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Aber bitte mit Sahne

Jo´s alternativer Desktop

01.08.2000
Wie Ihr Linux-Desktop aussieht, bestimmen Sie alleine. Mit deskTOPia nehmen wir Sie regelmäßig mit auf die Reise ins Land der Window-Manager und Desktop-Umgebungen, stellen Nützliches und Farbenfrohes, Hingucker und hübsches Spielzeug vor. Am Beispiel von wmxwurde bereits demonstriert, wie man auch ohne KDEoder GNOMEzu einem Desktop kommt. Nun ist an der Zeit für eine Alternative, denn sicher liegt nicht jedem dieser ungewöhnliche Window-Manager.

Abseits des Mainstream findet sich EPIwm, ein Projekt einer französischen Schule. Das Ziel war die Erstellung eines Fensterherrschers, der klein und schnell ist. Zugleich sollte er eine einfache Konfiguration bei umfangreicher Ausstattung bieten. Das ist – vor allen Dingen in Anbetracht der Feature-Liste – recht beeindruckend gelungen. Hier ein Auszug aus top, das Informationen zu aktiven Prozessen (Programmen) auflistet:

PID USER  PRI  NI  SIZE  RSS SHARE STAT  LIB %CPU %MEM   TIME COMMAND
730 jo      1   0  1324 1324  1028 S       0  0.0  1.0   0:05 epiwm

Die Spalte RSS gibt Auskunft über den gesamten Speicherverbrauch eines Programms – hier also gerade mal 1,3 MB.

Gibt's was Neues?

Zwar liegt EPIwm dieser Zeitschrift bei, wenn Sie aber nach neueren Versionen sowie weiteren Informationen Ausschau halten möchten, können Sie dies auf http://epiwm.sourceforge.net/ tun. Dort finden Sie ebenfalls einen Link zu einem grafischen Konfigurationstool, das Ihnen das Editieren der Konfigurationsdateien größtenteils ersparen soll – allerdings verursacht es eher Misskonfigurationen und ist somit nur dem fortgeschrittenen Tüftler zu empfehlen. Die Konfiguration ist auch ohne ein solches Frontend eine leichte Übung.

Ready for EPIwm?

Zur Installation von EPIwm sollten sich auf der Festplatte mindestens die Programmpakete xdevel (also die Header-Dateien zu X) und make befinden – wer jedoch öfters ein grafisches Programm aus einem tar.gz-Archiv installieren möchte, sollte jeweils die Development-Pakete zu imlib, libpng, libtiff, libxpm, libgif und libjpeg installiert haben. Nur mit diesen gibt es die volle Vielfalt des EPIwm.

Befindet sich das gepackte Dateibündel EPIwm-0.5-5.tar.gz erst einmal in Ihrem Home-Verzeichnis, so ist es mit dem Tool tar leicht entpackt: ein neues Verzeichnis mit dem Programmcode ensteht, in das Sie hinein wechseln. Beispiel:

jo@planet ~> tar xvzf EPIwm-0.5-5.tar.gz
[ ... ]
jo@planet ~> cd EPIwm-0.5-5
jo@planet ~/EPIwm-0.5-5>

Ein anschließend eingetipptes make sollte den künftigen Fensterherrscher aus dem Programmcode in eine ausführbare Binärdatei übersetzen (Sourcecode ist nicht ausführbar). Funktioniert dies nicht und bricht make mit einem Fehler (Error) ab, so sollte diese Meldung wörtlich genommen und deren Grund beseitigt werden. Das bedeutet entweder, dass Sie fehlende Programmpakete nachinstallieren oder das sogenannte Makefile anpassen (dieses sagt make, was zu tun ist). Hinweise hierzu finden sich in der Datei INSTALL.

Buggy? Buggy!

