Alles Geschmackssache

Benutzeroberflächen unter Linux

01.12.2000
Sie kommen frisch aus der Windows-Welt und fragen sich, was sich hinter all den Fachbegriffen unter Linux verbirgt? Alles halb so wild. LinuxUser versorgt Sie mit dem Mindestwortschatz, der das Leben in der Welt der Pinguine erheblich vereinfacht. Diesmal beschäftigen wir uns mit dem, womit man als Desktop-Anwender normalerweise ständig konfrontiert wird: mit der Benutzeroberfläche.

Wenn Sie bisher die Betriebssysteme Windows, MacOS o. ä. eingesetzt haben, sind Sie bestimmt ein ganz bestimmtes Desktop-Look'n'Feel gewohnt. Grafische Menüs und Desktop-Symbole (Icons), die für bestimmte, auf der Festplatte vorhandene Dateien stehen, lassen sich dort auf relativ intuitive Weise mit Hilfe der Maus handhaben. Doch das war zumindest in der Windows-Welt nicht immer so. Manche von Ihnen können sich vielleicht noch an ein Betriebssystem namens MS-DOS erinnern, das rein textbasiert war und noch bis in die Mitte der neunziger Jahr hinein auf den meisten Intel-kompatiblen PCs seinen rudimentären Dienst verrichtete. MS-DOS war im Prinzip nichts anderes als ein stark abgespecktes Unix. So stark abgespeckt, dass für damalige Anwender die tägliche Arbeit z. T. recht frustrierend sein musste ;-). Erst mit Windows 3.x, das noch auf MS-DOS aufsetzte, und später mit Windows 95/98 kam bei Microsoft der heute gewohnte Bedienkomfort auf die grauen Intel-Rechner.

Auf mein Kommando!

Linux wurde 1991 geboren. Zu einer Zeit also, da in der PC-Welt MS-DOS noch das vorherrschende Betriebssystem war. Linus Torvalds, der Vater des ersten Linux-Kernels, wollte damals auf seinem PC zu Hause eine ähnliche Funktionalität wie die Unix-Großrechner an seiner Universität. Eine Shel ist ein Programm, das die Tastatureingaben eines Anwenders auf der Textkonsole interpretiert und dann die entsprechende Dateioperationen u. a. für den Benutzer vornimmt. Der Kommandointerpreter unter MS-DOS, im Prinzip nichts anderes als eine Shell, hieß übrigens COMMAND.COM und bot dem Benutzer nur ein Bruchteil der heute immer noch verbreiteten Unix-Shells sh, csh oder ksh. Unter Linux hat sich übrigens die bash (Bourne Again SHell), eine Erweiterung der älteren Bourne-Shell, weitgehend als Standard-Shell durchgesetzt.

Grau, aber oho

Mit der zunehmenden Leistungsfähigkeit der PC-Hardware stieg auch bei der wachsenden Anhängerschar von Linux der Wunsch nach einer komfortableren Bedienung von Anwendungsprogrammen. Unter den diversen anderen Unix-Derivaten wurde der "grafische Modus" schon seit längerem mit Hilfe eines speziellen Anwendungsprogramms, dem sogenannten X-Server, realisiert. Für Linux kam natürlich nur eine Open-Source-Variante eines solchen X Window Systems in Frage: XFree86/X11R6 oder kurz: X11. Ein X-Server für sich genommen stellt aber noch keine grafische Benutzeroberfläche dar, sondern schaltet lediglich in einen höheren Grafikmodus und reagiert auf Signale von den Eingabegeräten (Tastatur, Maus, usw.).

Hochauflösend, aber grau und unflexibel: ein gestarter X-Server in Reinform

Emulieren und Fensterln

Damit man in diesem hochauflösenden X11-Modus eine entsprechende grafische Anwendung, auch XClient genannt, überhaupt starten kann, benötigt man zumindest eine Art Textkonsole: die Terminal-Emulation, kurz: XTerm. Weiterhin will man in der Regel die mit Hilfe des XTerms gestarteten Programme ähnlich wie unter Windows bzw. MacOS verschieben und in der Größe verändern können. Diese Funktion erfüllen bis zum heutigen Tag die sogenannten Fenster-Manager oder auch Window-Manager. Unter Linux existiert inzwischen eine fast unüberschaubare Menge solcher Window-Manager. Auch heute noch vielfach eingesetzt werden Fenster-Manager wie icewm, fvwm2, fvwm95, AfterStep oder WindowMaker. Ihre Hauptaufgabe ist die Verwaltung der Fenster. Neuere Exemplare bringen außerdem Menüs, einfache Panels und Hintergrundbilder mit.

