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Genialer IMPressionist

GIMP 1.2

01.03.2001
Rechtzeitig zum letzten Weihnachtsfest wurde die lang erwartete, neue Version 1.2 der Bildbearbeitungssoftware GIMP im Internet zum Download freigegeben. Damit Sie sich die hohen Telefonkosten und den umständlichen Compilierungsvorgang ersparen können, haben wir die Bildverarbeitungs-Software auf unsere aktuelle Heft-CD gepresst. Passend dazu sagen wir Ihnen in diesem Artikel, was sich gegenüber der Vorversion geändert hat, und bieten eine erste Einstiegshilfe für Anfänger.

GIMP ist ein Akronym und steht für "GNU Image Manipulation Program". Es handelt sich dabei um ein Bildbearbeitungsprogramm, das vollständig der GNU Public License unterliegt und somit von jedem kostenlos und uneingeschränkt genutzt werden kann. Als großes Vorbild diente die gerade bei Profis sehr beliebte Bildbearbeitungsreferenz Photoshop aus dem Macintosh- und Windows-Lager. Ziel der Entwickler war es, ein freies und der kommerziellen Konkurrenz ebenbürtiges Programm zu schaffen.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Dies ist ihnen in vielen Punkten auch gelungen. Sieht man einmal von dem unter WINEemulierten PhotoPaint ab, so ist GIMP das einzige freie Bildbearbeitungsprogramm, das durch sein Funktionsangebot mit den kommerziellen Produkten konkurrieren kann.

Mittlerweile führt das ursprünglich unter Linux gestartete Projekt seinen Siegeszug auch auf anderen Plattformen weiter. Neben einer erfolgreichen Portierung auf Windows sind bereits Versionen für andere Betriebssysteme geplant oder in Arbeit.

Versionsmischmasch

Wer schon mit den Vorversionen ab 1.1.18 gearbeitet hat, wird im ersten Moment von der neuen GIMP-Version etwas enttäuscht sein: Mit Ausnahme der behobenen Fehler trifft der Benutzer auf keine nennenswerten Änderungen. Dass es dennoch zu einem ganzen Versionssprung gereicht hat, liegt an der Numerierungspolitik der Programmierer. Genau wie beim Linux-Kernel kennzeichnet eine ungerade Zahl an der zweiten Stelle eine in der Version aus der Entwickler- Serie, die potentiell instabil ist. Eine gerade Zahl weist hingegen immer auf eine stabile, für den normalen Einsatz freigegebene GIMP-Version hin.

Leider ignorieren viele Linux-Distributoren diese Vorgehensweise, so findet man oft in ihren Linux-Pakten ausschließlich die aktuellste Entwicklerversion wieder. Wer GIMP einsetzt und regelmäßig sein Linux-System auf den neuesten Stand bringt, wird deshalb bereits zwangsweise mit den neuen Funktionen in Kontakt gekommen sein. Dies gilt insbesondere für alle Versionen ab 1.1.18, die u. a. auch SuSE Linux beiliegt (bei SuSE 7.0 sogar Version 1.1.23). Für alle diejenigen, die noch mit der letzten stabilen Version 1.0.x arbeiten, möchten wir im Folgenden kurz aufzeigen, was sich alles verändert hat und warum sich ein Umstieg lohnt.

Alles neu macht der Mai

Nach dem Start von GIMP 1.2 ist man angenehm überrascht: GIMP spricht (bis auf wenige Ausnahmen in den Skriptenund Plug-Ins) endlich auch Deutsch. Sollte GIMP bei Ihnen nicht direkt mit seiner deutschen Benutzerführung vorstellig werden, ist die Umgebungsvariable $LANG falsch gesetzt – geben Sie dann vor dem GIMP-Start den Befehl

export LANG=de_DE

ein. Besser noch: Nehmen Sie diesen in eine der Startdateien, etwa ~/.bashrc, auf.

Abbildung 1: Auch der neue Einrichtungsassistent spricht jetzt deutsch

Nach der Einrichtung durch einen komplett neu designten Assistenten wird der Einsteiger zunächst mit mehreren, kleinen Fenstern konfrontiert. Benutzern der alten Version wird hier sicherlich die gestiegene Anzahl an verfügbaren Werkzeugen auffallen. Auch während der Arbeit trifft man immer wieder an allen Ecken und Enden auf neue Einstellungsmöglichkeiten und Funktionen. Gerade in diesem Bereich hat GIMP zu seinen kommerziellen Programmvertretern enorm aufgeschlossen, kommt aber dennoch nicht ganz an die etwas breitere Funktionspalette von Photoshop heran.

Abbildung 2: GIMP nach dem Start

Vor allem die Toolbox, die sämtliche Werkzeuge beherbergt, wurde in vielen Details überarbeitet. Unter den dort neu hinzugekommenen Werkzeugen, wie verschmieren oder Distanz und Winkelmessungen verdient insbesondere die Pixmap-Brush Erwähnung: Mit ihrer Hilfe wird es erstmals möglich, die bisherigen Pinselformen gegen kleine Bilder auszutauschen. Auf diese Weise lässt sich z. B. eine Linie aus Paprikas malen (Abb. 3).