Fehlt noch die eigentliche Installation, die nur der Superuser, sprich root, durchführen darf. Leider hat sich bei dieser Prozedur ein kleiner Bug eingeschlichen (sogenannte CVS-Dateien lassen die Installation scheitern; diese werden aber nicht benötigt). Eine einfache Lösung ist hier das Löschen der unnötigen Dateien:

jo@planet ~/EPIwm-0.5-5> rm -rf config/CVS
jo@planet ~/EPIwm-0.5-5> rm -rf bin/CVS
jo@planet ~/EPIwm-0.5-5> su
Password:
root@planet:/home/jo/EPIwm-0.5-5> make install
[ ... ]
root@planet:/home/jo/EPIwm-0.5-5> exit
jo@planet ~/EPIwm-0.5-5> cd
jo@planet ~>

Auch das Verzeichnis der Sourcen wird nicht mehr benötigt und kann einfach gelöscht werden. Vor dem ersten Start des EPIwm benötigt noch jeder User, der den Fensterherrscher verwenden möchte, einen Satz Konfigurationsdateien in seinem Home-Verzeichnis. Diese bekommt er, indem er epiwm.inst aufruft. Auch eine verkorkste oder fehlerhafte Konfiguration lässt sich so auf ihre Ursprungswerte zurücksetzen.

Es werde Licht!

Zum Start eines Window-Managers gibt es zahllose Möglichkeiten, und manche Distributionen kochen hier zu allem Überfluss ihr eigenes Süppchen. Daher empfehle ich vorrangig folgende Methode: Grafisches Login deaktivieren (sollte vor dem Test eines neuen Window Managers immer geschehen), und sicherstellen, dass der User keine eigenen Dateien besitzt, die den Start von X managen (~/.xinitrc oder ~/.xsession – Besitzer solcher Dateien und aufmerksame Leser meiner Artikel wissen, was alternativ getan werden kann). Anschließend sollte einer der beiden folgenden Aufrufe auf allen Distributionen Wirkung zeigen:

jo@planet ~> export WINDOWMANAGER=epiwm
jo@planet ~> startx

Oder:

jo@planet ~> startx epiwm
Abbildung 1: EPIwm's Standardlook mit einigen Tools (darunter: TKgoodstuff, gkrellm und der Dateimanager F)

Erste Schritte

EPIwm ist nun Herrscher des Desktops, der den Druck der linken Maustaste mit dem Erscheinen eines Startmenüs beantwortet – und schon kann Ihr Desktop wie in Abb. 1 aussehen. Prinzipiell zur Bedienung:

  • linke Maustaste: Startmenü
  • mittlere Maustaste: Taskliste (aktive Programme)
  • rechte Maustaste: Fensteroptionen
  • linkes Fenster-Icon: minimieren
  • 2. Fenster-Icon: maximieren
  • 3. Fenster-Icon: Fensterhöhe maximieren
  • rechtes Fenster-Icon: Fenster schließen Die Maus kann über den rechten Bildschirmrand hinaus bewegt werden und erscheint danach im zweiten virtuellen Desktop (freie Fläche für weitere Programme, sofern der eigentliche Bildschrim z. B. wegen Überfüllung verlassen werden mußte.)

Maßanzug

Die Feature-Liste ist groß, und die Voreinstellungen meist sinnvoll und akzeptabel – daher nachfolgend nur einige wenige Punkte hinsichtlich der Konfiguration: Alle Einstellungen finden sich in den User-eigenen Konfigurationsdateien unter ~/.epiwm, thematisch in einzelne Dateien gegliedert:

~/.epiwm/icons

IconWidth 48

Hierbei sieht man oftmals kein Icon (sofern überhaupt eines zugewiesen ist), sondern nur Text. Zwar ist das – wie ich meine – nicht tragisch (schließlich orientieren sich Benutzer meiner Erfahrung nach eher am Text als an den Bildchen), wer aber damit unglücklich ist, setzt hier einfach testweise eine 200 ein.

IconFont fixed

Welche Fonts (Schriften) verfügbar sind, listen wahlweise die Tools xfontsel, gfontsel oder kfontmanager auf.

~/.epiwm/key

Hierin kann die Tastaturbedienung den eigenen Bedürfnissen angepasst werden; ebenso können weitere Shortcuts für Programme definiert werden.

~/.epiwm/menu

MenuColor H dimgrey grey

Mit den Default-Farben ist das Menü leider schlecht lesbar: es wird mit einem horizontalen (H) Farbverlauf von dimgray zu grey dargestellt. Ein Beispiel eines vertikalen Farbverlaufes mit den z. B. aus Web-Seiten bekannten RGB-Farbangaben ist:

MenuColor V #B2337A #BFBFBF

Einfarbig geht es selbstverständlich auch, indem weder "H" noch "V" sondern nur ein Farbwert angegeben wird.

