Kleiner Sprinter

Test Applixware Office 5.0

01.09.2000
Um den Pionier der Linux-Office-Pakete ist es eine Weile still geworden. Der große Rummel um das kostenlose StarOffice und die Veröffentlichung von WordPerfect Office 2000, ließen das Office-Paket von Applixware etwas in Vergessenheit geraten. Doch rechtzeitig zum LinuxTag 2000 wurde nun endlich die neue Version 5.0 vorgestellt. Wie unser Test zeigt, braucht sich das kleine Programm dabei keineswegs hinter der großen Konkurrenz zu verstecken.
Abbildung 1: Die Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und die Hauptsymbolleiste von Applixware Office 5.0

Die wesentliche Neuerung ist die Umstellung der Fensterbibliothek auf GTK, das bereits unter der Desktop-Alternative GNOME und dem Grafikprogramm GIMP erfolgreich zum Einsatz kommt. Um Störungen in den einzelnen Applikationen zu vermeiden, sollte unbedingt die neueste Version der Bibliothek auf dem entsprechenden Linux-System vorhanden sein. Das Setup-Programm erkennt hier automatisch, ob und welche Version des Toolkits installiert ist und führt nach einer Rückfrage selbständig das zur eingesetzten Distribution passende Update durch. Trotz der neuen Bibliotheken finden sich alte Benutzer in den Anwendungen sofort zurecht. Extra zu diesem Zweck kann bei der Installation gewählt werden, ob man das Erscheinungsbild lieber an den Microsoft- oder den alten Applixware-Versionen ausgerichtet haben möchte. Leider kann man diese einmal getroffene Entscheidung nur durch eine Neuinstallation wieder rückgängig machen.

Wie alle anderen modernen Office-Pakete für Linux integriert sich auch Applixware automatisch in die Start-Menüs von KDE und GNOME.

Das Paket umfasst alle Programme, die ein modernes Office-Paket aufweisen muss: Textverarbeitung ("Words"), Tabellenkalkulation ("Spreadsheets"), Präsentationsprogramm ("Presents"), Grafikprogramm ("Graphics") und eine Datenbank ("Data"). Als Bonus wird neben einem HTML-Editor auch noch ein E-Mailprogramm mitgeliefert.

Nach dem ersten Start der Hauptsymbolleiste, einer Art zentralen Schaltstelle von Applixware, öffnet sich direkt ein Hilfefenster, das dem Benutzer verschiedene Hilfedateien sowie einige Beispiele zur Einsicht anbietet. Sogar ein Lernprogramm wurde jeder einzelnen Hauptanwendung spendiert – ein ähnliches Hilfsangebot sucht man bei der Konkurrenz vergebens. Leider hört die Hilfe beim bloßen Angebot auch schon auf. So führen z. B. einige Verweise in der Online-Hilfe auf nicht vorhandene Einträge, und die Lernprogramme konnten auf unserem Testsystem nicht zu einem Start bewegt werden. Die funktionierenden Stellen in der Online-Hilfe sind etwas chaotisch aufgebaut und nicht ganz so komfortabel zu bedienen wie im entsprechenden Hilfesystem aus WordPerfect Office 2000. Als unangenehme Folge kann die Suche nach bestimmten Informationen durchaus einige Zeit in Anspruch nehmen.

Das beiliegende Handbuch ist als kleine Einführung gut gelungen. An vielen Stellen werden anschauliche Beispiele und hilfreiche Tipps gegeben. Viele weiterführende Informationen fehlen aber leider völlig, ebenso wie Verweise auf die entsprechenden Stellen in der Online-Hilfe.

Den Werbespruch auf der Packung "schnellstes Office Paket für Linux" kann man wörtlich nehmen: Da hier keine Emulation wie bei WordPerfect Office 2000 notwendig ist, liegt die Ausführungsgeschwindigkeit deutlich über denen der anderen großen Office-Pakete. Allerdings soll hier nicht verschwiegen werden, dass eine etwas größere Grafikdatei im PNG-Format sowohl Applixware Words als auch den HTML-Edior heftig aus dem Gleichgewicht brachte. Durch die starke Ausrichtung an Linux enthält Applixware auch einige Linux-bezogene Leistungsmerkmale, die andere Office-Pakete in dieser Form nicht bieten wie z. B. die komfortable Vergabe von Zugriffsrechten beim Speichern eines Dokumentes.

Ein weiteres Kennzeichen dafür, dass die Wurzeln des Office-Paketes eindeutig unter Linux/Unix liegen, ist eine ansonsten ungewöhnliche Limitierung auf ein Dokument pro geöffnetem Fenster. Die Verwaltung von mehreren Dokumenten innerhalb einer Anwendung, wie sonst von allen anderen Office-Pakte angeboten, ist unter Applixware nicht möglich.

Die offerierte Programmvielfalt wirkt auf den neuen Benutzer zunächst verwirrend. Obwohl einige Dokumentarten von ein und demselben Programm bearbeitet werden, existiert für jeden Dokumententyp ein eigenes Startsymbol. Als Beispiel seien hier die Grafiken genannt, zu deren Bearbeitung immer das Präsentationsmodul aufgerufen wird. Für mehr Durchblick soll hier die schon erwähnte Hauptsymbolleiste sorgen, eine Art Schnellstartleiste, wie sie auch von Microsoft Office her bekannt ist.