Ein guter Window-Manager wie Sawfish bringt Farbe auf den Desktop und erleichtert die Arbeit mit anpassbaren Fenstern und Menüs

Eine echte Desktop-Umgebung

Im Prinzip ist ein Window-Manager also für normale Desktop-Anwendungen bereits völlig ausreichend. Will man allerdings auch unter Linux den erweiterten Komfort, den Windows und MacOS bieten, dann führt kein Weg an einer echten Desktop-Umgebung vorbei. Diese sorgt nämlich für ein einheitliche(re)s Look&Feel, eine individuell konfigurierbare Menü- bzw. Panelleiste sowie für moderne Features wie Drag&Drop (freies Verschieben/Kopieren von Desktop-Icons) und Session-Management (benutzerspezifisches Abspeichern/Wiederherstellen von Desktop-Einstellungen bei Login/Logout). Linux wäre nicht Linux, wenn man nicht auch im Bereich der Desktop-Umgebungen die Wahl zwischen mehreren Alternativen hätte. Für Windows-Umsteiger am einfachsten dürfte momentan vermutlich KDE (K Desktop Environment) sein. Wer es gerne noch individueller hätte, für den ist womöglich GNOME (GNU Network Object Manipulating Environment) die Desktop-Umgebung der Wahl.

Erst eine echte Desktop-Umgebung wie GNOME verbindet flexible Anpassbarkeit mit zeitgemäßem Bedienkomfort

Kunterbunte Anwendungen

Obwohl es noch einige weitere Desktop-Umgebungen gibt (z. B. CDE, UDE oder XFce), zeichnet sich momentan unter Linux ein (hoffentlich fruchtbarer) Wettstreit zwischen GNOME und KDE ab. Für beide existiert inzwischen eine große Zahl an "nativen" Anwendungen. X11-Anwendungen können nämlich auf unterschiedliche Art und Weise programmiert werden. Je nachdem, welches grafische Toolki der Entwickler zur Erstellung seines X11-Programms verwendet hat, zeigt sich die Anwendung auf dem Desktop in unterschiedlichem Gewand. In der Vergangenheit wurden viele X11-Anwendungen mit einer ganzen Reihe solcher Toolkits erstellt (z. B. Tk, Xaw, XForms, Motif). Eine klassische X11-Anwendung erkennt man oft (aber nicht immer) daran, dass der erste Buchstabe des Programmnamens ein "X" ist, also z. B. XawTV oder xpdf. Heutzutage werden die meisten neuen X11-Programme entweder mit dem Toolkit gtk+ (GNOME) oder mit dem Toolkit qt (KDE) erstellt. Mit welchem der beiden Toolkits das jeweilige Programm erstellt wurde, erkennt man meist daran, dass ein "G" (für gtk+/GNOME) bzw. ein "K" (für qt/KDE") vor dem eigentlichen Programmnamen steht.

Schichtenarchitektur von Linux

  Desktop-Umgebung Drag'n'Drop; Session-Management KDE; GNOME
  Window-Manager ermöglicht Bewegen und Verändern der Größe von X11-Anwendungen z. T. auch schon Menüs, Panels und Hintergrundbilder vorhanden fvwm2, sawfish, kwm
  X-Terminal X11-Emulation der Textkonsole, zum Starten von X11-Anwendungen xterm
X-Server   Spezielles Anwendungsprogramm, das höhere Grafikauflösungen ermöglicht und Eingabegeräte (Maus, Tastatur, …) nach Ereignisse abfrägt XFree86
  Anwendungsprogramme text- oder menübasierte Anwendungen mit z. T. enormer Funktionsvielfalt Emacs
Konsole Systemprogramme Software für Betrieb, Kontrolle und Wartung hardware-naher Komponenten Shell: Bash
Linux-Kernel   Grundlegende Betriebssystemfunktionen, Hardware-nahe Treibersoftware Unterstützung für ext2- und vfat-Dateisysteme

Abwechslung muss sein!

Noch ein wichtiger Tipp zum Schluss: Da X11-Programme, die mit grafischen Toolkits entwickelt wurden, in der Regel auch nur dann lauffähig sind, wenn das entsprechende Toolkit korrekt installiert ist, empfiehlt es sich momentan, sowohl KDE als auch GNOME vollständig (zumindest aber die jeweiligen Basispakete beider Desktops) zu installieren. Wer mag, kann übrigens die verschiedenen installierten Desktopumgebungen und Fenstermanager durchaus auch abwechselnd einsetzen. Die X11-Logins (also der grafische Startbildschirm, bei dem man sich als Benutzer einloggt) auf neueren Linux-Distributionen bieten dafür normalerweise eine entsprechende Auswahlliste (z. B. unter Sitzungstyp).

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