Abbildung 3: Zwei Beispiele für die neue Pixmap-Brush

Darüber hinaus wurde die Anzahl der Plug-Ins und mitgelieferten Skripte drastisch erhöht, so dass sich in diesem Bereich sogar der größte GIMP-Konkurrent unter Linux, Corel PhotoPaint, eindeutig geschlagen geben muss. Erfreulicherweise betrifft dies nicht nur die Quantität, sondern in vielen Bereichen auch die Qualität der einzelnen Filter.

Bei so viel Lob soll der Tadel nicht fehlen. Unverständlicherweise kann GIMP immer noch nicht mit Bildern im gerade für Profis wichtigen CMYK-Farbformat umgehen. Ebenso vermisst man schmerzlich ein umfassendes Farb-Management, welches der Konkurrent PhotoPaint bereits seit letztem Jahr unter Linux anbietet. Als kleinen Ausgleich gestattet GIMP den Im- und Export vieler bekannter und unbekannter Grafikformate. Sofern bei der Aufnahme kein exotischer Codecverwendet wurde, können von GIMP sogar Windows-Filme im avi-Format geöffnet und auch wieder gespeichert werden. Im Video- und Filmbereich kann GIMP generell gegenüber Corel PhotoPaint auftrumpfen. Während sich letzterer weitestgehend gegen den Im- und Export von Videosequenzen sperrt, können mit GIMP sogar MPEG1- und MPEG2-Filme erzeugt werden – vorausgesetzt, man hat die ebenfalls frei erhältlichen Hilfsprogramme mpeg_encode bzw. mpeg2encode installiert.

Aller Anfang ist schwer

Wie bereits angesprochen hat GIMP eine etwas gewöhnungsbedürftige Benutzerführung. Sollten nach dem Start mehrere Fenster geöffnet werden, so können Sie die meisten davon erst einmal ignorieren. Am wichtigsten ist die mit "GIMP" betitelte Werkzeugpalette. Wird dieses Fenster geschlossen, wird auch GIMP mit all seinen Dialogen komplett beendet. Neben dem schnellen Zugriff auf sämtliche Mal- und Zeichenwerkzeuge dient sein Menü zusätzlich als eine Art Schaltzentrale, in der Sie grundlegende Einstellungen vornehmen, allgemeine Funktionen und Skripte starten, die anderen Dialogfenster ein- und ausblenden und zu guter Letzt auch neue Bilder erzeugen bzw. vorhandene Bilder laden können.

Eine weitere Schlüsselrolle nimmt in GIMP die rechte Maustaste ein. Sobald Sie ein Bild geöffnet oder neu erstellt haben, erhalten Sie mit einem Rechtsklick auf die Zeichenfläche ein äußerst umfangreiches Kontextmenü. Alle hier aufgeführten Funktionen findet man bei den meisten anderen Bildbearbeitungsprogrammen für gewöhnlich in der Menüleiste wieder. Die Auswirkungen einer im Kontextmenü aufgerufenen Funktion erstrecken sich in der Regel auf das angeklickte Bild. Die Entscheidung der Entwickler, ausgerechnet diesen Weg bei der Benutzerführung zu gehen, hat einen triftigen Grund: die Bearbeitung von mehreren, gleichzeitig geöffneten Bildern wird durch den Wegfall eines schwerfälligen Hauptfensters einfacher und übersichtlicher. Ein Linksklick auf das kleine Dreieck links oben, wo sich die beiden Lineale treffen, öffnet übrigens dasselbe Menü wie der Rechtsklick.

Die ersten Gehversuche in einer neuen Bildverarbeitung beginnen meistens mit dem Zeichnen von einfachen Figuren. In GIMP werden Sie schnell feststellen, dass Werkzeuge zum Zeichnen von Rechtecken und Kreisen, so wie sie z. B. in Corel PhotoPaint enthalten sind, fehlen. GIMP verwendet stattdessen einen etwas anderen Ansatz, mit dem sich dafür allerdings komplexere Formen wesentlich einfacher erzeugen lassen. Um ein Rechteck zu zeichnen, wählen Sie zunächst das Rechteck-Auswahlwerkzeug aus. Mit ihm ziehen Sie einen Rahmen in Ihrem Bild auf, der später zu Ihrem Rechteck werden soll. Klicken Sie anschließend auf die rechte Maustaste und wählen Sie aus dem Kontextmenü Auswahl/Rand.... Geben Sie in dem neu geöffneten Fenster die Breite an, die der Rand Ihres Rechtecks erhalten soll. Nach einem Klick auf OK sollte GIMP den Auswahlrahmen verdoppelt haben. Der Raum zwischen den beiden Rechtecken entspricht nun genau der Umrandung. Um Ihr Rechteck zu komplettieren, wählen Sie das Füllwerkzeug (das Eimer-Symbol) aus und klicken mit ihm zwischen die beiden Rahmen.

