Vor etwa vier Jahren fanden sich im Internet Linux-Begeisterte mit dem Ziel, eine grafische Benutzeroberfläche für Linux zu entwickeln, die den Vergleich mit der Windows- oder Mac-Oberfläche nicht zu scheuen braucht. Es gab damals zwar bereits diverse Window-Manager (z. B. fvwm2 oder Afterstep) für die X-Oberfläche; mit CDE stand prinzipiell sogar eine Desktop-Umgebung zur Verfügung. Die vorhandenen Lösungen hatten aber einige Nachteile (Window-Manager: z. B. kein Session-Management oder Drag & Drop; CDE: kommerziell und veraltet), so dass im Internet ein verteiltes Entwicklungsprojekt ins Leben gerufen wurde, um eine neue grafische Benutzeroberfläche zu schaffen. Es gab jedoch Meinungsverschiedenheiten darüber, auf welcher Basis (genauer: auf welchem GUI-Toolkit) die Benutzeroberfläche in Programmcode umgesetzt werden sollte. Zur Debatte stand zunächst die Qt-Bibliothek der norwegischen Firma Trolltech. Die konsequenten Anhänger der Open-Source-Bewegung bemängelten jedoch, dass Qt (damals noch) einer kommerziellen, nicht-freien Lizenz unterlag. Sie machten darauf aufmerksam, dass mit dem Gimp-Toolkit (gtk/gtk+) auch eine freie Bibliothek zur Verfügung steht, mit der ähnlich einfach grafische Elemente erzeugt werden können. So kam es schließlich dazu, dass sich ein Teil der freien Internet-Entwickler für die Unterstützung des (Qt-basierten) KDE-Projekts entschied, während ein anderer Teil das (gtk/gtk+-basierte) GNOME-Projekt ins Leben rief.

Kooperation statt Rivalität

In der Zwischenzeit ist, nicht zuletzt aufgrund der nachträglichen Open-Source-Lizenzierung von Qt, die einstige Rivalität der beiden Projekte eher einer kooperativen Annäherung gewichen. Die Entwickler beider Seiten sind bemüht, Anwendungsprogramme, die für die jeweils andere Desktop-Umgebung geschrieben wurden, auch in die eigene Oberfläche (halbwegs) zu integrieren. Dennoch: KDE hat sich v. a. in Europa bisher besser durchsetzen können als GNOME. Besonders nachteilig wirkt sich derzeit auf die weitere Verbreitung von GNOME aus, dass einige Linux-Distributoren inzwischen völlig auf KDE setzen (z. B. Calderas eDesktop 2.4, Corel Linux OS 1.0 oder easyLinux 2.0) oder aber die Standardinstallationsroutine auf KDE hin optimieren, so dass GNOME, wenn überhaupt, erst nach zusätzlichen Konfigurationsschritten betriebsbereit ist. Red Hat ist momentan die einzige (hinsichtlich weltweiter Verkaufszahlen) größere Distribution, die GNOME als Standard-Desktop einsetzt.

Doch von einem stillen Untergang kann keine Rede sein. Mit dem Versionssprung von 1.0 auf 1.2 könnte GNOME, unterstützt von Firmen wie Helix Code, Inc., möglicherweise sogar ein Comeback gelingen. Im Folgenden zeigen wir Ihnen, welche Features GNOME in der aktuellen Version mitbringt und wie Sie die Helixcode GNOME-Binary-Release 1.2 in Ihr bestehendes Linux-System integrieren können.

Window-Manager nach Wahl

Helix GNOME setzt derzeit auf den noch jungen Window-Manager Sawfish

GNOME im engeren Sinne besteht v. a. aus dem GNOME-Panel, dem GNOME-Kontrollzentrum, der Drag & Drop-Funktionalität und einem Session-Management-System. Während KDE mit seinem kwm bereits einen eigenen Window Manager mitbringt, überlässt GNOME es jedem Anwender selbst, welchen Window Manager dieser einsetzt. Einschränkend muss jedoch hinzugefügt werden, dass bisher nur eine Handvoll Window Manager in der Lage sind, mit GNOME (nahezu) optimal zusammenzuarbeiten. In der aktuellen Version 1.2 liefert Helixcode nur Sawfish als Window-Manager mit. Wenn Sie einen anderen GNOME-fähigen Window-Manager bevorzugen, dann können Sie diesen selbstverständlich nach ggf. erforderlicher Nachinstallation im GNOME-Kontrollzentrum unter Arbeitsplatz/Fenstermanager als aktuellen Window Manager aktivieren.