Als neu in der Version 5.0 werden auch die überarbeiteten Importfilter auf der Verpackung angeführt. Diese können aber unseren Microsoft-Testdokumenten immer noch nicht standhalten. Das größte Problem bleibt auch nach wie vor der Import von in Word-97-Texten enthaltenen Grafiken. Diese harte Nuss scheinen übrigens auch die anderen Office-Pakete nicht knacken zu können. Der Import von PowerPoint-Präsentationen in Applixware Presents fällt dabei sogar noch schlechter aus als das entsprechende Ergebnis in StarOffice. Erschreckend ist, dass Applixware weder das aktuelle WordPerfect-Format exportieren kann, noch Dateien von StarOffice unterstützt.

Durch den neuen Schriftarten-Manager ist es jetzt auch unter Applixware möglich, TrueType-Schriften zu nutzen. Leider brachte der besagte Manager den Fontastic Font Installer, das Pendant aus WordPerfect Office 2000, so durcheinander, dass in den Anwendungen des letzteren Paketes keine Schriftarten mehr zur Verfügung standen. Erst ein Neustart des X-Window-Systems brachte hier Abhilfe.

Was den eigentlichen Funktionsumfang der Anwendungen anbelangt, so ist dieser in etwa mit dem von StarOffice vergleichbar, kommt aber an das Niveau von WordPerfect Office 2000 nicht heran. In Applixware Words fällt als erstes der etwas mangelhafte Schreibkomfort auf. Weder eine automatische Korrektur im Hintergrund noch eine schnelle Erstellungsmöglichkeit für Gliederungen sind bekannt. Um letzteres zu erreichen, müssen erst umständlich alle Stichpunkte eingegeben, diese dann markiert und zum Schluss die Numerierungen über die entsprechende Funktion hinzugefügt werden.

Wer bereits in der Prä-Linux-Zeit intensiv mit alten Textverarbeitungsprogrammen gearbeitet hat, trifft unter Words einen alten Bekannten wieder. Applixware kennt noch die schon fast in Vergessenheit geratenen Textbausteine. Dies sind nichts anderes als gespeicherte Textpassagen, die einfach und schnell per Mausklick in das aktuelle Dokument eingefügt werden können. Gerade wer mit vielen, immer wiederkehrenden Texten arbeiten muss, wird diese Textbausteine schnell zu schätzen wissen. Eine weitere Funktion, die man in anderen Paketen vergeblich sucht, ist die explizite Formularerstellung mit Eingabefeldern. Hiermit können oft benötigte Dokumente, wie z. B. Memos, blitzschnell erstellt werden. Dabei stellt Applixware Words entsprechende Felder zur Verfügung, die dann im sog. Formularmodus nur noch ausgefüllt werden müssen.

Was die anderen Anwendungen betrifft, so entdeckt man leider auch hier immer wieder einige Schwächen: So reichen der HTML-Editor, der vom Funktionsumfang in etwa auf der Höhe des Netscape Composers angesiedelt ist, und das Präsentationsprogramm Presents nur für einfache Zwecke aus. Wo der HTML-Editor für kleinere Web-Auftritte noch ausreicht, muss dieser aber spätestens bei größeren Projekten passen. In gleicher Weise bleibt auch das Grafikmodul Graphics hinter dem entsprechenden Pendant aus StarOffice zurück. Warum man z. B. immer nur zwei Hilfslinien einblenden kann (je eine vertikal und horizontal) bleibt wohl ein Rätsel. Nur die Tabellenkalkulation Spreadsheets ist, was den Funktionsumfang betrifft, mit StarOffice vergleichbar und bietet darüber hinaus sogar einige sog. "Realtime"-Funktionen. Mit ihnen ist es möglich, Echtzeit-Informationen, wie z. B. aktuelle Börsenkurse, in die eigenen Tabellen zu integrieren.

Insgesamt fällt bei der Arbeit mit den einzelnen Programmen positiv auf, dass diese gut miteinander verknüpft sind. So öffnet z. B. ein Doppelklick auf eine Grafik direkt den entsprechenden Editor.

Selbstverständlich korrigiert Applixware standardmäßig in allen Anwendungen eingegebene Texte mittlerweile auch nach der neuen deutschen Rechtschreibung.

Fazit:

Der Versionssprung auf die Version 5.0 bringt nicht viel Neues. Man hätte sich beim neuen Entwickler VistaSource anstelle der Umstellung auf die Fensterbibliothek GTK lieber auf die Integration von Funktionen konzentrieren sollen, die in anderen Office-Paketen bereits selbstverständlich sind. So liegt die Funktionsvielfalt in einigen Bereichen knapp hinter, in anderen wiederum in etwa gleichauf mit StarOffice. Die Stärken des ca. 110 DM teuren Office-Pakets liegen dabei vor allem in seiner Schnelligkeit und der perfekten Linux-Integration. Applixware Office ist ein solides Office-Paket, das sich diejenigen näher ansehen sollten, die mit dem Desktop von StarOffice nicht zurecht kommen und denen WordPerfect Office zu teuer ist. Wem bei der Wahl des Office-Pakets die Geschwindigkeit und die Integration in das Linux-System am wichtigsten sind, der wird zur Zeit wohl kaum um Applixware Office herumkommen.

Übrigens: Applixware Office 5.0 wird auch zusammen mit der Linux-Distribution Easy-Linux 2000 zu einem ermäßigten Preis angeboten.

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