Natürlich können Sie GNOME- oder gtk+-basierte Programme nach der Installation der GNOME-Basispakete auch unter KDE ausführen. Ein populäres Beispiel, auf das ich weiter unten in diesem Artikel noch mal zurückkommen werde, ist das Bildbearbeitungs-Wunder Gimp. Es gibt jedoch mindestens zwei Gründe, die für den Einsatz gtk+-basierter Anwendungen unter GNOME und eben nicht unter KDE sprechen: das einheitlichere Look & Feel und die bessere Unterstützung einiger GNOME-Desktop-Funktionalitäten. Über Geschmack lässt sich ja bekanntlich nicht streiten. Dennoch ist uter Kennern die Meinung weit verbreitet, dass die Widgets, Buttons und Icons gtk+-basierter Anwendungen ihren ganz besonderen Charme besitzen und in ästhetischer Hinsicht gut mit den Qt-basierten Grafikbausteinen mithalten können.
Da ist es recht praktisch, wenn mit GNOME ein einheitliches Look & Feel realisiert werden kann, das nur noch dann etwas leidet, wenn mangels gtk-Alternative auf eine X11-Anwendung zurückgegriffen werden muss, die auf einer fremden grafischen Bibliothek aufsetzt. Neben dieser eher ästhetischen Dimension spricht jedoch ein wichtiger funktionaler Aspekt für den Einsatz von GNOME als Desktop-Umgebung für gtk+-basierte Anwendungen. Zentrale Eigenschaften eines modernen Desktops wie Drag & Drop oder Cut & Paste (siehe "Gelungene Aufholjagd" in diesem Heft) funktionieren in der Regel nur zwischen solchen Anwendungen, die mit denselben Basisbibliotheken erstellt wurden: So lässt sich in GNOME eine normale Textdatei ohne weiteres per Drag & Drop vom GNOME-Dateimanager (Midnight Commander gmc) in das ebenfalls gtk+-basierte Textverarbeitungsprogramm Abiword "ziehen" (Drag), so dass diese dort unverzüglich nach dem Fallenlassen (Drop) geöffnet wird. Ein Versuch, dieselbe Datei im geöffneten Qt-basierten Texteditor KWrite "fallen zu lassen", scheitert jedoch aus besagter Inkompatibilität der Basisbibliotheken. Nun will ich Sie nicht länger auf die Folter spannen und Ihnen nun endlich die versprochenen GNOME-Programme vorstellen.
Noch ein Office-Paket
Was für KDE das freie Mammutprojekt KOffice, das ist für GNOME das Open-Source-Projekt Abisuite. Unter der Leitung der Firma SourceGear Corporation soll in Zusammenarbeit mit interessierten freien Entwicklern nach und nach eine gtk+-basierte plattformübergreifende Open-Source-Office-Suite entstehen. AbiWord, das Textverarbeitungs-Modul, ist bereits für die Erstellung einfacherer Dokumente einsatzfähig und wurde deshalb in die aktuelle GNOME-Release von Helixcode mit aufgenommen. Neben den üblichen Texteditor- und einigen Textformatierungsfunktionen bietet es sogar schon eine (auf die englische Sprache beschränkte) Rechtschreibprüfung. Das hauseigene Dateiformat ist .abw in der un-gzip-ten oder .zabw in der gzip-ten Form. Darüber hinaus lassen sich z. B. auch rtf- und Word-97-Dateien öffnen. Der Import-Filter ist zwar (noch) nicht optimal – ähnlich wie bei anderen Textverarbeitungen treten auch in AbiWord beim Import von Word-Dateien in bestimmten Fällen die üblichen Konvertierungsfehler auf. Wenn es für Sie aber in erster Linie darauf ankommt, kleinere, gering-formatierte Dokumente (wie etwa Briefe) in AbiWord zu übernehmen, dann dürfte der Import-Filter in den meisten Fällen seinen Zweck erfüllen.
Die verfassten Dokumente lassen sich derzeit wahlweise im AbiWord-eigenen Dateiformat oder als .txt-, .rtf-, .html- oder LaTeX-Dateien abspeichern.
In der aktuellen Version (0.7.9) eignet sich AbiWord in erster Linie als Programm zum Betrachten von Textdateien verschiedenster Herkunft und zum Erstellen von einfachen Text-Dokumenten. Es beherrscht zwar bereits grundlegende Funktionen eines modernen Textverarbeitungssystems, kann jedoch professionellen Konkurrenten wie StarOffice oder Wordperfect (noch) nicht das Wasser reichen.
Excel-Killer Gnumeric
Wer in der Vergangenheit unter Linux nach einem vollwertigen Excel-Ersatz gesucht hat, musste fast zwangsläufig zu den Tabellenkalkulationen greifen, die in den Office-Paketen kommerzieller Software-Hersteller integriert sind (z. B. StarCalc in StarOffice). Seit einiger Zeit steht jedoch mit Gnumeric eine GPL-Tabellenkalkulation zur Verfügung, die das Zeug dazu hat, zum "besseren Excel" zu werden. Von einfachen mathematischen Funktionen über statistische Analyseverfahren (ANOVA, Regressionsanalyse, …) bis zu praktischen Filter- und Sortieralgorithmen bietet Gnumeric bereits jetzt schon nahezu alles, was man sich von einer zeitgemäßen Tabellenkalkulation wünscht. Einer der wenigen wirklichen Schwachpunkte ist momentan noch das Fehlen eines Diagramm-Wizards. Neben dem eigenen Gnumeric-XML-Dateiformat existiert eine Vielzahl von Import- und Export-Filtern für gängige und exotischere Dateiformate (diff, kommagetrennt, HTML, Excel 95/97, …). Ein leicht erweiterbarer Plugin-Mechanismus sorgt dafür, dass zukünftige Formate (auch von kommerziellen Herstellern) leicht integriert werden können.
Die Entwicklergruppe um den GNOME-Mitbegründer Miguel de Icaza macht einen sehr engagierten und kompetenten Eindruck. Man darf gespannt sein, was sich diese Crew noch so alles einfallen lässt. Gnumeric eignet sich jedenfalls schon in der aktuellen Version (0.54) für einfache wie komplexere Berechnungen aller Art.