Flexibles Panel

Alles griffbereit – das GNOME-Panel

Das GNOME-Panel bildet die Basis für die alltägliche Arbeit auf dem GNOME-Desktop und lässt sich frei an die eigenen Erfordernisse anpassen. Sie können auch mehrere Panels gleichzeitig einrichten. Außer dem eigentlichen Hauptmenü (Pfoten-Symbol) können Sie bei Bedarf auch eigene Benutzermenüs, Anwendungs-Starter und sogenannte Applets hinzufügen und entfernen. GNOME-Applets entsprechen den KDE Dock Widgets; es handelt sich dabei also meist um Utilities, die man in aktivierter Form ins Panel integrieren kann, um wichtige Funktionalität oder Informationen schnell greifbar zu haben (siehe auch Artikel "Futter für den Gnom" ab Seite 20). Im Hauptmenü finden Sie unter Panel neben den globalen Panel-Eigenschaften auch den Unterpunkt Zum Panel hinzufügen, in dem Sie allerlei Applets und Utilities finden. Darüber hinaus können Sie aber auch einfach per Drag & Drop (siehe unten) eine normale Anwendung aus dem Menü Programme in das Panel einfügen, die Sie besonders häufig starten. Näheres zum Thema Startleiste und individuelle Menü-Konfiguration finden Sie übrigens im LinuxUser 06/2000 ab Seite 8.

Kontrollzentrum

Im GNOME-Kontrollzentrum können Sie z. B. einen neuen Window-Manager auswählen

Ähnlich wie bei KDE existiert auch unter GNOME ein zentrales Kontrollzentrum (im Hauptmenü unter Programme/Konfiguration/GNOME-Kontrollzentrum), das durch einen hübschen Werkzeugkasten symbolisiert wird. Hier lässt sich das Desktop-Verhalten beim Starten, während einer Sitzung und beim Beenden der GNOME-Sitzung einstellen. Es existieren momentan folgende Menüpunkte: - Arbeitsplatz (Bildschirmschoner, Fenster-Manager, Hintergrund, Panel, Thema) - Benutzerschnittstelle (Anwendungen, Dialogfelder, Multi-Dokument-Interface) - Fenstermanager-Einstellungen (abhängig vom gewählten Fenstermanager) - Multimedia (v.a Klänge, Sounds,…) - Peripherie (Maus, Tastatur, evtl. Palm Pilot,…) - Sitzung (Startsequenz, Tipps beim Start) - Umgang mit Dokumenten (MIME-Typen, Öffnen von URLs, Editor,…)

Drag & Drop und Cut & Paste

Unter Drag & Drop versteht man die Funktionalität eines Desktops, Objekte (z. B. Dateien, Verzeichnisse, Links) durch einfaches Ziehen (Drag: Objekt mit gedrückter linker Maustaste bewegen) von einer Stelle im Desktop und gezieltem Fallenlassen desselben an einer anderen Stelle (Drop: Loslassen der linken Maustaste über gewünschter Stelle) transportieren zu können. GNOME ist prinzipiell Drag & Drop-fähig, wenngleich es durchaus noch viele GNOME-Anwendungen gibt, die diese Funktionalität (noch) nicht unterstützen. Wenn Sie bereits unter Windows gearbeitet haben, werden Sie diese komfortable Art des Objekt-Handlings unter Linux nicht missen möchten.

Auch Cut & Paste gehört zu den "Errungenschaften" moderner Desktop-Umgebungen, die das Leben eines Anwenders ungemein erleichtern können. Klassische X11-Anwendungen (wie z. B. der XEmacs) unterstützen zwar auch schon das Markieren, Kopieren/Ausschneiden (Cut) und Wiedereinfügen (Paste) von Textstellen innerhalb eines Dokuments. Sobald man aber dokument- oder gar anwendungsübergreifend Objekte "cutten" und "pasten" will, benötigt man eine moderne Desktop-Umgebung wie KDE oder GNOME, die mit derartigen Aufgaben zurechtkommt.

Session-Management

Eine zentrale Funktionalität moderner Desktops ist schließlich das sogenannte Session-Management. Darunter versteht man die Fähigkeit, den Desktop benutzerabhängig zu verwalten. GNOME legt für jeden Benutzer nach dem ersten Login ein eigenes Verzeichnis ein, in dem alle Desktop-Einstellungen für diesen Benutzer gespeichert werden. Wenn Sie sich einen individuellen Desktop einrichten oder bestimmte Anwendungsprogramme beim Beenden der GNOME-Sitzung nicht explizit verlassen, dann merkt sich GNOME den letzten Zustand des Benutzer-Desktops und wird beim nächsten Login desselben Benutzers versuchen, den alten Zustand so weit wie möglich wiederherzustellen.