Diese Methode sieht auf den ersten Blick zugegebenermaßen etwas umständlich aus. Dadurch, dass aber GIMP die Kombination und Subtraktion der verschiedenen Auswahlformen erlaubt, wird dem Benutzer die Erstellung von wesentlich komplexeren Objekten erleichtert. Sie könnten z. B. ein Rechteck zeichnen, dessen Innenraum rund ist. Dazu ziehen Sie zunächst mit dem Rechteck-Auswahlwerkzeug wieder einen Rahmen auf. Klicken Sie anschließend das ellipsenförmige Auswahlwerkzeug aus der Werkzeugpalette an. Halten Sie nun die [Strg]-Taste gedrückt und fahren Sie mit dem Mauszeiger in das Rechteck, so dass zwischen dem Zeiger und der linken oberen Ecke noch etwas Platz bleibt. Wichtig ist, dass sich der Mauszeiger dabei in eine Ellipse mit einem Minuszeichen verwandelt. Drücken Sie die linke Maustaste und lassen Sie anschließend die [Strg]-Taste wieder los. Ziehen Sie nun eine Ellipse auf, die vollständig innerhalb des Rechtecks liegt. Nachdem Sie die Maustaste wieder loslassen, wird aus dem Rechteck die gerade gezeichnete Ellipse ausgestanzt. Füllen Sie den entstandenen Zwischenraum zum Abschluss mit dem Füllwerkzeug aus.

Abbildung 4: Ein Rechteck mit rundem Inhalt

Haben Sie die oben genannten Konzepte und Arbeitsweisen von GIMP einmal durchschaut, sollte einer tiefergehenden Einarbeitung nichts mehr im Wege stehen. Die meisten anderen von GIMP angebotenen Funktionen verhalten sich ähnlich wie die gleichnamigen der kommerziellen Konkurrenz.

Fazit

Es ist erstaunlich, wie gut GIMP 1.2 geworden ist – ein eindeutiger Beleg, dass freie, kostenlose Software keineswegs minderwertig ist. Einen Funktionsumfang, wie ihn GIMP bietet, muss man sich anderswo sehr teuer erkaufen. Leider trüben eine sehr gewöhnungsbedürftige Benutzeroberfläche und die nicht vorhandene CMYK-Unterstützung nebst fehlendem Farb-Management das sonst so gute Bild. Profis werden aus diesem Grund wohl auch weiterhin einen Bogen um diese Grafik-Software machen. Für alle, die diese Funktionen nicht benötigen, lohnt sich die Einarbeitung in GIMP allemal. Gerade die Unmengen an mitgelieferten und im Internet meist frei verfügbaren Filtern machen die Bearbeitung von eingescannten Fotos oder selbst erstellen Bildern zu einem großen Spaß. Viel zu oft ertappt man sich dabei, wie man mal eben einen Filter an einem Bild ausprobiert, nur um zu sehen, was sich daraus für ein Effekt ergibt.

Glossar

WINE

Eine Umgebung, die es erlaubt Windows-Programme unter Linux auszuführen. Die Bildbearbeitung PhotoPaint von Corel ist ein Beispiel für ein Windows-Programm, das zur Ausführung unter Linux auf diesen Emulator zurückgreift.

Plug-Ins

Englisch für "Einstecken". Bezeichnet ein Modul, das ein Programm (hier GIMP) um zusätzliche Funktionen wie z. B. Filter erweitert.

Skripten

Ein Skript ist eine vom Benutzer vorgegebene Abfolge von Anweisungen, die ein entsprechendes Programm interpretieren und ausführen kann. Die Befehle werden in der Regel textuell in einer bestimmten, oft sehr vereinfachten Computer-Programmiersprache aufgeschrieben.

CMYK

Farben lassen sich im Computer auf mehrere Arten repräsentieren: Zum einen kann ein Farbton durch die Mischung der drei Grundfarben rot, grün und blau (RGB) erzeugt werden – auf diese Weise generiert auch Ihr Monitor seine Farben. Eine andere Möglichkeit ist die Mischung der Farben Cyan, Magenta, Yellow und Schwarz (black), wie dies z. B. bei Ihrem Tintenstrahldrucker geschieht.

Codec

Ähnlich wie Modem (Modulator/Demodulator) setzt sich Codec zusammen: Das Wort ist die Abkürzung von Coder/Decoder. Ein Codec ist also einfach eine Vorschrift bzw. ein Algorithmus, wie Daten kodiert und dekodiert werden.

Infos

[1] GIMP Homepage: http://www.gimp.org

[2] Tim Schürmann: Gimp – Eine Einführung, Linux-Magazin 01/2000, S. 106--116

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