~/.epiwm/start

Dies ist sozusagen der Autostart-Ordner von EPIwm. Alles, was hier eingetragen wird, startet automatisch mit EPIwm. Hierin wird auch per Default der Hintergrund mit dem aus der letzten Ausgabe bekannten xsetroot gesetzt.

~/.epiwm/style

Abbildung 2: oclock mit Fensterrahmen

Für mich der interessanteste Teil der Konfiguration: Hier ist es möglich, einzelnen Programmen vorab bestimmt Fenstereigenschaften zuzuteilen. Folgende Keywords sind möglich:

  • NoTitle: Button-Leiste wird nicht angezeigt
  • NoBorder: keine Fensterrahmen
  • Sticky: auf allen virtuellen Desktops sichtbar
  • StayOnTop: wird nicht von anderen Programmfenstern verdeckt
  • WindowListSkip: wird nicht in der Taskliste aufgelistet Ein Beispiel: Die Uhr oclock soll auf dem Desktop erscheinen. Also munter in ein xterm "oclock" getippt, und ein Fenster wie in Abbildung 2 erscheint. Das ist natürlich nicht Sinn der Aktion, also noch in der Datei ~/.epiwm/style folgenden Eintrag hinterlassen:
"oclock" NoTitle NoBorder Sticky WindowListSkip

Findet sich zusätzlich in der Datei ~/.epiwm/start der Eintrag Init oclock &, so erscheint fortan immer eine wunderbare Uhr auf dem Desktop (vgl. Abbildung 3).

~/.epiwm/window

Definiert das Aussehen und Verhalten der Fenster selbst – fröhliches Experimentieren ist hier wohl unvermeidlich. Explizit hingewiesen sei auf die Möglichkeit, die Fenster-Buttons durch eigene Grafiken auszutauschen: Das verwendete Grafikformat muss hierbei einem jener Formate entsprechen, deren zugehörige Devel-Pakete beim Übersetzen vorhanden waren (also: PNG-Grafiken nur, wenn auch libpng-devel einkompiliert wurde).

~/.epiwm/workspace

WorkspaceChangePercent 100

Da Sie ein Fenster auch genau zwischen zwei Desktops ablegen können, ist es für manchen hilfreich, nur einen halben Bildschirm zu scrollen:

WorkspaceChangePercent 50

Überfahren Sie nun den rechten Bildschirmrand, geht es jeweils nur einen halben Bildschirm weiter.

WorkspaceResistance 150

Legt fest, nach welcher Zeitspanne das Ziehen der Maus an den rechten Bildschirmrand als Umzugsbekundung zum nächsten Desktop interpretiert werden soll.

Abbildung 3: EPIwm in seinem Element

Der Preis

Keine Angst – EPIwm untersteht der GPL und ist somit kostenlos verfügbar. Vielmehr bezahlt EPIwm einen kleinen Preis für seine Sparsamkeit. So macht hier ein Programm mit der -geometry-Option Probleme (wirklich nur ein Programm), welches das Positionieren über den Programmaufruf ermöglicht. Ebenso ist die Darstellung meines ATerms (ein schlanker XTerm-Ersatz) leider nicht transparent möglich. Wer jedoch die Alternative sucht, dem sei EPIwm wärmstens empfohlen.

Glossar

Header-Dateien

Developer sind (Programm-) Entwickler, und beim Übersetzen selbstgeschriebener Programme verwendet man sogenannte Header-Dateien fremder Programmbibliotheken: diese Header-Dateien enthalten die wichtigsten Informationen über die Funktionen, die von den fremden Bibliotheken bereit gestellt werden. Das hilft dem Compiler ber der Übersetzung. Die X-Header-Dateien beschreiben dabei die Bibliotheken, die für die Programmierung von X-Window-Programmen verwendet werden.

Shortcuts

Shortcuts sind Tastenkombinationen, mit denen sich häufig verwendete Menüpunkte eines Programmes schneller erreichen lassen; viele Programme verwenden zum Beispiel [Alt+Q] oder [Strg+Q] zum Beenden – nicht zu verwechseln mit dem Shortcut [Alt+F4], der von vielen Window Managern für das Schließen eines Fensters verwendet wird.

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