Midnight Commander für GNOME

GNOMEs Midnight Commander in Aktion

Zum Abschluss unserer kurzen Rund-Reise durch die GNOME-Welt möchte ich Sie noch kurz auf den grafischen Dateimanager GNOME Midnight Commander hinweisen, der das GNOME-Pendant zum KDE-Dateimanager kfm darstellt. Wenn Sie früher unter DOS gearbeitet haben, dann kennen Sie bestimmt noch den mächtigen Norton Commander. Das Linux-Pendant zu diesem DOS-Dateimanager ist der ebenfalls konsolenbasierte Midnight Commander (Aufruf mit mc). Mit dem Entstehen von GNOME hat das Midnight-Commander-Team eine GNOME-Version ihres Universal-Dateimanagers implementiert, die Ihnen z. B. unter Programme/Dateimanager (graues Akten-Symbol) jederzeit zu Diensten steht. Man kann damit, entsprechende Benutzerrechte natürlich vorausgesetzt, nicht nur Dateimanipulationen aller Art per Mausklick erledigen, sondern auch über das FTP-Protokoll Dateitransaktionen mit anderen Rechnern abwickeln.

Lohnt sich ein Upgrade bzw. eine Neuinstallation?

GNOME ist mit dem aktuellen Versionssprung ein gutes Stück erwachsener geworden. Es darf allerdings auch nicht verschwiegen werden, dass es noch hin und wieder zu kleineren Problemen kommen kann, die aber in den meisten Fällen auf den verwendeten Window-Manager zurückgeführt werden können.

Wenn Sie GNOME bereits in einer älteren Version auf Ihrer Festplatte haben und nach einer vergleichbaren Desktop-Alternative zu KDE suchen, dann sollten Sie sich die neueste Version von GNOME besorgen und installieren (siehe Kasten "Installation von Helixcode GNOME 1.2"). Selbst wenn Sie nicht sofort ganz umsteigen, werden Sie von einer Aktualisierung der Basis-Bibliotheken und der gtk-basierten Anwendungen auch unter KDE profitieren.

Aber auch wenn Sie GNOME bisher noch nicht kennen, etwa weil Ihre Distribution nur KDE enthält, spricht, ausreichend Festplattenplatz vorausgesetzt, vieles für eine nachträgliche Installation von Helix GNOME. Schließlich stehen Ihnen auch unter KDE gtk-basierte Programme wie gimp, gnumeric, Abiword Personal und gphoto (siehe Artikel "Futter für den Gnom" ab Seite 20) nur dann in der aktuellen Version zur Verfügung, wenn Sie diese entweder einzeln nachinstallieren oder aber in kompakter Form durch Helix GNOME auf Ihre Festplatte bringen. Außerdem kann ja ein Blick über den KDE-Tellerrand nie schaden.

Nun bleibt mir nur noch, Ihnen viel Spaß mit Ihrem neuen Desktop zu wünschen!

Installation von Helixcode GNOME 1.2

Wenn Sie bereits eine ältere Version von GNOME installiert haben und GNOME bereits über den KDM-Loginscreen (siehe Auswahlliste Sitzung bzw. Session) aufrufbar ist, dürfte die Installation recht unkompliziert verlaufen. Sie benötigen dafür lediglich die distributionsangepassten rpm-Pakete. Helix GNOME steht momentan für mehrere Distributionen kompiliert unter http://www.helixcode.com/desktop/download.php3 zum Download zur Verfügung.

Alternativ dazu finden Fortgeschrittene die aktuellen GNOME-Quellen unter http://www.gnome.org/start/source.html.

Glossar

Helixcode

Die US-amerikanische Firma Helix Code, Inc. (http://www.helixcode.com, Mitgründer: GNOME-Papst und mc-Autor Miguel de Icaza) hat sich zum Ziel gesetzt, GNOME als Internet-Desktop zum Durchbruch zu verhelfen. Neben der Unterstützung des GNOME-Projekts durch kostenlose Bereitstellung der GNOME-Erweiterung "Helix GNOME" und der Entwicklung weiterer Open-Source-Lösungen im Office- und Groupware-Bereich verdient sie Ihr Geld mit Support- und Netzwerk-Dienstleistungen.

Window Manager

Beim Wechsel in den Grafikmodus (X Window) gibt es zunächst nur ein graues Muster und die Möglichkeit, Zeichen oder Bilder auf den Schirm zu werfen. Erst ein Window Manager bringt etwas Farbe ins graue Leben der Unixwelt und ermöglicht das Starten und Schließen, das Vergrößern und Verkleinern sowie das Verschieben von Anwendungsfenstern. Er schafft auch erst die Fensterrahmen.

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