überraschungen wie diese müssen nicht, aber könnten Ihnen blühen.

bash-2.04# ./install
 Log file name:/tmp/corel/Setup.log
 X Error: BadValue (integer parameter out of range for operation) 2
   Major opcode:  20
 Aborted

Als minimale Voraussetzung gibt Corel ein Linux-System ab dem Kernel 2.2.x (mit glibc ab Version 2.0) und 64 MB RAM an. Auf der Festplatte werden allein für die beiden Hauptprogramme mindestens 260 MB benötigt. Speicherprobleme meldet Wine mit einer Warnung, wie dieser:

Abbildung 1

Abbildung 1:

Theoretisch sollte CorelDRAW ab einem Pentium mit 200 MHz Prozessortakt einsetzbar sein. Diese Aussage sollte der (kauf-)geneigte Leser allerdings mit einiger guten Portion Skepsis zur Kenntnis nehmen: Um halbwegs vernünftig arbeiten zu können, sollte unserer Erfahrung nach mindestens 128 MB RAM und eine CPU jenseits der 350-MHz-Grenze zum Einsatz kommen.

Dokumentation

Es verwundert schon, dass es keine landessprachlichen Anpassungen der Programme und der Dokumentation gibt. Die Handbücher und auch die Online-Hilfe sind bisher nur in englischer Sprache verfügbar und zeichnen sich nicht gerade durch überwältigende Übersichtlichkeit aus. Insbesondere weniger versierte Anwender werden vermutlich eine deutsche Dokumentation vermissen. Unter Windows würde Corel sich wohl kaum trauen, das Programm in der hier beschriebenen Form auf den (hiesigen) Markt zu bringen. Das knapp 150 Seiten umfassende Handbuch behandelt nur die allerwichtigsten Grundlagen für den Einsatz der Programme. Für alle weiteren Informationen wird - wie schon bei WordPerfect - konsequent auf die Online-Hilfe (ebenfalls nur in englischer Sprache) verwiesen. Und noch eine Kuriosität: Das gesamte Handbuch enthält außer den Screenshots der Buttons keinerlei Grafiken. Seltsam für das Handbuch einer Grafik-Software. Diese Form fördert leider nicht unbedingt das Verständnis der Software.

Praxis

Beim Programmstart initialisiert das Starter-Skript zuerst das Wine-Environment von Corel, bevor eine EXE(!)-Datei gestartet wird. Bei dem eingesetzten Wine (wine-graphics9) handelt es sich um eine von Corel speziell an das Grafikprogramm angepasste Variante des freien Windows-Emulators. Die im Anschluss daran gestartete Programmdatei scheint dagegen der Windows-Version von CorelDRAW 9 weitgehend zu entsprechen. Speziell für Anfänger hat Corel dem Programm ein "Tutorial" im HTML-Format beigelegt. Dieses wird standardmäßig in einem Netscape-Fenster angezeigt. Der Einsatz eines alternativen Browsers ist zwar prinzipiell möglich, aber nicht vorgesehen. In diesem Tutorial wird Schritt für Schritt eine recht komplexe Grafik erstellt, die viele grundsätzliche Funktionen von CorelDRAW verwendet. Leider beschreibt das Tutorial nur die notwendigen Schritte, Hintergrundinformationen (warum jetzt dieser Schritt erfolgt und warum nicht jener) erhält der Anwender gar nicht. Trotzdem, das Tutorial sollten Neulinge unbedingt durcharbeiten.

Abbildung 2

Abbildung 2:

CorelDRAW verfügt über eine riesige Anzahl von Features und Effekten. So werden u. a. auch mehrere Farbmodelle unterstützt, unverzichtbar für professionelles Arbeiten. Besonderes Augenmerk haben die Entwickler außerdem auf die Möglichkeiten zum Einbinden von externen Grafiken - insbesondere in den diversen Bitmap-Formaten - gelegt. CorelDRAW kann mit nahezu allen verbreiteten Dateitypen (auch solche, die sonst nur unter Windows eingesetzt werden) umgehen und sie gegebenenfalls konvertieren. Das genuine Einsatzgebiet von CorelDRAW ist aber natürlich die Erstellung und Bearbeitung skalierbarer Bilder. Diese sogenannten Vektorgrafiken werden nicht wie Bitmap-Bilder gezeichnet, sondern aus Objekten "konstruiert". Ein solches Vorgehen bietet mehrere Vorteile: Neben der erwähnten Skalierbarkeit können z. B. einzelne Objekte später wieder entfernt, ausgetauscht oder neue hinzugefügt werden. Die zahlreichen "Writing Tools" lassen sich aufgrund der fehlenden Sprachanpassung allerdings leider nur eingeschränkt nutzen.

PDF

Eine Besonderheit von CorelDRAW liegt in der Möglichkeit, prinzipiell auch PDF-Dateien bearbeiten zu können. Vergleichbares bietet bisher nur teure kommerzielle Software (in eingeschränkter Form auch neuere GhostScript-Versionen), so dass dieses Feature damit schon für sich alleine genommen ein schwerwiegendes Argument für den Kauf dieser Grafik-Suite wäre. Leider zeigen sich beim Laden diverser PDF-Dokumente, die sich in aktuellen Linux-Distributionen befinden, immer wieder Fehler bzw. es treten ärgerliche Probleme auf. So ist es z. B. oft nicht möglich, mehr als eine Seite aus einem Dokument zu importieren. Derartige Probleme treten zum einen bei den mittels pdfTeX direkt erzeugten Dokumenten auf, zum anderen lassen sich aber auch die auf "klassische" Weise durch Konvertierung von PostScript-Dateien erzeugten Ausgaben nicht immer korrekt einlesen.

Corel PHOTO-PAINT

PHOTO-PAINT 9 ist ein Bitmap-Bearbeitungsprogramm à la GIMP, das optimal für die Zusammenarbeit mit CorelDRAW ausgelegt ist. Wie bei CorelDRAW können Anwender beim Durcharbeiten eines Tutorials die ersten Schritte im Umgang mit der Software erlernen.

Nachfolger in Sicht?

Unter Windows gibt es inzwischen bereits eine Version 10 von CorelDRAW. Wenn es sich bei der unter Linux in Kombination mit Wine eingesetzten EXE-Datei wie vermutet tatsächlich um eine leicht modifizierte Version des Windows-Pendants handelt, könnte es unter Umständen demnächst auch eine entsprechende Linux-Portierung von CorelDRAW 10 geben. Diese Hoffnung muss jedoch noch mit einem Fragezeichen versehen werden, da es von Corel bisher keine klaren Aussagen über deren zukünftige Linux-Aktivitäten gibt. Andererseits: mit CorelDRAW in der Version 9 lässt sich auch schon gut arbeiten. Aufgrund mangelnder deutscher Sprachanpassung kann das mächtige CorelDRAW unter Linux aber nur eingeschränkt genutzt werden. Anfänger sollten unbedingt die mitgelieferten Online-Tutorials durcharbeiten. Sie lernen dabei die wichtigsten Arbeitstechniken und viele Komponenten der Software kennen.

Abbildung 3

Abbildung 3: Die Wine-typischen Bildaktualisierungsfehler zeigen sich auch bei Corel Draw

Ein erster Schritt

Mit CorelDRAW steht eine weitverbreitete Profi-Software für die Bearbeitung von Grafiken zur Verfügung. Deren Stabilität und Leistungsfähigkeit lässt zwar noch etwas zu wünschen übrig, ist aber ein unbedingt begrüßenswerter Schritt in die richtige Richtung. Die Wine-Lösung kann aber nur als ein Zwischenschritt zur Entwicklung nativer Qt- oder GTK-basierten Linux-Applikationen sein. Corel würde gut daran tun, speziell auf Linux/KDE oder Linux/GNOME angepasste, native Programmversionen zu entwickeln. Aber ob dafür die Kaufbereitschaft unter Linux-Anwendern hoch genug ist? Wer heute unter Linux PostScript bearbeiten möchte, kann auf CorelDRAW momentan wohl kaum verzichten.

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