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Wieso soll Linux eigentlich chaotisch sein?

Volkers alternatives Editorial

01.08.2000

Oft genannter Schauplatz für Chaos ist, wie allgemein bekannt, der "seltsame Attraktor". In der Geschichte der Software hat es sicherlich niemals ein derart seltsames Phänomen gegeben wie die Anziehungskraft des MS-Office-Pakets.

Nicht nur, dass man sich in eine weit durch das griechische Alphabet hindurch von der Beta-Version entfernte Welt versetzt glaubt. Nein, es gibt auch noch viel belastendere Beweise, dass es sich bei den MS-Produkten in Wirklichkeit nicht um ein geplantes Gebilde sondern einen großen sich selbst organisierenden Riesenvirus handelt. Dafür spricht schon die – zugegeben – unermessliche Komplexität von diesem Ding, das immer gedankenloser mit neuen Funktionen aufwartet. Wenn man heute auch nur einen Bruchteil von dem ganzen chaotischen Wahnsinn in diesem Paket versteht, stellt sich nicht von ungefähr ein Mitgefühl für die Postboten vergangener Zeiten ein, die den Millionen achtlos auf Weiter drückenden Registrierwilligen aus Versehen das 1209568120956-seitige Installationshandbuch ins Haus schleppen mussten.

Doch erklären wir weiter, dass es sich z. B. bei MS Word tatsächlich um ein chaotisches Objekt handelt. Das Geheimnis von MS Word liegt nämlich in Wirklichkeit in der beherrschenden Nichtlinearität; insbesondere hat die Zeitachse davon eine ganze Menge abbekommen. Mit mindestens quadratischem Zuwachs werden einseitige Dokumente eine Sekunde, zweiseitige Dokumente vier Sekunden und schließlich achseitige Dokumente mit mehr als 64 Sekunden aus dem Speicher geholt und auf den Schirm geworfen. Nicht von ungefähr muss ich immer an Dalis fließende Uhren denken, wenn mich aus dem Verzeichnis eine .doc-Datei angrinst, die ein Megabyte weit überschritten hat.

Grundlegend für das wirklich chaotische Verhalten dieser Zeitachse zeigt sich jedoch, wenn die lokale und globale Verzweigung eintritt und das 234-seitige, 10 Meg schwere Dokument in einem Bruchteil einer Sekunde komplett aus der Platte durch die Pixel in die Atmosphäre gepustet wird – unwiderbringlich, versteht sich. Doch kaum hat man diese Schrecksekunde überstanden, kommt dieser kleine Sherlock-Holmes-ich-will-Dich-trösten-Knilch Dr. Watson mit der Empfehlung, das ganze System neu zu booten. Was hilft's.

War da nicht was mit Deterministik im Chaos? Klar – es kriegt Dich, immer wieder :-( Wäre auch dumm, wenn der Fehler nicht immer wieder auftauchte. Doch zurück zum Chaos. Es muss nun gefragt werden, wie dieser Widerspruch zu lösen ist, der zwischen der Software-Erstellung, die deutlich einen Hinweis auf lange andauernde Strukturbildungsprozesse liefert, und der Physik, die mit dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, dass alle abgeschlossenen Systeme sich in einer unumkehrbaren Zustandsfolge auf das Gleichgewicht maximaler Entropie zubewegen, besteht. Ich persönlich frage mich, welche Richtung der Wärmetod für das Universum nehmen wird.

Wenn der Mensch vergangen ist und sich andere intelligente Strukturen gebildet haben werden, wie z. B. clever angeordnete Asteroidenhaufen mit kleinen Kometen als Nervenimpulsen. Wird dann statt Fenstern ein schwarzes Loch aufgeklickt? Und wenn wir es wieder zuklicken, müssen wir dann – und hierin steckt die Analogie – warten, bis es wieder verdampft ist?

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LinuxUser 03/2012

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